Wer hat Angst vorm weißen Mann

Offensichtlich hat die Dramaturgie keinen Einfluss auf die Aufführung. Und das ist auch gut so.

Dominique Lorenz hat mit „Wer hat Angst vorm weißen Mann“ ein wunderbares Volkstheaterstück geschaffen. Ein Schenkelklopfer reiht sich an den nächsten, ganz so wie bei Ohnesorgs, und am Ende denkt man gerne darüber nach, was einem das Stück über das Leben und das Schicksal sagt. Und unserem Theater gelingt es, das Lustspiel gkonnt in Szene zu setzen.

Es geht um den Metzgermeister Franz, der nach seinem Schlaganfall in den Betrieb zurückkehrt und feststellt, dass seine Welt in Unordnung geraten ist. Tochter Zita hat den Betrieb mehr recht als schlecht mit dem Asylbewerber Alpha aus Togo am Laufen gehalten, doch die Kunden bleiben weg, weil die Weißwürste nicht mehr so schmecken wie früher. Zita träumt von einer Imbissecke, einer sanften Erneuerung des alteingesessenen Betriebs. Sohn Anton, ein Luftikus unter der Fuchtel seiner Frau will die Metzgerei ganz aufgeben und eine Lounge einrichten.

Doch Franz‘ erstes Problem ist der „Neger“, der plötzlich da ist. Das geht gar nicht. Doch noch bevor Franz überhaupt mit Alpha ernsthaft redet, kommt es zu einem tragischen Unfall. Beim Wechsel einer Glühbirne bekommen Franz und Alpha einen Stromschlag. Alpha überlebt aber Franz stirbt. Doch statt ins Jenseits zu entschwinden, verharrt er in der Metzgerei als Geist und muss hilflos mit ansehen wie sein Sohn Anton das Testament, das ihn nicht berücksichtigt, verschwinden lässt und Zita hintergeht. Franz kann schimpfen wie er will, aber es nutzt nichts, er ist ja nur ein Geist und niemand nimmt ihn wahr. Niemand? Ausgerechnet Alpha kann ihn sehen und hören und so beginnt eine wunderbare Odyssee der beiden. Aus Franz‘ rassistischer Ablehnung und Alphas persönlicher Abneigung wird notgedrungene Akzeptanz, dann gemeinsames Kämpfen und am Ende sogar tatsächlich so etwas wie Freundschaft zwischen den ungleichen Partnern.

Wie schon gesagt, die Inszenierung ist überaus gelungen. Christian Schlechter bringt gigantische Weißwürste auf die Bühne, die als Sitzmöbel, Verkaufstheke, Krankentrage und Sarg dienen. Die Schauspieler überzeugen ohne Einschränkung. Doch verglichen mit Odo Jergitsch als Franz sind Zita (Antonia Jungwirth), Anton (Georg Melich) und alle anderen nur Nebenrollen. Sie bebildern die Klischees der fleißigen Tochter, des bösen Bruders, der intriganten Schwiegertochter, der sturen Beamten, des treu(-dummen) Freundes, des naiven Liebhabers, und so weiter. Sie sind alle nur statische Figuren, lediglich Franz wird als Charakter durchgezeichnet, nur er durchlebt eine Entwicklung, um ihn geht es in dem Stück. Und vielleicht auch um Alpha (Ramses Alpha), doch leider bleibt dieser blass. In seiner Rolle muss er im gebrochenen Simpeldeutsch sprechen, das lässt nicht viel Raum für differenzierte Personenzeichnung. Alphas spielerische Leistung kann das nicht kompensieren, er bleibt das Klischee eines Afrikaners, mit dem Glauben an Hokuspokus und Lust an rhythmischen Tanz. Ich weiß nicht ob die Autorin dieser Rolle mehr zugeschrieben hat, wenn ja, dann hat hier die Inszenierung ihren Schwachpunkt.

In der Konstanzer Aufführung geht es also nur um Franz, ein Prachtstück eines bayerischen Grantlers. Erzkonservativ, starrhalsig, rassistisch (und vermutlich auch homophob und was es noch an politisch unkorrekten Haltungen gibt). Aber auch mutig, arbeitsam, erfindungsreich, mit guter Menschenkenntnis und Liebe zu seiner verstorbenen Frau und seiner fleißigen Tochter. Die Figur ist nicht mehr ganz aktuell, sie entspringt eher den 60er oder 70ger Jahren, als die Nachkriegsgeneration langsam abtreten musste. Dass die Folgegeneration etwas ändern will, nicht nur einfach das Aufgebaute weiterführen will, überhaupt, dass sich die Welt ändern würde, war für viele dieser Generation schwer zu akzeptieren. Viele Familien sind daran zerbrochen. Und auch Franz gelingt es selbst als Geist kaum, die veränderten Machtverhältnisse zu akzeptieren. Wenn er dann Alpha droht: „nur über meine Leiche“, dann braucht es eine Weile bis er merkt, wie unsinnig sein Machtgeprotze ist. Immer wieder zerstreitet er sich mit Alpha, nur um im letzten Moment die Kurve zu kriegen, denn nur durch ihn kann er seiner Tochter Hilfe gewähren.

So kann man wunderbar über die Pointen lachen und überlegen, wo man diesem Menschentypus begegnet ist und wie viel davon in einem selber stecken mag. Doch wenn man dann das Programmheft liest, wovon ich abrate, merkt man, dass man das Stück leider nicht verstanden hat. Da erklärt nämlich die Dramaturgin Anna-Lena Kühner, dass es ausschließlich um Rassismus gehe, vor allem auch den versteckten, wenn man z.B. den fremdländischen Mitbürger zweimal fragt, wo er denn herkäme, weil einem die Antwort Würzburg oder Duisburg nicht gereicht hat. Ja, selbst in einer so toleranten und weltoffenen Gesellschaft wie Deutschland wird man Rassismus finden. Doch wenn man in solch einem Familienstück nichts anderes findet als Rassismus, muss sich der geistige Horizont schon gehörig verengt haben. (Wenig würde sich am Stück ändern, würde man die Figur des Alpha durch einen Schwulen oder einen Veganer ersetzen.) Zum Glück scheint die Dramaturgin keinen Einfluss auf die Inszenierung genommen zu haben.

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Von Mäusen und Menschen

Am Ende doch Angst vor der Courage


Ich bin mit einem unguten Gefühl in die Vorstellung gegangen. Ich hatte als Jugendlicher in den 1960er Jahren eine Verfilmung gesehen und kann noch heute dem deprimierenden Gefühl nachspüren, das der Film hinterließ. Irgendwas an Geschichte hatte damals offensichtlich einen Nerv bei mir getroffen.

Es ist die Geschichte zweier Wanderarbeiter im Kalifornien der 1930er Jahre. Es war keine gute Zeit, die wirtschaftliche Depression zwang viele Männer dazu umherzuziehen, in Baracken zu schlafen und sich von Vorarbeitern drangsalieren zu lassen. Dass Lennie und George gemeinsam von Ort zu Ort ziehen war ungewöhnlich, denn unter den Arbeitsvagabunden war sich jeder selbst der nächste. Noch erstaunlicher ist das Verhältnis der beiden. Lennie ist nämlich geistig zurückgeblieben und mental ein Kind, gleichzeitig ein Bär von einem Mann. Er liebt alles Weiche und Zarte, nur leider ist jede Maus und jedes Kleintier, das er liebevoll streichelt, nach kurzer Zeit tot. Lennie weiß mit seinen Kräften nicht umzugehen. Nur dank George kann Lennie das Leben bewältigen. George haut ihn aus brenzlichen Situation heraus und versucht diese mit Umsicht zu vermeiden. George weiß, dass ihm Lennie ein Klotz am Bein ist und oft genug hält er ihm dies vor. Auch Lennie weiß es und ihn plagt ein schlechtes Gewissen. Er sagt dann, er könne auch in die Berge gehen und in einer Höhle leben. Am Ende dieser sich wiederholenden Dialoge erzählt George von der schönen Zukunft, wenn sie das Geld zusammen haben, um sich ein kleines Haus zu kaufen. Ein Traum, der Lennie Halt gibt und von dem man nicht weiß, ob George ernsthaft daran glaubt.

