Gelsenkirchen, 26.10.2019 – 30.10.2019

Samstag

Ulrich und Rita hatten sich verabschiedet. Rita hatte überraschend eine Karte für das Derby bekommen und die beiden waren nun bald „auf Schalke“. Meine Tochter Johanna und ich schraubten noch etwas an der dämlichen Mülltonnenbox rum. Deren Zusammenbau hatte nun schon zwei Tage gedauert. Selbst mit anständigem Werkzeug wäre es ein Abenteuer, die Blechschrauben in die vermutlich zu klein gebohrten Löchern zu kriegen. Der Hersteller hatte mal wieder an einer idiotischen Stelle gespart. Wie gesagt, mit anständigem Werkzeug wäre es schon eine enorme Herausforderung gewesen und ohne den Nachschub aus dem Baumarkt sowieso hoffnungslos. Nun hat mein lieber Bruder aber kein anständiges Werkzeug. Ein paar wenige wahllos zusammengesuchte Schraubendreher, die wie Sammeltassen aus den unterschiedlichen Dekaden des letzten Jahrhunderts stammen, gammeln mit einem verrosteten Hammer und einer Kneifzange scheinbar irgendwo im feuchten Keller des alten Hauses. Eigentlich eine Schande, wo doch unser Vater ein großer Handwerker vor dem Herrn war und sein Werkzeug wie einen Augapfel gehütet hat. Manche Gene wurden auf uns Geschwister ungleich verteilt.

Abgesehen von alledem: Wie kann man in einen Bausatz für 122 Verbindungen 122 Schrauben einpacken? Welcher Schwachkopf hatte diese Kostenoptimierung beschlossen? Vermutlich werden sie demnächst das Marketingbudget verdoppeln, um ihren Ruf zu verbessern. Die Box ist schon nicht mehr im Angebot erfahre ich. Made in Germany: Das war mal Qualität, heute ist es nur billig.

Jedenfalls beuge ich mich von der letzten Schraube hoch, da merke ich, wie mir schwindelig ist. Ich erwarte, dass mir schwarz vor Augen wird, so wie man das kennt, wenn man den Kopf zu lange unten hat und zu schnell hochreißt. Das ist mir schon lange nicht mehr passiert, war mehr früher, als ich noch Heranwachsender war. Heute ist es nicht so. Der Schwindel bleibt einfach. Wir gehen erstmal ins Haus und ich setze mich. Der Schwindel ist nicht so schlimm, dass ich Angst habe hinzufallen, aber ich denke, dass ich besser kein Risiko eingehen sollte.

Dazu kommen Sehprobleme. Auch nicht schlimm. Irgendwo sind Schlieren im Sichtfeld, unten, eher links. Ich hätte mal das linke und das rechte Auge zumachen sollen und prüfen, ob es nur ein Auge betrifft (Es schien mir aber eher augenunabhängig zu sein, also irgendwie tiefer im Sehzentrum. Es wird aber schnell besser. Wir gehen dann wie geplant rüber zur Oma ins Altenheim. Ich nehme Johanna vorsichtshalber in den Arm, so dass wir eng umschlungen gehen. Es ist ein bisschen ein Vorwand, um sie mal eng an mich zu drücken. So schwindelig ist mir nicht mehr. Oma hat Programm und wir gehen zurück und trinken erstmal Kaffee und essen von den Kuchenstücken, die Rita gekauft hat. Der Gedanke an einen Schlaganfall geht uns schon durch den Kopf. Johanna sucht im Internet nach den typischen Indikatoren wie Zunge rausstrecken und so. Ich weiß nicht mehr, ob wir das probiert haben.

Dann merke ich, wie meine rechte Hand sich komisch anfühlt. Irgendwie locker und kraftlos schlackert sie rum. Ich prüfe, ob ich noch Kraft habe und merke, dass da was nicht stimmt. Jetzt fahren wir sofort los. Ich kann mit rechts gar nicht die Autotür aufmachen. „Welches Krankenhaus?“ fragt Johanna und ich entscheide spontan auf Bergmannsheil. Ich glaube, dass es das nahegelegenste sei, was es nicht ist. Und ich glaube, dass es ein gutes Krankenhaus sei, was wohl der Fall ist. Der Name ist für mich unglaublich vertrauenserweckend. Was den Bergleuten geholfen hat, muss einfach gut gewesen sein.

Die Fahrt von Horst nach Buer dauert so 17 Minuten. Ich versuche schon mal anzurufen. Vielleicht beschleunigt eine Voranmeldung die Abwicklung. Erst lande ich in der Warteschleife, die scheinbar endlos ist. Ich versuche es irgendwann noch einmal und komme durch. Man sagt, wir sollten ins EVK fahren, also ins Evangelische Krankenhaus. Ich sage, dass ich quasi schon bei Ihnen sei. Das ist so ein Reflex, sich nicht abwimmeln zu lassen. Aber der Mann erklärt, dass das EVK auf Neurologie spezialisiert sei und man mich im Bergmannsheil zwar aufnehmen aber dann ans EVK überweisen würde.

Nun also zurück über die Kurt-Schumacher-Straße Richtung Schalke. Meine Handlähmung klingt ab und ich kann Johanna etwas über die Orte meiner Kindheit erzählen. Wir kommen vorbei am Schalker Stadion, also dem Alten, das noch wirklich „Auf Schalke“ hieß. Vor dem Stadion und vor den angeschlossenen Kneipen stehen die blauweißen Fans, es ist wohl Pause. Später waren die Spiele dann im Parkstadion und heute heißt das Stadion im Berger Feld ja „Veltinsarena“. Ich wundere mich ja immer, dass die Fans brav Veltinsarena sagen. Ich würde ja immer nur „Auf Schalke“ sagen. Den Quatsch würde ich nicht mitmachen. Aber vermutlich sind Fans da konsequent, denn das würde ihrem Verein ja schaden, wenn die Sponsoren merken würde, dass ihre Marke trotz des vielen Geldes nicht verbreitet würde und würden weniger zahlen, der Verein könnte keinen guten Spieler mehr finanzieren und letztendlich absteigen. Dagegen ist Romantik nix.

Später kommt die Berliner Brücke über die Industrieanlagen. Da hat es früher in der Nacht immer unheimlich gefunkelt und man sah Feuer und so. Gelsenkirchen hieß ja „Stadt der tausend Feuer“. Heute sieht das recht öde aus, schmutzige, eckige Zweckbauten. Ich empfinde immer noch ein bisschen stolz darauf, dass es hier so wichtige Industrie gab, dass man die Straße einfach in die Luft gebaut hat.

Nachher dann Grillostraße und Grenzstraße, zusammen mit der Schalkerstraße die wichtigen Orientierungspunkte meiner Kindheit in Schalke. Mittendrin die Josephskirche, immer noch so wie früher. Ich glaube, da bin ich getauft worden, hatte Kommunion und Firmung. Dann später die Ecke mit dem Haus von Dr. Deutschländer, unserem HNO-Arzt. An seinen Behandlungsstuhl kann ich mich noch erinnern. Der hatte zwei Lederriemen links und rechts und da wurden die Hände angebunden, wenn er einem die Polypen rausnahm. Er hatte immer so eine Lampe auf der Stirn und drückte einem mit schweren Metalllöffeln die Zunge runter. Wegen des Lachgases hatte man das immer ganz komisch wahrgenommen. Ich glaube, für die Behandlung bekäme ein Arzt heute eine Anzeige für Vergewaltigung.

Dr. Deutschländer hatte auch „Trotzdem Kaiserstraße“ an sein Haus schreiben lassen. Man kann sich denken, wes Geistes Kind er war. Die Eltern haben das irgendwie kommentiert, aber keine Ahnung ob sie eine Meinung dazu hatten und wenn, erst recht keine Ahnung welche.

Dann vorbei am Stadttheater, wo ich mir mit meiner ersten Freundin versprochen hatte, dass wir – egal was passiert – uns im Jahr 2000 wieder dort treffen werden. Das Jahr 2000 war ja damals noch ewig hin. Dann das City Center, wo früher die Bücherei war, in der ich Bücher über Bücher ausgeliehen hatte. Ich glaube, ich hatte damals alle Bücher über Parapsychologie gelesen, die sie hatten, auch die langweiligen, wissenschaftlichen. Dem lagen zwei Fehlannahmen zugrunde. Erstens, dass das alle Bücher wären, die es gäbe und zweitens, dass ich dann alles über das Gebiet wüsste. Aber immerhin, niemand an unserer Schule, einschließlich der Lehrer dürfte mehr gewusst haben, zu dem Thema. Heute gibt’s ja Internet, da sieht man gleich, dass man nie alles wissen kann.

Und dann schließlich die Overwegstraße von der die Munkelstraße abgeht, an der das Krankenhaus liegt. Johanna verpasst die Abzweigung zur Munkelstraße und macht zweimal einen verbotenen U-Turn, um uns einen größeren Umweg zu ersparen. Ich glaube, Johanna war reichlich in Sorge und dann macht sie solche klugen Abwägungen. Zeit geht vor Strafmandat. Da ist sie sehr rational.

