Die Vögel

Sprechtheater hat mit sprechen zu. Das sollte man also auch können.

Ich hatte mich auf die Aufführung gefreut. Das Ankündigungsplakat mit dem gebratenen Hühnchen gefiel mir und die Fotos von dem „Bällebad“ auf der Homepage des Theaters versprachen ein ordentliches Bühnengaudi.

Foto: Ilja Mess

In der Tat: Die Bühnengestaltung, die Kostüme, die Requisiten – all das war vom Feinsten. Marie Labsch zeichnet dafür verantwortlich und man kann sie kaum genug loben. Welchen Beitrag die Choreografie in dieser Aufführung spielt, kann ich nicht genau einschätzen. Aber ich vermute, auch Zenta Haerter hat viel dazu beigetragen, dass das Stück nicht völlig abgestürzt ist. Denn was soll man davon halten, was Eivind Haugland (Dramaturgie) und Ingo Putz (Regie) da abgeliefert haben?

Gemäß Programmheft geht es darum, ein Hohelied auf unsere Kinder und Jugendlichen zu zelebrieren. Seit Greta Thunberg unsere Schüler zu Freitagsprotesten animiert hat, geht gewissermaßen ein Aufatmen durch die von der 68-Protestbewegung beeinflusste deutsche Gesellschaft. Endlich ist es vorbei, mit der desinteressierten Jugend, die nur Fun und Luxus sucht! Endlich wird der revolutionäre Faden wieder aufgenommen! Da kann es des Lobes nicht genug geben und so loben Politiker aller „demokratischen“ Parteien die Protestbewegung, allen voran, die Bundeskanzlerin und der Bundespräsident. Dazu entsprechende Begleitmusik von den Medien.

Da will also Haugland nicht nachstehen und lässt im Programmheft Jan Stremmel Überlegungen anstellen, dass die Forderung, das Wahlalter auf 16 herabzusetzen, nicht weit genug ginge. Warum nicht wesentlich tiefer absenken? Vielleicht schon eher Einschränkungen für 50-jährige Verschwörungstheoretiker oder Demente. Vielleicht halten manche Stremmels Äußerungen für mutige Überlegungen, ich selbst sähe es mit Sorge, wenn leichtfertig Hand an unsere Verfassung gelegt würde.

Nun denn. Vor diesem Hintergrund inszenieren die beiden die über 2000 Jahre alte Komödie. Zwei frustrierte Griechen, Peisthetairos und Euelpides denen die Athener Eliten zu verlogen und korrupt sind, wandern aus und suchen nach einem Land, um eine neue Stadt zu gründen. Sie landen bei dem Volk der Vögel, die die beiden Menschen sogleich töten wollen. In ihrer Not präsentieren die beiden einen Plan, wie die Vögel zu den Herren der Welt werden und sich über die Menschen und über die Götter stellen können. Der Plan überzeugt die Vögel, wird umgesetzt, geht auf und Peisthetairos heiratet am Ende Basileia (die hier als Frau des Zeus gilt) und hält den Donnerkeil in den Händen, mit dem sich die Welt beherrschen lässt.

Was Aristophanes wohl vor allem zeigen will, ist, wie sich die dummen Vögel (stellvertretend für das einfache Volk) manipulieren lassen. In der Ankündigung für die Konstanzer Aufführung steht: „Eine brandaktuelle Politsatire über populistische Beeinflussung unbedarfter Massen zum Schaden ihrer selbst.“ Von wem die populistische Beeinflussung aktuell ausgeht, muss sich der Zuschauer denken. Zur unbedarften Masse darf er sich gewiss zählen. Haugland und Putz wären dann die Volksaufklärer oder so ähnlich. Was immer man davon halten mag: Sie kommen nun auf die, ich muss wohl sagen, Schnapsidee, die Vögel von Schülern spielen zu lassen. Wollen sie uns damit zeigen, wie leicht sich Kinder und Jugendliche verführen lassen, bis hin dazu, sich gegenseitig umzubringen? Ganz so falsch ist das nicht. Alle faschistischen Systeme haben es verstanden, die Jugend einzuspannen. Das bislang schrecklichste Beispiel war wohl Maos China während der Kulturrevolution, als Kinder soweit gebracht wurden, ihre eigenen Eltern ans Messer zu liefern.

