Salome

Das großartige Drama von Oscar Wilde hätte ein Glanzstück des Konstanzer Theaters werden können. Ein veritabler Schwachpunkt hat es leider verhindert.

Die biblische Geschichte ist so einfach wie bekannt. König Herodes feiert seinen Geburtstag. Er hält Johannes den Täufer gefangen, der seine Frau Herodias beschimpft. Die war nämlich Herodes‘ Schwägerin, bevor dieser seinen Bruder umgebracht hat. Auf dem Fest bittet Herodes seine Stiefttochter Salome für ihn zu tanzen, was diese auch tut, nachdem er ihr versprochen hat, jeden Wunsch zu erfüllen. Sie wünscht sich dann, von ihrer Mutter beeinflusst, den Kopf des Johannes, den sie auch bekommt. Herodias hat nun Ruhe vor den Vorwürfen des Predigers.

Bei der Dramatisierung des Stoffes hätte Wilde etliche Wege gehen können. Zum Beispiel hätte er ein Stück über Macht und Korruption schreiben können. Herodes war Vasall der Römer, durchaus ein brutaler Herrscher aber auch ein geschickter Politiker. Mit Johannes tritt das frühe Christentum auf den Plan, dem, wie wir wissen, ein großer Siegeszug bevorsteht. Und für die beiden Frauen hätten sich sicherlich noch interessante Positionen im königlichen Macht- und Kraftgefüge finden lassen.

Doch Wilde macht etwas Anderes und lässt Salome eine Liebende werden, die den Kopf des Johannes fordert, weil dieser ihre heftigen Avancen zurückweist. Das ist genial. So wird aus dem Historienstoff ein Stück über die zeitlose Dichotomie von Mann und Frau. Und hier dann sogar zwischen älteren Männern und älteren Frauen und jüngeren Männern und jüngeren Frauen wie auch unter Männern und unter Frauen.

Vera Nemirova ist die Umsetzung des Stoffes gelungen, Regie und Bühnenbild sind meisterlich. Die Nebenrollen changieren in Kleidung und Auftreten zwischen Mann und Frau und die Hofschranzen sind so alt und grau und dumm und hässlich, dass einem die Schauspieler schon fast leidtun, so auf der Bühne stehen zu müssen. Auch Musik und Bühnenbild ordnen sich trefflich dem einen Zweck unter, nämlich vier paar große Schuhe bereitzustellen in die die Hauptdarsteller schlüpfen dürfen.

Für Jörg Dathe und Bettina Riebesel als Herodes und Herodias scheinen diese Schuhe das richtige Format zu haben. Dathe zeigt uns einen Herodes, der an der Neige seines Lebens, an sich selber zweifelt, der weiß, dass er eigentlich nur das politische Erbe seines Vaters verwaltet hat, dass seine Macht von den Römern geliehen ist und all seine Befehlsgewalt nicht mit innerer Größe korreliert. Er ist verzweifelt und immer noch auf der Suche nach Sinn und Erfüllung. Deshalb seine Hoffnung auf Erlösung durch den Tanz der sieben Schleier.

Herodias hält sich mit Selbstzweifeln nicht auf. Ihr Selbstbild lässt das nicht zu, alles was es mal als Liebe gegeben haben mag ist in Gehässigkeit transformiert. Sie kann die Zweifel ihres Mannes nicht verstehen und hat keine Ahnung davon, warum dieser den für sie verrückten Propheten nicht eigenhändig tötet, wie so viele davor. Riebesel ist grandios in dieser Rolle. Sie erinnert an Elizabeth Taylor im Ehedrama „Wer hat Angst vor Verginia Woolf“.

Es ist diesen beiden Schauspielern zu verdanken, dass man in die Handlung hineingezogen wird und dass man sich mit den Rollen identifiziert und in diese hineininterpretiert. So wie auch ich das hier soeben getan habe und auch weiter tun werde. Andere Zuschauer mögen in andere Richtungen denken, denn mindestens so verschieden wie Mann und Frau sind wir alle untereinander. Und unser Liebesleben hat uns je anderes über die Geschlechterrollen gelehrt. Das ist ja schließlich das Schöne an einem gut gespielten, universellen Stoff, dass man so viel herausnehmen kann.

Leider kann man aus dem, was Sylvana Schneider als Salome und André Rohde als  Johannes vorführen, nicht viel herausnehmen. Die metaphorischen Schuhe sind vor allem für Schneider viel zu groß. Sie soll sich an dem schönen, weißen Körper des Johannes berauschen. Schneider spricht die Worte, doch nichts davon ist glaubwürdig. Sie bleibt steif und hölzern wie die arrogante Prinzessin auf der Erbse. Da ist nichts von einer Femme Fatale, die in Leidenschaft entflammt. Und so bleibt auch völlig unverständlich, dass sie den Kopf fordert. Denn es soll ja angeblich nicht (nur) Rache sein, die sie dazu bringt, sondern tatsächliches Verlangen diesen küssen zu können. Zugegeben: Diese nekrophile Veranstaltung ist eine schauspielerische Herausforderung. Aber das so gar nichts von alledem rüberkommt, ist schon traurig.

Durch den Ausfall des Gegenparts wird das Flehen des Herodes, ihn aus seinem Wort zu entlassen, zu einer ermüdenden Veranstaltung. Man weiß ja, dass er am Ende einwilligen muss, aber immer nur quasi „Bätschi, ich will den Kopf“ dagegen zu halten entwertet Dathes Schauspielkunst. Dabei hätte Schneider im Schwanken der Salome zwischen Mitgefühl für ihren Vater und Verlangen nach dem Körper des Predigers beiden Gefühlen Ausdruck geben können und sollen.

So bleibt das riesige Potential des Stoffes weitgehend unausgeschöpft. Wie schön hätte man die Bindung der Frau an das irdische, die chthonische Wurzel des Weiblichen in Gegensatz stellen können zur Bindung des Mannes an das Geistige. Auch die unterschiedlichen Beziehungen zwischen Männern und Frauen hätte man hervorheben können. Johannes, der ohnehin dem Weltlichen entrückt ist und Herodes, der in homophiler Neigung diesen als Erlöser für sein Seelenleiden sucht. Dagegen die Frauen verbunden durch die Gewissheit des Geburtskanals ganz auf sich bezogen. Jemand anderes hätte vielleicht auch einen modernen Feminismus in den Frauenrollen entdecken mögen, eine Salome, die ihre Wünsche formuliert und einfordert und notfalls über Leichen geht. Wie auch immer. Nur hätte ich mir gewünscht es zu erleben und nicht, es mir denken zu müssen.