Bei mir war im Kopf schon ein Film eingespielt, wie das Ganze abgehen würde. Ich sah mehrere Ärzte mit Mundschutz hektisch gegen meinen nahenden Tod ankämpfen, jede Menge grüne Kittel, große Laken, helle Lampen an beweglichen Schirmen. Also nicht, dass ich das erwartet hätte, aber irgendwo im Hinterkopf schwirrte das Bild so rum. Und auch die Erwartung, dass ich mich zuerst an mürrischen Rezeptionistinnen vorbeikämpfen müsste, um der Dringlichkeit meines Falls Geltung zu verschaffen.

Der Anblick des Krankenhauseingangs ist dann erst einmal ernüchternd. Vor der Tür steht ein Pulk von Leuten, die das Wort Assi im Gehirn manifestieren. Die Leute haben Schlabberjogginghosen an, komische Jacken oder Bademäntel, tragen Badelatschen, sind unrasiert, also überwiegend Männer, ungepflegt, viel Migrationshintergrund wie man bescheuerterweise sagt, haben teilweise irgendwelche Geräte umhängen oder auch Urinbeutel und rauchen. Ich kenne das auch von anderen Krankenhäusern. Die Szenerie verströmt das Flair eines Dritteweltlandes.

Die erste Rezeption schickt uns gleich weiter in die Notaufnahme. Immer den roten Punkten nach. Nun, rot ist das nicht mehr wirklich, aber von den nicht mehr blauen Punkte kann man sie noch unterscheiden. Man hat den Eindruck, die Notaufnahme liegt irgendwo im letzten Winkel des Krankenhauses. Wie mir mein Bruder später erklärt, ist die Notaufnahme direkt an der Einfahrt für die Krankenwagen. Das macht natürlich Sinn. In Konstanz ist (oder war, keine Ahnung ob das nach dem Umbau noch so ist) die Einfahrt für die Krankenwagen direkt neben dem Haupteingang, da war man dann schnell da.

In der Notaufnahme sitzt eine Frau und spricht mit einem Rettungshelfer. Die erkennt man immer sofort, die haben so hosenträgerähnliche Dinger an, überhaupt viele Geräte am Körper. Dieser hier ist mordmäßig groß und kräftig. Es geht darum, dass demnächst wieder Leute eingeliefert werden. Von Schalke, da haben die Idioten wieder Bengalifeuer gezündet und sich so verhalten, wie man das von den Ultras bei einem Derby erwartet.

Daneben sitzt einer im weißen Kittel, wohl Arzt. Der müde Gesichtsausdruck macht den Eindruck, als sei der Zehntagebart während zehn Tagen ununterbrochener Schicht gewachsen. Er sitzt vor einem Bildschirm und starrt hinein ohne einmal zu uns aufzublicken. Ich könnte das nicht, Leute, die vor einem stehen und was wollen, so komplett zu ignorieren. Das Aufblicken und kurze Abchecken gehört ja zu einem Teil des genetischen Programms, das allen Tieren gemein ist. Menschen die so Schalterarbeit machen müssen dafür komplett abgestumpft sein. Ich denke es ist eine vernünftige Reaktion und auch wenn es mich immer ärgert, so ignoriert zu werden, habe ich dafür Verständnis.

Dann das erste Gespräch und ich werde sofort in Raum 4 geschickt, Johanna muss draußen bleiben. Ein Pfleger in grüner Montur ist auch gleich bei mir, fragt die Symptome ab, misst, glaube ich, den Blutdruck. Die Einzelheiten habe ich tatsächlich schon wieder vergessen. Was immer wieder von Leuten beklagt wird, ist, dass die Formalitäten so hohe Priorität haben, die ließen die Halbtoten eher liegen und krepieren, wenn noch nicht die Einzelheiten zur Krankenversicherung geklärt sind. War bei mir nicht so. Klar, die Karte musste ich zum Einscannen abgeben, aber das war’s.

Irgendwann kam auch der Zehntagebart, fragt auch noch mal, was vorgefallen ist und lässt mich ein paar Übungen machen. Zunge rausstrecken, Arme hoch mit Handflächen nach innen, gegen seinen Arm drücken und so weiter. Das mit den Schlieren vor den Augen konnte ich nicht vermitteln. „Sie konnten nichts sehen?“, „Nein, es waren so Schlieren“, „Also so getrübt?“, „Nein, eher so Schlieren“, „Also verschwommen?“, „Nein, eher so verschoben. Wissen Sie was Schlieren sind?“. Er kannte also das Wort nicht. Hätte ich auf Englisch auch nicht gewusst, also auch ein Wechsel der Sprache wäre keine Option gewesen. Dann murmelt er mich irgendwie an und meint, dass das wohl ein Schlaganfall gewesen sei. Jetzt erst wird mir klar, dass er das erstmal feststellen musste. „Triage“ stand ja auch auf der Tür. Ist eigentlich logisch, dass eine Notaufnahme das als erstes machen muss. Dass ich an der Rezeption gesagt hatte, ich habe einen Schlaganfall, ist natürlich kein Argument. Stimmt ja auch, ich bin ja kein Fachmann.

Ich liege die ganze Zeit schon auf einem Bett. Ein reichlich ungewöhnlicher Anblick denke ich, so mit meinen Cowboystiefel auf dem Krankenbett durch die Gänge geschoben zu werden. Das sind Übergangsmomente, halb da, halb nicht da. Später quartiert man sich richtig ein, hat seine Krankengaderobe, sein Fach für die Sachen und so, man gehört da hin. Als Notfall ist man schon optisch ein bisschen ein Fremdkörper.

Das erste CT in meinem Leben zeigt offensichtlich nichts Aufregendes. Wie ich später erfahre, wurden vor allem Oberkörper und Hals abgescannt. Die Kontrastmittel zeigen dann, ob noch in irgendwelchen Arterien was klemmt, was sich lösen könnte und einen weiteren Schlag auslösen könnte.

Dann sehe ich Johanna wieder und komme auf die Station („auf Station“). Es ist die Intensivstation, wobei ich glaube, man unterscheidet noch zwischen Intensivstation und Überwachungsstation. Letztere ist es wohl, auf der ich bin. Es sind auch nicht so höllenviele Apparaturen im Raum, wie man das aus Filmen kennt. Als wir Doros Cousine seinerzeit nach ihrem schlimmen Sturz im Krankenhaus besucht hatte, sah das viel bedrohlicher aus. Hier ist das alles ziviler. Was ich noch nicht weiß, ist, dass ich das einzige Einzelzimmer auf der Überwachungsstation habe. Zwar ohne Toilette aber sonst wunderbar, mit kleinem Arbeitstisch, Fernsehgerät und schöner Aussicht auf das City Center, das Iduna-Hochhaus und auf das Maritim. Hinten links sehe ich sogar einen alten roten Förderturm, so einen, den man früher von unserer Küche aus über den Dächern des gegenüber liegenden Wohnblocks sehen konnte.

Ich war damals von Fernrohren fasziniert und bekam dann irgendwann eines geschenkt. Natürlich hatte ich mir das selber ausgesucht. Ich hatte immer den Quellekatalog studiert und alle Fernrohre miteinander verglichen. Da gab ganz tolle Dinger, die aber alle viel zu teuer waren. Wir waren ja eigentlich wirklich arm und irgendwie war wohl klar wie teuer es werden durfte. Wenn ich zurückdenke weiß ich, dass es ein ziemlicher Schrott war, den ich mir da ausgesucht hatte. Drei Tuben, die man ineinanderschieben konnte. Aber das ruckelte immer ein bisschen und hatte Spiel, Scharfstellen war Glückssache. Ich war natürlich mächtig stolz darauf, wusste aber schon nach kurzer Zeit nicht mehr, was ich damit anschauen sollte. In die Natur gehen, war damals nicht und so blieb eben nur jener Förderturm, den ich dann stundenlang am Küchenfenster beobachtet habe. Mein Vater hat mir später auf dem Werk ein Stativ aus Messing gebaut. Ein richtig solides Teil, mit schwarzen Plastikfüßen, einem Kugelkopf, in den die drei Beine reingeschraubt wurden und oben ein Ring mit Schraube, wo man das Fernrohr eingespannt hat. Letzteres war der Schwachpunkt in der Konstruktion, denn das Fernrohr hatte eine Kunststoffummantelung und die bot der Schraube keinen Halt. Das Ganze wackelte reichlich, und dazu kam noch meine Brille, die ja immer blöd ist für Fernrohr, Fernglas, Mikroskop und all die Dinge, die mich faszinierten.