Also, einerseits wollen Regie und Dramaturgie ein Plädoyer für die Jugend, aber dann zeigen sie sie als einen Haufen aufgeregter Hühner. Das passt nicht. Und die eingestreuten Aperçus zu Konstanz (Klimanotstand, Bodenseeforum, Theaterfahrstuhl) bringen zwar Lokalkolorit aber keinen Sinn.

Vielleicht meinte man, es reicht, dass Schüler auf der Bühne stehen. Doch auch der Schuss geht nach hinten los. Die schauspielerische Leistung der Jugendlichen reicht für Statistenrollen so eben hin, aber Sprechrollen stellen andere Anforderungen. Man sollte das gelernt haben, man sollte sauber artikulieren können. Nichts gegen die Schüler. Sie sind mit Ernst bei der Sache und die Sängerin sticht sogar mit großem Talent heraus. Doch würde man die großartige Ausstattung und das gelungene Spiel der beiden gelernten Schauspieler Sylvana Schneider und Sepp Klein, die ihre Rollen souverän abliefern, abziehen, würde das Niveau einer besseren Theater-AG kaum überschritten. Und wie bei einer solchen Schulaufführung denkt man wohlwollend: „Dafür, dass es Schüler sind, ist es ganz gut“, oder so ähnlich. Damit haben Haugland und Putz ihr Anliegen auch auf dieser Ebene konterkariert.

Es ist durchaus zu begrüßen, Schülern die Möglichkeit zu geben, ihr Können zu präsentieren. Und vielleicht führt es dazu, dass das Theaterpublikum jünger wird. (In unserer Aufführung war das jedenfalls so.) Doch wenn man ein Stück ins Abendprogramm der städtischen Bühne bringt, gelten professionelle Ansprüche. Wenn die Jugendlichen daran scheitern, hat die Regie einen Fehler gemacht. Den Stoff dann noch im Programmheft mit dem neuen Jugendhype aufzuladen, verdoppelt ihn.

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Die Hauptstadt

Gibt es eigentlich eine EU-Richtlinie für die korrekte Benennung von Kunst?

Foto: Bjørn Jansen

Den großen Fehler haben die Theatermacher lange vor der Premiere gemacht. Sie haben die Aufführung als Schauspiel angekündigt, doch was dann gezeigt wurde, war eine szenische Lesung. Statt sich die Handlung im Spiel der Figuren entwickeln zu lassen, wurden im Wesentlichen größere Textpassagen aus Menasses umstrittenen Werk vorgetragen, gelegentlich unterbrochen von gespielten Situationen. Einige Zuschauer verließen das Theater in der Pause. Sie kannten das Buch und wollten sich keine Hörbuchfassung antun. Andere verließen die Vorstellung, weil das Dargebotene zur wirr schien.

Es war vermutlich gut, dass ich das Buch nicht gelesen, mir aber eine Inhaltsangabe zu Gemüte geführt hatte. So waren die vorgetragenen Texte frisch und ich konnte den vielen parallelen Handlungssträngen folgen. Und ich mag szenische Lesungen, ich finde, es ist eine schöne Kunstform.

Nur eben kein Schauspiel. Vielleicht wollte Marc Zurmühle wirklich ein Drama aus dem Buch ableiten, hatte sich dann aber an der Aufgabe verhoben und schließlich mehr und mehr Lesestrecken aufgenommen. Vielleicht hatten die Verantwortlichen auch nur Sorge, dass die Zuschauer fernbleiben würden, wenn das Wort „Lesung“ auf dem Programm stünde. Ich finde nämlich auch, dass eine Lesung eher in die Werkstatt gehört, als auf die große Bühne.

Nun denn. Die Aufführung ist nicht schlecht. Wenn sich der Vorhang hebt, die ganze Bühne im Nebel liegt und die Akteure langsam ins Licht schreiten, ist man als Zuschauer schnell eingefangen. Irgendwann wird das Stück etwas zäh, es sind dann zu viele Handlungsstränge, die Zurmühle aus dem Buch übernommen hat. Weniger wäre vermutlich mehr gewesen. Den polnisch-christlichen Attentäter hätte man komplett auslassen können, es bleibt nämlich unklar, wie er mit dem Rest des Stücks in Verbindung steht.