 

Die unsichtbare Hand

Wer keinen Burger mag, soll keinen Burger essen und nicht versuchen, einen Burger zum Tofu-Brötchen zu machen

Nach dem Stück wurde ich gefragt, was uns das denn nun sagen solle. Meine Antwort war eher dünn. Es solle das zeigen, was es zeige, sagte ich: Nick Bright, ein amerikanischer Banker wird in Pakistan von einer Islamistenzelle gefangen genommen um Lösegeld zu erpressen. Da sie aber den Falschen erwischt haben, und überdies der Imam mittlerweile von den USA als Terrorist eingestuft ist, wird das mit dem Lösegeld nichts werden. Nick bietet nun an, sein Lösegeld an der Börse zu verdienen und seinen Bewacher Bashir in die Kunst von Puts und Calls einzuweihen. Die islamischen Terroristen werden vom Spekulationsfieber erfasst, es zeigt sich, dass sie auch nur Menschen sind, die ihren eigenen Vorteil suchen, es wird ein wenig über Schuld des westlichen Imperialismus, über Glaube, über Marktgesetze und so weiter geredet und am Ende ist Bashir skrupelloser als sein Lehrer, der Imam tot und Nick zwar frei aber weiter in seinem Gefängnisloch eingesperrt. (Letzteres ist etwas merkwürdig und wohl ein Einfall der Dramaturgin.)

Also, was soll das? Oder besser, was will man uns damit sagen? Hat das einen irgendwie höheren oder tieferen Sinn? Es geht ja schon um wichtige Themen, vielleicht um das wichtigste überhaupt. Nachdem der Kommunismus sich als Alternative zum Kapitalismus verabschiedet, und statt Wohlstand und Gerechtigkeit nur Elend und fast 100 Millionen Tote hinterlassen hat, ist vielleicht der Dschihad die neue Herausforderung für die westliche Kultur. Jedenfalls begann unser Jahrtausend mit einem pompösen Schlag gegen das New-Yorker Wahrzeichen des Welthandels. Und Geld versus Gott in einem Gefängnis aufeinandertreffen zulassen, ist eigentlich ein bemerkenswertes Setting. Doch irgendwie bleit das Ganze blutleer und hohl.

Man ahnt schon früh, dass da Absicht hinter steckt. Die Bühne und die Schauspieler sind ganz in Schwarzweiß gehalten. Die einzige Farbe sind die regelmäßig eingeblendeten Filmszenen auf der Rückwand der Bühne, die Erinnerungen Nicks an die Gefangennahme, an seine Familie. Schwarzweiß steht für Abstraktion und so soll wohl der Möglichkeit vorgebeugt werden, dass sich der Zuschauer mit den Figuren identifiziert, womöglich gar mit dem Gefangenen über sein Schicksal fiebert. Die Abstraktion ist sogar noch weitergetrieben. Es fehlen sämtliche Requisiten. Zwar sind die Islamanhänger weiß gekleidet, aber nicht in ihren typischen weißen, bodenlangen Kutten, sondern wie die Gang in Kubricks Clockwork Orange, mit weißen Hemden, Hosen und übergezogenen Genitalschutz. (Vielleicht eine Anspielung, aber eine, die mir verschlossen bleibt.)

Ohne jedes Hilfsmittel ist die Anforderung an die Schauspieler, die Figuren lebendig und glaubwürdig rüber zu bringen, natürlich extrem. Georg Melch als Nick Bright und Tomasz Robak als Bashir gelingt das einigermaßen. Ingo Biermann wäre aber als Tatortkommissar glaubwürdiger denn als Imam Saleem. Ein angeklebter Zottelbart hätte geholfen.

Doch wäre es wohl ungerecht, den Schauspielern einen Vorwurf zu machen. Das Verbannen des Menschen von der Bühne und sein Ersatz durch eine Fassade ist dramaturgische Absicht. Das jedenfalls ergibt sich aus dem Studium des Begleithefts. Für Miriam Fehlker scheint die Welt einfach und „braucht es keinen Wirtschaftsspezialisten“ um das Wesen des Geldes zu verstehen. In Zeiten von Bankenkrisen und Toten im Mittelmeer ist es für sie klar, dass einem entgrenzten Markt kein begrenztes Gemeinwohl gegenüberstehen kann. Nun, dass denken viele und es ist wohl gut, es deutlich auszusprechen und zu begründen, zum Beispiel gegenüber den aufopfernden Helfern der Essener Tafel, die genau diese Grenzen ziehen. Doch an den daraus zwingend entstehenden Differenzierungen dürfte Regie und Dramaturgie nicht gelegen sein. Lieber bringt man sein Schwarzweißdenken auf die Bühne und das Stück dabei unter die Räder.

Denn der Autor Ajad Ajthar hatte wohl anderes im Sinn. Der Sohn pakistanischer Einwanderer in die USA versucht genau das Gegenteil, nämlich Polarisierungen aufzubrechen und Verständnis dafür zu wecken, dass hinter den Ideologien Menschen stehen. Er will hinter die Dichotomie von Geld versus Gott schauen und zeigen, dass es Menschen sind, die miteinander agieren und dabei Strukturen schaffen aber auch ändern. Nicht umsonst ist das Stück nach Adam Smiths berühmter Metapher benannt, die von dem Gedanken geleitet ist, das eine friedliche und wohlstandschaffende Gesellschaft nicht gegen die Natur des Menschen errichtet werden kann. Geld als Inbegriff von wirtschaften auf freien Märkten, mit seiner Idee, Gemeinwohl mit individuellem Streben zu versöhnen, ist die unsichtbare Hand, die auch das Geschehen im Terrorgefängnis leitet. Dazu gehören, dort wie in der Gesellschaft, reale Menschen und nicht Schwarzweißstereotypen.

Ajad Ajthar wollte mit seinem Stück viele Fragen stellen und die Antworten offen lassen. Die Konstanzer reduzieren das Stück auf Schwarzweiß und liefern die Antwort gleich mit. Dafür hätten sie sich besser ein anderes Stück aussuchen sollen. Denn, wer keinen Burger mag, …

Nathan und das nicht so weise Stadttheater Konstanz

Gestern Abend war Premiere von „Lebenshunger“ und weil ich dazu nicht viel zu sagen habe, will ich jetzt meine Anmerkungen zum Nathan loswerden.

Vorab kurz zum Tanztheater „Lebenshunger“. Das war schön, sogar ein wenig eindrucksvoll. Es wurde moderne Musik gespielt, eine Mischung aus E-Musik und Pop mit Übergängen zur Sound-Art. Ich mag das. Dazu sechs junge, athletische Körper, deren Bewegungen zwischen Zärtlichkeit und Gewalt changieren. Irgendetwas wie Handlung konnte ich nicht ausmachen, aber das hat mir nicht gefehlt. Was mich im Nachhinein erstaunt hat, war, dass ich alles völlig unerotisch fand. Nicht dass ich das gebraucht hätte, aber irgendwie schon bemerkenswert, wenn drei Männer und Frauen über eine Stunde lang ihre Köper aneinander tanzen und sogar alle sechs in Löffelchenstellung den Gruppenschlaf zelebrieren, dass das so entsexualisiert sein kann. Nun ja, ich kann’s auf jeden Fall empfehlen.

