Der ideale Mann

Ha, Ha. Dreimal kurz gelacht.

Tatsächlich habe ich gar nicht gelacht, sondern nur zweimal geschmunzelt. Das ist natürlich eine schwache Ausbeute für eine Komödie. Wobei ich mich nicht beklagen will, ich wurde insgesamt gut unterhalten. Das Stück von Oscar Wilde verhandelt das Geschlechterverhältnis in einer Weise, in der auch der heutige Zuschauer Bezüge zur Gegenwart finden und Gewinn daraus ziehen kann.

Es geht in der Hauptsache um das Ehepaar Sir Robert und Lady Gertrude Chiltern, deren Ehe von beiden Seiten auf Lügen aufgebaut ist und die nach ein paar Verwirrungen lernen, wer sie wirklich sind und sich trotzdem lieben, oder vielleicht überhaupt erst wirklich lieben. Happy End also. Und auch das Paar Lord Arthur Goring (Roberts Freund) und Miss Mabel Chiltern (Roberts Schwester) heiraten am Ende, also auch da alles Paletti. Nur Mrs. Laura Cheveley geht leer aus, aber zu Recht, denn sie ist abgrundtief böse.

Klar, das ist kitschig zum Triefen, aber die Entwicklung der Chilterns hat es in sich. Er hat in jungen Jahren ein Staatsgeheimnis an einen windigen Spekulanten verraten und so seinen Reichtum begründetet, dann sich aber zu einem ehrenwerten Mitglied der englischen Oberschicht hochgearbeitet, anerkannt vor allem ob seiner Integrität. Diese Eigenschaft ist es auch, die seine Gattin vergöttert, nie wäre sie an der Seite eines Mannes, dem nur den Hauch einer Schuld an den Fingern klebt. Sie ist eine von den Guten, sitzt dem Wohlstandsverein vor und fördert die Rechte der Frauen, was halt reiche Oberschichtehefrauen so machen. Laura Cheveley kennt Roberts Geheimnis und erpresst ihn. Er soll ein schmutziges Geschäft unterstützen, diesmal um sie vor dem drohenden Bankrott zu retten. Robert sagt gezwungenermaßen zu, um seinen Status und seine Ehe zu retten. Doch die böse Hexe steckt es Roberts Frau und die wiederum nötigt ihren Mann, das schmutzige Geschäft zu bekämpfen, will er die gemeinsame Ehe retten.

Tja, aus der Zwickmühle ist kein Rauskommen. Bei der Klimax bricht dann Robert zusammen und beklagt in einer Brandrede, wie schrecklich die Frauen sind, die ihre Männer auf einen Sockel stellen, von dem diese dann nicht mehr runterkommen. Das ist natürlich reichlich blind für den eigenen Anteil an dem Dilemma, aber genauso blind ist seine Frau, die ihren Anteil gar nicht sieht. Bis die beiden die fifiy-fifty-mäßige Wirklichkeit anerkennen, muss die „heilige“ Lady Gertrude ein wenig in ihre dunkle Seite blicken, was dann eben auch geschieht.

Wie gesagt, das Geschehen ist lehrreich und auch in Teilen eindrucksvoll vorgetragen, aber eben nicht lustig. Besonders unangenehm fand ich die Klamaukeinlagen, wenn die Schauspieler wild umeinanderrennen oder Spiegelfechtereien mit ihren Sektkelchen veranstalten. Das ist dann wie eine Ersatzhandlung, die den fehlenden Witz noch betont. Toll sind die Kostüme, man bekommt Lust sich mal in die Garderobe zu schleichen. Besonders bei Mrs. Cheveley ergänzen sich äußere Eleganz und innere Bosheit in grandioser Weise. Kristina Lotta Kahlert hat die Rolle herausragend gespielt, fand ich. Patrick O. Beck und Birgit von Röhm gaben die Chilterns glaubwürdig, Peter Posniak und Maëlle Giovanetti hingegen gelingt es nicht, die Liebe zwischen dem Dandy und der Schmachtenden zu verkörpern.

Also: Was ging da schief? Meine Begleiterin meinte, dass es ein Genuss wäre, das Stück im englischen Original zu lesen, wegen des brillanten Sprachwitzes und den Kaskaden von treffsicheren Bezügen zur britischen Gesellschaft. Die hat wohl Elfriede Jelinek bei der Übersetzung weggebügelt. Zumindest scheint es mir plausibel, wenn ich allein an den Titel denke. Von „The Ideal Husband“ zu „Der ideale Mann“ findet ein wichtiger Bedeutungswechsel statt. Wer das nicht so spürt, sollte vielleicht dem Begriffen „tolle Frau“ und „tolle Ehefrau“ nachfühlen. Wie viel schränkt doch der Blick auf die Ehe-Rolle das Menschenbild ein? Eine enorme Bedeutungsverschiebung, die Jelinek schon in der Überschrift vornimmt.