Die Geschichte geht nicht gut aus. Auf der Farm, auf der die beiden anheuern, lungert der psychisch labile Sohn des Chefs herum; eifersüchtig bewacht er seine naive, blonde Ehefrau Erika, die sich im Haushalt langweilt und die Gesellschaft der Arbeiter sucht. Letztendlich kann sich Lennie doch nicht von der aufdringlichen Erika fernhalten, obwohl George ihm das eingeschärft hat. Der Aufforderung, das zarte Haar zu streicheln, kann Lennie nicht widerstehen und das Unglück geschieht.

Es war nicht nur der traurige Stoff, der mich zögern ließ beim Weg in die Premiere. Das andere war, dass ich mir nicht vorstellen konnte, wie die Konstanzer diese Aufgabe bewältigen würden. Schon oft habe ich erlebt, dass die Schauspieler bei dramatischen Stoffen überfordert sind und Stücke nur dank inszenatorischen Blendwerks gelingen. Umso erstaunter habe ich erlebt, dass es hier anders war. Das Bühnenbild ist spärlich und die Last liegt auf Sebastian Haase und Ingo Biermann als Lennie und George. Ihnen gelingt es großartig, die Protagonisten zum Leben zu erwecken. Haase verkörpert Lennie mit ungelenken Bewegungen und leichtem Stottern. Das hält er über die volle Länge der Aufführung durch und macht die Figur sehr lebhaft. Er bekommt von den Zuschauern den meisten Applaus. Vielleicht ist aber Biermanns Leistung noch bedeutender. Er kann sich nicht auf Gimmicks stützen, um Georges komplexe Seelenlage zu entfalten.

Didi Danquart hat Steinbecks Roman vom Kalifornien der 1930er Jahre nach Singen in die Nachkriegszeit verlegt. Es ist schöner Lokalkolorit, wenn Erika sich für was Besseres als die Arbeiter erklärt, weil sie aus Überlingen stamme. Doch geht es Danquart und der Dramaturgin Anna-Lena Kühner um mehr. Sie ziehen eine Parallele vom American Dream zu der Aufbruchsstimmung im Wirtschaftsleben zu Zeiten Ludwig Erhards. Diesen Bezug finde ich gelungen und vielleicht ist es das, warum der Stoff mich so berührt. Als Kind der Nachkriegszeit kenne ich den Stolz, durch eigene, gerne als ehrlich bezeichnete Arbeit ein Leben in relativer Autonomie führen zu können. Dieses bescheidene Glück, das die soziale Marktwirtschaft ermöglichte, kontrastierte wohltuend mit dem Wahn deutscher Größe zur Nazizeit. (Eine Bescheidenheit übrigens, die heute nicht mehr zu spüren ist.)

Doch geht es in Steinbecks Roman nicht so sehr um die gesellschaftlichen Verhältnisse der Zeit. Es geht um die Freundschaft von Lennie und George, die wie eine zarte Blume im Sturm der schwierigen Zeit zerrupft wird. Neulich las ich irgendwo: Wenn man die Frage beantworten kann, warum man mit jemanden befreundet ist, dann sei es keine Freundschaft. Das ist vielleicht eine extreme Sicht. Aber sie ist ein wichtiger Gedankenpol in einer Zeit, in der Ratgeber dazu geschrieben werden, wie man Freunde gewinnt und diese einem im Leben nützen können.

Steinbecks Figuren sind nicht durch Nützlichkeitserwägungen, sondern durch Schicksalsfäden verbunden. Der dramatische Höhepunkt der Handlung ist, wenn George Lennie von hinten erschießt, um zu verhindern, dass der Mob Lennie lyncht. Diesen Höhepunkt verpatzen die Konstanzer leider. Vielleicht war es Angst vor der Courage, dass man genau an dieser Stelle mit Marschtanzeinlagen und Nebelschwaden die Aufmerksamkeit von den Hauptfiguren abgezogen hat. Ich meine, Haase und Biermann hätten die Szene viel eindrücklicher rübergebracht ohne den Firlefanz. Es wäre ihnen gelungen. Vielleicht lag es aber auch daran, dass Regie und Dramaturgie zu stark auf den sozialkritischen Aspekt des Stücks fokussiert waren und ihnen der Beziehungsaspekt entgangen ist. Es wäre eine grandiose Inszenierung gewesen, so war es immerhin eine sehr gute.

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Warten auf Godot

Wartest Du noch oder lebst Du schon? (leicht abgewandelte IKEA-Weisheit)


Der Saal wird dunkel, der Vorgang gleitet auseinander, schwach schimmert etwas Weißes, Längliches in der Bühnenmitte. Dann, Peng! Scheinwerfer schneiden zwei runde Kreise in die Dunkelheit. Links sehen wir Estragon (Peter Posniak), rechts Vladimir (Andreas Haase), die beiden Landstreicher und Hauptfiguren in Becketts wohl berühmtesten Stück. So beginnt die Theatersaison 2018 /19 in Konstanz.

Regie führt der Chef persönlich. Christoph Nix war es eine besondere Freude die Rolle zu wechseln, denn er hat ein spezielles Verhältnis zu dem Stück, wie er beim Vorstellen des Jahresprogramms ausgeführt hatte. Es war eine gute Idee, die Regie zu übernehmen, die Premiere ist gelungen und auch dem Publikum hat es gefallen. Das Bühnenbild ist kaum minimalistischer vorstellbar. Der Baum an der Landstraße ist eine weiße Säule, die von der Decke hängt, der Rest ist eine schräg ansteigende Fläche. Das reduzierte Bühnenbild konzentriert den Fokus auf die Schauspieler, die sich keine Schwäche erlauben dürfen. Das tun sie auch nicht.

Ich beobachte ja immer mal wieder, dass die Konstanzer Schauspieler überfordert sind, besonders wenn es um ernste Rollen geht. Im Godot verkörpern die vier Schauspieler ihre Rollen glaubwürdig. Wobei – es ist absurdes Theater, da ist es mit der Glaubwürdigkeit so eine Sache. Ich denke, Nix kann die Möglichkeiten seiner Truppe gut einschätzen und sorgt mit kreativen Inszenierungsideen an den richtigen Stellen für Abwechslung in dem eigentlich sehr monotonen Stück. Besonders gefallen hat mir die Idee, die Souffleusen auf die Bühne und zum Sprechen zu bringen und die Schauspieler pantomimen zu lassen.

Eine gelungene Inszenierung heißt für mich, dass die Inszenierung und eigentlich auch die Schauspielerei verschwindet und der Inhalt des Stücks in den Vordergrund tritt. In Becketts Werk also das ätzende, sinnlose Warten auf diesen Godot, von dem nicht nur der Zuschauer nicht weiß, wer es ist, sondern auch die beiden Wartenden nicht.

