Kasimir und Karoline

Regietricks für die Männerseele

Foto: Bjørn Jansen

Wer Anfang der 1930er-Jahre arbeitslos wird, dem droht materielle und seelische Not und so ist Kasimir, der tags zuvor „abgebaut“ wurde, nicht nach Feiern zumute. Seine Verlobte Karoline aber will sich vergnügen. Und so sieht der Zuschauer, wie die Beziehung der beiden auf dem Oktoberfest immer mehr zerbricht. Sie lässt sich erst von dem Zuschneider Egon Schürzinger umgarnen, später flirtet sie dann mit dem Kommerzienrat Rauch. Kasimir gibt sich derweil mit dem Merkl Franz und seiner Erna trübsinnigen Gedanken hin, die sich darum drehen, ob man sich besser politisch engagieren, oder sein Glück auf eigene (kriminelle) Faust suchen soll.

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Franziskus – Gaukler Gottes

Nicht gewollt, sondern gekonnt

Foto: Bjørn Jansen

Die neue Spielzeit hat mit einer brillanten Aufführung begonnen. Wer der Kunstfertigkeit einer großartigen Schauspielerin beiwohnen will und eineinhalb Stunden vor ungewohnter Kulisse bestens unterhalten werden möchte, der sollte sich Renate Winkler in der Christuskirche anschauen. Ich kann es uneingeschränkt empfehlen.

Das Stück von Dario Fo erzählt das Leben und Wirken des heiligen Franz von Assisi. Ich weiß nicht, ob alle Geschichten, die Dario Fo erzählt, eine faktische Grundlage haben. Etliches ist verbürgt oder etablierte Legende, entnehme ich der Internetsuchmaschine meiner Wahl. Die Zuspitzung des Franziskus als Rebell, der gegen die weltliche und kirchliche Obrigkeit, aber auch gegen die Dummheit und den Aberglauben des einfachen Volks mit Mut und Witz ankämpft, trägt ganz die Handschrift des Autors.

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Die Vögel

Sprechtheater hat mit sprechen zu. Das sollte man also auch können.

Ich hatte mich auf die Aufführung gefreut. Das Ankündigungsplakat mit dem gebratenen Hühnchen gefiel mir und die Fotos von dem „Bällebad“ auf der Homepage des Theaters versprachen ein ordentliches Bühnengaudi.

In der Tat: Die Bühnengestaltung, die Kostüme, die Requisiten – all das war vom Feinsten. Marie Labsch zeichnet dafür verantwortlich und man kann sie kaum genug loben. Welchen Beitrag die Choreografie in dieser Aufführung spielt, kann ich nicht genau einschätzen. Aber ich vermute, auch Zenta Haerter hat viel dazu beigetragen, dass das Stück nicht völlig abgestürzt ist. Denn was soll man davon halten, was Eivind Haugland (Dramaturgie) und Ingo Putz (Regie) da abgeliefert haben?

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Die Hauptstadt

Gibt es eigentlich eine EU-Richtlinie für die korrekte Benennung von Kunst?

Den großen Fehler haben die Theatermacher lange vor der Premiere gemacht. Sie haben die Aufführung als Schauspiel angekündigt, doch was dann gezeigt wurde, war eine szenische Lesung. Statt sich die Handlung im Spiel der Figuren entwickeln zu lassen, wurden im Wesentlichen größere Textpassagen aus Menasses umstrittenen Werk vorgetragen, gelegentlich unterbrochen von gespielten Situationen. Einige Zuschauer verließen das Theater in der Pause. Sie kannten das Buch und wollten sich keine Hörbuchfassung antun. Andere verließen die Vorstellung, weil das Dargebotene zur wirr schien.

Es war vermutlich gut, dass ich das Buch nicht gelesen, mir aber eine Inhaltsangabe zu Gemüte geführt hatte. So waren die vorgetragenen Texte frisch und ich konnte den vielen parallelen Handlungssträngen folgen. Und ich mag szenische Lesungen, ich finde, es ist eine schöne Kunstform.

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Meer

Zwölftonmusik in Textform

Die Handlung von Jon Fosses „Meer“ ist schnell erzählt, es gibt nämlich keine, oder fast keine. Es gibt lediglich ein Setup: Sechs Menschen, zwei Männer und zwei Paare befinden sich irgendwo, sie wissen nicht, wo sie sind und auch der Zuschauer weiß es nicht. Die Personen sprechen Sätze mit Pausen dazwischen, die meisten Sätze sprechen sie so vor sich hin, manche richten sie auch an andere Personen auf der Bühne und auf einige dieser Sätze reagieren die Angesprochenen sogar. Ob es sich dann um eine Antwort handelt, ist meist unklar.