Ich hatte meinem Vater nie gesagt, dass das Stativ eigentlich nicht so recht funktionierte. Nicht aus Rücksicht oder Scheu, sondern weil ich nie auf den Gedanken gekommen wäre, dass mein Vater etwas falsch machen könnte. Das Problem war eben das Fernrohr. Die Eltern sind einem ja im Grunde genommen fremd. Erst sehr spät kann man die Eltern so sehen wie andere Ältere. Ich würde gerne nochmal mit meinem Vater sprechen, und verstehen lernen, warum er so viel gewerkelt hatte. Er hat alle Schuhe repariert, Haare geschnitten, alles in der Wohnung gemacht und hatte einen großen Fundus Werkzeug. Er hatte mir auch mal gezeigt, wie man Gewinde schneidet und noch heute liegt der Gewindeschneidesatz bei mir Keller. Ich habe bisher keine Verwendung gefunden, aber hüte ihn sorgsam. Mein Vater hatte mir kurz vor seinem Tod auch noch eine Skizze hinterlassen, wie sein Minikus operiert wurde, so mit Vorder- und Hinteransicht. Das war komisch gewesen, es war ihm wichtig, dass ich das verstehe und ich war schon ein paar Jahre aus dem Haus und konnte nicht richtig einschätzen, wie ernst es um ihn stand. Er ist dann kurz danach gestorben. Ich glaube es war ein ärztlicher Kunstfehler. Trockene Knie-OP, Thrombenbildung dann Lungenembolie. Wegen seines Kriegsschadens war das seine einzige funktionierende Lunge und so war das fatal.

Jedenfalls habe ich dann später erschlossen, dass der Förderturm, den ich aus meinem Zimmerfenster vom Evangelischen Krankenhaus sehen konnte, nicht nur dem aus meiner Kindheit ähnlich sah, sondern dass es genau der war.

Ich werde angeschlossen an EKG, Blutdruckmesser und an einen Fingerclip zur Pulsüberwachung. Die Schnüre werde ich später mal entwirren. Das ist verrückt, schon drei Leitungen sind nach kurzer Zeit hoffnungslos verheddert. Wenn ich vom Kopfende des Betts zum Tisch am Fußende gehe und zurück kriege ich sie nicht mehr vernünftig parallel, ohne zwei von drei Leitungen abzustöpseln durch mehrere Schlaufen durchzuziehen und wieder anzustöpseln. Eigentlich müsste das ohne An- und Abstöpseln gehen. Katastrophal wird das, wenn ich noch die Kopfhörer vom Handy anhabe, dann geht gar nichts mehr.

Das Wichtigste ist mir natürlich das Gespräch mit meiner Ärztin. Sie wurde mir von irgendwem schon angekündigt, nämlich Dr. Atanas, mir wurde auch gleich gesagt, dass das eine Spanierin sei. Eigentlich komisch, dass man das dazusagt. Ärzte sind ja in den heutigen Krankenhäusern meist aus dem Ausland.

Dann also Auftritt Dr. Atanas, ihres Zeichens Oberärztin. Mich erstaunt, dass die Oberärztin am Samstag arbeitet, das ist aber eine glückliche Fügung. Ihre volle Bezeichnung ist „Dr. med. C. Atanas Ferreiro“, wie ich später dem Entlassungsschreiben entnehmen kann. Sie ist eine eindrucksvolle Frau. Groß, nicht so groß wie ich, aber so groß, dass ich das Gefühl bekomme, hinunterschauen zu müssen. Dazu eine ordentliche Statur, nicht dick aber irgendwie raumfüllend. Was sofort den Blick fesselt sind die riesigen, aufgeklebten Wimpern. Sonst hat sie keine Bemalung, aber die Wimpern muss man einfach anschauen und damit in die Augen, man hat da keine Wahl, da muss man hinschauen. Dazu eine tiefe Stimme und lautes dröhnendes Lachen, das man über den ganzen Flur hören kann. Später, bei der Entlassung, als wir über Fleischessen sprechen und sie mir rät weniger Fleisch zu essen, ohne je gefragt zu haben, wie viel ich esse und als sie dann auf sich zu sprechen kommt und sagt, dass sie zum Beispiel nur drei, vier Mal in der Woche Fleisch esse äße, also mehr als ich, da erfahre ich auch, dass sie Jägerin ist und sich das Fleisch selber schießt. Und das in Gelsenkirchen!

Also, wie gesagt, eine eindrucksvolle Person. Ich hatte auch den Eindruck, dass ihre untergebenen Ärzte von ihr eingeschüchtert sind. Vielleicht hat sie ja mal gedroht mir der Schrotflinte zu kommen, wenn sie nicht spuren. Das war mir besonders aufgefallen bei dem Übergaberitual. Da kamen sie immer zu dritt rein, Dr. Atanas und zwei Stationsärzte. Beim erstmal hatte ich gefragt, ob das jetzt die berühmte Visite sei, „nein, Übergabe“ hatte sie geantwortet und sich lässig an die Wand gelehnt, mich angeguckt und so getan, als ginge sie das nichts an, was nun passiert. Und das war, dass einer der beiden, dem anderen etwas zumurmelte. Ich konnte das kaum verstehen, irgendwas mit der Parese und meinen anderen Symptomen, aber ganz verschüchtert, wie Prüflinge, die besonders leise sprechen, wenn sie merken, dass sie keine Ahnung haben und glauben, die falsche Antwort sei weniger schlimm, wenn sie nicht so laut gesprochen wird. Einmal greift Dr. Atanas ein und korrigiert mit fast schon donnernd wirkender Stimme irgendwas. Es war ein skurriles Schauspiel.

Sie erklärt mir meinen Fall, es ist eine TIA. Ich brauche nicht zu fragen, denn ich habe schon längst gegoogelt und weiß, was eine transitorische ischämische Attacke ist. Es ist ein Schlaganfall, der sich schnell auflöst und darum keinen Schaden hinterlässt. Früher war der Zeitraum mit 24 Stunden definiert, heute spricht man von einer TIA, wenn die Symptome innerhalb von einer Stunde verschwinden. Ich finde das einen gewaltigen Unterschied, denn es geht ja wohl darum, dass und ob die unterversorgten Gehirnteile absterben, und ich dachte immer, dass man da eher im Minutenbereich rechnet, als im Stundenbereich.

Wie auch immer, bei mir also eine TIA, und zwar in der Arterie, die die linke Gehirnhälfte versorgt. Die Lähmung im rechten Arm passt dazu, warum dann aber die Schlieren im linken Auge waren, wundert mich erst, aber sie weist mich darauf hin, dass sich die Sehnerven im Gehirn kreuzen. Das stimmt natürlich. Ich weiß das noch aus der Zeit als ich mich mit dem Gehirn beschäftigt habe. Und natürlich vom meinen Freund Harald, der genau an der Stelle im Gehirn ein Gewächs hatte, direkt am Hypothalamus. Das hatte eben auch den Sehnerv geschädigt.

Dr. Atanas erklärt mir also, dass da wohl etwas vom Herzen aus hochgeschossen sei, sich geteilt habe und in die eine Richtung (Auge, Schwindel) und in die andere Richtung (Arm) die Blutzufuhr verstopft habe. Das mit dem „geschossen“ will ich mir ihr diskutieren, aber da lässt sie nicht mit sich reden. Ich recherchiere später, dass das Blut wohl tatsächlich schneller als einen Meter pro Sekunde fließt. Das hätte ich nicht gedacht.

Mit Johanna rede ich darüber, wie so ein Krankenausaufenthalt ist. Vor allem langweilig, und viel Warten, da sind wir uns einig. Das stimmt überhaupt nicht, aber das weiß ich zu dem Zeitpunkt nicht. Johanna war ja auch erst vor ein paar Monaten im Krankenhaus gewesen, und zwar in Kleve. Es scheint so eine Familientradition zu werden, dass wir immer in fremden Städten im Krankenhaus liegen. Immerhin ist Gelsenkirchen meine Geburtsstadt, aber nach 50 Jahren dann doch nicht mehr die Heimat. Und Kleve ist natürlich völlig inakzeptabel, wie seinerzeit bei mir Hildesheim.

Ulrich und Rita kommen dann auch noch. Das kleine Zimmer mit nur einem Stuhl ist zu klein um Gemütlichkeit aufkommen zu lassen. Die beiden müssen stehen und wir tauschen vor allem die wichtigsten medizinischen Informationen aus. Mein Bruder guckt ziemlich skeptisch, vermutlich weil ich so guter Dinge bin und er befürchtet, dass ich mir oder ihm da war vorspiele. Er hat das auch schon hinter sich, und auch schon einen Herzinfarkt und er denkt vielleicht, ich nähme das auf die leichte Schulter. Ein bisschen ist es im Rückblick betrachtet tatsächlich so, dass mir erst später, bei der Entlassung klar wird, dass ich ein ziemliches Glück gehabt habe. Der Gedanke beispielsweise, dass der lahme Arm so bleiben könnte, dass ich gelähmt sein könnte, kam mir für keinen Moment, geschweige denn, was das für mein Leben bedeuten würde. Jetzt, wo ich das schreibe, merke ich, wie furchtbar der Gedanke ist. Richtiges Verdrängen funktioniert wohl so, dass man gar nichts davon merkt.

Zwischendurch kommt das Abendessen. Ich muss ein reichlich enttäuschtes Gesicht gemacht haben, als ich die eine in Plastik verpackte Scheibe Brot, das unansehnliche Brötchen, die eine Scheibe quadratischen Käse, die eine Scheibe undefinierbare Wurst und die anderen erbärmlichen Zutaten erblickte, denn man beruhigte mich ungefragt. Das sei das Standardessen, morgen könne ich mir individuell was bestellen. Stimmte dann aber nicht, die Frau vom Catering kam erst am Montag. Ich habe dann alle Mahlzeiten fotografiert und auf Whatsapp gepostet. Sollten die anderen mein Elend sehen. Zunehmen würde ich hier nicht, das war klar.