Man rätselt natürlich immer daran herum, für was dieses Warten stehen soll, für was Beckett hier eine Metapher geschaffen hat. Mark Zurmühle hat nach der Premiere auf die vielen politischen Bezüge des Stücks verwiesen. Das halte ich für ziemlichen Unsinn und war froh, dass er oberflächliche Übertragungen auf Trump, AfD oder Seehofer vermieden hat. Nein, Beckett ging es bestimmt nicht um solchen Kleinkram wie dem, an sich die heutige Politik verbeißt. Das Stück entstand kurz nach dem zweiten Weltkrieg, in einer Zeit, in der die Leute einen tiefen Blick in die Abgründe hatten nehmen müssen, zu denen der Mensch fähig ist. Die meisten haben wohl anschließend die Augen verschlossen und sich auf den Wiederaufbau konzentriert.

Beckett zeigt uns metaphysisch entwurzelte Individuen, zurückgeworfen auf ihre reine Existenz. Ohne religiöse Bindung stecken sie im Hier und Jetzt fest und finden keine Kraft, irgendeinen Weg zu beschreiten. Die Dialoge ziehen sich quälend dahin, besonders im zweiten Akt, der eigentlich eine absurdere Wiederholung des ersten ist. Zeit ohne Ziel ist wertlos, absurd. Das Leben wird zu einer endlosen Wiederholung des Gleichen. Insofern präsentiert Beckett die Frage, was wir eigentlich mit unserem Leben machen sollen, und die ist es wert, gestellt zu werden.

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Betrunkene

Von Bssoffne und Narrn kannsch die Wahrheit erfoahrn. Tiroler Sprichwort

Eine von mehreren Möglichkeiten Theater zu machen, ist es, ein Stück zu nehmen und es so auf die Bühne zu bringen, dass die Idee des Autors sich ausdrückt. Auch ein Autor hat mehrere Möglichkeiten, unter anderem die, eine Sicht auf die Welt in ein dramaturgischen Geschehen zu packen, so dass das Drama diesen Aspekt sichtbar macht. Wenn dann dazukommt, dass die Akteure ihr Handwerk beherrschen, kann Theater berauschend sein, so wie gestern Abend in Konstanz bei der Premiere von „Betrunkene“ des Russen Iwan Wyrypajew unter der Regie der in Odessa geborenen Elina Finkel.

Es ist ein ganz anderes Konzept als wir es zuletzt bei Mein Kampf gesehen haben. Während Somuncu gnadenlos seine politische Agenda wie Kleister über das Stück von Tabori geschüttet und eine kakophonische öffentliche Debatte ausgelöst hat, agiert Finkel eher wie ein Diamantschleifer, indem sie das Rohmaterial Wyrypajews zum Funkeln bringt. Und statt sich über überflüssige Grenzverletzungen zu ereifern, dürften sich die Zuschauer nach der Aufführung der Betrunkenen eher die eine oder andere Frage an ihr eigenes Leben stellen.

Worum es geht, ist schnell erzählt: 14 Betrunkene, von sieben Schauspielern dargestellt, torkeln durch die Nacht, reden sich in Rausch und bringen ihre Beziehungen durcheinander. Es wird durchaus gezeigt, wie Menschen unter Alkoholeinfluss ihr Verhalten ändern. Und obwohl der Alkohol für viele Menschen eine Geißel ist, auch und besonders in Russland, ist dies nur die Folie vor der das Geschehen sich entfaltet.

Es geht nicht um Alkohol, sondern um Liebe und unsere Beziehung zu Gott. Dabei wird auch quer gegen den Zeitgeist gebürstet. Wenn Lore wiederholt beklagt, dass ihr Bruder von einem Araber getötet wurde, zuckt man schon zusammen. Nicht von einem Mann oder einem südländisch aussehenden Mann, sondern von einem Araber. Das ist fast wie das N-Wort auf Bühne. Und was das Geschlechterverhältnis betrifft, sind die Rollen klar verteilt: Die Frauen lieben und kichern, die Männer philosophieren und streiten. Aber, zum Trost für die Feminist*innen unter den Zuschauern, ergreifen die Frauen in der Liebe die Initiative: Martha überfällt den ihr fremden Gustav mit „Ich liebe Dich“ und Linda schnappt sich Max mit der für ihn unwiderstehlichen Forderung: „Heirate mich!“

Die Szenen sind teils komisch und die Monologe skurril („ein Leben ohne Liebe ist wie Bauschaum“). Doch wenn Martha sagt, die Liebe sei wie eine Perle im Haufen Scheiße des Lebens und Gustav erkennt, dass nichts mehr so sein wird wie es war, dann leuchtet die transformierende Kraft wirklicher Liebe auf, als Gegensatz zu Geschlechterkampf, Genderkrampf oder ungezügeltem Sex. Das Thema Liebe wird abgeschlossen, wenn Laurenz Magda vom defätistischen Karl fortzieht. Er kann ihr nicht versprechen, dass er sie nie betrügen wird, aber hier und jetzt wird er sich auf sie kompromisslos einlassen.

Finkel verpackt Wyrypajews Botschaften mit Humor und lässt dem Zuschauer die Freiheit, wie nah er die Aussagen an sich herankommen lassen will. Dies ist besonders wichtig beim zweiten Hauptthema, der Religion, das in allen Szenen durch Tafeln mit Ikonen bebildert wird, die mal mehr mal weniger die ansonsten karge Bühne befüllen. Es kommt viel Hochtrabendes und Halbgares aus den Mündern der Betrunkenen: Ich bin Gott, Du bist Gott, jeder ist Gott, meine tote Mutter lebt und so weiter. Der moderne Mensch hat die Religion verloren und wirkt in diesem Thema tollpatschig. Doch in der letzten Szene vor der Pause wird es ernst. Die Jungesellenabschiedspartytruppe, die im vegetarischen Restaurant der Eltern des angehenden Bräutigams nach Fleisch sucht und rumalbert, kommt nach und nach zu einem Rap-Sprech-Tanz zusammen, der in dem Satz mündet: Ich höre das Flüstern Gottes in meinem Herzen. Es ist ein Augen- und Ohrenschmaus ist, der immer intensiver wird und in abrupter Stille endet. Wenn die Zuschauer zur Pause ins Foyer strömen, scheint es, als müssten sie den Druck der Frage, ob auch sie das Flüstern Gottes in ihrem Herzen gehört haben, abschütteln, indem sie sich diese Frage gegenseitig stellen, bevor sie sich dem üblichen Smalltalk zuwenden.

Den Höhepunkt erreicht das Stück, wie kann es anders sein, am Ende. Der Leiter des Filmfestivals, Mark, erklärt der reichlich naiven Prostituierten Rosa, dass Gott wie ein Mafioso sei. Er gibt zwar, will aber alles am Ende zurückhaben, und zwar mit Zinsen. Mark will nun alles zurückgeben und zieht sich auch ein Stück weit seine Kleider aus. Doch es geht um mehr als Äußerlichkeiten, auch die zugelegten Selbstbilder müssen abgegeben werden, bis nur das nackte Sein bleibt. Eine tiefe Wahrheit, gesprochen von einem durch Lungenkrebs dem Tode Geweihten. Für Rosa sind es tolle Sprüche, die sie faszinieren, ihr Festhalten am Oberflächlichen ist schon fast schmerzhaft. Und dann fragt sie, wer denn schon alles zurückgegeben habe. Vielleicht Jesus Christus antwortet Mark und die Worte sind wie ein Donnerschlag. Was ist all das Philosophieren und Sinnsuchen, wenn es doch seit Jahrhunderten einen Glauben gibt, den wir alle kennen? Rosa kann das nicht annehmen und Mark verlässt nachdenkend die Bühne. Wir wissen, es ist an uns, unseren eigenen Weg zu finden.

