Betrunkene

Von Bssoffne und Narrn kannsch die Wahrheit erfoahrn. Tiroler Sprichwort

Eine von mehreren Möglichkeiten Theater zu machen, ist es, ein Stück zu nehmen und es so auf die Bühne zu bringen, dass die Idee des Autors sich ausdrückt. Auch ein Autor hat mehrere Möglichkeiten, unter anderem die, eine Sicht auf die Welt in ein dramaturgischen Geschehen zu packen, so dass das Drama diesen Aspekt sichtbar macht. Wenn dann dazukommt, dass die Akteure ihr Handwerk beherrschen, kann Theater berauschend sein, so wie gestern Abend in Konstanz bei der Premiere von „Betrunkene“ des Russen Iwan Wyrypajew unter der Regie der in Odessa geborenen Elina Finkel.

Es ist ein ganz anderes Konzept als wir es zuletzt bei Mein Kampf gesehen haben. Während Somuncu gnadenlos seine politische Agenda wie Kleister über das Stück von Tabori geschüttet und eine kakophonische öffentliche Debatte ausgelöst hat, agiert Finkel eher wie ein Diamantschleifer, indem sie das Rohmaterial Wyrypajews zum Funkeln bringt. Und statt sich über überflüssige Grenzverletzungen zu ereifern, dürften sich die Zuschauer nach der Aufführung der Betrunkenen eher die eine oder andere Frage an ihr eigenes Leben stellen.

Worum es geht, ist schnell erzählt: 14 Betrunkene, von sieben Schauspielern dargestellt, torkeln durch die Nacht, reden sich in Rausch und bringen ihre Beziehungen durcheinander. Es wird durchaus gezeigt, wie Menschen unter Alkoholeinfluss ihr Verhalten ändern. Und obwohl der Alkohol für viele Menschen eine Geißel ist, auch und besonders in Russland, ist dies nur die Folie vor der das Geschehen sich entfaltet.

Es geht nicht um Alkohol, sondern um Liebe und unsere Beziehung zu Gott. Dabei wird auch quer gegen den Zeitgeist gebürstet. Wenn Lore wiederholt beklagt, dass ihr Bruder von einem Araber getötet wurde, zuckt man schon zusammen. Nicht von einem Mann oder einem südländisch aussehenden Mann, sondern von einem Araber. Das ist fast wie das N-Wort auf Bühne. Und was das Geschlechterverhältnis betrifft, sind die Rollen klar verteilt: Die Frauen lieben und kichern, die Männer philosophieren und streiten. Aber, zum Trost für die Feminist*innen unter den Zuschauern, ergreifen die Frauen in der Liebe die Initiative: Martha überfällt den ihr fremden Gustav mit „Ich liebe Dich“ und Linda schnappt sich Max mit der für ihn unwiderstehlichen Forderung: „Heirate mich!“

Die Szenen sind teils komisch und die Monologe skurril („ein Leben ohne Liebe ist wie Bauschaum“). Doch wenn Martha sagt, die Liebe sei wie eine Perle im Haufen Scheiße des Lebens und Gustav erkennt, dass nichts mehr so sein wird wie es war, dann leuchtet die transformierende Kraft wirklicher Liebe auf, als Gegensatz zu Geschlechterkampf, Genderkrampf oder ungezügeltem Sex. Das Thema Liebe wird abgeschlossen, wenn Laurenz Magda vom defätistischen Karl fortzieht. Er kann ihr nicht versprechen, dass er sie nie betrügen wird, aber hier und jetzt wird er sich auf sie kompromisslos einlassen.

Finkel verpackt Wyrypajews Botschaften mit Humor und lässt dem Zuschauer die Freiheit, wie nah er die Aussagen an sich herankommen lassen will. Dies ist besonders wichtig beim zweiten Hauptthema, der Religion, das in allen Szenen durch Tafeln mit Ikonen bebildert wird, die mal mehr mal weniger die ansonsten karge Bühne befüllen. Es kommt viel Hochtrabendes und Halbgares aus den Mündern der Betrunkenen: Ich bin Gott, Du bist Gott, jeder ist Gott, meine tote Mutter lebt und so weiter. Der moderne Mensch hat die Religion verloren und wirkt in diesem Thema tollpatschig. Doch in der letzten Szene vor der Pause wird es ernst. Die Jungesellenabschiedspartytruppe, die im vegetarischen Restaurant der Eltern des angehenden Bräutigams nach Fleisch sucht und rumalbert, kommt nach und nach zu einem Rap-Sprech-Tanz zusammen, der in dem Satz mündet: Ich höre das Flüstern Gottes in meinem Herzen. Es ist ein Augen- und Ohrenschmaus ist, der immer intensiver wird und in abrupter Stille endet. Wenn die Zuschauer zur Pause ins Foyer strömen, scheint es, als müssten sie den Druck der Frage, ob auch sie das Flüstern Gottes in ihrem Herzen gehört haben, abschütteln, indem sie sich diese Frage gegenseitig stellen, bevor sie sich dem üblichen Smalltalk zuwenden.

Den Höhepunkt erreicht das Stück, wie kann es anders sein, am Ende. Der Leiter des Filmfestivals, Mark, erklärt der reichlich naiven Prostituierten Rosa, dass Gott wie ein Mafioso sei. Er gibt zwar, will aber alles am Ende zurückhaben, und zwar mit Zinsen. Mark will nun alles zurückgeben und zieht sich auch ein Stück weit seine Kleider aus. Doch es geht um mehr als Äußerlichkeiten, auch die zugelegten Selbstbilder müssen abgegeben werden, bis nur das nackte Sein bleibt. Eine tiefe Wahrheit, gesprochen von einem durch Lungenkrebs dem Tode Geweihten. Für Rosa sind es tolle Sprüche, die sie faszinieren, ihr Festhalten am Oberflächlichen ist schon fast schmerzhaft. Und dann fragt sie, wer denn schon alles zurückgegeben habe. Vielleicht Jesus Christus antwortet Mark und die Worte sind wie ein Donnerschlag. Was ist all das Philosophieren und Sinnsuchen, wenn es doch seit Jahrhunderten einen Glauben gibt, den wir alle kennen? Rosa kann das nicht annehmen und Mark verlässt nachdenkend die Bühne. Wir wissen, es ist an uns, unseren eigenen Weg zu finden.

Ich sollte noch was zu den Schauspielern sagen. Und zur Musik, die unter die Haut ging. Ich könnte Antonia Jungwirth und Axel Julius Fündeling hervorheben, doch würde eine solche Einzelbetrachtung das Wichtigste verdecken: Die Schauspieler waren nie im Vordergrund, man sah nur die verkörperten Rollen. Autor, Regie, Choreografie und Schauspieler haben gemeinsam eine wichtige Frage auf die Bühne gebracht. So soll Theater sein!

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