Wenn man bedenkt, dass Wilde als Schwuler in einer Ehe gelebt hat, verwundert es nicht, dass es im Stück nicht um Frauen geht und wie sie einen idealen Ehemann finden, sondern darum wie ein Mann mit den Erwartungen der Frauen an ihn umgeht. Arthur, der Dandy, frei und ungebunden in seinem Liebesleben und Robert, der sein Schicksal an die Wertvorstellungen seiner Frau bindet, sind die Pole, zwischen denen die Verlogenheit der Viktorianischen Gesellschaft zelebriert wird. Es ist ein Männerstück: Die Männerrollen sind differenzierter herausgearbeitet, die Frauenrollen sind eher plumpe Abziehbilder. Nur die Männer haben untereinander relevante Beziehungen, die Frauen agieren alle nur für sich. Für die Dramaturgin Romana Lautner ist Jelineks Übertragung des argentinischen Kanalprojekts in einen Alpenkanal und der sprachliche Bezug zum Hypo Alpe Adria Skandal irgendwie wichtig. Scheint mir eher ein austauschbares Detail in Wildes Fassung, wie auch, wenn kaum mehr als drei Sätze über die Projekte selbst fallen.

Ich hege da einen Verdacht, den ich fast scheue auszusprechen. Da ist das Stück eines Mannes über Männerprobleme. Das nimmt eine Schriftstellerin und übersetzt es ins Deutsche. Eine Intendantin entscheidet, das Stück aufzuführen. Eine Dramaturgin bearbeitet das Thema und eine Regisseurin bringt es auf die Bühne. Kann es sein, dass irgendwo auf diesem Weg der Witz des Stücks verloren ging? Kann es sein, das den beteiligten Frauen der Mut gefehlt hat, den kritisch-ironischen Blick Wildes auf die Doppelmoral der tonangebenden Eliten seiner Zeit und konkret deren weiblichen Ausprägung mit der sich makellos wähnenden Lady Gertrude Chiltern als Prototyp auf die heutige Elite zu wenden? Vielleicht werden ja Kämpfe mit Gendersternchen für genderfluide, nicht-binäre, mehrfachbenachteiligte Minderheiten irgendwann von den Werktätigen ebenso nonchalant auf den Müllhaufen der Geschichte befördert, wie es die Dienstboten in dem Stück (hervorragend gespielt von Sarah Siri Lee König und Dominik Puhl) in ihrem schrägen Abschlusssong mit den Affektiertheiten des englischen Adels tun.

Hier zur Webseite des Theaters

Jeder stirbt für sich allein

Und welche Postkarte schreibst Du?

Nun hat also die neue Spielzeit begonnen. Das heißt, für mich begonnen, denn angefangen hat sie schon vor ein paar Wochen. In der Coronazeit werden die Premiereabonnenten nur in Kleingruppen über Wochen in die Aufführung gelassen, meine Termine gehören zu den späteren. Einen Vorteil hat’s, man kann wie in der First Class im Flugzeug die Beine schön ausstrecken.

Fallada erzählt die wahre Geschichte eines Ehepaars, im Stück heißen sie Quangel, das Postkarten schreibt und verbreitet, in denen sie zum Widerstand gegen das Naziregime aufgerufen. Der Tod ihres Sohnes an der Front hat sie aus dem Mitlaufen herausgerissen. Beide werden vom Kriminalkommissars Escherich am Ende gefasst und hingerichtet. Sie haben nichts erreicht, oder fast nichts. Einzig Escherich erreicht ihre Botschaft, aber erst, nachdem er sie verhaftet hat. Aus Scham tötet er sich selbst. Alle sterben einsam, in einer gesellschaftlichen Maschinerie, die davon unbeeindruckt weiterläuft.