Ich sollte noch was zu den Schauspielern sagen. Und zur Musik, die unter die Haut ging. Ich könnte Antonia Jungwirth und Axel Julius Fündeling hervorheben, doch würde eine solche Einzelbetrachtung das Wichtigste verdecken: Die Schauspieler waren nie im Vordergrund, man sah nur die verkörperten Rollen. Autor, Regie, Choreografie und Schauspieler haben gemeinsam eine wichtige Frage auf die Bühne gebracht. So soll Theater sein!

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Mein Kampf

Wirres Theater kann einer verwirrten Gesellschaft nicht helfen

Ich gebe es unumwunden zu: Ein wenig stolz bin ich darauf, dass es unser kleines Stadttheater geschafft hat, nicht nur in allen deutschen Medien besprochen zu werden, sondern auch bis in die USA be(ob)achtet wird. Dass, obwohl ich den Anlass, nämlich die Hakenkreuz-Davidstern-Geschichte, sehr bedenklich finde, wie ich weiter unten ausführen werde. Ungefähr der gleiche Stolz, den ich empfinde, wenn unsere Fußballer Brasilien mit 7:1 in den Senkel stellen.

Fangen wir mal mit dem Positiven an. Das Stück ist sehenswert. Es passiert viel, es ist ordentlich Action auf der Bühne, die Bühnengestaltung, die Musik – alles vom Feinsten. Man kann lachen und man kommt ins Grübeln. Theater von seiner besten Seite.

Worum geht es? Schlomo Herzl haust mit dem Koch Lobkowitz in einem Männerheim in Wien. Dort taucht der junge Hitler auf und Schlomo nimmt den wirren jungen Mann unter seine Fittiche. Es gibt dann noch Gretchen, die mit Schlomo eine Beziehung hat und später zu Hitler wechselt und Frau Tod, die Hitler als Hilfsgesellen sucht. „Mein Kampf“ ist ein Buch, das Schlomo schreiben will, aber am Ende von Hitler, … man weiß das.

Das Stück ist von George Tabori als Groteske gekennzeichnet, was es dank der schrägen Ausgangssituation und jüdischem Witz wohl auch ist. Natürlich ist es auch ein wichtiger Stoff, denn Hitlers Aufstieg vom verkrachten Künstler zum Gröfaz hat etwas schwer Erklärliches. (Wobei ich ja glaube, dass man Erklärung weniger in der Person Hitler als in den Deutschen finden wird.)

Die Konstanzer Schauspieler agieren absolut überzeugend, allen voran Thomas Fritz Jung als Schlomo. Jung war schon immer gut, aber vermutlich wird er immer besser, so sehr hat er mir noch nie gefallen. Er gibt den Juden überzeugend und verkörpert Lebensweisheit, Humor und religiöse Bindung. Aber auch Peter Posniak und Laura Lippmann spielen ihre Rollen grandios, obwohl diese klamaukiger angelegt und darum nicht so schwierig sind. Aber das soll das Lob nicht schmälern, die Showeinlagen sind sehenswert.

Womit ich, wie so oft, hadere, ist die Regie, die in diesem Stück Serdar Somuncu verantwortet. Er pfropft die Inszenierung voll mit Zeitbezügen. Lobkowitz sieht aus wie Donald Trump, Gretchen wie Frauke Petry, Frau Tod wie Theresa May, es wimmelt von Bezügen auf Gauland und Weidel, der Ku-Klux-Klan taucht auf, Flüchtlingskinder werden auf der Bühne geboren und später gebraten, Schlomo wird gekreuzigt, und, und, und. Was soll das? Wenn Somuncu sein Weltbild auf die Bühne bringen will, reicht doch eigentlich die Eingangsszene, in der er zeigt, dass die Pegida-Demonstranten der zukünftige Nazi-Mob sind, die unter Wir-sind-das-Volk-Rufen Ausländer zusammenschlagen. Auch das Programmheft macht klar worum es Somuncu geht, wenn es Hitler, Göbbels, Trump, Erdogan, Blocher, Wilders und Petry auf eine Stufe stellt: Das wichtigste heute ist der Kampf gegen den neu aufkommenden Nationalsozialismus, so die Botschaft.

Vielleicht spürte Somuncu, dass das doch alles nicht so einfach ist. Es passieren Dinge in der Welt und auch in Deutschland, die nicht so ganz kompatibel sind. Es gab und gibt auch Böse bei den Linken und der Islam ist auch nicht unproblematisch. Und wie soll man sich zu den heutigen Juden in Israel stellen? Ich vermute, Somuncu hat versucht, einfach mal ganz viele Zeitbezüge irgendwie unterzubringen, soll doch der Zuschauer sich dann seine Gedanken machen. Irgendwie wird das schon alles passen. Der grobe Kompass ist vorgegeben, inhaltliche Stringenz eher Nebensache.

Passen tut da zwar nichts wirklich, aber die Theaterkartenaktion passt in das Holzhammerschema. Besucher sollten die Möglichkeit haben, kostenlos ins Theater zu kommen, wenn sie sich dafür ein Hakenkreuz anhefteten. Die zahlenden Zuschauer sollten sich dagegen einen Davidstern anheften. Vermutlich dachte Somuncu, dass das eine gute Idee sei. Jeder muss Farbe bekennen und die Hakenkreuzträger werden dann im Stück mit Diskolicht angestrahlt und öffentlich gemacht. So griffe dann Theater in die Gesellschaft ein.

Das ist auf so vielen Ebenen blödsinnig, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Dass das Ganze völlig unüberlegt war, erkennt man daran, dass zuerst behauptet wurde, es sei „ein notwendiger Teil des Kunstwerks“ um es dann später als Marketing-Gag auszugeben. Dann wieder hieß es, der Zweck sei erfüllt, man habe erfolgreich eine Debatte angestoßen. Was für eine Debatte? Dieses wirre Gerede in der Öffentlichkeit, bei dem die bekanntermaßen linken Theatermacher am Ende noch im Verdacht stehen, Antisemiten zu sein? Solche Debatten braucht keiner. Und auch keine mit dem Kulturbürgermeister, der sich die Aufführung zwar nicht anguckt, aber jedem, der ein Mikrophon hinhält erklärt, dass es der größte Skandal sei, den Konstanz je gesehen habe.

Das es Kritik von der jüdischen Gemeinde geben würde, dürfte wohl erwartet worden sein. Ein Vorwurf war, die Schoah für Geschäftszwecke zu instrumentalisieren. Gewichtiger war wohl, das einige Juden zurecht darauf hinwiesen, dass sie nicht mit dem Symbol im Theater herumlaufen wollen, mit dem ihre Vorfahren stigmatisiert wurden. Wo gehobelt wird, da fallen halt Späne, dachte man wohl. Dem Kampf gegen die heutigen Nazis, dem die Inszenierung dienen soll, müssten sich solche Gefühligkeiten unterordnen, so wohl die Denke.

Die Idee ist aber auch völlig schräg. Die Zuschauer sollten sich damit in die Situation der Naziherrschaft versetzen. Doch mit welcher Rollenverteilung? 95% Davidsternträger und 5% Hakenkreuzträger, die dann im Theater geächtet worden wären, weil sie sich für 20€ kaufen ließen? Am besten noch so richtig mit Randale im Foyer, Beschimpfen, Spucken und Prügeln? Auch dieser Schuss wäre wohl nach hinten losgegangen.

