Von Mäusen und Menschen

Am Ende doch Angst vor der Courage


Ich bin mit einem unguten Gefühl in die Vorstellung gegangen. Ich hatte als Jugendlicher in den 1960er Jahren eine Verfilmung gesehen und kann noch heute dem deprimierenden Gefühl nachspüren, das der Film hinterließ. Irgendwas an Geschichte hatte damals offensichtlich einen Nerv bei mir getroffen.

Es ist die Geschichte zweier Wanderarbeiter im Kalifornien der 1930er Jahre. Es war keine gute Zeit, die wirtschaftliche Depression zwang viele Männer dazu umherzuziehen, in Baracken zu schlafen und sich von Vorarbeitern drangsalieren zu lassen. Dass Lennie und George gemeinsam von Ort zu Ort ziehen war ungewöhnlich, denn unter den Arbeitsvagabunden war sich jeder selbst der nächste. Noch erstaunlicher ist das Verhältnis der beiden. Lennie ist nämlich geistig zurückgeblieben und mental ein Kind, gleichzeitig ein Bär von einem Mann. Er liebt alles Weiche und Zarte, nur leider ist jede Maus und jedes Kleintier, das er liebevoll streichelt, nach kurzer Zeit tot. Lennie weiß mit seinen Kräften nicht umzugehen. Nur dank George kann Lennie das Leben bewältigen. George haut ihn aus brenzlichen Situation heraus und versucht diese mit Umsicht zu vermeiden. George weiß, dass ihm Lennie ein Klotz am Bein ist und oft genug hält er ihm dies vor. Auch Lennie weiß es und ihn plagt ein schlechtes Gewissen. Er sagt dann, er könne auch in die Berge gehen und in einer Höhle leben. Am Ende dieser sich wiederholenden Dialoge erzählt George von der schönen Zukunft, wenn sie das Geld zusammen haben, um sich ein kleines Haus zu kaufen. Ein Traum, der Lennie Halt gibt und von dem man nicht weiß, ob George ernsthaft daran glaubt.

Die Geschichte geht nicht gut aus. Auf der Farm, auf der die beiden anheuern, lungert der psychisch labile Sohn des Chefs herum; eifersüchtig bewacht er seine naive, blonde Ehefrau Erika, die sich im Haushalt langweilt und die Gesellschaft der Arbeiter sucht. Letztendlich kann sich Lennie doch nicht von der aufdringlichen Erika fernhalten, obwohl George ihm das eingeschärft hat. Der Aufforderung, das zarte Haar zu streicheln, kann Lennie nicht widerstehen und das Unglück geschieht.

Es war nicht nur der traurige Stoff, der mich zögern ließ beim Weg in die Premiere. Das andere war, dass ich mir nicht vorstellen konnte, wie die Konstanzer diese Aufgabe bewältigen würden. Schon oft habe ich erlebt, dass die Schauspieler bei dramatischen Stoffen überfordert sind und Stücke nur dank inszenatorischen Blendwerks gelingen. Umso erstaunter habe ich erlebt, dass es hier anders war. Das Bühnenbild ist spärlich und die Last liegt auf Sebastian Haase und Ingo Biermann als Lennie und George. Ihnen gelingt es großartig, die Protagonisten zum Leben zu erwecken. Haase verkörpert Lennie mit ungelenken Bewegungen und leichtem Stottern. Das hält er über die volle Länge der Aufführung durch und macht die Figur sehr lebhaft. Er bekommt von den Zuschauern den meisten Applaus. Vielleicht ist aber Biermanns Leistung noch bedeutender. Er kann sich nicht auf Gimmicks stützen, um Georges komplexe Seelenlage zu entfalten.

Didi Danquart hat Steinbecks Roman vom Kalifornien der 1930er Jahre nach Singen in die Nachkriegszeit verlegt. Es ist schöner Lokalkolorit, wenn Erika sich für was Besseres als die Arbeiter erklärt, weil sie aus Überlingen stamme. Doch geht es Danquart und der Dramaturgin Anna-Lena Kühner um mehr. Sie ziehen eine Parallele vom American Dream zu der Aufbruchsstimmung im Wirtschaftsleben zu Zeiten Ludwig Erhards. Diesen Bezug finde ich gelungen und vielleicht ist es das, warum der Stoff mich so berührt. Als Kind der Nachkriegszeit kenne ich den Stolz, durch eigene, gerne als ehrlich bezeichnete Arbeit ein Leben in relativer Autonomie führen zu können. Dieses bescheidene Glück, das die soziale Marktwirtschaft ermöglichte, kontrastierte wohltuend mit dem Wahn deutscher Größe zur Nazizeit. (Eine Bescheidenheit übrigens, die heute nicht mehr zu spüren ist.)

Doch geht es in Steinbecks Roman nicht so sehr um die gesellschaftlichen Verhältnisse der Zeit. Es geht um die Freundschaft von Lennie und George, die wie eine zarte Blume im Sturm der schwierigen Zeit zerrupft wird. Neulich las ich irgendwo: Wenn man die Frage beantworten kann, warum man mit jemanden befreundet ist, dann sei es keine Freundschaft. Das ist vielleicht eine extreme Sicht. Aber sie ist ein wichtiger Gedankenpol in einer Zeit, in der Ratgeber dazu geschrieben werden, wie man Freunde gewinnt und diese einem im Leben nützen können.

Steinbecks Figuren sind nicht durch Nützlichkeitserwägungen, sondern durch Schicksalsfäden verbunden. Der dramatische Höhepunkt der Handlung ist, wenn George Lennie von hinten erschießt, um zu verhindern, dass der Mob Lennie lyncht. Diesen Höhepunkt verpatzen die Konstanzer leider. Vielleicht war es Angst vor der Courage, dass man genau an dieser Stelle mit Marschtanzeinlagen und Nebelschwaden die Aufmerksamkeit von den Hauptfiguren abgezogen hat. Ich meine, Haase und Biermann hätten die Szene viel eindrücklicher rübergebracht ohne den Firlefanz. Es wäre ihnen gelungen. Vielleicht lag es aber auch daran, dass Regie und Dramaturgie zu stark auf den sozialkritischen Aspekt des Stücks fokussiert waren und ihnen der Beziehungsaspekt entgangen ist. Es wäre eine grandiose Inszenierung gewesen, so war es immerhin eine sehr gute.

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