Dann also zum Nathan. Die Premiere ist ja nun schon eine Weile her. Das Stück kann ich auch empfehlen, es ist gut gemachtes Theater. Mein „Aber“, kommt gleich, sollte aber niemanden von einem Besuch abhalten.

Was die Konstanzer ja wirklich gut draufhaben, sind Inszenierung und Bühnengestaltung. Das Stück spielt in der Spiegelhalle und das Publikum wird zunächst in drei Gruppen aufgeteilt. Jede Gruppe sieht die drei Anfangsszenen einzeln im Foyer oder an den Bühnenrändern. Das ist mal was anderes. Als Zuschauer steht man fast neben den Schauspielern und kriegt tatsächlich einen ganz anderen Eindruck als beim distanzierten Blick auf die Bühne.

Anschließend geht es zur Bühne, einem überdimensionierten Sandkasten, um den die Zuschauer in in drei oder vier Reihen sitzen. Keine Requisiten, nur die Fläche und die Schauspieler, abstrakt und konzentriert. Und die Schauspieler verstehen es, den freien Raum mit ihren Rollen auszufüllen. Da gibt es nichts dran zu mäkeln, lediglich für Sultan Saladin hätte ich mir einen anderen Schauspieler als Ramsès Alfa vorstellen können. Als Schwarzer verbreitet Alfa zwar afrikanischen Flair, aber den Sultan in Jerusalem zum Anfang des letzen Jahrtausends stelle ich mir feinsinniger vor. Nun ja.

Aber wie gesagt, die Truppe bringt den Konflikt der Religionen vermengt mit Machtfragen, menschlicher Liebe und individuellen Schicksalen glaubwürdig rüber. Am Ende liegen sich die Protagonisten trotz aller Gegensätze in den Armen und wissen, dass es immer um den individuellen Menschen gehen sollte und nicht um das Kollektiv (der Gläubigen).

Sosehr ich also die Inszenierung loben will, so schwierig wurde es, als ich mich fragte, was uns Heutige das Ganze sagen soll. Lessing hatte für die Aufklärung gekämpft und die ist seit der Moderne nun durch und also kommt das Ganze so rüber wie Schnee von Gestern. Doch wer das Geschehen in unserer Zeit aufmerksam verfolgt, sieht, dass das Gift religiöser Doktrinen keineswegs seine Wirkung verloren hat. Ich glaube sogar, das unsere Gesellschaft immer religiöser wird.

Das hat nichts mit unseren Staatskirchen zu tun. Da sehe ich mehr Staat (eigentlich Regierung) als Kirche. Es ist einerseits der Islam, der in Deutschland immer mehr Raum einnimmt und wohl die Religion ist, die den ausgeprägtesten Anspruch hegt, Gesellschaft und Politik zu bestimmen. Spätestens seitdem in Berlin wieder jüdische Fahnen öffentlich verbrannt wurden, sollte klar sein, das Wegschauen keine Lösung sein wird. Es ist aber auch das süße Gift des Bessermenschentums, das beispielsweise als #Metoo oder als Gerede von linksgrünversifften Verhältnissen um sich greift. Der Wunsch, die Menschen in Gute und Schlechte zu teilen, das Land in dunkle und helle Bezirken, nimmt bedrohliche Züge an. Nicht mehr Individuum oder Familie sind der Kern der Gesellschaft, sondern ihre Gruppenidentitäten: Mann oder Frau, Flüchtling oder länger hier Lebender, hipper Berliner oder dumpfer Sachse, das sind die Kategorien, die immer häufiger betont werden.

Nun mag man dazu gewiss verschiedener Meinungen sein. Man mag sogar die zunehmende Moralisierung des öffentlichen Dialogs begrüßen. Aber ein Stück über genau diese Problematik aufzuführen, ohne an diese Erscheinungen anzuknüpfen, ist bemerkenswert. Eine Theatertruppe, die keine Gelegenheit auslässt, ein Höcke-Zitat einzuflechten oder über Trump abzulästern erscheint hier plötzlich feige. Klar, ein Seitenhieb auf „Rechts“ bringt höchstens ein bisschen Geschimpfe von ewig Gestrigen, ein Seitenhieb auf den politischen Islam ist dagegen real gefährlich.

Darum möchte ich das Wort „feige“ sogar zurücknehmen, denn Christoph Nix ist scheut eigentlich keinen Konflikt. Es ist vermutlich eher so, dass die Aktualität des Stoffes überhaupt nicht erkannt wurde. Aber auch das ist schade, denn die Aufgabe von Künstlern sollte es nicht sein mit „Ich auch“-Aufschrei dem Mainstream hinterherzurennen, sondern die verdrängten Konflikte einer Gesellschaft offenzulegen.

Jesus Christ Superstar

Die Handlung dürfte dem Leser bekannt sein – bis hinein in kleine Details. Die Leidensgeschichte Jesu vom Einzug in Jerusalem bis zum Tod am Kreuz wurde den schon länger hier Lebenden im Schul- und Religionsunterricht und vielfach auch im Elternhaus nahegebracht. Diese Erzählung, die den Glauben von über zwei Milliarden Menschen begründet, für den profanen Unterhaltungsbetrieb zu nutzen, ist mit mehreren Problemen gespickt. Denn selbst für den, der sich schon früh von der Kirche abgewandt hat, beispielsweise in der Zeit als Jesus Christ Superstar uraufgeführt wurde, ist der Stoff mit vielen Bedeutungen aufgeladen. Und darum werden nur die Wenigsten bei Jesus im Garten Getsemani an einen Menschen denken, der plötzlich Schiss vor der eigenen Courage bekommt. Vielmehr werden die meisten den Bezug zum Schicksalszweifel herstellen, der auch gläubige Christen in Zeiten von Not befällt und hier von Gottes Sohn prototypisch durchlitten wird.

Um all das glaubwürdig auf die Bühne zu bringen, ist höchste schauspielerische Leistung gefragt. Das dies misslingen kann, ist eines der Risiken in diesem Stoff. Mich hat es wenig erstaunt, dass sich das Konstanzer Ensemble hier verhoben hat. Unsere Schauspieler gehören nicht zum internationalen Spitzenpersonal, das muss man wissen, wenn man hier ein Stück inszeniert. Dass das Team begeisternde Darbietungen liefern kann, wurde schon oft genug bewiesen, auch in dieser Saison. Doch wenn es um tragische Stoffe geht, hängt zu viel an einzelnen Schauspielern. Die Konstanzer sollten die Finger davon lassen.