Das Stück zeigt den EU-Apparat eher kritisch. Karrieristen, Bürokraten und Apparatschiks bestimmen das Geschehen. Da, wo neue Ideen geboren werden sollen, im Think-Tank, agieren die Mitglieder wie eine Selbsthilfegruppe. Das scheint völlig überzogen, aber wenn man Jan Timmers kürzlich im Fernsehduell sagen hört, der Islam gehöre seit 2000(!) Jahren zu Europa, dann muss man annehmen, dass mehr Realität als Satire im Stück dargeboten wird. Fast durchweg ist das Reden über Europaideale nur leere Phrasendrescherei. Es scheint den EU-Beamten zwar völlig selbstverständlich, dass man die EU zu einem Superstaat ausbauen muss. (Eine bei den europäischen Bürgern durchaus kontroverse Frage). Doch scheint der Wunsch nach mehr EU-Staat eher von der Erwartung nach mehr Macht und Ansehen getrieben. Nur wenige Figuren treibt die Sorge um Frieden um.

Die Schauspieler – bis auf eine Ausnahme – machen ihre Sache gut. Man muss es bewundern, wie seitenlange Texte fehlerfrei auswendig vorgetragen werden. Im Spiel ist reichlich viel Klamauk, etliche Slapstick-Einlagen heitern die Zuschauer auf. Das birgt die Gefahr, das Stück ins Alberne zu ziehen, doch das ginge in Ordnung, wenn nicht Johanna Link das Fass zum Überlaufen brächte. Es scheint, als könne sie nur die Clownsrolle spielen. Im Schweijk hatte mich das schon gestört, aber ich hatte es eher der israelischen Regisseurin Sapir Heller zugeschrieben. Aber in der „Hauptstadt“ hätte Link mehr zeigen können und müssen. Ihre drei Rollen, als Pflegerin im Altenheim, als Leiterin des Think-Tanks und als Fenia Xenopoulou, Abteilungsleiterin Generaldirektion Kultur, drängen sich nahezu auf, mit unterschiedlichen Frauentypen dargestellt zu werden. Links Ausfall reißt die Aufführung fast in den Abgrund.

Alles in allem ein durchwachsener Gesamteindruck. Wenn man, wie ich, szenische Lesungen mag, kann man dennoch einen unterhaltsamen Abend erleben.

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Meer

Zwölftonmusik in Textform

Foto: Ilja Mess

Die Handlung von Jon Fosses „Meer“ ist schnell erzählt, es gibt nämlich keine, oder fast keine. Es gibt lediglich ein Setup: Sechs Menschen, zwei Männer und zwei Paare befinden sich irgendwo, sie wissen nicht wo sie sind und auch der Zuschauer weiß es nicht. Die Personen sprechen Sätze mit Pausen dazwischen, die meisten Sätze sprechen sie so vor sich hin, manche richten sie auch an andere Personen auf der Bühne und auf einige dieser Sätze reagieren die Angesprochenen sogar. Ob es sich dann um eine Antwort handelt ist meist unklar.

Überraschenderweise entwickelt Fosses Stück einen großen Reiz, wenn man sich darauf einlässt. Ebenso wie die Personen auf der Bühne sollte der Zuschauer nicht versuchen zu ergründen, wo man nun eigentlich ist. Wenn es hilft, kann man sich denken, die Personen seien tot und irgendwo im Jenseits. Aber je weniger man sich bemüht, das Gezeigte zu verorten, desto reiner kommt der Stoff rüber. Ohne Bezug zu einem Außen, bleibt den Personen nämlich nichts, als sich ihrer selbst zu versichern.

So betonen die beiden Männer, mit denen das Stück beginnt, ihre Profession. „Ich bin der Kapitän, ich habe alle Meere befahren, wir sind auf dem Meer“. Das redet er sich genauso ein, wie der Gitarrenspieler: „Ich bin Gitarrenspieler“. Der spielt sogar, Luftgitarre eben. Das ältere Paar ist immerhin ein Paar, sie reden von wir. „Wo sind wir hier, lass uns fortgehen“, was sie natürlich nicht tun. Der Mann bekommt im Stück Zweifel an der Beziehung: „Ich kenne Dich eigentlich gar nicht“ merkt er irritiert. Das junge Paar kommt gerade erst zusammen, ober besser halb zusammen. Denn während der Mann weiß, dass er nun die Frau seines Lebens gefunden hat, weiß die eigentlich nichts. Überhaupt lautet der Hauptsatz der beiden Frauen: „Ich bin hier“, eine sehr fundamentale Art der Selbstversicherung.