Was mich  wirklich gestört hätte, wäre die Aktion nicht kurzfristig abgeblasen worden, ist  aber nocht etwas Anderes. Jeder Zuschauer sollte sich entscheiden zwischen Gut und Böse und das klar zu erkennen geben. Bekenne Dich! Zeige, dass Du auf der richtigen Seite stehst! Diese Forderung ist ein Instrument der Machtausübung und ist mir vor allem aus faschistischen Gesellschaften bekannt, sei es Stalin-Russland, Hitler-Deutschland oder die DDR. Doch heute ist die Polarisierung das Problem, heute kommt es darauf an, Dialog zu ermöglichen und ins Gespräch zu kommen. Wenn es, wie im Programmheft geschrieben ist, darum geht, den Nazi in uns zu suchen, dann sollten Nix und Somuncu keine Dichotomie inszenieren, in der jeder nur entweder gut (0% Nazi) oder schlecht (100% Nazi) sein kann. Die Wirklichkeit ist nicht Schwarzweiß, sie hat mindestens Grauschattierungen. Eigentlich ist das Leben sogar in Farbe.

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Salome

Das großartige Drama von Oscar Wilde hätte ein Glanzstück des Konstanzer Theaters werden können. Ein veritabler Schwachpunkt hat es leider verhindert.

Die biblische Geschichte ist so einfach wie bekannt. König Herodes feiert seinen Geburtstag. Er hält Johannes den Täufer gefangen, der seine Frau Herodias beschimpft. Die war nämlich Herodes‘ Schwägerin, bevor dieser seinen Bruder umgebracht hat. Auf dem Fest bittet Herodes seine Stiefttochter Salome für ihn zu tanzen, was diese auch tut, nachdem er ihr versprochen hat, jeden Wunsch zu erfüllen. Sie wünscht sich dann, von ihrer Mutter beeinflusst, den Kopf des Johannes, den sie auch bekommt. Herodias hat nun Ruhe vor den Vorwürfen des Predigers.

Bei der Dramatisierung des Stoffes hätte Wilde etliche Wege gehen können. Zum Beispiel hätte er ein Stück über Macht und Korruption schreiben können. Herodes war Vasall der Römer, durchaus ein brutaler Herrscher aber auch ein geschickter Politiker. Mit Johannes tritt das frühe Christentum auf den Plan, dem, wie wir wissen, ein großer Siegeszug bevorsteht. Und für die beiden Frauen hätten sich sicherlich noch interessante Positionen im königlichen Macht- und Kraftgefüge finden lassen.

Doch Wilde macht etwas Anderes und lässt Salome eine Liebende werden, die den Kopf des Johannes fordert, weil dieser ihre heftigen Avancen zurückweist. Das ist genial. So wird aus dem Historienstoff ein Stück über die zeitlose Dichotomie von Mann und Frau. Und hier dann sogar zwischen älteren Männern und älteren Frauen und jüngeren Männern und jüngeren Frauen wie auch unter Männern und unter Frauen.

Vera Nemirova ist die Umsetzung des Stoffes gelungen, Regie und Bühnenbild sind meisterlich. Die Nebenrollen changieren in Kleidung und Auftreten zwischen Mann und Frau und die Hofschranzen sind so alt und grau und dumm und hässlich, dass einem die Schauspieler schon fast leidtun, so auf der Bühne stehen zu müssen. Auch Musik und Bühnenbild ordnen sich trefflich dem einen Zweck unter, nämlich vier paar große Schuhe bereitzustellen in die die Hauptdarsteller schlüpfen dürfen.

Für Jörg Dathe und Bettina Riebesel als Herodes und Herodias scheinen diese Schuhe das richtige Format zu haben. Dathe zeigt uns einen Herodes, der an der Neige seines Lebens, an sich selber zweifelt, der weiß, dass er eigentlich nur das politische Erbe seines Vaters verwaltet hat, dass seine Macht von den Römern geliehen ist und all seine Befehlsgewalt nicht mit innerer Größe korreliert. Er ist verzweifelt und immer noch auf der Suche nach Sinn und Erfüllung. Deshalb seine Hoffnung auf Erlösung durch den Tanz der sieben Schleier.

Herodias hält sich mit Selbstzweifeln nicht auf. Ihr Selbstbild lässt das nicht zu, alles was es mal als Liebe gegeben haben mag ist in Gehässigkeit transformiert. Sie kann die Zweifel ihres Mannes nicht verstehen und hat keine Ahnung davon, warum dieser den für sie verrückten Propheten nicht eigenhändig tötet, wie so viele davor. Riebesel ist grandios in dieser Rolle. Sie erinnert an Elizabeth Taylor im Ehedrama „Wer hat Angst vor Verginia Woolf“.

Es ist diesen beiden Schauspielern zu verdanken, dass man in die Handlung hineingezogen wird und dass man sich mit den Rollen identifiziert und in diese hineininterpretiert. So wie auch ich das hier soeben getan habe und auch weiter tun werde. Andere Zuschauer mögen in andere Richtungen denken, denn mindestens so verschieden wie Mann und Frau sind wir alle untereinander. Und unser Liebesleben hat uns je anderes über die Geschlechterrollen gelehrt. Das ist ja schließlich das Schöne an einem gut gespielten, universellen Stoff, dass man so viel herausnehmen kann.

Leider kann man aus dem, was Sylvana Schneider als Salome und André Rohde als  Johannes vorführen, nicht viel herausnehmen. Die metaphorischen Schuhe sind vor allem für Schneider viel zu groß. Sie soll sich an dem schönen, weißen Körper des Johannes berauschen. Schneider spricht die Worte, doch nichts davon ist glaubwürdig. Sie bleibt steif und hölzern wie die arrogante Prinzessin auf der Erbse. Da ist nichts von einer Femme Fatale, die in Leidenschaft entflammt. Und so bleibt auch völlig unverständlich, dass sie den Kopf fordert. Denn es soll ja angeblich nicht (nur) Rache sein, die sie dazu bringt, sondern tatsächliches Verlangen diesen küssen zu können. Zugegeben: Diese nekrophile Veranstaltung ist eine schauspielerische Herausforderung. Aber das so gar nichts von alledem rüberkommt, ist schon traurig.

Durch den Ausfall des Gegenparts wird das Flehen des Herodes, ihn aus seinem Wort zu entlassen, zu einer ermüdenden Veranstaltung. Man weiß ja, dass er am Ende einwilligen muss, aber immer nur quasi „Bätschi, ich will den Kopf“ dagegen zu halten entwertet Dathes Schauspielkunst. Dabei hätte Schneider im Schwanken der Salome zwischen Mitgefühl für ihren Vater und Verlangen nach dem Körper des Predigers beiden Gefühlen Ausdruck geben können und sollen.

So bleibt das riesige Potential des Stoffes weitgehend unausgeschöpft. Wie schön hätte man die Bindung der Frau an das irdische, die chthonische Wurzel des Weiblichen in Gegensatz stellen können zur Bindung des Mannes an das Geistige. Auch die unterschiedlichen Beziehungen zwischen Männern und Frauen hätte man hervorheben können. Johannes, der ohnehin dem Weltlichen entrückt ist und Herodes, der in homophiler Neigung diesen als Erlöser für sein Seelenleiden sucht. Dagegen die Frauen verbunden durch die Gewissheit des Geburtskanals ganz auf sich bezogen. Jemand anderes hätte vielleicht auch einen modernen Feminismus in den Frauenrollen entdecken mögen, eine Salome, die ihre Wünsche formuliert und einfordert und notfalls über Leichen geht. Wie auch immer. Nur hätte ich mir gewünscht es zu erleben und nicht, es mir denken zu müssen.