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Cabaret

In der Provinz wird Dekadenz schnell zur Spießigkeit

Vermutlich hatte fast jeder Premierenbesucher den Film mit Liza Minelli aus dem Jahr 1972 bereits früher einmal gesehen. Dass die Besucher die Aufführung am Stadttheater Konstanz damit vergleichen würden, musste der Regie und allen Beteiligten klar sein. Und ebenso klar dürfte gewesen sein, dass man genau das verhindern musste, denn gegen die mit acht Oscars prämierte Musicalverfilmung kann man auf der Bühne schwerlich ankommen.

Foto: Bjørn Jansen
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Gerron

Schicksal eines Regiefanatikers

Ungeplante Erlebnisse sind oft die bereicherndsten. Es war Zufall, dass wir gestern in „Gerron“ gelandet sind. Eigentlich stand „Momentum“ auf meinem persönlichen Spielplan, es fiel aber wegen der plötzlichen Erkrankung von Ingo Biermann aus. Wir hatten nur zwei Minuten um vom großen Haus in die Werkstatt zu wechseln und zum Glück hatte ich keine Ahnung, worum es in Gerron ging und musste schnell entscheiden, um die letzten Plätze zu sichern.

Zum Glück deshalb, weil erst, als das Stück begonnen hatte und ich André Rohde als Gerron mit Judenstern auf der Bühne sah, mir klar wurde, dass es an diesem Abend um die Grauen des Dritten Reichs gehen würde. Auch die Holzkonstruktion auf der Bühne entpuppte sich damit als KZ-Verschlag. Ich bin nicht immer aufnahmebereit für solchen Stoff. Besuche in KZ-Gedenkstätten führen einem stets vor Augen, wie grauenhaft Menschen sein können und wie viel Leid sie einander zugefügt haben. Ich muss mich erst innerlich darauf einstellen, bevor ich mich dem aussetze. Dazu kommt meine Sorge, dass das Thema für irgendeine Agenda missbraucht wird.

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Der brave Soldat Schwejk

Die Öde der Geschlechtslosen

Ich will es gleich klarstellen: Ich fand die Aufführung langweilig. Andere Premierenbesucher haben es höflicher gesagt, etwa in dem Sinne, dass das erste Drittel ganz interessant gewesen sei, aber es sich dann doch gezogen habe. Das mit dem ersten Drittel ist richtig, es ist eigentlich immer richtig. Denn am Anfang sieht man viel Neues auf der Bühne. Diesmal beispielsweise das gelungene Bühnenbild von Ursula Gaisböck: Ein überdimensionaler Clownshut und große rote Puschel auf dem Boden verstreut. Auch Johanna Link im knallroten Strampler als Soldat Schweijk ist zunächst interessant anzusehen und Rudolf Hartmann ist ein bemerkenswerter Anblick, wenn er in Kampfuniform und Reifrockgestell Schifferklavier spielt und dazu singt. Doch wenn sich die ersten Eindrücke gesetzt haben, kommt es auf das Stück und seine Inszenierung an. Und die hat wohl auch dem Premierenpublikum nicht so ganz zugesagt; der sonst immer sehr überschwängliche Applaus war etwas verhalten. Wie gesagt, ich fand es vor allem langweilig.

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Draußen vor der Tür

Kriegsheimkehrer*innen verstehen lernen

Als ich mit dem einen und anderen Besucher nach der Premiere sprach, schwankte ihr Eindruck zwischen nicht schlecht, ganz gut und weiß nicht; Einigkeit herrschte darin, dass es am Ende der Aufführung etwas zäh wurde. Langeweile hatte sich eingestellt, manchem fielen gar die Augen zu.

Wie kann das sein? Wie kann das sein, bei einem Stück wie diesem?

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Wer hat Angst vorm weißen Mann

Offensichtlich hat die Dramaturgie keinen Einfluss auf die Aufführung. Und das ist auch gut so.

Dominique Lorenz hat mit „Wer hat Angst vorm weißen Mann“ ein wunderbares Volkstheaterstück geschaffen. Ein Schenkelklopfer reiht sich an den nächsten, ganz so wie bei Ohnesorgs, und am Ende denkt man gerne darüber nach, was einem das Stück über das Leben und das Schicksal sagt. Und unserem Theater gelingt es, das Lustspiel gekonnt in Szene zu setzen.

Es geht um den Metzgermeister Franz, der nach seinem Schlaganfall in den Betrieb zurückkehrt und feststellt, dass seine Welt in Unordnung geraten ist. Tochter Zita hat den Betrieb mehr recht als schlecht mit dem Asylbewerber Alpha aus Togo am Laufen gehalten, doch die Kunden bleiben weg, weil die Weißwürste nicht mehr so schmecken wie früher. Zita träumt von einer Imbissecke, einer sanften Erneuerung des alteingesessenen Betriebs. Sohn Anton, ein Luftikus unter der Fuchtel seiner Frau, will die Metzgerei ganz aufgeben und eine Lounge einrichten.

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