Während man den Schauspielern lauscht, wie sie ihre Sätze deklamieren, spürt man, dass sich die Aussagen verschränken und wie Musikinstrumente Teil einer Sinfonie werden. Fosse hat sicherlich viel mehr kunstvolle Bezüge angelegt, als die, die man beim Zuhören entdeckt. Das Stück macht Lust, den Text auf eine große Tapete zu schreiben und mit Kreisen und Linien die Partitur des Gehörten zu rekonstruieren. Es ist im Übrigen auch einzig die Musik, die die sechs Personen auf der Bühne zusammenbringt und zwar die lautlose Klänge der Luftgitarre. Die Zuschauer werden durch echte Musik zu Beginn und am Ende der Aufführung einbezogen.

Bei allem Reiz bleibt das Ganze doch etwas blutleer. Ähnlich wie ein abstraktes Gemälde gegenüber einer üppig bebilderten biblischen Szene kalt und bedeutungslos wirken kann, so kann man bei Fosses „Meer“ auch den Ausdruck von Gefühlen und menschlicher Interaktion vermissen. Man kann durchaus die Frage stellen, ob eigentlich die Theaterbühne die beste Form ist, den Stoff zu präsentieren. Die Eleganz einer mathematischen Formel erschließt sich schließlich auch nicht, wenn man sie auf der Theaterbühne aufsagt oder singt. Doch hat Jon Fosse es so gewollt und Regisseur Wulf Twiehaus und die Schauspieler machen ihre Sache hervorragend und auch die blätterlosen Baumruine, die mitten auf der Bühne liegt symbolisiert die Lebensstarre der Personen nachdrücklich.

Wenn Sebastian Küster im Südkurier sich über die Abstraktion beklagt und schreibt, Twiehaus überspanne den Bogen der Ungenauigkeit und verfehle das Ziel, den Zuschauer auf seine Reise mitzunehmen, dann dürfte das vor allen dann stimmen, wenn er mit „den Zuschauer“ sich selbst meint. Er steht vor dem Stück wie vor einem abstrakten Gemälde mit der Frage, ob da nun eine Tasse oder eine Badewanne zu sehen sei. Aber wenn man Abstraktion mit Ungenauigkeit gleichsetzt hat man ohnehin verloren.

Im Gegensatz zu Küster kann ich also den Besuch in der Spiegelhalle sehr empfehlen.

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Cabaret

In der Provinz wird Dekadenz schnell zur Spießigkeit

Foto: Bjørn Jansen

Vermutlich hatte fast jeder Premierenbesucher den Film mit Liza Minelli aus dem Jahr 1972 bereits früher einmal gesehen. Dass die Besucher die Aufführung am Stadttheater Konstanz damit vergleichen würden, musste der Regie und allen Beteiligten klar sein. Und ebenso klar dürfte gewesen sein, dass man genau das verhindern musste, denn gegen die mit acht Oscars prämierte Musicalverfilmung kann man auf der Bühne schwerlich ankommen.

Nun ist das Musical von John Kander und Fred Ebb, das der Konstanzer Inszenierung zugrunde liegt, ohnehin anders als der Film von Bob Fosse. Und das Musical wiederum unterscheidet sich von dem gleichnamigen Theaterstück, welches seinerseits abweicht von Christopher Isherwoods Romanvorlage Leb wohl, Berlin aus dem Jahr 1939. Es ist interessant zu sehen, dass zwar immer die gleichen Elemente auftauchen, wie die Mietwohnung, der Club, der Engländer oder auch Amerikaner, die Sängerin, aber dann doch handelnde Personen sich unterscheiden und die Schwerpunkte teils deutlich anders gesetzt sind.

Im Film ist der aufsteigende Nationalsozialismus nur ein zeitgeschichtlicher Hintergrund, vor dem sich die Liebesbeziehungen entfalten. Das Musical zeigt hingegen, wie die Politik tief in die zwischenmenschlichen Beziehungen greift und diese zerstört. (Uns Heutigen ist dieser Vorgang seit 2015 nicht unbekannt.) Die Liebesgeschichte zwischen Fräulein Schneider und Herrn Schultz zeigt viel ernsthafter die Gewalt der ideologischen Vergiftung der Zeit, als das eher kitschige Turteln zwischen Fritz Wendel und Fräulein Landauer in der Verfilmung. Und man muss es ausdrücklich loben: Die Verlobung zwischen den alten Leuten mit dem Song Meeskite – vorgetragen von Ralf Beckord – und die Sprengung des Fests mit dem Chorgesang Tomorrow belongs to me entlassen die Zuschauer beeindruckt in die Pause.