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Die unsichtbare Hand

Wer keinen Burger mag, soll keinen Burger essen und nicht versuchen, einen Burger zum Tofu-Brötchen zu machen

Nach dem Stück wurde ich gefragt, was uns das denn nun sagen solle. Meine Antwort war eher dünn. Es solle das zeigen, was es zeige, sagte ich: Nick Bright, ein amerikanischer Banker wird in Pakistan von einer Islamistenzelle gefangen genommen um Lösegeld zu erpressen. Da sie aber den Falschen erwischt haben, und überdies der Imam mittlerweile von den USA als Terrorist eingestuft ist, wird das mit dem Lösegeld nichts werden. Nick bietet nun an, sein Lösegeld an der Börse zu verdienen und seinen Bewacher Bashir in die Kunst von Puts und Calls einzuweihen. Die islamischen Terroristen werden vom Spekulationsfieber erfasst, es zeigt sich, dass sie auch nur Menschen sind, die ihren eigenen Vorteil suchen, es wird ein wenig über Schuld des westlichen Imperialismus, über Glaube, über Marktgesetze und so weiter geredet und am Ende ist Bashir skrupelloser als sein Lehrer, der Imam tot und Nick zwar frei aber weiter in seinem Gefängnisloch eingesperrt. (Letzteres ist etwas merkwürdig und wohl ein Einfall der Dramaturgin.)

Also, was soll das? Oder besser, was will man uns damit sagen? Hat das einen irgendwie höheren oder tieferen Sinn? Es geht ja schon um wichtige Themen, vielleicht um das wichtigste überhaupt. Nachdem der Kommunismus sich als Alternative zum Kapitalismus verabschiedet, und statt Wohlstand und Gerechtigkeit nur Elend und fast 100 Millionen Tote hinterlassen hat, ist vielleicht der Dschihad die neue Herausforderung für die westliche Kultur. Jedenfalls begann unser Jahrtausend mit einem pompösen Schlag gegen das New-Yorker Wahrzeichen des Welthandels. Und Geld versus Gott in einem Gefängnis aufeinandertreffen zulassen, ist eigentlich ein bemerkenswertes Setting. Doch irgendwie bleit das Ganze blutleer und hohl.

Man ahnt schon früh, dass da Absicht hinter steckt. Die Bühne und die Schauspieler sind ganz in Schwarzweiß gehalten. Die einzige Farbe sind die regelmäßig eingeblendeten Filmszenen auf der Rückwand der Bühne, die Erinnerungen Nicks an die Gefangennahme, an seine Familie. Schwarzweiß steht für Abstraktion und so soll wohl der Möglichkeit vorgebeugt werden, dass sich der Zuschauer mit den Figuren identifiziert, womöglich gar mit dem Gefangenen über sein Schicksal fiebert. Die Abstraktion ist sogar noch weitergetrieben. Es fehlen sämtliche Requisiten. Zwar sind die Islamanhänger weiß gekleidet, aber nicht in ihren typischen weißen, bodenlangen Kutten, sondern wie die Gang in Kubricks Clockwork Orange, mit weißen Hemden, Hosen und übergezogenen Genitalschutz. (Vielleicht eine Anspielung, aber eine, die mir verschlossen bleibt.)

Ohne jedes Hilfsmittel ist die Anforderung an die Schauspieler, die Figuren lebendig und glaubwürdig rüber zu bringen, natürlich extrem. Georg Melch als Nick Bright und Tomasz Robak als Bashir gelingt das einigermaßen. Ingo Biermann wäre aber als Tatortkommissar glaubwürdiger denn als Imam Saleem. Ein angeklebter Zottelbart hätte geholfen.

Doch wäre es wohl ungerecht, den Schauspielern einen Vorwurf zu machen. Das Verbannen des Menschen von der Bühne und sein Ersatz durch eine Fassade ist dramaturgische Absicht. Das jedenfalls ergibt sich aus dem Studium des Begleithefts. Für Miriam Fehlker scheint die Welt einfach und „braucht es keinen Wirtschaftsspezialisten“ um das Wesen des Geldes zu verstehen. In Zeiten von Bankenkrisen und Toten im Mittelmeer ist es für sie klar, dass einem entgrenzten Markt kein begrenztes Gemeinwohl gegenüberstehen kann. Nun, dass denken viele und es ist wohl gut, es deutlich auszusprechen und zu begründen, zum Beispiel gegenüber den aufopfernden Helfern der Essener Tafel, die genau diese Grenzen ziehen. Doch an den daraus zwingend entstehenden Differenzierungen dürfte Regie und Dramaturgie nicht gelegen sein. Lieber bringt man sein Schwarzweißdenken auf die Bühne und das Stück dabei unter die Räder.

Denn der Autor Ajad Ajthar hatte wohl anderes im Sinn. Der Sohn pakistanischer Einwanderer in die USA versucht genau das Gegenteil, nämlich Polarisierungen aufzubrechen und Verständnis dafür zu wecken, dass hinter den Ideologien Menschen stehen. Er will hinter die Dichotomie von Geld versus Gott schauen und zeigen, dass es Menschen sind, die miteinander agieren und dabei Strukturen schaffen aber auch ändern. Nicht umsonst ist das Stück nach Adam Smiths berühmter Metapher benannt, die von dem Gedanken geleitet ist, das eine friedliche und wohlstandschaffende Gesellschaft nicht gegen die Natur des Menschen errichtet werden kann. Geld als Inbegriff von wirtschaften auf freien Märkten, mit seiner Idee, Gemeinwohl mit individuellem Streben zu versöhnen, ist die unsichtbare Hand, die auch das Geschehen im Terrorgefängnis leitet. Dazu gehören, dort wie in der Gesellschaft, reale Menschen und nicht Schwarzweißstereotypen.

Ajad Ajthar wollte mit seinem Stück viele Fragen stellen und die Antworten offen lassen. Die Konstanzer reduzieren das Stück auf Schwarzweiß und liefern die Antwort gleich mit. Dafür hätten sie sich besser ein anderes Stück aussuchen sollen. Denn, wer keinen Burger mag, …

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Nathan und das nicht so weise Stadttheater Konstanz

Gestern Abend war Premiere von „Lebenshunger“ und weil ich dazu nicht viel zu sagen habe, will ich jetzt meine Anmerkungen zum Nathan loswerden.

Vorab kurz zum Tanztheater „Lebenshunger“. Das war schön, sogar ein wenig eindrucksvoll. Es wurde moderne Musik gespielt, eine Mischung aus E-Musik und Pop mit Übergängen zur Sound-Art. Ich mag das. Dazu sechs junge, athletische Körper, deren Bewegungen zwischen Zärtlichkeit und Gewalt changieren. Irgendetwas wie Handlung konnte ich nicht ausmachen, aber das hat mir nicht gefehlt. Was mich im Nachhinein erstaunt hat, war, dass ich alles völlig unerotisch fand. Nicht dass ich das gebraucht hätte, aber irgendwie schon bemerkenswert, wenn drei Männer und Frauen über eine Stunde lang ihre Köper aneinander tanzen und sogar alle sechs in Löffelchenstellung den Gruppenschlaf zelebrieren, dass das so entsexualisiert sein kann. Nun ja, ich kann’s auf jeden Fall empfehlen.

Dann also zum Nathan. Die Premiere ist ja nun schon eine Weile her. Das Stück kann ich auch empfehlen, es ist gut gemachtes Theater. Mein „Aber“, kommt gleich, sollte aber niemanden von einem Besuch abhalten.

