Nathan

…und das nicht so weise Stadttheater Konstanz

Gestern Abend war Premiere von „Lebenshunger“ und weil ich dazu nicht viel zu sagen habe, will ich jetzt meine Anmerkungen zum Nathan loswerden.

Vorab kurz zum Tanztheater „Lebenshunger“. Das war schön, sogar ein wenig eindrucksvoll. Es wurde moderne Musik gespielt, eine Mischung aus E-Musik und Pop mit Übergängen zur Sound-Art. Ich mag das. Dazu sechs junge, athletische Körper, deren Bewegungen zwischen Zärtlichkeit und Gewalt changieren. Irgendetwas wie Handlung konnte ich nicht ausmachen, aber das hat mir nicht gefehlt. Was mich im Nachhinein erstaunt hat, war, dass ich alles völlig unerotisch fand. Nicht dass ich das gebraucht hätte, aber irgendwie schon bemerkenswert, wenn drei Männer und Frauen über eine Stunde lang ihre Körper aneinander tanzen und sogar alle sechs in Löffelchenstellung den Gruppenschlaf zelebrieren, dass das so entsexualisiert sein kann. Nun ja, ich kann’s auf jeden Fall empfehlen.

Dann also zum Nathan. Die Premiere ist ja nun schon eine Weile her. Das Stück kann ich auch empfehlen, es ist gut gemachtes Theater. Mein „Aber“ kommt gleich, sollte aber niemanden von einem Besuch abhalten.

Was die Konstanzer ja wirklich gut draufhaben, sind Inszenierung und Bühnengestaltung. Das Stück spielt in der Spiegelhalle und das Publikum wird zunächst in drei Gruppen aufgeteilt. Jede Gruppe sieht die drei Anfangsszenen einzeln im Foyer oder an den Bühnenrändern. Das ist mal was anderes. Als Zuschauer steht man fast neben den Schauspielern und kriegt tatsächlich einen ganz anderen Eindruck als beim distanzierten Blick auf die Bühne.

Anschließend geht es zur Bühne, einem überdimensionierten Sandkasten, um den die Zuschauer in drei oder vier Reihen sitzen. Keine Requisiten, nur die Fläche und die Schauspieler, abstrakt und konzentriert. Und die Schauspieler verstehen es, den freien Raum mit ihren Rollen auszufüllen. Da gibt es nichts dran zu mäkeln, lediglich für Sultan Saladin hätte ich mir einen anderen Schauspieler als Ramsès Alfa vorstellen können. Als Schwarzer verbreitet Alfa zwar afrikanischen Flair, aber den Sultan in Jerusalem zum Anfang des letzten Jahrtausends stelle ich mir feinsinniger vor. Nun ja.

Aber wie gesagt, die Truppe bringt den Konflikt der Religionen vermengt mit Machtfragen, menschlicher Liebe und individuellen Schicksalen glaubwürdig rüber. Am Ende liegen sich die Protagonisten trotz aller Gegensätze in den Armen und wissen, dass es immer um den individuellen Menschen gehen sollte und nicht um das Kollektiv (der Gläubigen).

Sosehr ich also die Inszenierung loben will, so schwierig wurde es, als ich mich fragte, was uns Heutige das Ganze sagen soll. Lessing hatte für die Aufklärung gekämpft und die ist seit der Moderne nun durch und also kommt das Ganze so rüber wie Schnee von gestern. Doch wer das Geschehen in unserer Zeit aufmerksam verfolgt, sieht, dass das Gift religiöser Doktrinen keineswegs seine Wirkung verloren hat. Ich glaube sogar, dass unsere Gesellschaft immer religiöser wird.

Das hat nichts mit unseren Staatskirchen zu tun. Da sehe ich mehr Staat (eigentlich Regierung) als Kirche. Es ist einerseits der Islam, der in Deutschland immer mehr Raum einnimmt und wohl die Religion ist, die den ausgeprägtesten Anspruch hegt, Gesellschaft und Politik zu bestimmen. Spätestens seitdem in Berlin wieder jüdische Fahnen öffentlich verbrannt wurden, sollte klar sein, dass Wegschauen keine Lösung sein wird. Es ist aber auch das süße Gift des Bessermenschentums, das beispielsweise als #Metoo oder als Gerede von linksgrünversifften Verhältnissen um sich greift. Der Wunsch, die Menschen in Gute und Schlechte zu teilen, das Land in dunkle und helle Bezirke, nimmt bedrohliche Züge an. Nicht mehr Individuum oder Familie sind der Kern der Gesellschaft, sondern ihre Gruppenidentitäten: Mann oder Frau, Flüchtling oder länger hier lebender, hipper Berliner oder dumpfer Sachse, das sind die Kategorien, die immer häufiger betont werden.

Nun mag man dazu gewiss verschiedener Meinungen sein. Man mag sogar die zunehmende Moralisierung des öffentlichen Dialogs begrüßen. Aber ein Stück über genau diese Problematik aufzuführen, ohne an diese Erscheinungen anzuknüpfen, ist bemerkenswert. Eine Theatertruppe, die keine Gelegenheit auslässt, ein Höcke-Zitat einzuflechten oder über Trump abzulästern, erscheint hier plötzlich feige. Klar, ein Seitenhieb auf „Rechts“ bringt höchstens ein bisschen Geschimpfe von ewig Gestrigen, ein Seitenhieb auf den politischen Islam ist dagegen real gefährlich.

Darum möchte ich das Wort „feige“ sogar zurücknehmen, denn Christoph Nix ist scheut eigentlich keinen Konflikt. Es ist vermutlich eher so, dass die Aktualität des Stoffes überhaupt nicht erkannt wurde. Aber auch das ist schade, denn die Aufgabe von Künstlern sollte es nicht sein, mit „Ich auch“-Aufschrei dem Mainstream hinterherzurennen, sondern die verdrängten Konflikte einer Gesellschaft offenzulegen.

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