Die drei gehen dann und Treffen Daniel und essen irgendwo gemeinsam was. Das war für den Abend so vorgesehen gewesen. Es war wohl nicht so schön, wie gedacht. In solchen Situationen weiß ich nie, was man machen soll, man redet dann etwas über den „Fall“ aber da ist schnell alles gesagt, man weiß ja nichts Genaues. So richtig intensiv kann man sich aber auch nicht auf andere Themen einlassen. Ich weiß natürlich nicht wie es war, ich hatte ja nun Zeit und konnte mal meine E-Mails abarbeiten. Am Tag zuvor hatte ich nicht so richtig arbeiten können, Mülltonnenbox und der Gang mit der Mutter zum Hörgeräteakustiker hatten viel Zeit gekostet.

Es ist schon lange dunkel als Johanna wiederkommt und mir meine Sachen bringt. Schlafanzug, Kulturbeutel, Handyladegerät, Laptop und so weiter. Im Grunde hätte sie einfach alles bringen sollen, inklusive Koffer. Ich war ja sowieso nur mit kleinem Gepäck unterwegs, bei einer Reise von vier Tagen kriege ich eigentlich nur mit Mühe eine Seite unseres Koffers voll. Diesmal musste ich aber auch noch mit dem Gepäck beschränken, denn der Koffer war schon mit Johannas Geburtstagsgeschenken und dem Mitbringsel für die Gelsenkirchener voll. Mit meinen Klamotten hatte ich lediglich die Lücken ausgestopft.

Johanna muss noch mal raus zum Auto und das Buch holen, das Ulrich ihr mitgegeben hat. Gegen die drohende Langeweile. Ich habe das Buch auch angefangen und bin immerhin bis Seite hundert oder so gekommen. „Blackbird“ von Matthias Brandt, dem Willi-Brandt-Sohn. Ulrich scheint auf Coming-of-Age-Geschichten zu stehen, das finde ich bemerkenswert. Ich denke immer, das seien Bücher für Jugendliche. Aber vermutlich ist das Unsinn, es geht eben um Übergänge und die sind immer das Wesentliche im Leben.

Johanna hatte übrigens Mühe gehabt, überhaupt ins Krankenhaus zu kommen. Der Haupteingang wird wohl abends abgeschlossen und man muss dem Pförtner klar machen, warum man außerhalb der Besuchszeiten rein will. Vielleicht ist das neu, man hat ja schon häufig gehört, dass es neuerdings in Deutschlands Notaufnahmen recht rabiat zugeht. Es hat wohl schon einige Schlägereien in und vor Notaufnahmen gegeben. Auch vor Ort werden Rettungskräfte neuerdings angegriffen. Es ist eben nicht alles Gold.

Endlich kann ich mich standesgemäß einkleiden. Hört sich lustig an, aber in Zivilkleidung fühlt man sich schon nach kürzester Zeit deplatziert. Entweder man trägt blaue oder weiße Anzüge, bzw. Kittel, oder wie Dr. Atanas einen blauen Anzug und einen weißen Kittel, der immer offen bleibt damit er beim Gehen immer schwungvoll nach hinten weht, oder man hat Schlafanzug oder Joggingklamotten an. Johanna ging wohl davon aus, dass ich so eine Trainingshose und Sweater von Ulrich anziehen würde, aber ich will meinen Schlafanzug, der hat was von Anzug. Ich mag die Schlabberhosen nicht, ich halte es da mit Karl Lagerfeld. Später habe ich mir von Ulrich noch einen Bademantel bringen lassen, damit habe ich mich dann angemessen gekleidet gefühlt.

Ein Problem sind die Schuhe. Ich hatte erst Badelatschen von Ulrich getragen, aber abgesehen davon, dass die zu klein waren, war das Gummi auf Dauer unangenehm und schwitzig auf der Haut. Johanna hat mir dann ein paar Stofflatschen gebracht, wie man sie in besseren Hotels bekommt. Ich mag die Dinger und habe auch Daheim im Schrank einen kleinen Stapel davon, die ich früher auch mit in die Berge als Hüttenschuhe genommen habe. Ideal sind die im Krankenhaus auch nicht, weil man so schlurft, aber es ging einigermaßen.

Im Schrank waren keine Bügel. Ich wollte schon gerne das eine, noch frische Hemd aufhängen und fragte darum eine der Schwestern, ob ich einen Bügel bekommen könne. Das schien eine überraschende Frage, die sie stutzen ließ, aber sie versicherte mir, einen zu besorgen und brachte mir einen. Einen! Das hatte ich nicht erwartet. Es war auch noch so ein labbriger Drahtbügel, wie sie die Reinigung immer mitgibt, wenn man sich Hemden bügeln lässt. Ich habe daran die Hose aufgehängt und am nächsten Tag nach weiteren Bügeln gefragt. Ich hatte dann einen zweiten bekommen und das hatte meinen Eindruck verhärtet, dass da wohl Bügelmangel herrschen würde. Beim Umzug auf die Normalstation, also fünf Zimmer weiter, habe ich dann gemerkt, dass das Gegenteil der Fall ist. Vielleicht haben die jungen Frauen heutzutage keine Klamotten mehr, die man hängt. Was man so auf der Straße in Gelsenkirchen sieht, würde dazu passen.

Es gibt so etwas wie eine Nachtruhe auf der Station. Das Gerenne hört auf, die Unterhaltungen sterben ab, nur noch die verschiedenen Geräte brummen und klicken vor sich hin. Aber plötzlich höre ich Schreie. Eine Männerstimme schreit laut und jämmerlich „Hilfe, Hilfe!“. Das hört sich ernst an und man scheint auch gleich hinzugehen. Die Schreie bleiben, doch dazwischen mischt sich glucksendes Frauenlachen. Das irritiert natürlich. Ist das ein rituelles Spiel? Doch die Hilfeschreie bleiben, werden sogar drängender. Das Lachen bleibt aber auch, scheint sogar mehr zu werden. Da machen sich also gleich mehrere Frauen an dem armen Mann zu schaffen. Ich beherrsche den Impuls das Zimmer zu verlassen und mir die Sache anzusehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass da was nicht mit rechten Dingen zugeht und es würde wohl als Neugierde erscheinen, die es ja letztlich auch ist, die mich treibt.

Als sich die Lage später beruhigt hat, gehe ich raus und spreche die Damen dezent an. Ob ich mir Sorgen machen müsse, falls ich mich nicht anständig benehme und so. Sie sind erheitert, aber die Antwort lässt mich mit Rätseln zurück. Diesmal sei es heftig gewesen, sie hätte alle drei anpacken müssen. Wobei, erfahre ich nicht. Schlafen kann ich nicht viel. Es ist ziemlich hell, weil das Zimmer eine Glastür hat und der Flur hell erleuchtet ist, die Kabel und Geräte stören und das Blutdruckmessgerät plustert sich jede Stunde auf. Vor allem, wenn der Arm nicht ganz ruhig ist, oder wenn ich auf dem Arm liege sagt sich das Gerät scheinbar, dass da was nicht stimmt und löst das Problem indem es noch stärker aufpumpt. Das geht manchmal bis in den schmerzhaften Bereich. Nunja, ich muss ja nichts leisten und ob ich ausgeschlafen bin oder nicht, spielt keine Rolle.

Sonntag

Der Tag beginnt, wie der letzte geendet hat. Es ist ein permanentes Rein und Raus. Ich hätte mir das notieren sollen. Was mir so in Erinnerung geblieben ist: Wecken und Tabletten bringen, Fieber messen (dreimal am Tag), Blutzucker messen (alle vier Stunden), Frühstück wird gebracht, Stationsärztin stellt sich vor, die Frau von Catering fragt die Wünsche für den nächsten Tag ab, die Physiotherapeutin, der Ergotherapeut, die Sprachtherapeutin, Putzdienst. Ich finde das sensationell.

Und alle, die was mit Therapie zu tun haben, fragen, was vorgefallen sei. Ich erzähle wieder und wieder wie die Symptome waren. Es kommen dann kluge Nachfragen. Wie lange dies gedauert habe, wie lange jenes oder ob es ein Drehschwindel gewesen sei oder ein Sonstwasschwindel. Letzteres kann ich nicht sicher beantworten, es ist ja sowieso schwierig, über Empfindungen genau zu sprechen. Es gibt zig Schmerzarten, ziehend, stechend, pulsierend, und man weiß nie, ob es ein anderer genauso empfindet wie man selbst.

Ich wundere mich, warum sie eigentlich alle von mir die Krankengeschichte hören wollen. Ich hätte erwartet, dass sie einfach in der Krankenakte lesen. Ulrich meint, dass sei nur zum Testen, ob bei mir im Kopf alles in Ordnung sei. Ich kann das eigentlich nicht glauben. Vielleicht entscheiden die einzelnen Therapeuten selbst, ob sie was mit mir machen wollen oder nicht. Die Gespräche endeten immer mit „dann kann ich bei Ihnen ja nichts tun“. Vielleicht hätte ich da nicht so stark zustimmen sollen, denn später hat die Besuchsfrequenz nachgelassen.

