Die unsichtbare Hand

Wer keinen Burger mag, soll keinen Burger essen und nicht versuchen, einen Burger zum Tofu-Brötchen zu machen

Nach dem Stück wurde ich gefragt, was uns das denn nun sagen solle. Meine Antwort war eher dünn. Es solle das zeigen, was es zeige, sagte ich: Nick Bright, ein amerikanischer Banker wird in Pakistan von einer Islamistenzelle gefangen genommen um Lösegeld zu erpressen. Da sie aber den Falschen erwischt haben, und überdies der Imam mittlerweile von den USA als Terrorist eingestuft ist, wird das mit dem Lösegeld nichts werden. Nick bietet nun an, sein Lösegeld an der Börse zu verdienen und seinen Bewacher Bashir in die Kunst von Puts und Calls einzuweihen. Die islamischen Terroristen werden vom Spekulationsfieber erfasst, es zeigt sich, dass sie auch nur Menschen sind, die ihren eigenen Vorteil suchen, es wird ein wenig über Schuld des westlichen Imperialismus, über Glaube, über Marktgesetze und so weiter geredet und am Ende ist Bashir skrupelloser als sein Lehrer, der Imam tot und Nick zwar frei aber weiter in seinem Gefängnisloch eingesperrt. (Letzteres ist etwas merkwürdig und wohl ein Einfall der Dramaturgin.)

Also, was soll das? Oder besser, was will man uns damit sagen? Hat das einen irgendwie höheren oder tieferen Sinn? Es geht ja schon um wichtige Themen, vielleicht um das wichtigste überhaupt. Nachdem der Kommunismus sich als Alternative zum Kapitalismus verabschiedet, und statt Wohlstand und Gerechtigkeit nur Elend und fast 100 Millionen Tote hinterlassen hat, ist vielleicht der Dschihad die neue Herausforderung für die westliche Kultur. Jedenfalls begann unser Jahrtausend mit einem pompösen Schlag gegen das New-Yorker Wahrzeichen des Welthandels. Und Geld versus Gott in einem Gefängnis aufeinandertreffen zulassen, ist eigentlich ein bemerkenswertes Setting. Doch irgendwie bleit das Ganze blutleer und hohl.

Man ahnt schon früh, dass da Absicht hinter steckt. Die Bühne und die Schauspieler sind ganz in Schwarzweiß gehalten. Die einzige Farbe sind die regelmäßig eingeblendeten Filmszenen auf der Rückwand der Bühne, die Erinnerungen Nicks an die Gefangennahme, an seine Familie. Schwarzweiß steht für Abstraktion und so soll wohl der Möglichkeit vorgebeugt werden, dass sich der Zuschauer mit den Figuren identifiziert, womöglich gar mit dem Gefangenen über sein Schicksal fiebert. Die Abstraktion ist sogar noch weitergetrieben. Es fehlen sämtliche Requisiten. Zwar sind die Islamanhänger weiß gekleidet, aber nicht in ihren typischen weißen, bodenlangen Kutten, sondern wie die Gang in Kubricks Clockwork Orange, mit weißen Hemden, Hosen und übergezogenen Genitalschutz. (Vielleicht eine Anspielung, aber eine, die mir verschlossen bleibt.)

Ohne jedes Hilfsmittel ist die Anforderung an die Schauspieler, die Figuren lebendig und glaubwürdig rüber zu bringen, natürlich extrem. Georg Melch als Nick Bright und Tomasz Robak als Bashir gelingt das einigermaßen. Ingo Biermann wäre aber als Tatortkommissar glaubwürdiger denn als Imam Saleem. Ein angeklebter Zottelbart hätte geholfen.

Doch wäre es wohl ungerecht, den Schauspielern einen Vorwurf zu machen. Das Verbannen des Menschen von der Bühne und sein Ersatz durch eine Fassade ist dramaturgische Absicht. Das jedenfalls ergibt sich aus dem Studium des Begleithefts. Für Miriam Fehlker scheint die Welt einfach und „braucht es keinen Wirtschaftsspezialisten“ um das Wesen des Geldes zu verstehen. In Zeiten von Bankenkrisen und Toten im Mittelmeer ist es für sie klar, dass einem entgrenzten Markt kein begrenztes Gemeinwohl gegenüberstehen kann. Nun, dass denken viele und es ist wohl gut, es deutlich auszusprechen und zu begründen, zum Beispiel gegenüber den aufopfernden Helfern der Essener Tafel, die genau diese Grenzen ziehen. Doch an den daraus zwingend entstehenden Differenzierungen dürfte Regie und Dramaturgie nicht gelegen sein. Lieber bringt man sein Schwarzweißdenken auf die Bühne und das Stück dabei unter die Räder.

Denn der Autor Ajad Ajthar hatte wohl anderes im Sinn. Der Sohn pakistanischer Einwanderer in die USA versucht genau das Gegenteil, nämlich Polarisierungen aufzubrechen und Verständnis dafür zu wecken, dass hinter den Ideologien Menschen stehen. Er will hinter die Dichotomie von Geld versus Gott schauen und zeigen, dass es Menschen sind, die miteinander agieren und dabei Strukturen schaffen aber auch ändern. Nicht umsonst ist das Stück nach Adam Smiths berühmter Metapher benannt, die von dem Gedanken geleitet ist, das eine friedliche und wohlstandschaffende Gesellschaft nicht gegen die Natur des Menschen errichtet werden kann. Geld als Inbegriff von wirtschaften auf freien Märkten, mit seiner Idee, Gemeinwohl mit individuellem Streben zu versöhnen, ist die unsichtbare Hand, die auch das Geschehen im Terrorgefängnis leitet. Dazu gehören, dort wie in der Gesellschaft, reale Menschen und nicht Schwarzweißstereotypen.

Ajad Ajthar wollte mit seinem Stück viele Fragen stellen und die Antworten offen lassen. Die Konstanzer reduzieren das Stück auf Schwarzweiß und liefern die Antwort gleich mit. Dafür hätten sie sich besser ein anderes Stück aussuchen sollen. Denn, wer keinen Burger mag, …