Leistenbruchoperation

Gestern hatte ich meine OP: Leistenbruch beidseitig. Lapraskopischer Eingriff, drei Löcher im Bauch. Über die offenen Stellen wurde ein Netz gespannt und festgetackert. Die Leistenbruch-OP ist eine oder die häufigste OP in Deutschland, also Routine, es ging wohl auch alles gut.

Was mich natürlich interessiert ist die Krankenhausroutine, wie man sich fühlt und wie sehr man ausgeliefert ist. An Krankenhäuser habe ich gemischte Erfahrungen und über das Konstanzer Klinikum hat man schon so Geschichten gehört. In der Nacht vor dem Eingriff habe ich davon geträumt. Das Krankenzimmer war ein großer Festsaal mit Bühne. Unten im Raum übte das Orchester, die Betten standen rings herum. Total surreal. Auf mein verwundertes Fragen bekam ich eine Auskunft, die ich in dem Sinne verstand, dass es Sparzwänge gäbe und die Musik nicht schlecht sei. Ich fand die Antwort akzeptabel. Was mich aber beunruhigte war der OP-Saal. Er war nämlich außerhalb des eigentlichen Gebäudes in einer Art Rohbau. Als ich dann die Operateure sah, war ich erschreckt. Die hockten unter einer Stahlstrebe und wollten mich da operieren. Von oben tropfte überall Wasser runter. Skandalös. Ich habe dann protestiert und mich geweigert. Irgendwie gab es eine Debatte, dann bin ich aufgewacht.

Tatsächlich ist alles ganz anders, nahezu traumhaft. Alles blitzblank, großzugig dimensioniert, die Menschen freundlich und reden völlig vernünftig und nehmen alles sehr ernst und wichtig. Man bekommt die richtigen Informationen und weiß immer was passiert, auch dass man sich hinterher nicht an alles erinnern kann. Ich habe tatsächlich einen Filmriss von ein paar Stunden. „Sehen Sie, Sie können sich doch nicht mehr erinnern!“ heißt es dann, wen man sich die gleiche Sache zum dritten Mal erklären lässt. Ich weiß ja von diversen Alkoholexzessen, dass ich noch im sehr benebelten Zustand glaubwürdig aufnahmebereit wirken kann.

Es gab ein Problem mit der Intubierung, die Stimmbänder waren nicht zu sehen und man wollte das Rohr vernünftigerweise nicht so blind reinschieben. Hat wohl 20 Minuten gedauert, bis sie das gelöst hatten. Irgendwie erinnere ich mich auch eine so eine Gesichtsmaske, die sie mir aufgedrückt hatten. Es ist ja überhaupt wohl so, dass es nicht so sehr darauf ankommt, dass der Patient keine Schmerzen hat, sondern dass er sich nicht daran erinnert. Abgesehen mal davon, dass das Funktionsprinzip der Vollnarkose sowieso im Dunkeln liegt.

Wesentliches Element der OP ist das Aufblasen des Bauches. Mit Kohlenstoffgas wird die Hautdecke abgelöst und weggehalten, so dass die Chirurgen ihre Schlüsselochkunst entfalten können. Immerhin schaffen sie es ein mindestens handtellergroßes Netz zusammengefaltet in den Bauch zu schieben und dann dort zu entfalten und anzutackern. Suschi-Essen gehört vermutlich schon zur Grundausbildung.

Die nachträglichen Beschwerden halten sich in Grenzen scheinen mir vor allem muskulär zu sein. Die Vollnarkose führt zur vollständigen Muskelentspannung, was wohl nötig ist, um den Bauchraum aufzublasen. Schmerzen nehmen dann einen interessanten Verlauf zwischen Nachlassen der Schmerzen und nachlassender Wirkung der Schmerzmittel. 24 Stunden später sind die Gefühle dann auf Base-Level. Was dann noch schmerzt, bleibt auch noch eine Weile.

Meine größte Sorge war ja, dass man was Falsches operiert, also z.B. ein Bein abschneidet oder so. Ich hatte schon überlegt, ob ich mir was auf den Bauch schreiben soll, aber habe dann doch befürchtet, dass das ein schlechtes Karma verbreiten könnte. Ich habe dann geschafft, noch kurz vor der OP mit dem zuständigen Arzt zu sprechen und sichergestellt, dass er im Bilde ist. Ihn habe ich auch gefragt, ob er mir ein paar Bilder machen kann, was er auch tatsächlich gemacht hat. Leider kann ich nichts wirklich erkennen. Vielleicht kommt er nochmal zu einem Abschlussgespräch, dann Frage ich ihn.

Echtzeit-Internet vielleicht unterschätzt

Echtzeit-Internet ist ein neues Schlagwort über das man viel liest. Das Tempo der Netzveröffentlichungen hat so zugenommen, dass sich der Charakter verändert: Von der Präsentation statischer Inhalte zum kontinuierlichen Informationsstrom, von der Plakatsäule zur weltweiten Webcam.

Wird die Internet-Publikations-Taktrate kontinuierlich erhöht, erleben etliche Eigenschaften einen qualitativen Sprung. Spätestens mit den Bildern der Notlandung von US Airways 1549 im Hudson wurde Twitter als Nachrichtenmedium der Öffentlichkeit bekannt. Einen eher subtilen Effekt möchte ich hier beleuchten: Das Internet als Realitätsersatz.

Zuerst ist das Internet ein Spiegel der Welt. (Fast) alles auf der Welt bekommt sein digitales Pendant. Echtzeit-Internet schafft eine neue Qualität indem deutlich wird, dass das Internet nicht nur ein Abbild der Welt ist, sondern ein Teil der Welt, eine Konkurrenzveranstaltung zur „wirklichen“ Welt. Zwar ist es eigentlich Quatsch, zwischen realer Welt und künstlicher (Internet-)Welt unterscheiden zu wollen. Aber es ist offensichtlich, dass der Internet-Teil unserer Lebenswelt rasant wächst. Man könnte sogar spekulieren, dass dies auf Kosten der realen Welt geschieht: Während sich das Internet immer feiner ausdifferenziert, homogenisiert sich unser klassisches Umfeld: McDonalds im Tibet.

Wir leben einen Teil unseres Lebens in der digitalen Welt, nun also im Echtzeit-Internet. Alles was es im „realen“ Leben zwischen Menschen gibt, wird sich im Internet wiederfinden. Es wird lediglich zu einem Ort. Was wir verstehen lernen müssen, ist, wie sich diese Internet-Welt unterscheidet. Nur zwei Stichworte: Privatheit vs. Öffentlichkeit und Verteiltheit vs. Zentralität. Alles im Netz ist ja bekanntermaßen öffentlich und permanent, ein Kneipengespräch dagegen intim und flüchtig. So wichtig es ist, vor den entsprechenden Konsequenzen zu warnen, sollte man es nicht ausschließlich als Gefahrenquelle betrachten. Im Wasser kann man ja auch ertrinken oder baden.