Was die Konstanzer ja wirklich gut draufhaben, sind Inszenierung und Bühnengestaltung. Das Stück spielt in der Spiegelhalle und das Publikum wird zunächst in drei Gruppen aufgeteilt. Jede Gruppe sieht die drei Anfangsszenen einzeln im Foyer oder an den Bühnenrändern. Das ist mal was anderes. Als Zuschauer steht man fast neben den Schauspielern und kriegt tatsächlich einen ganz anderen Eindruck als beim distanzierten Blick auf die Bühne.

Anschließend geht es zur Bühne, einem überdimensionierten Sandkasten, um den die Zuschauer in in drei oder vier Reihen sitzen. Keine Requisiten, nur die Fläche und die Schauspieler, abstrakt und konzentriert. Und die Schauspieler verstehen es, den freien Raum mit ihren Rollen auszufüllen. Da gibt es nichts dran zu mäkeln, lediglich für Sultan Saladin hätte ich mir einen anderen Schauspieler als Ramsès Alfa vorstellen können. Als Schwarzer verbreitet Alfa zwar afrikanischen Flair, aber den Sultan in Jerusalem zum Anfang des letzen Jahrtausends stelle ich mir feinsinniger vor. Nun ja.

Aber wie gesagt, die Truppe bringt den Konflikt der Religionen vermengt mit Machtfragen, menschlicher Liebe und individuellen Schicksalen glaubwürdig rüber. Am Ende liegen sich die Protagonisten trotz aller Gegensätze in den Armen und wissen, dass es immer um den individuellen Menschen gehen sollte und nicht um das Kollektiv (der Gläubigen).

Sosehr ich also die Inszenierung loben will, so schwierig wurde es, als ich mich fragte, was uns Heutige das Ganze sagen soll. Lessing hatte für die Aufklärung gekämpft und die ist seit der Moderne nun durch und also kommt das Ganze so rüber wie Schnee von Gestern. Doch wer das Geschehen in unserer Zeit aufmerksam verfolgt, sieht, dass das Gift religiöser Doktrinen keineswegs seine Wirkung verloren hat. Ich glaube sogar, das unsere Gesellschaft immer religiöser wird.

Das hat nichts mit unseren Staatskirchen zu tun. Da sehe ich mehr Staat (eigentlich Regierung) als Kirche. Es ist einerseits der Islam, der in Deutschland immer mehr Raum einnimmt und wohl die Religion ist, die den ausgeprägtesten Anspruch hegt, Gesellschaft und Politik zu bestimmen. Spätestens seitdem in Berlin wieder jüdische Fahnen öffentlich verbrannt wurden, sollte klar sein, das Wegschauen keine Lösung sein wird. Es ist aber auch das süße Gift des Bessermenschentums, das beispielsweise als #Metoo oder als Gerede von linksgrünversifften Verhältnissen um sich greift. Der Wunsch, die Menschen in Gute und Schlechte zu teilen, das Land in dunkle und helle Bezirken, nimmt bedrohliche Züge an. Nicht mehr Individuum oder Familie sind der Kern der Gesellschaft, sondern ihre Gruppenidentitäten: Mann oder Frau, Flüchtling oder länger hier Lebender, hipper Berliner oder dumpfer Sachse, das sind die Kategorien, die immer häufiger betont werden.

Nun mag man dazu gewiss verschiedener Meinungen sein. Man mag sogar die zunehmende Moralisierung des öffentlichen Dialogs begrüßen. Aber ein Stück über genau diese Problematik aufzuführen, ohne an diese Erscheinungen anzuknüpfen, ist bemerkenswert. Eine Theatertruppe, die keine Gelegenheit auslässt, ein Höcke-Zitat einzuflechten oder über Trump abzulästern erscheint hier plötzlich feige. Klar, ein Seitenhieb auf „Rechts“ bringt höchstens ein bisschen Geschimpfe von ewig Gestrigen, ein Seitenhieb auf den politischen Islam ist dagegen real gefährlich.

Darum möchte ich das Wort „feige“ sogar zurücknehmen, denn Christoph Nix ist scheut eigentlich keinen Konflikt. Es ist vermutlich eher so, dass die Aktualität des Stoffes überhaupt nicht erkannt wurde. Aber auch das ist schade, denn die Aufgabe von Künstlern sollte es nicht sein mit „Ich auch“-Aufschrei dem Mainstream hinterherzurennen, sondern die verdrängten Konflikte einer Gesellschaft offenzulegen.

Jesus Christ Superstar

Die Handlung dürfte dem Leser bekannt sein – bis hinein in kleine Details. Die Leidensgeschichte Jesu vom Einzug in Jerusalem bis zum Tod am Kreuz wurde den schon länger hier Lebenden im Schul- und Religionsunterricht und vielfach auch im Elternhaus nahegebracht. Diese Erzählung, die den Glauben von über zwei Milliarden Menschen begründet, für den profanen Unterhaltungsbetrieb zu nutzen, ist mit mehreren Problemen gespickt. Denn selbst für den, der sich schon früh von der Kirche abgewandt hat, beispielsweise in der Zeit als Jesus Christ Superstar uraufgeführt wurde, ist der Stoff mit vielen Bedeutungen aufgeladen. Und darum werden nur die Wenigsten bei Jesus im Garten Getsemani an einen Menschen denken, der plötzlich Schiss vor der eigenen Courage bekommt. Vielmehr werden die meisten den Bezug zum Schicksalszweifel herstellen, der auch gläubige Christen in Zeiten von Not befällt und hier von Gottes Sohn prototypisch durchlitten wird.

Um all das glaubwürdig auf die Bühne zu bringen, ist höchste schauspielerische Leistung gefragt. Das dies misslingen kann, ist eines der Risiken in diesem Stoff. Mich hat es wenig erstaunt, dass sich das Konstanzer Ensemble hier verhoben hat. Unsere Schauspieler gehören nicht zum internationalen Spitzenpersonal, das muss man wissen, wenn man hier ein Stück inszeniert. Dass das Team begeisternde Darbietungen liefern kann, wurde schon oft genug bewiesen, auch in dieser Saison. Doch wenn es um tragische Stoffe geht, hängt zu viel an einzelnen Schauspielern. Die Konstanzer sollten die Finger davon lassen.

Bei Jesus Christ Superstar kommt hinzu, dass es eine (Rock-)Oper ist. Warum man meint, das sangliche Können einer Schauspieltruppe dafür reichen würde, verstehe ich nicht. Mag sein, dass der Gesang in späteren Aufführungen besser wird, aber aus einem Arlen Konietz wird kein Ian Gillan. Und es fehlte an spielerischen Ausdrucksmöglichkeiten, um die sanglichen Schwächen zu überdecken. Auch die Bühnengestaltung, oft ein innovatives Highlight in Konstanz, war diesmal eher dezent und dem Geschehen untergeordnet. Wie auch hätte es anders sein können, bei diesem Stoff? Lediglich in der Herodes-Szene drehten Birgit Kellner, Christian Schlechter und Ana Mondini auf; schön anzusehen, doch befremdlich im Zusammenhang mit der Passionshandlung. Dass man den deutschen Lauftext über große Strecken wegen der Beleuchtung nicht lesen konnte war ärgerlich und lässt sich vielleicht in künftigen Aufführungen noch nachbessern.

Doch trotz aller Schwächen hat der Abend vielen Besuchern Spaß gemacht. Wer mit den Songs aufgewachsen ist und sie nun auf der Bühne live sieht, kann sich trotz der Misstöne erfreuen und so gab es mal wieder Standing Ovations.