Was sehr auffällt, ist, dass man auf der Station komplett in Frauenhand ist. Einzig unter den Ärzten gibt es drei Männer, aber die fallen wenig auf, weil die auch noch extrem unscheinbar sind. Von einem von denen habe ich, wenn ich mich nicht täusche, kein einziges Wort gehört. Auch unter den Pflegern gab es einen Mann, naja, eigentlich war es ein schüchterner Bub. Ich will mich aber nicht beschweren, die Frauen machten alle einen kompetenten Eindruck, waren alle freundlich und immer ansprechbar. Gut, eine, so eine Art Dienstleiterin war immer sehr ernst, der konnte ich nie ein Lächeln entlocken, aber mit allen anderen konnte man scherzen.

Es gibt aber natürlich auch richtigen Besuch heute am Sonntag. Insofern ist es natürlich Glück im Unglück in Gelsenkirchen gestrandet zu sein. Nicht wie damals, bei dem Flugzeugabsturz, als ich in Hildesheim im Krankenhaus lag. (Das ist auch so eine Geschichte, die ich auch mal aufschreiben sollte.)

Hier ist die Verwandtschaft zu Hause und sehr verlässlich. Daniel bringt mir einen Focus mit. Nunja, an Lesestoff mangelt es mir nicht, Kindle sei’s gegönnt. Und eigentlich freue ich mich etwas darauf, mal in aller Ruhe meine ganzen Blogs zu lesen. Nun gut, ich werde sehen, was der Fokus für ein Blatt ist. Immerhin auf Seite zwei schreibt Jan Fleischhauer eine Kolumne über die überdrehte Politische Korrektheit unserer Tage. Recht hat er.

Mit meinem Neffen rede ich unter vier Augen bei dem Besuch mehr als sonst, wenn man sich zu Familienfeiern trifft. Da sitzt man eher in großer Runde beieinander und es geht um die Themen der Erwachsenen. Wobei das natürlich Blödsinn ist. Daniel ist auch schon über 40.

Später dann kommt meine Tochter und wir haben ein langes Gespräch über ernste Themen, die hier nicht hingehören. Irgendwann kommt eine Schwester rein und macht Licht an. Keine Ahnung, was sie denkt.

Danach hatte ich Ruhe und konnte die ganzen hartnäckigen E-Mails angehen, die ich in den Tagen zuvor schon nicht bearbeiten wollte. Wenn man sich etwas Zeit nimmt, die ich ja nun im Überfluss zu haben dachte, geht es immer gut, diese Sedimente am Boden des elektronischen Postfaches abzuräumen. Im Grunde ist es dann immer deutlich weniger Arbeit als befürchtet. Man muss halt das eine oder andere recherchieren und unter Umständen zum X-ten Mal etwas erklären, oder sich mal endlich dazu durchringen, die Frage in den FAQ aufzunehmen, auf jeden Fall muss man sich zu irgendwas entscheiden.

Irgendwann habe ich keine Lust mehr, lese etwas in Ulrichs Buch und beschließe den Tag mit einem Tatort. Nicht den aktuellen, der ist vorbei, aber mit einem alten aus der Mediathek.

Montag

Am Montag kündigt sich nun endlich eine Wende im Speisedesaster an. Die Frau vom Catering kommt mit forschem Schritt und strahlendem Lächeln rein. Sie nimmt die Bestellungen auf. Ich bin völlig fasziniert von ihrem Auftritt. Sie zelebriert ihr Angebot in unnachahmlicher Weise. „Und wir starten gleich durch mit dem Frühstück. Möchten Sie ein oder zwei Brötchen? Möchten Sie Wurst oder Käse?“ Die ganzen Optionen durch. „Und wir machen gleich weiter mit dem Mittag.“ Ich kann kaum an mich halten ob dieser im vollen Brustton vorgetragenen, gestanzten Formulierungen. Ich spreche sie dezent darauf an, aber sie versteht das nicht und bleibt bei ihrem strahlenden Lächeln. Auch als mein Erstaunen kundtue wegen der Zigeunersoße, versteht sie meine Andeutung nicht. Mir gefällt das. Hier sind sie offensichtlich noch nicht alle so bekloppt wie diese Künstler- und Intellektuellenkreise, die glauben, die Welt ließe sich durch Sprache verbessern.

Am Entlassungstag komme ich mit ihr ins Gespräch. Sie hat früher bei Douglas gearbeitet und hat ihren Job im Zuge der Entlassungswelle, die vor etlichen Jahren durch die Presse ging, verloren. Das muss ein ziemlich übler Laden gewesen sein, Douglas, der seine Mitarbeiter schlecht behandelt hat. An einem Kosmetikstand kann ich mir die Cateringfrau recht gut vorstellen, sie ist auch wirklich sehr gepflegt. Sie hat dann später den neuen Job angenommen und ist ganz begeistert. Sie geht jeden Tag durch das halbe Krankenhaus und nimmt die Bestellungen auf. Dieser Service kompensiert fast die Katastrophe mit dem Essen. In den Stationszimmern liegen ja die Speisepläne rum. Man bräuchte ja eigentlich nur anzukreuzen, zumindest die nicht Halbtoten. Aber wozu? Mir gefällt dieser Service.

Bei einer der Bestellungsaufnahmen fällt das Wort „Dauerwurst“. Ich bin begeistert. Das Wort habe ich wohl Jahrzehnte nicht mehr gehört. Ich kenne es eigentlich nur von meiner Mutter, Dauerwurst gehörte zum Standardrepertoire ihres Einkaufs. Ich frage, ob das Salami sei. Sie sagt einfach ja, was natürlich nicht stimmt. Ich bestelle die trotzdem, sie schmeckt nicht wirklich, stelle ich am nächsten Tag fest.

Überhaupt höre ich etliche Worte und Wendungen, die mir unendlich vertraut sind, obwohl ich sie seit ewigen Zeiten nicht mehr gehört habe. So gibt es da eine Frau, deren Aufgabenspektrum ich nicht einschätzen kann, die jedenfalls unter anderem ab und zu die Wasserflaschen erneuert. Sie sagt beispielsweise so in Selbstgesprächsmanier: „Die sind alle, die nehme schon mal mit“. Die sind alle! Wie herrlich. Ungefähr so wie meine Mutter, die immer die Türen losgemacht hat. Oder den Kran.

Heute muss ich einiges erledigen. Ich rufe bei der Ergo an um rauszukriegen, wie ich ein neues Bahnticket kaufen soll. Doro hatte nämlich eine Reiseversicherung abgeschossen. Ich käme nie auf die Idee und wundere mich eigentlich immer noch, wieso meine Frau auf so etwas kommt. Aber es erweist sich jetzt als sehr praktisch, ich brauche lediglich eine Aufenthaltsbestätigung des Krankenhauses. Ich finde das etwas übergriffig, dass die Versicherung den Grund meines Krankenhausaufenthalts wissen will. Immerhin wird so etwas dem Arbeitgeber nicht mitgeteilt. Dem schicke ich dann die Bescheinigung auch. Erstaunlicherweise kann einen das Krankenhaus nicht krankschreiben und stellt alternativ diese Aufenthaltsbescheinigungen aus. Später, zurück in Konstanz habe ich mit meinem Hausarzt darüber gesprochen. Der meinte, dafür gebe es keine rechtliche Grundlage. Seine Vermutung ist, dass das mit deren SAP-System zusammenhinge. Das Krankschreibung in einem Modul ist, dass die Krankenhäuser nicht kaufen wollen. Nun, man muss nicht alles verstehen.

Endlich geht es auch in medizinischer Hinsicht weiter. Mit Frau Atanas bespreche ich nochmal das Vorgehen. Ich bin jetzt für mehrere Tage unter intensiver Beobachtung. Die Gefahr ist, dass es einen weiteren Schlaganfall gibt und der ist dann meist schwerwiegender. Wikipedia spricht bei Männern von 30% Folgeschlaganfällen nach einer TIA. Die Behandlung, wenn man das so nennen will, besteht aus drei Tabletten täglich: morgens ASS zur Blutverdünnung, mittags was zur Magenschonung, was ich vermutlich nicht bräuchte, mein Verdauungstrakt ist ziemlich robust. Und abends was zur Blutfettsenkung. Das darf ich dann auch für den Rest meines Lebens zu mir nehmen, erklärt mir meine Ärztin. Die kommenden Untersuchungen sind ein Hals- und Kopfarterienultraschall, ein MRT und ein Schluckecho. Das alles dient dazu, der möglichen Ursache auf die Schliche zu kommen.