Bei Jesus Christ Superstar kommt hinzu, dass es eine (Rock-)Oper ist. Warum man meint, das sangliche Können einer Schauspieltruppe dafür reichen würde, verstehe ich nicht. Mag sein, dass der Gesang in späteren Aufführungen besser wird, aber aus einem Arlen Konietz wird kein Ian Gillan. Und es fehlte an spielerischen Ausdrucksmöglichkeiten, um die sanglichen Schwächen zu überdecken. Auch die Bühnengestaltung, oft ein innovatives Highlight in Konstanz, war diesmal eher dezent und dem Geschehen untergeordnet. Wie auch hätte es anders sein können, bei diesem Stoff? Lediglich in der Herodes-Szene drehten Birgit Kellner, Christian Schlechter und Ana Mondini auf; schön anzusehen, doch befremdlich im Zusammenhang mit der Passionshandlung. Dass man den deutschen Lauftext über große Strecken wegen der Beleuchtung nicht lesen konnte war ärgerlich und lässt sich vielleicht in künftigen Aufführungen noch nachbessern.

Doch trotz aller Schwächen hat der Abend vielen Besuchern Spaß gemacht. Wer mit den Songs aufgewachsen ist und sie nun auf der Bühne live sieht, kann sich trotz der Misstöne erfreuen und so gab es mal wieder Standing Ovations.

Die Rockoper von Andrew Lloyd Webber wirft aber eine sehr grundsätzliche Frage auf: Darf man eigentlich die christliche Passionsgeschichte überhaupt im Showbusiness ausschlachten? Wie unselbstverständlich das ist, wird offenbar, wenn wir uns vorstellen, das Stück würde nicht von Jesus, sondern von Mohammed handeln. Wie schnell ein solcher Versuch mit dem Leben bezahlt wird, zeigt die Erinnerung an Charlie Hebdo. Und es ginge dabei nicht um eine Religion in fernen Ländern, sondern um eine, die zu Deutschland gehört.

Erfreulicherweise ist das Konstanzer Publikum tolerant und auch die sicherlich gläubigen Christen unter den Zuschauern stören sich nicht daran, die Heilsgeschichte auf ein in die heutige Zeit versetztes Historienstück reduziert zu sehen. Und diese Geschichte geht etwa so: Jesus hat in den Menschen die Hoffnung auf ein besseres Leben geweckt, ein Leben ohne die doppelte Ausbeutung durch Römer und Priesterkaste. Doch je mächtiger die Bewegung wird, desto mehr verzettelt sich Jesus in Einzelaktionen und Judas will es scheinen, dass Jesus auf einem Egotrip die Chancen auf gesellschaftlichen Wandel gefährdet. Er will Jesus stoppen, verrät ihn letztlich und als er kapiert, dass er damit seinen Freund dem Tode ausgeliefert hat, beklagt er sich bei Gott, dass sein Schicksal die Rolle des Bösewichts sein soll.

Zur Entstehungszeit des Stückes, heute als 68er-Jahre bekannt, konnten sich die Zuschauer mit dem Protest und Aufruhr der Frühchristen leicht identifizieren. Alles, von Rudi Dutschke bis zu den Beatles sprach von Aufbruch, John Lennons Credo, die Beatles seien berühmter als Jesus, stellte einen provokanten Bezug her und das Motto der Hippies, Make Love not War, bildete einen fast urchristlichen Kontrapunkt zu den gleichzeitig in Gewalt endenden Demonstrationen.

Aber wenn man das Stück heute aufführt und es in die heutige Zeit transferiert, sollte man darüber nachdenken, welche Bezüge man aufstellt. Wer entspricht heute den Unterdrückern, wer sind die aufbegehrenden Massen, und wer oder welche Bewegung leitet den Protest? In der Konstanzer Aufführung halten die Protestierenden Schilder mit Aufschriften wie, „Keine Grenzen“ oder „Kein Mensch ist illegal“. Doch die Refugee-Welcome-Bewegung, also das Eintreten für Kriegsflüchtlinge, wird von einem breiten Konsens in Politik und Medien getragen, und auch in der Bevölkerung engagieren sich viele Bürger in Flüchtlingshilfe und beherbergen Asylanten. Ob man Antifa, Pegida oder AfD als heutige Widerstandsbewegungen ansehen will, ist fraglich. Bliebe noch, sich ganz allgemein auf die gesellschaftliche Auseinandersetzung als den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse zu beziehen, so wie die 68er-Bewegung teilweise verklärt wird. Doch das wäre politischer Kitsch. Die Konstanzer Theatermacher schaffen es nicht, einen plausiblen Zeitbezug herzustellen und hätten daher lieber das Stück in der Zeit der Römer belassen sollen.

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Die Farbe des Lachens

Auf der einen Seite gibt es ein Stück, auf der anderen Seite die Aufführung. Eine schwache Inszenierung kann ein gutes Stück kaputtspielen. Ein gutes Ensemble kann aber auch ein mittelmäßiges Stück zu einem Juwel transformieren. Genau das durfte ich bei der Premiere von „Die Farbe des Lachens“ genießen.

Im Untertitel heißt es: Eine burundisch-deutsche Überschreibung von Labiches „Die Affäre Rue de Lourcine“. Das Besondere war gewiss nicht Eugen Labiches Komödie. Sie ist schnell erzählt. Ein Mann findet sich morgens in seinem Bett mit einem anderen Mann. Beide haben einen Filmriss, erkennen sich aber als alte Schulkameraden. Sie erfahren, dass in der Nacht eine Frau ermordet wurde und die Indizien verdichten sich, dass sie die Schuldigen sind. Um ihr Verbrechen zu verheimlichen, bringen sie im Laufe des Stücks zwei vermeintliche Mitwisser um. Am Ende stellt sich dann heraus, dass der Zeitungsartikel, in dem von dem Mord berichtet wurde, schon viele Jahre alt ist. Nun ja. Wenn man es so liest, ist es gar nicht lustig. Vielleicht hatte Labiche gedacht, für das Lustigmachen sind die Schauspieler da.

Womit wir dann bei der burundisch-deutschen Schauspieltruppe wären und ihrer unglaublichen Inszenierung. Das Stück wird im Großen und Ganzen zweimal gespielt, einmal von den weißen, und einmal von den schwarzen Schauspielern. Aber wie! Mal hintereinander, mal gleichzeitig, mal sprechen die einen, während die anderen spielen, mal umgekehrt, mal mischen sich die Ensembles, mal sind sie streng getrennt, das Ganze in vier Sprachen gemischt. Und immer wieder treten die Schauspieler aus ihren Rollen heraus und beratschlagen, wie es weitergeht oder beschimpfen sich, weil etwas nicht gut genug gespielt wird. Ein wahrhaft verwirrender Aufführungsstilmix und höchst amüsant.

Trotz aller Gaudi und dem Feuerwerk an Regieeinfällen geht der Inhalt von Labiches Komödie nicht unter. Stück für Stück entwickelt sich das letztlich dramatische Geschehen. Und je mehr sich das Geschehen entfaltet, unterstützt die Inszenierung den Inhalt. Fast schon gänsehautproduzierend ist die Szene in der die burundischen Schauspieler zu den Off-Stimmen der deutschen Schauspieler pantomimen.

