Warten auf Godot

Wartest Du noch oder lebst Du schon? (leicht abgewandelte IKEA-Weisheit)


Der Saal wird dunkel, der Vorgang gleitet auseinander, schwach schimmert etwas Weißes, Längliches in der Bühnenmitte. Dann, Peng! Scheinwerfer schneiden zwei runde Kreise in die Dunkelheit. Links sehen wir Estragon (Peter Posniak), rechts Vladimir (Andreas Haase), die beiden Landstreicher und Hauptfiguren in Becketts wohl berühmtesten Stück. So beginnt die Theatersaison 2018 /19 in Konstanz.

Regie führt der Chef persönlich. Christoph Nix war es eine besondere Freude die Rolle zu wechseln, denn er hat ein spezielles Verhältnis zu dem Stück, wie er beim Vorstellen des Jahresprogramms ausgeführt hatte. Es war eine gute Idee, die Regie zu übernehmen, die Premiere ist gelungen und auch dem Publikum hat es gefallen. Das Bühnenbild ist kaum minimalistischer vorstellbar. Der Baum an der Landstraße ist eine weiße Säule, die von der Decke hängt, der Rest ist eine schräg ansteigende Fläche. Das reduzierte Bühnenbild konzentriert den Fokus auf die Schauspieler, die sich keine Schwäche erlauben dürfen. Das tun sie auch nicht.

Ich beobachte ja immer mal wieder, dass die Konstanzer Schauspieler überfordert sind, besonders wenn es um ernste Rollen geht. Im Godot verkörpern die vier Schauspieler ihre Rollen glaubwürdig. Wobei – es ist absurdes Theater, da ist es mit der Glaubwürdigkeit so eine Sache. Ich denke, Nix kann die Möglichkeiten seiner Truppe gut einschätzen und sorgt mit kreativen Inszenierungsideen an den richtigen Stellen für Abwechslung in dem eigentlich sehr monotonen Stück. Besonders gefallen hat mir die Idee, die Souffleusen auf die Bühne und zum Sprechen zu bringen und die Schauspieler pantomimen zu lassen.

Eine gelungene Inszenierung heißt für mich, dass die Inszenierung und eigentlich auch die Schauspielerei verschwindet und der Inhalt des Stücks in den Vordergrund tritt. In Becketts Werk also das ätzende, sinnlose Warten auf diesen Godot, von dem nicht nur der Zuschauer nicht weiß, wer es ist, sondern auch die beiden Wartenden nicht.

Man rätselt natürlich immer daran herum, für was dieses Warten stehen soll, für was Beckett hier eine Metapher geschaffen hat. Mark Zurmühle hat nach der Premiere auf die vielen politischen Bezüge des Stücks verwiesen. Das halte ich für ziemlichen Unsinn und war froh, dass er oberflächliche Übertragungen auf Trump, AfD oder Seehofer vermieden hat. Nein, Beckett ging es bestimmt nicht um solchen Kleinkram wie dem, an sich die heutige Politik verbeißt. Das Stück entstand kurz nach dem zweiten Weltkrieg, in einer Zeit, in der die Leute einen tiefen Blick in die Abgründe hatten nehmen müssen, zu denen der Mensch fähig ist. Die meisten haben wohl anschließend die Augen verschlossen und sich auf den Wiederaufbau konzentriert.

Beckett zeigt uns metaphysisch entwurzelte Individuen, zurückgeworfen auf ihre reine Existenz. Ohne religiöse Bindung stecken sie im Hier und Jetzt fest und finden keine Kraft, irgendeinen Weg zu beschreiten. Die Dialoge ziehen sich quälend dahin, besonders im zweiten Akt, der eigentlich eine absurdere Wiederholung des ersten ist. Zeit ohne Ziel ist wertlos, absurd. Das Leben wird zu einer endlosen Wiederholung des Gleichen. Insofern präsentiert Beckett die Frage, was wir eigentlich mit unserem Leben machen sollen, und die ist es wert, gestellt zu werden.

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