Das CT am ersten Tag war wohl das Wichtigste. Da wurden alle Arterien, die zum Kopf führen, also vom Herzen an aufwärts mit Kontrastmitteln untersucht. Man hat nichts festgestellt, was gut ist. Das MRT sei nur forensisch, man will schauen, ob es schon einmal einen (unbemerkten) Infarkt gegeben hat. Und beim Herzen geht es um die Frage, ob ich zu den 20% der Menschen gehöre, die ein Loch im Herzen haben. Das würde man dann mit einem kleinen Hütchen abdichten. „Aber erst feiern Sie mal Sylvester“ meine Frau Atanas. Ich denke schon, sie will mir noch ein paar unbeschwerte Lebensmonate schenken, aber es geht nur darum, dass direkt nach einem Schlaganfall so eine OP als ein vermeidbares Risiko gesehen wird. Medizin ist heutzutage viel Statistik, stelle ich immer wieder fest.

Heute macht sie die Halsarterienuntersuchung. Ein Freund hatte mich vor ein paar Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass man das zur Prophylaxe machen sollte und auch die Schlaganfälle meines Freundes Harald kamen letztlich von diesen Arterien; sie waren voller Ablagerungen bei ihm gewesen. Damals hatte ich unseren Hausarzt bei der jährlichen Routineuntersuchung gebeten auch die Arterien zu ultraschallen. Er hatte gezögert und dann so etwas in dem Sinne von „Ok, ich mach’s“ gesagt. Vielleicht ist das eine IGEL-Leistung und ich frage jetzt meine Oberärztin. Sie lacht, was sie fast immer tut und meint, davon habe sie keine Ahnung. Das sei das Schöne an der Arbeit im Krankenhaus, dass sie sich um sowas nicht zu kümmern brauche. Das fand ich erhellend. Ich hatte vom Hörensagen immer den Eindruck, dass die Arbeit im Krankenhaus nur eine Notlösung für Ärzte sei, die nicht genug Geld für die Niederlassung zusammenbekommen. Das scheint also nur eine mögliche Sichtweise zu sein.

Am Nachmittag arbeite ich für unseren Dorfverein. Heute Abend ist ja die wichtige Sitzung, in der die Präsentationen für die Mitgliederversammlung verabschiedet werden sollen. Ich baue die gesammelten Rückmeldungen ein. Von Cordula kommen detaillierte Wünsche, wo und wie welcher Text platziert werden soll. Als Layouterin kann sie von bestimmten Ansprüchen nicht lassen, ich verstehe das voll und ganz. Sie weiß nicht, dass ich im Krankenhaus bin und hat so schon ein schlechtes Gewissen wegen des vielen Hin- und Her. Mir macht es Spaß. Ich bin ja nicht krank, irgendwie. Mir geht es nicht anders als vor dem Schlaganfall und schonen muss ich mich auch nicht. Abends telefoniere ich noch mit unserem ersten Vorsitzenden. Dem hatte ich natürlich schon vorher Bescheid gesagt, dass und warum ich nicht die Sitzung am Abend leiten kann.

Es trudeln auch verschiedene E-Mails mit den Wünschen zu guter Besserung ein. Das bleibt ein fortlaufendes Muster, dass ich denke, dass es für mich keine Besserung gibt. Es wird sich nichts bessern. Es bleibt hoffentlich so, wie es ist. Man muss mir eigentlich Glück wünschen, also nicht glückwünschen, sondern wünschen, dass es keinen weiteren Schlag gibt. Aber was soll’s, alle wollen, dass es mit gut geht, das passt schon.

Johanna kommt am Nachmittag. Sie bleibt nicht so lange wie gestern, sie muss heute noch zurück nach Holland und dann Morgen nach München und ihren Studenten die Prüfungen abnehmen. Das Mädel macht schon tolle Sachen. Ich berichte ihr von den Krankenhausbewertungen. Die habe ich mir nämlich mal durchgelesen. Es gibt ja heute für alles ein bis fünf Sterne. Das EVK hat, glaube ich so drei, aber beim Lesen fällt mir auf, dass Mittelwert wenig sinnvoll ist. Jemand liefert seinen Vater ein und der stirbt dann: 1 Stern. Jemand kommt geheilt raus: 5 Sterne. Das deutet wohl auf ein Unverständnis von Gesundheit Krankheit, Technik und Schicksal hin. Manche Einträge sind echt schräg: „Ich hatte nur 2 Ärzte getroffen, also 2 Sterne“ oder „Entschuldigung, dass ich erst jetzt zu einer Rezension komme“ – also nur den Satz als Rezension. Das ist schon fast Dada. Johanna und ich lachen uns ordentlich was weg.

Am Abend dusche ich mich, der Deo-Stift hatte es nicht mehr gepackt. Es gibt da nur einen großen Raum mit Behindertentoilette und jeder Menge Klo-Stühlen, also diese fahrbaren Sitze mit Loch in der Mitte, unter die dann wohl eine Schüssel kommt. Ich glaube nicht, dass die schmutzig sind, aber trotzdem ist das Ambiente abtörnend. Irgendwo an einer Wand ist eine Duschstange, kein Vorhang, kein nichts. Vermutlich für den Pflegedienst praktisch. Ich muss aufpassen, dass ich nicht den ganzen Raum unter Wasser setze.

Danach besichtige ich noch den Flur. In den anderen Zimmern liegen die Leute alle so halbkomatös im Halbdunklen in ihren Betten. Denen geht es richtig schlecht. Ich frage mich, ob ich nicht ein schlechtes Gewissen haben muss, hier eines der wertvollen Betten zu beschlagnahmen, wo ich doch nichts Richtiges habe. Und dann noch das schönste Zimmer. Aber ich kann mich beruhigen. Die Prophylaxe ist wichtig.

An der Pinwand man findet Informationen für verschiedene Selbsthilfegruppen. Es gibt auch das Angebot für kostenlose Patientenbetreuungskurse für Angehörige und an der Pflege Interessierte. Mir dämmert irgendwie, was alles so hätte passieren können.

Dienstag

Heute nun also die beiden großen Untersuchungen, MRT und Schluckecho. Die Magnetresonanztomografie wird der Leser kennen. Während ich in der Röhre liege und darauf warte, dass es losgeht, fällt mir ein, dass es bei meiner Diplomarbeit um genau dieses Thema ging. Dreidimensionale Speicherung für räumliche Daten, statt Pixel gab es „Voxel“. Möglicherweise war mein Professor damals visionär, keine Ahnung. Für mich war die Diplomarbeit damals nur lästige Pflichtübung. Ich war schon am Arbeiten und hielt das irgendwie für überflüssig. Aber die Gute Stube ist ja in einem drin und „man weiß ja nie“. Ich war später oft froh, es gemacht zu haben.

Ich hatte wohl auch deshalb immer wieder Artikel überflogen, in denen es um MRT-Geräte ging. Es ist ja auch eine faszinierende Technik. Ich hatte die Schwester, nach dem Hersteller gefragt. „Siemens, alle Geräte sind von Siemens“. Ob’s stimmt weiß ich nicht, aber wo ich es aufschreibe, meine ich mich zu erinnern, dass das Institut, bei dem ich die Diplomarbeit geschrieben hatte, auch mit Siemens zusammengearbeitet hatte. Lag ja nahe, in Berlin.

Ich hatte vorhin „Schwester“ gesagt. Möglicherweise war das auch eine Ärztin oder eine andere Berufsgattung. Ich wollte ausnahmsweise nicht den Betrieb mit Fragen aufhalten, so ein Gerät ist teuer und sollte nicht stillstehen. Es war mal wieder eine reine Frauenmannschaft. Drei junge, blau bekittelte Frauen sitzen im Vorraum und starren auf Monitore, während man sich in der Maschine bedröhnen lässt. Ich muss wieder mal an die Geschlechterrollen denken. Männer erfinden und bauen die Maschinen und Frauen bedienen sie. Ist das nur ein Klischee? Unabhängig davon frage ich mich immer, wieviel technisches, ingenieurmäßiges Verständnis das Personal hat.

Früher lernte man noch bei der Führerscheinprüfung noch einiges über die Technik des Fahrzeugs. Wie man den Keilriemen mit einem Frauenstrumpf ersetzt – hatte immer so eine erotische Konnotation. Strumpfhosen sind vermutlich nicht nur in erotischer Hinsicht unterlegen, sondern auch in technischer. Es war also damals erwartet worden, dass der Fahrzeugführer noch ein gewisses technisches Verständnis seines Geräts hatte, um bei unvorhergesehenen Situationen angemessen eingreifen zu können. Bei heutigen Autos ist das witzlos, das Display sagt einem, was man tun soll. Technisches Verständnis und die Fähigkeit selbst Hand anzulegen sind nicht mehr gewünscht und es ist eigentlich auch nicht mehr möglich. Wenn ich es positiv sehe, drückt sich darin die Reife der Produkte aus. In meinem Beruf aber gibt es zwar auch eine eigentlich vorhandene Abstraktionsebene, in der man mit den technischen Artefakten, also bei der Software, umgehen muss. Aber oft genug ist es entscheidend, die Werkzeuge selbst in Frage zu stellen, anzupassen oder gar eigene zu entwickeln. Das ist wohl typisch, wenn man die ausgetretenen Pfade verlässt. Wo das bei den medizinischen Geräten der Fall ist, kann ich nicht einschätzen.