Nun geht Labiches Komödie nicht nur nicht im Aufführungstrubel unter, sondern kann schlussendlich ihre Botschaft sogar erfolgreich überbringen. Das liegt vor allem an der burundisch-deutschen Kombination. Das Projekt von Schauspielern aus einem der ärmsten Länder und einem der reichsten ist außergewöhnlich und lohnt den Blick ins Programmheft. Schauspielerei in einem Land, das noch das Grauen des Genozids zwischen Hutu und Tutsi verarbeitet, ist natürlich anders als in einem übersättigten Land, in dem ein Kompliment an eine Beauftragte für Bürgerschaftliches Engagement zum Skandal reicht. Wer jedoch meint, im Stil der Aufführung dem kulturellen Hintergrund nachspüren zu können oder sollen, muss aufpassen, nicht den eigenen (rassistischen) Vorurteilen zu erliegen.

Es ist ein besonderer Kniff, mit dem es dem Stück gelingt, die Herkunft der Schauspieler und Labiches Stück zu verbinden. Zwischen den einzelnen Szenen erzählen die Schauspieler Geschichten aus ihrer Vergangenheit. Und während diese Geschichten zu Beginn noch keinen Bezug zum Stück haben und noch unverbundenen nebeneinanderstehen, wachsen sie im Laufe der Zeit immer mehr zusammen. Eine Geschichte eines Autounfalls die in Niedersachsen beginnt, wird in Burundi fortgesetzt ohne dass dies irgendwelche Fragen aufwirft. Wunderbar am Ende dann die Geschichte, die eine burundische Hochzeit mit einer DDR-LPG verbindet. Und spätestens, wenn man nach Hause geht, merkt man, dass es in den Geschichten um irgendwie schuldlose Schuldverstrickung geht, was ja auch der Inhalt von Labiches Komödie ist.

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Der Meister und Margarita

Ich muss vorwegschicken, dass „Der Meister und Margerita“ von Michail Bulgakow zu meinen absoluten Lieblingsbüchern zählt, eines auf der Liste für die einsame Insel. Da ist man natürlich immer schnell von einer Umsetzung als Film oder Theaterstück enttäuscht. Doch hier war es anders, die Aufführung war gewissermaßen das Buch in Kurzfassung. Mehr noch als das: Die Darbietung der Konstanzer Schauspieler, die durchweg überzeugen konnten, haben mir einige Szenen ernsthafter erscheinen lassen (und das wohl zu Recht), als ich dies aus dem Buch erinnert hatte.

Den Inhalt des Stücks wiederzugeben ist einigermaßen hoffnungslos, es hat Faustische Ausmaße. So wie Goethe am Faust sein Leben lang gearbeitet hat, so hat Bulgakow an seinem Meister lange geschrieben. Und so wie Goethe Gott und Teufel mit dem irdischen und irrenden Menschen zusammenbringt, so tut es auch Bulgakow. Allerdings nicht in Deutschland um 1500 sondern in Moskau zur Zeit Stalins.

Der Teufel („Voland“) besucht die atheistische Hauptstadt des Sozialismus, um nachzuschauen, ob sich etwas verändert hat und macht dabei allerhand derbe Späße mit den Bewohnern. Neben diesem vordergründigen Geschehen geht es um Jesus und Pilatus, dessen Feigheit genauso aufscheint, wie die der Moskauer Spießbürger, die damit letztendlich den Stalinismus aufrechterhalten. Dazwischen bewegt sich die Geschichte zwischen dem Meister, einem Schriftsteller der die Geschichte von Pontius Pilatus und Jesus aufgeschrieben hat und seiner Geliebten Margarita, die am Ende zur Hexe mutiert.

Es sind pralle Bilder, die der Zuschauer zu sehen bekommt. Die Straßenbahn auf der Bühne kann zwar nicht wirklich überzeugen, aber die Varietévorführung als Theater im Theater oder die Kreuzigung Jesu im Irrenhaus oder das Fest des Teufels bleiben nachhaltig haften. Es ist wohl vor allem der Regie von Andrej Woron zu verdanken, dass die Tiefe von Bulgakows Werk trotz des Spektakels erhalten blieb.

Beim Verlassen des Theaters hatte ich dann den Gedanken, dass das Thema der neuen Saison, nämlich die Religion, vielleicht dazu führt, dass plumpe Adaptionen essentieller Themen an den politisch korrekten Zeitgeist etwas zurückgedrängt werden. Ein Blick in das Programmheft von Meister und Margarita hat mich aber ernüchtert. Religiöse Überzeugungen und profanes Leben auf Fiktion und Wirklichkeit zu verkürzen zeugt schon von einem sehr schlichten Weltbild. Das Werk Bulgakows aber als Illustration für Fake-News zu bezeichnen ist nur dümmlich. Dieser, von der Medienindustrie in ihrem verzweifelten Versuch, die verspielte Deutungshoheit zurückzugewinnen, geprägte Kampfbegriff hat, wenn überhaupt, seinen Definitionsbereich in der Sphäre der politischen Propaganda. In die Themen von Bulgakows Werk passt er etwa so gut wie ein Schwein ins Uhrwerk.

Doch hat es mich versöhnt, als ich bemerkte, wie wunderbar dieser Kommentar mit den verzweifelten Ankündigungen des Varieté-Direktors Lichodejew übereinstimmt, der den Moskauer Zuschauern von Volands Vorführungen versichert, es seien alles nur Tricks und am Ende würde der Magier sie erklären. Schließlich glaube der aufgeklärte Marxist nicht an Hokuspokus. Wer von Religion auf Fake-News kommt meint auch bestimmt, es gäbe keine Wahrheit jenseits des ARD Faktenchecks.

Unter diesen Umständen hoffe ich, dass auch in Zukunft Schauspieler und Regie die Dramaturgen wenn nötig ausspielen.

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Alla Fine del Mare

Mit vollem Mund singt man doch!
Es ist doch so: Ein Fußballspiel der örtlichen B-Jugend kann spannender sein, als ein abgebrühtes Gekicke in der Champions-League. Herzblut und Engagement sind oft sehenswerter als Geld und Können. Und aus diesem Grund gehe ich gerne ins Konstanzer Stadttheater und verzeihe gerne, wenn das eine oder andere nicht ganz so perfekt gelingt, wie an den großen Häusern. Vielleicht sogar so: Eben weil das eine oder andere Mal zu sehen ist, dass die Schauspieler an ihre Grenzen kommen, kann man die erbrachte Leistung umso ehrlicher würdigen.