Die Rockoper von Andrew Lloyd Webber wirft aber eine sehr grundsätzliche Frage auf: Darf man eigentlich die christliche Passionsgeschichte überhaupt im Showbusiness ausschlachten? Wie unselbstverständlich das ist, wird offenbar, wenn wir uns vorstellen, das Stück würde nicht von Jesus, sondern von Mohammed handeln. Wie schnell ein solcher Versuch mit dem Leben bezahlt wird, zeigt die Erinnerung an Charlie Hebdo. Und es ginge dabei nicht um eine Religion in fernen Ländern, sondern um eine, die zu Deutschland gehört.

Erfreulicherweise ist das Konstanzer Publikum tolerant und auch die sicherlich gläubigen Christen unter den Zuschauern stören sich nicht daran, die Heilsgeschichte auf ein in die heutige Zeit versetztes Historienstück reduziert zu sehen. Und diese Geschichte geht etwa so: Jesus hat in den Menschen die Hoffnung auf ein besseres Leben geweckt, ein Leben ohne die doppelte Ausbeutung durch Römer und Priesterkaste. Doch je mächtiger die Bewegung wird, desto mehr verzettelt sich Jesus in Einzelaktionen und Judas will es scheinen, dass Jesus auf einem Egotrip die Chancen auf gesellschaftlichen Wandel gefährdet. Er will Jesus stoppen, verrät ihn letztlich und als er kapiert, dass er damit seinen Freund dem Tode ausgeliefert hat, beklagt er sich bei Gott, dass sein Schicksal die Rolle des Bösewichts sein soll.

Zur Entstehungszeit des Stückes, heute als 68er-Jahre bekannt, konnten sich die Zuschauer mit dem Protest und Aufruhr der Frühchristen leicht identifizieren. Alles, von Rudi Dutschke bis zu den Beatles sprach von Aufbruch, John Lennons Credo, die Beatles seien berühmter als Jesus, stellte einen provokanten Bezug her und das Motto der Hippies, Make Love not War, bildete einen fast urchristlichen Kontrapunkt zu den gleichzeitig in Gewalt endenden Demonstrationen.

Aber wenn man das Stück heute aufführt und es in die heutige Zeit transferiert, sollte man darüber nachdenken, welche Bezüge man aufstellt. Wer entspricht heute den Unterdrückern, wer sind die aufbegehrenden Massen, und wer oder welche Bewegung leitet den Protest? In der Konstanzer Aufführung halten die Protestierenden Schilder mit Aufschriften wie, „Keine Grenzen“ oder „Kein Mensch ist illegal“. Doch die Refugee-Welcome-Bewegung, also das Eintreten für Kriegsflüchtlinge, wird von einem breiten Konsens in Politik und Medien getragen, und auch in der Bevölkerung engagieren sich viele Bürger in Flüchtlingshilfe und beherbergen Asylanten. Ob man Antifa, Pegida oder AfD als heutige Widerstandsbewegungen ansehen will, ist fraglich. Bliebe noch, sich ganz allgemein auf die gesellschaftliche Auseinandersetzung als den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse zu beziehen, so wie die 68er-Bewegung teilweise verklärt wird. Doch das wäre politischer Kitsch. Die Konstanzer Theatermacher schaffen es nicht, einen plausiblen Zeitbezug herzustellen und hätten daher lieber das Stück in der Zeit der Römer belassen sollen.

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Die Farbe des Lachens

Auf der einen Seite gibt es ein Stück, auf der anderen Seite die Aufführung. Eine schwache Inszenierung kann ein gutes Stück kaputtspielen. Ein gutes Ensemble kann aber auch ein mittelmäßiges Stück zu einem Juwel transformieren. Genau das durfte ich bei der Premiere von „Die Farbe des Lachens“ genießen.

Im Untertitel heißt es: Eine burundisch-deutsche Überschreibung von Labiches „Die Affäre Rue de Lourcine“. Das Besondere war gewiss nicht Eugen Labiches Komödie. Sie ist schnell erzählt. Ein Mann findet sich morgens in seinem Bett mit einem anderen Mann. Beide haben einen Filmriss, erkennen sich aber als alte Schulkameraden. Sie erfahren, dass in der Nacht eine Frau ermordet wurde und die Indizien verdichten sich, dass sie die Schuldigen sind. Um ihr Verbrechen zu verheimlichen, bringen sie im Laufe des Stücks zwei vermeintliche Mitwisser um. Am Ende stellt sich dann heraus, dass der Zeitungsartikel, in dem von dem Mord berichtet wurde, schon viele Jahre alt ist. Nun ja. Wenn man es so liest, ist es gar nicht lustig. Vielleicht hatte Labiche gedacht, für das Lustigmachen sind die Schauspieler da.

Womit wir dann bei der burundisch-deutschen Schauspieltruppe wären und ihrer unglaublichen Inszenierung. Das Stück wird im Großen und Ganzen zweimal gespielt, einmal von den weißen, und einmal von den schwarzen Schauspielern. Aber wie! Mal hintereinander, mal gleichzeitig, mal sprechen die einen, während die anderen spielen, mal umgekehrt, mal mischen sich die Ensembles, mal sind sie streng getrennt, das Ganze in vier Sprachen gemischt. Und immer wieder treten die Schauspieler aus ihren Rollen heraus und beratschlagen, wie es weitergeht oder beschimpfen sich, weil etwas nicht gut genug gespielt wird. Ein wahrhaft verwirrender Aufführungsstilmix und höchst amüsant.

Trotz aller Gaudi und dem Feuerwerk an Regieeinfällen geht der Inhalt von Labiches Komödie nicht unter. Stück für Stück entwickelt sich das letztlich dramatische Geschehen. Und je mehr sich das Geschehen entfaltet, unterstützt die Inszenierung den Inhalt. Fast schon gänsehautproduzierend ist die Szene in der die burundischen Schauspieler zu den Off-Stimmen der deutschen Schauspieler pantomimen.

Nun geht Labiches Komödie nicht nur nicht im Aufführungstrubel unter, sondern kann schlussendlich ihre Botschaft sogar erfolgreich überbringen. Das liegt vor allem an der burundisch-deutschen Kombination. Das Projekt von Schauspielern aus einem der ärmsten Länder und einem der reichsten ist außergewöhnlich und lohnt den Blick ins Programmheft. Schauspielerei in einem Land, das noch das Grauen des Genozids zwischen Hutu und Tutsi verarbeitet, ist natürlich anders als in einem übersättigten Land, in dem ein Kompliment an eine Beauftragte für Bürgerschaftliches Engagement zum Skandal reicht. Wer jedoch meint, im Stil der Aufführung dem kulturellen Hintergrund nachspüren zu können oder sollen, muss aufpassen, nicht den eigenen (rassistischen) Vorurteilen zu erliegen.

Es ist ein besonderer Kniff, mit dem es dem Stück gelingt, die Herkunft der Schauspieler und Labiches Stück zu verbinden. Zwischen den einzelnen Szenen erzählen die Schauspieler Geschichten aus ihrer Vergangenheit. Und während diese Geschichten zu Beginn noch keinen Bezug zum Stück haben und noch unverbundenen nebeneinanderstehen, wachsen sie im Laufe der Zeit immer mehr zusammen. Eine Geschichte eines Autounfalls die in Niedersachsen beginnt, wird in Burundi fortgesetzt ohne dass dies irgendwelche Fragen aufwirft. Wunderbar am Ende dann die Geschichte, die eine burundische Hochzeit mit einer DDR-LPG verbindet. Und spätestens, wenn man nach Hause geht, merkt man, dass es in den Geschichten um irgendwie schuldlose Schuldverstrickung geht, was ja auch der Inhalt von Labiches Komödie ist.

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