Auf jedem Fall steht dem Gerät ja ein biologischer Körper gegenüber und da ist jeder anders und speziell. Alles geht so nach Schema F, Blutdruck 140, grenzwertig, 160 zu hoch, muss gesenkt werden usw. Ich fand das schon immer blöd. Das sind nämlich alles nur statistische Verteilungen. Mann über sechzig mit TIA bekommt in 30% der Fälle einen richtigen Schlaganfall hinterher. Mag ja sein. Aber bei mir ist es nicht 30%, sondern entweder null oder hundert.

Aber zurück zum MRT. Im Aufklärungsbogen stehen zwei Probleme, Klaustrophobie und Lärm. Das mit der Platzangst haben sie echt klasse gelöst. Man bekommt eine Art Gesichtsschutz, ähnlich wie die Football-Spieler und genau in das Gesichtsfeld ist ein kleiner Spiegel im 45°-Winkel montiert. Auf dem Spiegel sieht man nach draußen und zwar lediglich den Oberkörper, die Beine und die Füße und irgendwas dahinter. Eigentlich nimmt der Spiegel nur einen kleinen Teil des Gesichtsfeldes ein, aber er ist so dominant, dass man gar nicht die Röhre als solche wahrnimmt. Simpel und effektiv.

Das mit dem Krach fand ich überhaupt nicht unangenehm. Wir gehen ja jedes Jahr auf die ARS Electronica und da wird regelmäßig mit allen möglichen Soundmaschinen experimentiert. Vor zwei Jahren erst gab es da ein Konzert mit sechs Presslufhämmern auf der Bühne. Das war mindestens vergleichbar, sowohl von der Lautstärke als auch von den Körpervibrationen her.

Der Sound vom MRT ist ok, einzig die Komposition hatte Schwächen. Der Auftakt seicht, ein leichtes konstantes Hämmern und unregelmäßige Klopfgeräusche, dann ein hartes Hämmern, dazu Rumsen, auch eine Art Pfeifen, dass alles in einem langen Crescendo, das dann plötzlich abbricht. Teilweise richtig gut, aber gegen Ende etwas zäh. Vielleicht sollte man auf der ARS mal ein Konzert für drei Magnetresonanztomographen zur Aufführung bringen.

Was man gar nicht versteht, ist, was da in dem Ding eigentlich vor sich geht. Wieso gibt es so unterschiedliche Geräusche? Einen einheitlichen Krach hätte ich verstanden, da hätte ich gedacht, dass das Erzeugen der Magnetkraft so viel Krach macht. Aber diesem tonalen Durcheinander könnte ich keinerlei Geräteidee imaginieren.

Die zweite Untersuchung war das Schluckecho, Transösophageale Echokardiographie, oder auch Ultraschall des Herzens durch die Speiseröhre. Die billige Variante macht der Kardiologe um die Ecke, da setzt er den Ultraschallsensor auf den Brustraum, die Sache mit der kalten Schmiere, Frauen kennen das von der Schwangerschaft. Aber da sind die Rippen im Weg und man kann wohl nicht alles ganz genau erkennen. Von innen ist die Sicht wohl perfekt.

Beim MRT bin ich ja eigenständig zur Untersuchung runter ins Erdgeschoss. Mich hatte das nach allem, was ich bisher erlebt hatte gewundert. Die Schwester kam rein und sagte, ich solle zum MRT. Ich also Laptop und Handy in den Schrank geschlossen, Buch geschnappt (man weiß ja nie, ob man lange warten muss) und dann auf den Flur. Aber niemand kam und hat mich hingebracht. Ich habe dann gefragt und dann hat man mir den Weg erklärt. Fahrstuhl links, runter ins EG, dann links, dann nochmal links und so weiter. Vor dem Fahrstuhl dann zwei Männer auf so fahrbaren Stühlen, fast so eine Art Sessel, hohe Lehne und Kopfstütze. Der vordere, er sieht so aus, wie ein Mann aus dem Zimmer, aus dem neulich nachts die Schreie kamen, meint, er müsse auch zum MRT. Zeigt mir seinen Zettel. Nun ja, eigentlich kann ich ihn ja mitnehmen, und vielleicht kriege ich raus, was da los war. Ich fange an die Radsperren zu lösen, da kommt schon der Ruf von hinten, dass ich das hübsch sein lassen soll. Er würde abgeholt und dann käme der Abholer umsonst. Ist auch besser so, dann bin ich erster, denke ich.

Beim Schluckecho dann ganz anders. Bevor es losgeht muss ich das Engelhemdchen anziehen. Das sind herrliche Begriffe, die ich sofort in meinen Wortschatz einbauen will. Ein anderer ist „Zugang“, das ist diese Kanüle, die man heutzutage immer im Ellenbogen in die Arterie gelegt bekommt. Dann werde ich mit dem Bett rumchauffiert. Ich möchte immer der Schwester helfen, die sich mit dem schweren Bett abmüht. Aber das ist natürlich nicht gewünscht und ich will auch die Abläufe nicht stören.

Es geht in den Altbau, da wo früher die Kreißsäle waren. Da werde ich an einen Pfleger übergeben, der mich durch die hier sehr engen Gänge manövriert. An den verschiedenen Untersuchungsräumen haben sich Bettschlangen gebildet, die manchmal hin und her rangiert werden müssen. Ich frage mich, warum gerade hier mit Betten gearbeitet wird. Ich vermute wegen der Narkose, da kann man die Leute gleich in den Betten lassen. Auf dem langen Weg erfahre ich immerhin, dass es im Krankenhaus 400 Betten gibt. Ich hätte gedacht, dass es viel mehr sind. Vielleicht kriege ich raus, wie viel Leute hier arbeiten, ich schätze deutlich mehr als es Patienten gibt.

Man wird, wie ich feststelle, sogar in seinem Bett untersucht. Ich habe nichts mitbekommen. Spritze rein und bevor man fragen kann ob das nur ein Beruhigungsmittel, wie der untersuchende Arzt sagt, oder schon die Narkose ist, ist man hammerschlagartig weg. Es wird einem nicht mal schwarz vor Augen, wie das im Film so gemacht wird. Es gibt nur eine letzte Erinnerung, bei der man wach war.

Zurück im Zimmer wache ich irgendwann auf, schlafe aber noch einfach mal zwei Stunden weiter. Danach ist der Hunger groß genug, so dass ich das nichtgegessene Frühstück (nüchtern, wegen Narkose) und das erkaltete Mittagessen hintereinander esse. Später dann auch ein Rekordwert bei der Blutzuckermessung: 190.

Danach dann Besuch von Rita und Ulrich, danach dann Telefonat mit meiner Frau, und dann ist der Tag auch schon beinahe rum. Doch ich habe mich getäuscht. Ich muss noch umziehen. Meine schöne Zeit auf der Intensivstation geht zu Ende. Ich hatte gehofft, ich könnte noch drinbleiben, es ist ja ein Einzelzimmer und abgesehen von den Kabeln am Körper, die schon echt hinderlich sind, hatte ich es mir gemütlich eingerichtet. Mittags hatte eine Schwester schon gefragt, ob ich eine Zusatzversicherung habe. Auf meine Rückfrage sagte sie dann schon was wegen der Verlegung, aber weil die angekündigte Zeit schon lange vorbei war, hatte ich gedacht, sie lassen mich einfach hier. Keine Ahnung ob sie das Zimmer brauchen. Ich glaube, auch ohne dem hätte ich umziehen müssen. Es geht da wohl um die Anzahl von Stunden, die nach einem Schlaganfall die Geräteüberwachung von den Kassen erstattet wird. Wobei auch das nicht klar ist, es gibt ja diese Fallpauschalen. Vielleicht ist es Stand der Wissenschaft.

Jedenfalls komme ich jetzt „auf Station“, Doppelzimmer zusammen mit Herrn Schwind. Etwas jünger als ich, etwas dicker als ich, etwas schlimmer dran als ich, wobei das ja Unsinn ist, mir geht es ja gut. Mein Zimmernachbar hatte „auf Arbeit“ bemerkte, dass er nur einen von seinen Bildschirmen sah und hatte auch Schwindel (lustig bei dem Namen). Er war dann zur Betriebskrankenschwester gegangen, die ihm auch empfohlen hatte, zum Arzt zu gehen, aber wohl mit zu wenig Nachdruck. Er ist dann nach Hause und als er bei der Fahrt in die Firma am anderen Morgen, merkte, dass er einen Mann mit Hund überhaupt nicht gesehen hatte, ist der dann zum Arzt und der hat ihn dann unverzüglich eingeliefert.

Ich frage mich schon, was das für eine Betriebskrankenschwester ist. Gesichtsfeldausfälle sind doch ein Klassiker bei Schlaganfällen. Die hätte den Mann doch gar nicht gehen lassen dürfen! Eigenverantwortung ist wirklich entscheidend.

Mein Nachbar ist nett, man kann sich gut unterhalten. Arbeitet in Dortmund. Auf die Frage, ob er auch da wohnt wehrt er entsetzt ab, um Gottes willen. Tja, Schalke und Dortmund, das ist irgendwie genetisch verankert. Er wohnt in Ückendorf, „in dem bewohnbaren Teil“ betont er, anspielend auf die Verhältnisse in der Neustadt, wo der Bahnhof ist.