Mit „Alla Fine del Mare“ bringt das Ensemble Federico Fellinis Film „Schiff der Träume“ auf die Bühne. Der Film spielt kurz nach Ausbruch des ersten Weltkriegs und handelt von einer internationalen Musik-Hautevolee die das Urnenbegräbnis ihrer verstorbenen Primadonna als Kreuzfahrt zelebriert. Sie begegnen albanischen Kriegsflüchtlingen und ihr Schiff wird von einem Kreuzer der K.u.K. Flotte schlussendlich versenkt, wobei die meisten Passagiere aber gerettet werden.

Fellini ging es wohl vornehmlich darum, die Dekadenz der feinen Gesellschaft lustvoll in Szene zu setzen. Die Bediensteten auf dem Schiff und auch die Kriegsflüchtlinge bilden dazu einen hilfreichen Kontrast. Dass diese beiden Gesellschaften einander nichts zu sagen haben, rückt die Regisseurin Anna-Sophie Mahler in das Zentrum der Konstanzer Inszenierung. Herausgekommen ist ein erlebenswerter Musikabend mit Theatereinlagen.

Man sollte allerdings keine musikalischen Spitzenleistungen erwarten. Chor, Klavier und eine Sopranistin können nicht mit der Mailänder Scala konkurrieren. Wer Verdis La Traviata rein musikalisch genießen möchte, lege zu Hause die CD in den Spieler oder lasse sich Anna Netrebkos Interpretation vom abonnierten Streaming-Dienstleister herunterströmen. Nein, was wir sehen und hören ist eher „Verdi Unplugged“, eine halbe Stunde des ersten Aktes, dargeboten von der begeisternden Yuka Yanagihara, der es stets gelingt die Darbietung dezent zu brechen, sodass wir trotz ihrer klassischen Stimme immer wissen, dass wir nicht der Oper, sondern einem Theaterstück beiwohnen, in dem eine Oper gespielt wird. Wenn sie dann am Ende in Strapsen und schwindelerregend hohen Schuhen an der Rampe steht und sich beim Singen den Krümmelkuchen in dem Mund stopft, erleben wir eine einzigartige musikalische Performance.

Die Künstler singen, die einfachen Leute sprechen und sie verstehen sich nicht. Sie mögen sich auch nicht und achten sich nicht. Auch dass die Liebe zwischen der vermeintlichen Violetta und dem Kellner mit Migrationshintergrund nicht funktionieren wird, ahnen wir schnell, obwohl sich beide unter dem Reifrock der Sängerin aneinanderkuscheln. Als „Violetta“ dann endlich auf die lange Erzählung der Lebensgeschichte des einfachen Mannes antwortet, zerschlägt ihr (Liebes-)Tremolo jegliche Romantik und überlässt den geknickten Angestellten den höhnischen Späßen der Gesellschaft.

Die musikalische Leitung verdient ein besonderes Kompliment ob der Musikauswahl und des Arrangements. Und gleiches gilt – wie eigentlich immer – der Bühnenausstattung, und in diesem Fall der Kostümierung. Es ist ein reiner Augenschmaus, der dem Zuschauer geboten wird.

Augen und Ohren werden verwöhnt, doch der Intellekt bleibt unterfordert. Das Nebeneinander der gehobenen Künstlergesellschaft und der einfachen Leute wird holzschnittartig dargestellt und damit hat sich‘s. Eine theaterwürdige Dramatisierung bleibt aus und damit auch jedweder Erkenntnisgewinn. Nun, es ist halt nicht Theater, sondern Musik und die richtet sich vor allem ans Gemüt.

Man hätte natürlich versuchen können, den naheliegenden Bezug zu den Vieltausenden Bootsflüchtlingen im Mittelmeer des Jahres 2017 herzustellen. Doch vermutlich ist es besser, dass es unterblieb. Wenn das Programmheft unsere Medien mit der AFD auf einer Linie in der Einschätzung des aktuellen Migrationsgeschehens sieht, spiegelt das wohl den Grad der Verwirrtheit. Wie auch hätte man das Thema nach heute übertragen können? Sind es doch heute die Künstler, die gemeinsam mit Spitzen aus Politik und Kirche den gesellschaftlichen Veränderungsprozess vorantreiben und an einem neuen, vielfältigeren Deutschland arbeiten, in dem den Neubürgern aus den islamischen Ländern eine katalysierende Rolle zukommt. Und sind es doch heute die einfachen Leute, die sich den Veränderungen in den Weg stellen und deren hässliche Botschaften in den sozialen Medien mit neuen Gesetzen zurückgedrängt werden müssen.

Insofern ist es zu begrüßen, dass die Verknüpfung des Stücks mit der Realität nur im Programmheft stattfindet. Das heißt aber keineswegs, dass sich unser Theater der gesellschaftlichen Debatte entzieht, im Gegenteil. Christoph Nix hat entschieden, Hamed Abdel-Samad am 12. Oktober in den Theaterräumen vortragen zu lassen. Die Volkshochschule hatte den islamkritischen Ägypter zuvor ausgeladen. Schade nur, dass solch ein Vortrag lediglich unter verschärften Sicherheitsbedingungen in Deutschland möglich ist.

Der Gute Mensch von Sezuan

Wer Sorge hat, bei der Konstanzer Aufführung vom Guten Menschen von Sezuan von Brecht’scher Bühnendidaktik in alte Schulaufsatzqualen zurückversetzt zu werden, kann beruhigt sein. Das Stück kommt locker und modern daher. Auf der Bühne werden Pop-Songs geschmettert, die Gestaltung ist edel in Schwarz und Weiß gehalten und mit Rauch und akustischen Effekten wird nicht gespart. Und wenn die Schauspieler plötzlich streiten und so tun, als seien sie sich uneinig, wie eine Szene zu spielen sei und wenn der Inspizient auf die Bühne kommt und die Schauspieler in ihre Rollen zurückschiebt, dann denken wir: ja, das ist Brecht, und freuen uns über die gelungene Auffrischung seines V-Effekts. Und damit ist dann auch alles gut, wie uns die Schauspieler beim Verlassen des Theatersaals noch einmal zeigen, wenn sie nach dem Applaus auf der Bühne mit Sektgläsern anstoßen und ihr gelungenes Spiel feiern.

Alles gut also? Nun, neben der Form gibt es natürlich auch noch den Inhalt. Und den haben die Theatermachenden nicht ins Hier und Jetzt übertragen. Das ist auch nicht nötig, denn das Stück ist vielleicht heute aktueller als zu Brechts Zeiten. Man muss nur den Titel leicht abwandeln zum Gutmenschen von Sezuan und schon spritzen die Zeitthemen hervor. Denn was gut ist und was nicht und wer gut ist und wer nicht und wer das bestimmt, das wird spätestens seit Merkels Grenzöffnung heißdiskutiert. Bei etwas niedrigerer Temperatur stößt man dabei auf die Begriffe Gewissensethik und Verantwortungsethik.