Das Stück ist eine szenische Lesung. Nicht jeder mag das, mir hat dieser Stil bisher immer gefallen. In der Aufführung treten die Schauspieler regelmäßig aus ihrer Rolle heraus und rezitieren größere Buchpassagen. Schnell hört man auf, die Übergänge zu identifizieren und beides, Spiel und Vortrag, verschmelzen zu einer flüssigen Aufführung. Den Schauspielern muss großes Lob gespendet werden, hervorheben würde ich Ingo Biermann, Sebastian Haase und insbesondere Katrin Huke; auch die neuen Ensemblemitglieder geben einen vielversprechenden Einstieg.

Die Spiel- und Vortragspassagen bilden einen eigenartigen Kontrast. Es sind die rezitierten Texte, die die Personen nahebringen, das Spiel dagegen betont die Rolle. Distanziert, fast steif wirkt oft die Schauspielerei. Es ist nicht der Text, der das Spiel sachlich kommentiert, es ist das Schauspiel, dass den Text illustriert, wie eine Zeichnung im Kinderbuch. Den Schrei von Anna Quangel bekommen wir erzählt, sie sitzt nur stumm da. Manchmal ist es zu plakativ. Während bei allen Spitzeln und Handlanger erkennbar ist, dass sie ganz normale Menschen sind, die ins Mitlaufen gerutscht sind, bleibt der SS-Obergruppenführer Prall eine lächerliche Karikatur. Alexia Rödiger gelingt es nicht, einen leibhaftigen Menschen zu erwecken der zur angesehenen Elite und zugleich zum Abschaum gehört. Die Besetzung der Rolle mit einer Frau war keine so gute Idee. Die Text-Spiel-Mischung aber bleibt reizvoll und erlaubt es, zugleich im Geschehen zu sein und von außen darauf zu schauen. Der Kunstgriff ist vielleicht auch der Pandemie geschuldet. Da, wo Otto seine Frau Anna umarmen müsste, verharren sie im Coronaabstand. Mehr körperliche Nähe geht halt nicht.

Das Bühnenbild ist so einfach wie gelungen: Der Zuschauerraum wurde einfach gespiegelt. Auf der Bühne stehen die gleichen lückenhaften Stuhlreihen wie im Parkett – Stühle gibt es ja genug, nachdem der Großteil der Sitze ausgebaut wurde. Mehrfach sitzen uns die Schauspieler direkt gegenüber und die Zuschauer könnten aufstehen und ihrerseits zu spielen beginnen. Auch die Postkarten der Quangls liegen im Parkett verstreut, so wie auf der Bühne.

Die Symbolik ist vielleicht plump aber sehr wirkungsvoll. Wann würden wir anfangen, Karten zu schreiben, und was würden wir schreiben? Die Karten auf dem Boden sind grau und leer, es sind nicht die Abstandhalten-gegen-Rechts-Karten, die das Theater anderweitig verteilt. Das ist gut, denn es ist nicht offensichtlich, dass es ein nationalistischer Faschismus sein wird, gegen den wir vielleicht einmal gefordert sein könnten. Vielleicht ist es ein sozialistischer, wie er erst vor dreißig Jahren endete. Immerhin gibt es dafür noch reichlich personelle und ideologische Kontinuität. Oder vielleicht ein religiöses Regime. Wenn ein Lehrer in Paris auf offener Straße geköpft wird, weil er seinen Schülern Meinungsfreiheit am konkreten Beispiel nahebringen will, fällt auf, dass deutsche Politiker, anders als andere europäische Landeschefs, dröhnend schweigen, oder am Wort Islamismus vorbeischwurbeln.

Vielleicht ist die Coronazeit eine Übungszeit für Demokraten. Werden wir uns voller Stolz um unsere erfolgreiche Regierung scharen, deren Regelungskakophonie und so gut durch die Krise gebracht haben? Werden wir uns gegeneinander in Aufmärschen niederbrüllen, wie vor ein paar Wochen in Konstanz? Werden wir fleißig von Coronadenunziationsportalen wie in Essen Gebrauch machen? Oder werden wir im kontroversen aber solidarischen Diskurs die zur Disposition stehenden Güter abwägen. Wenn das nicht gelingt, wird der nächsten totalitären Herrschaft ein fruchtbares Feld bestellt.

Dem „Team Becker“ ist der Einstieg gelungen. Man hat gezeigt, dass es nicht eines mächtigen Impresarios bedarf, um gutes Theater zu machen. So kann es weitergehen!

PS: Bis auf das Programmheft. Da würde es mich freuen, würde man zum A6-Format, also zur Jackeninnentaschenkompatibilität und zum alten Preis zurückkehren. Wer will schon das Druckwerk zwei Stunden in den Händen drehen.

Hier zur Webseite des Theaters