Ich bin ein wenig im Flur hin und her gelaufen. Eine Frau saß da traurig auf einer Bank. Man erkennt die besorgten Angehörigen sofort. Ihr Mann konnte plötzlich nicht mehr aufstehen. Arme oder Beine gelähmt. Vor zwei Stunden, jetzt ist der Mann wohl im Stroke-Room. Ich mache ihr etwas Hoffnung, zwei Stunden sind ja nicht viel. Aber ich habe ja auch keine Ahnung. Für Angehörige ist das schon furchtbar, vor allem wenn man so alleine dasitzt. Um den Patienten herum wuselt es ja, der kommt gar nicht so zum Grübeln.

Davor war eine kleine Gruppe da, ein Mann, und eine Frau und ein Mädchen. Vielleicht war es der Mann der Frau, oder die Mutter oder Oma, die den Schlaganfall hatte. Die Frau und das Mädchen, halten sich gegenseitig gedrückt, der Mann geht mit ernstem Gesicht auf und ab. Die tun mir leid. Aber man kann da nichts machen. In einem Krankenhaus sind die Schicksale gehäuft aufeinander.

Mittwoch

Am Entlassungstag lerne ich noch die Grünen Damen kennen. Eine etwas ältere Frau mit auffällig gepflegtem Haar, also so einer Dauerwelle, bei der aus wenigen dünnen Haaren ein mächtiger Kranz auf den Kopf gezaubert wird, betritt mit forschem Schritt den Raum. Früher, so kommt es mit vor, hatten alle Frauen so eine Frisur. Das war überhaupt das Merkmal einer richtigen Frau. Die Alten hatten hinten nur einen Knopf, die Mädchen hatten Haare, aber keine Frisur, Männer sowieso nicht. Nur die Frauen. Eine, nämlich die Verkäuferin von Quelle, wo ich immer hinging, um mir die tollen Geräte anzugucken, die ich haben wollte, die aber für uns zu teuer waren, also Kassettenspieler, Ferngläser und was weiß ich, die Verkäuferin hatte eine violette Dauerwelle. Die kannte jeder, mit dem ich darüber sprach, die war wohl stadtbekannt. Jedenfalls musste man einer Frau mit Dauerwelle mit Respekt begegnen.

Die Dienste der Grünen Dame benötigen wir nicht, dafür plaudern mein Zimmernachbar und ich mit der Frau. Sie kümmert sich um Alleinstehende. Besonders Männer sind manchmal völlig runtergekommen und hilflos, meint sie. Wir sind uns schnell einig, dass es den Frauen in unserer Gesellschaft besser geht als den Männern. Der Kreis der Gender- und Feminismusfahnenträger ist vielleicht viel kleiner als man manchmal denkt. Sie hat ihren Mann verloren und suchte eine Aufgabe. „Die Wohnung habe ich in einer Stunde morgens fertig. Soll ich dann zu Gartenbröker gehen und den ganzen Tag Kaffee trinken?“. Ich finde solche ehrenamtliche Arbeit grandios und sage ihr das. „Aber man muss viel Leid sehen können“, meint sie. Nach zehn Jahren wird es ihr auch langsam zu viel und sie will kürzertreten. Es sei ihr gegönnt.

Ich will mich umziehen und merke, dass ich noch den „Zugang“ im Arm habe. Er ist schon ein Teil von mir geworden. Vorne bei den Schwestern macht sich eine Auszubildende an die Arbeit. „Kannst Du das?“ fragt die Ältere. Sie sagt ja und beginnt an den Klebestreifen zu fummeln. Es klappt ganz gut und sie drückt mir das Pad auf das Loch. „Schön drücken!“ Dann kommt sie mit dem Pflaster und klebt das Pad fest.

Zurück im Zimmer merke ich beim Anziehen der Hose, dass was feucht und kalt ist am Arm. Oje, das schöne blaue Hemd voller Blut, bis runter zur Manschette. Also wieder zu den Schwestern. „Sie müssen drauf drücken“ schimpft die eine Fraktion. „Im kalten Wasser auswaschen ist der konstruktivere Beitrag der anderen. Ich kriege nun einen Druckverband und der hält.

Für das nasse Hemd besorge ich mir noch eine Plastiktüte, zahle die Tagespauschale, gebe ordentliches Trinkgeld in die Kaffeekasse, die es nicht gibt, weil das Personal nichts annehmen darf. Eigentlich möchte ich sie alle einmal herzlich drücken, sage aber nur Tschüss, denn „Auf Wiedersehen“ wäre dann doch gelogen. Mit meinem OpenText-Laptoprucksack und zwei Taschen ziehe ich los.

Ich will noch etwas durch die Stadt laufen und dann mit dem Bus fahren. Die kühle Luft um die Nase ist angenehm und ich genieße das Gefühl der Freiheit.

Ich meide die Bahnhofstraße, das Gebiet ist mittlerweile runtergekommen, und es gibt nur noch Schrottgeschäfte. Man sieht überwiegend Kopftücher und südländisch aussehende Menschen, wie die Presse mittlerweile so gewunden formuliert, wenn wieder einer mit Messer, Axt oder Schwert auf offener Straße seine Ehre wiederherstellt. Die wenigen Deutschen sind wiederum mehrheitlich von der Harz-4-Fraktion. Gelsenkirchen war früher deutlich lebenswerter als heute. Eindeutig.

Was man überall sieht, ist die Schalker Fahne. Die S04-Begeisterung ist schon bemerkenswert, von früher kenne ich das nicht. Vielleicht, geht es mir durch den Kopf, ist das jetzt der Ersatz dafür, dass man sich mit seiner Stadt nicht identifizieren kann.

Ich gehe in das Stadtcafé, und es gefällt mir. Wenn ich in Gelsenkirchen wohnen würde, denke ich, wäre ich bestimmt häufig hier. Ein schönes gediegenes Ambiente, auch ein Außenbereich, eine gut sortierte Kuchentheke, von der Rita allerdings meint, die seien nicht gut, Personal mit Anzug oder Schürzen und vor allem eine große Barista-Maschine. Da sind Doro und ich richtig snobistisch. Wenn in einem Café keine derartige Maschine ist, gehen wir unverrichteter Dinge wieder raus. Aber für einen Cappuccino ist es mir noch zu früh, es bleibt beim Schauen.

Dann komme ich an die Probsteikirche und gehe in den gotischen Bau hinein. Es ist alles vertraut. Das große Jesuskreuz aus dunklem Holz hängt an der rechten Wand, die Weihwasserbehälter sind groß und schwer und auch aus Holz, die ganze Kirche wirkt für mich wie der Inbegriff einer katholischen Kirche. Lediglich dass die Orgel neben den vertikalen auch einen Satz horizontaler Pfeifen hat, vermerkt mein touristischer Blick mit Erstaunen. Das habe ich noch nie gesehen und es sieht ziemlich schräg aus, wie die Röhren in den Kirchenraum hineinragen.

Später rede ich mit Ulrich darüber und er erinnert mich daran, dass das die Kirche war, in die wir immer jeden Sonntag zur Messe gegangen waren. Da fällt es mir natürlich auch wieder ein. In der Josephskirche in Schalke waren nur die Konfirmationen und so weiter, dafür mussten wir in die Schalker Kirche. Aber meine Eltern gingen sonntags mit uns immer in die Altstadtkirche, vermutlich weil der Weg dahin kürzer war.

In der Kirche kam mir der Gedanke, dass es reichlich kitschig und sentimental wäre, nach dem Krankenhausaufenthalt Gott zu danken. Aber irgendwie war der Gedanke dann plötzlich da, dass das doch ganz anders hätte ausgehen können. Geboren in Gelsenkirchen, gestorben in Gelsenkirchen, das wäre schon kurios. Wobei man bei einem Schlaganfall wohl selten stirbt. Eher wird man zum Krüppel, Rollstuhl und so. Was da besser ist, fragt man sich natürlich. Wenn ich bei der Mutter im Altenheim bin, frage ich mich das auch immer. Man sagt sich schnell, das will man nicht, eher gibt man sich die Kugel. Aber solange man das noch denken kann, tut man’s nicht, danach kann man’s nicht mehr. Vielleicht sollte man sein Schicksal annehmen und nicht versuchen davor zu flüchten. Keine schönen Gedanken das alles.

Überhaupt stellt sich ja die Frage, ob ich jetzt mein Leben ändern soll. Meine liebe Frau kriegt natürlich mit ihren Forderungen nach mehr Sport, weniger Alkohol und so weiter vermutlich reichlich Auftrieb. Von ärztlicher Seite stehen nur zwei Tabletten täglich auf dem Programm. Blutverdünner am Morgen und Blutfettsenker am Abend. Das mit dem Blutfettsenker hatte ich kurz mit Frau Atanas diskutieren wollen, denn meine Blutfettwerte sind nur grenzwertig und meine Arterien sind nicht verkalkt. Doch das wischt sie einfach vom Tisch. „Sie sind jetzt Schlaganfallpatient“. So ist das also von nun an.

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