Darum, wie man gut sein kann, in einer weniger guten Welt, geht es auch im Stück. Drei Götter, vertrocknet, weltfremd und hochgradig unempathisch schauen mal nach, ob es noch Menschen gibt, die sich an die von ihnen aufgestellten, hehren Prinzipien halten. Sie finden nur die Prostituierte Shen Te, die ihnen eigentlich auch kein Quartier geben will, denn sie braucht ihre Bude um Freier zu empfangen und so ihre Miete zahlen zu können. Doch sie kann halt nicht nein sagen und lässt sich vom Wasserträger Wang bequatschen. Als sie den Göttern am anderen Morgen erklärt, dass sie eigentlich gar kein guter Mensch sein kann, weil sie arm ist, geben ihr diese entgegen ihren Prinzipien Geld. Sie kauft ein Tabakgeschäft und da sie nicht nein sagen kann und Gutes tun will, ist ihr Laden bald voll mit einer schnorrenden Großfamilie, steht die Vermieterin, die auf Miete pocht vor der Tür und hat sie den Schreiner mit seinen unverschämten Geldforderungen am Hals. Shen Te ist schon nach einem Tag pleite.

Nun beginnt sie ein Doppelspiel. Als angeblicher Vetter Shui Ta verkleidet, betritt sie am anderen Morgen den Laden und räumt auf, schmeißt die Schnorrer raus, vertröstet die Vermieterin und speist den Schreiner mir zwei Münzen ab. Sie ist dann mal Shen Te, die Frau und der gute Engel der Vorstadt, dann wieder der böse Mann Shui Ta, der sie raushaut. Es kulminiert, als Shen Te sich zwischen zwei Männern entscheiden muss: Dem selbstmordgefährdeten Taugenichts Yang Sun, der vor allem an ihrem Geld interessiert ist und dem Barbier Shu Fu, der wohlhabend ist, sie liebt und ihr Gebäude zur Verfügung stellen will, damit sie Flüchtlingen Obdach geben kann. (Der einzige Zeitbezug, übrigens.) Sie entscheidet sich natürlich für Yang Sun, der sie schwängert und dann die Hochzeit platzen lässt, weil das Geld nicht kommt. Fortan sehen wir Shen Te nicht mehr, sondern nur noch Shui Ta, der den kleinen Laden zu einem Tabakimperium ausbaut, Arbeitsplätze schafft, aber kriminellen Methoden keineswegs abhold ist. Schließlich ist ein Kind im Werden, und das will versorgt sein.

In der letzten Szene sitzen dann die Götter zu Gericht über Shui Ta beziehungsweise Shen Te. Natürlich wird kein Urteil gefällt. Wir erinnern uns: Brecht. Wir sind es also, die sich ein Urteil bilden sollen. Das mag sich Brecht vielleicht so gedacht haben, aber das Theaterteam hat dagegen gearbeitet und den Schwerpunkt im Stück auf sinnfreie Show und Effekte gelegt. Hätten diese Kunstgriffe einem Zweck gedient, nämlich dem, die doch so wichtige Frage nach dem richtigen Guten mit Gehalt aufzuladen, wären die Zuschauer vielleicht angeregt worden, im Anschluss nach einer Antwort gesucht. Vielleicht hätte man dann auch gemerkt, dass die Hauptdarsteller nicht überzeugen und vielleicht wäre man auf die Idee gekommen, statt nach der Aufführung auf der Bühne Sekt zu schlürfen und sich in den Armen zu liegen, darüber zu streiten, ob denn nun Shen Te oder Shui Ta der gute Mensch sei. Aber so haben sich Spielende und Schauende lediglich darin bestätigt, eine kunstbeflissene Gemeinde zu sein.

Aber vielleicht ist es das ja, was Theater in der heutigen Zeit sein soll: Unterhaltung und Ablenkung. Das wahre Theater findet vielleicht woanders statt, dort wo Genosse Martin das gute Thema Gerechtigkeit neulich zu 100% auf die Tagesordnung gesetzt hat. Wenn also Schulz einen auf Shen Te macht, wie sieht dann wohl Shui Ta aus? In einem halben Jahr dürfen wir jedenfalls Götter spielen.

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Angst essen Seele auf

Leicht hätte die Aufführung in die Hose gehen können, hätten nicht so viele Schauspieler Röcke getragen. Ungefähr diese Art von Klamauk ist es, mit der das ansonsten unveränderte Fassbinderstück aktualisiert wurde.

Doch, das gilt es ausdrücklich festzustellen, ist dies den Konstanzern vorzüglich gelungen. Wie hier auf einer fast requisitenfreien Bühne in schneller Abfolge Kostüme und Rollen gewechselt wurden hat schon große Klasse. Das Umkleiden geschieht auf offener Bühne und trotz der dabei entstehenden Hektik bleibt man als Zuschauer ganz im Geschehen gefangen und verliert nie den Faden. Wunderbar ist auch, wie sich die Männer in Miniröcken und Stöckelschuhe bewegen können. Die in der Fasnet vorherrschende Ungelenkheit von Männern in Frauenklamotten ist offensichtlich nicht genetisch verankert. Gratulation an Schauspieler, Ausstatter und Bühnenbildner!

Womit ich allerdings hadere, ist das, was man mit dem bedeutenden Filmwerk gemacht hat. Es geht in dem Film aus den 1970er Jahren um die Liebe einer älteren Frau und einem Gastarbeiter aus Marokko. Er zeigt, wie ihre Liebe und die Liebenden zunächst abgelehnt werden, sie aber zueinanderstehen, wie sie später von der Gesellschaft akzeptiert werden, sich dann Konflikte in die Beziehung einschleichen, um am Ende dann versöhnlich zu enden. Es ist ein universaler Stoff vom Fremden, das in eine geschlossene Gesellschaft einbricht.

Wer den Film nicht kennt, sollte sich die ersten 20 Minuten oder auch mehr auf Youtube anschauen. Man bekommt einen guten Eindruck von Fassbinders Umsetzung. Es ist die muffige Spießigkeit der späten Nachkriegszeit die wir sehen, die all das ablehnt, was ihr unbekannt ist: Das Fremde, die Homosexualität, die freie Liebe und so weiter. Es ist eine Gesellschaft, die noch mit aller Kraft versucht, ihre grauenhafte Schuld zu verdrängen. Es ist die Gesellschaft, gegen die die 68er so erfolgreich rebellierten, bis ein Berliner Bürgermeister voller Stolz sagen konnte: Ich bin schwul und das ist gut so.

Wenn man diesen Stoff nun heute inszeniert, hat man offensichtlich mehrere Möglichkeiten. Man könnte den Stoff unverändert auf die Bühne bringen. Immerhin ist der Film auch heute noch sehenswert, sofern man sich für die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse interessiert. Man könnte den Topos abstrakt und zeitlos darstellen, wie es für antike Dramen typisch ist. Oder man überträgt den Stoff in die heutige Zeit.

Offensichtlich hat die Dramaturgin Antonia Beermann wohl Letzteres beabsichtigt und ist zu dem Schluss gekommen, dass es nichts anzupassen gäbe. Doch wie kann das sein? Wir leben in einer Zeit, in der innerhalb eines Jahres eine Millionen Menschen aus einer anderen Kultur in Deutschland willkommen geheißen wurden. In der die Öffentlichkeit, allen voran die Medien, die Vorzüge dieser Entwicklung sieht, sei es die kulturelle Bereicherung, sei es die steigende Diversität oder sei es schlicht die Erwartung, dass Deutschland Arbeitskräfte benötigt, um die Renten der schon länger hier Lebenden zu zahlen.

Vielleicht hat Frau Beermann nicht mitbekommen, in welch dramatischem Ausmaß sich die Welt und speziell Deutschland in den letzten 40 Jahren gewandelt hat, wie international vernetzt der in der deutschen Industrie Arbeitende zwangsläufig ist, wie positiv der überwiegende Teil der Deutschen der europäischen Einheit gegenübersteht und wie weltoffen unser Land geworden ist. Vielleicht lässt es sich damit erklären, dass sie die damalige Zeit nicht persönlich erlebt hat. (Was die Frage nach der Qualität unserer schulischen Bildung aufwirft.) Doch spätestens die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 hätte Frau Beermann klarmachen müssen, dass das Deutschland heute fundamental anders ist, als das Fassbinders.

Der fehlende Versuch, das Stück ernsthaft in die heutige Zeit zu transportieren ist besonders schade, weil sich seit dem letzten Jahr die Spannungen in unserem Land enorm verschärft haben und der Stoff dem Theater die Möglichkeit gegeben hätte, zur gesellschaftlichen Debatte beizutragen. Einer Debatte, die nötiger wird, je mehr sie durch Fake-News und Anti-Fake-News (Zensur) gefährdet ist. Doch es gab schon immer ein Rezept, eine gesellschaftliche Debatte beiseite zu schieben und das war Brot und Spiele. Und so ist denn die Umwandlung Fassbinders Stück in eine Klamaukveranstaltung letztlich das Gegenteil eines kritischen Beitrags und Vergewaltigung des genialen Filmemachers.

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Rassen

Theater Konstanz brandaktuell: Zum neuen Stück „Rassen“ von Ferdinand Bruckner

Das neue Stück am Theater Konstanz ist auf bemerkenswerte, nämlich doppelte Weise aktuell. Es zeigt drei befreundete Studenten in Deutschland des heraufziehenden Nationalsozialismus.

Zunächst zur Dramaturgie. Bei Inszenierung und Bühnenbild liegt der Standard in Konstanz schon immer hoch, aber diesmal hat das Team die Latte noch einmal höher gelegt. Die Bühne aus Stahl und Neonröhren verstärkt die bedrohlichen Tänze der weißgewandeten Faschisten. Besser kann man es nicht machen. Leider können die Schauspieler diesen Ausdruckslevel nicht erreichen; man kann nicht alles haben und eine Schauspielerliga auf der Höhe von Inszenierung und Bühnenbild würde wohl Größenordnungen über dem liegen, was unser Theater zahlen kann.

Das Stück zeigt, wie sich die Beziehungen zwischen den drei Freunden ändern. Tessow, Karlanner und Siegelmann. Letzterer ist Jude und Karlanner hat mit Helene eine jüdische Freundin. Wir sehen rassistisch grundierten Fanatismus, Ausgrenzung von Mitmenschen, Konformitätsdruck, Instrumentalisierung von Menschen und schlussendlich Gewalt und das Hervorbrechen tierischer Instinkte.

Bruckner schrieb das Stück 1933, also ohne den Ausgang der Geschichte zu kennen. Sein Schwerpunkt liegt aus heutiger Sicht am Anfang dessen, was ein schlimmes Ende nahm. Wir sollten also sehr genau hinschauen, denn auch heute deuten sich gesellschaftliche Umbrüche an. Die historische Dimension wird auf der Bühne durch Textprojektionen hergestellt, die die wichtigsten Stationen des nationalsozialistischen Gesellschaftsumbaus von der Demokratie zum Vernichtungskrieg einblenden. Zunächst langsam, wohl im Gleichtakt zum vorgeführten Geschehen, später dann im Zeitraffer und stoppend beim aktuellen Datum, bei der Premiere also am 20. Januar 2017. Diese Übertragung ins Heute ist zwar mit dem Holzhammer, aber es kann wohl nicht schaden. Und nimmt man den verzögert einsetzenden und auch zögerlichen Applaus als Indiz dafür, dass das Publikum ins Grübeln kam, hat die Holzhammermethode vielleicht die beabsichtigte Wirkung gezeigt.

Wie man das Stück heute lesen soll, macht die Dramaturgie schnell klar, indem sie den Bösewicht Rosloh mit Höcke gleichsetzt. Doch gibt es bei dieser Übertragung in das bundesrepublikanische Jetzt einen kleinen Stolperstein. Das Stück zeigt nämlich, wie enge Freundschaften unter dem Druck gesellschaftlicher Spannungen zerfallen. Auch im Deutschland der Jahre 2015 und 2016 sind Konflikte in Freundeskreisen und Familien aufgebrochen. Öffentlich wurden diejenigen, die sich kritisch zur Willkommenskultur geäußert hatten, teilweise scharf ausgegrenzt und verunglimpft. Oft genug als Nazis. Es droht die Gefahr, dass, was man verhindern will, erst hervorzurufen.

Man kann natürlich das große Einvernehmen zwischen Kanzlerin, Medien und Mehrheitsmeinung in unserer Gesellschaft begrüßen und auf den hohen moralischen Standard unseres Engagements für das Gute in der Welt stolz sein. Schwieriger wird es, Internetzensur und Wahrheitsministerien (a.k.a Desinformationsbehörde) zu fordern um dieses Einvernehmen zu erhalten. Noch problematischer ist es, gesellschaftliche Auseinandersetzung durch eine Politik der proklamierten Alternativlosigkeit zu verdrängen. Ohne diese Auseinandersetzung überlassen wir das Feld des Diskurses den Schreihälsen, so wie neulich in Magdeburg, als Studenten einen unerwünschten Vortrag durch Sitzblockade und Trillerpfeifen verhindern wollten und sich am Ende Personenschützer der AFD mit Antifakämpfern prügelten.

Der Artikel 5 des Grundgesetzes ist kein Luxusartikel für friedliche Zeiten. Wenn man aus Sorge vor einem neuen Rechtsradikalismus Meinungsfreiheit und offene und kritische Auseinandersetzung einschränkt, befördert man diesen. Dass man nichts für ewig gegeben nehmen sollte, symbolisiert das Datum der Uraufführung, die mit der Amtseinsetzung Trumps zusammenfällt. Insofern ist das Stück vielleicht noch viel aktueller, als die Dramaturgen es zeigen wollten.

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