Auch Bühne, Kostüme und Orchester sollte man hervorheben. Das Instrumentarium der Konstanzer Bühnentechnik wird voll ausgespielt. Überall geht es rauf und runter, die Vorhänge gehen auf und zu, der ständige Wechsel zwischen Kit-Kat-Club und Fräulein Schneiders Wohnung gelingt. Selten waren so viele Akteure gleichzeitig auf der Bühne. In Anbetracht der diskutierten Sicherheitsmängel und Bauschäden am Gebäude fast beängstigend.

Doch bleibt das Stück insgesamt fad. Der Kit-Kat-Club soll prickelnde Erotik ausstrahlen, doch dazu reicht es nicht, mit Strapsen über die Bühne zu laufen. Auch Männer in Frauenklamotten verströmen heute kein verruchtes Flair mehr, Transvestiten und Transsexuelle sind in der Mitte unserer (Medien-)Welt angekommen.

Auch bleibt das Spiel unglaubwürdig. Wenn Cliff zu Sally sagt, sie sei die verrückteste Frau, die es gäbe, dann hört man’s wohl, doch glaubt es nicht, denn Anne Simmering wirkt eher als Akrobatin denn als Femme Fatale. Besser gelingt es Arlien Konietz den amerikanischen Schriftsteller zu verkörpern, vielleicht ist das aber etwas weniger anspruchsvoll. Auch Ingo Biermann macht seine Sache gut, obwohl für die Interpretation des zwiespältigen, erotisch und weltanschaulich ambivalenten Conférenciers noch viel Luft nach oben wäre. Kurios, dass er nur in der Eröffnungsszene im German-English singt („Sänk ju for träwelling wis ze Deutsche Bahn“). Wenn man weiß, dass Joel Grey, der die Rolle im Film spielt, wochenlang geübt hat, um den englisch sprechenden deutschen Ansager zu mimen, wundert es, wenn Biermann im Rest des Stücks nur wohlpronunziertes Amerikanisch präsentiert.

Es gelingt letztlich nicht, die Stimmung der späten Zwanzigerjahre in Berlin auf die Bühne zu bringen. Die Kreativität, die intellektuelle, politische und sexuelle Freiheit, und die besondere Mischung von Internationalität und Berliner Derbheit auf der einen und die zunehmende Verengung der Verhältnisse, die Gewalt von Links und Rechts, der Einzug der nationalen (politischen) Korrektheit und neuen Spießigkeit wird mehr zitiert als gespielt. Die Chance, die Zuschauer für kurze Zeit in die Vergangenheit zu holen, hätte für sie die Frage provoziert, wo man die heutigen gesellschaftlichen Debatten in der Weimarer Republik verorten würde. AFD, Antifa, Greta, Gendersternchen, Christopher Street Day, Enteignungen, Dieseltote … wo wäre das Pendant in der Welt der Sallies, Fräulein Schneiders, Ernst Ludwigs und so weiter?

Bleibt noch die Musik. Das Orchester ist über jeden Zweifel erhaben, sowohl von der Musik als auch von der Kostümierung her. Doch beim Gesang waren die Meinungen, die ich gehört habe, gespalten. Einiges gefiel, einiges nicht. Besonders problematisch fand ich die Gassenhauer, wie Mein Herr oder Cabaret. Sie werden teilweise im Liza-Minelli-Stil gesungen, dann aber deutlich anders interpretiert. Da wird dem Zuschauer quasi ein unguter Vergleich aufgezwungen. Ganz so locker wie bei Forever young gelingen die Stücke nicht. Aber das ist vermutlich Geschmackssache, vielen wird die Musik gefallen. Man sollte sich das Stück anschauen.

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Gerron

Schicksal eines Regiefanatikers

Ungeplante Erlebnisse sind oft die bereicherndsten. Es war Zufall, dass wir gestern in „Gerron“ gelandet sind. Eigentlich stand „Momentum“ auf meinem persönlichen Spielplan, es fiel aber wegen der plötzlichen Erkrankung von Ingo Biermann aus. Wir hatten nur zwei Minuten um vom großen Haus in die Werkstatt zu wechseln und zum Glück hatte ich keine Ahnung, worum es in Gerron ging und musste schnell entscheiden, um die letzten Plätze zu sichern.

Foto: Ilja Mess

Zum Glück deshalb, weil erst, als das Stück begonnen hatte und ich André Rohde als Gerron mit Judenstern auf der Bühne sah, mir klar wurde, dass es an diesem Abend um die Grauen des Dritten Reichs gehen würde. Auch die Holzkonstruktion auf der Bühne entpuppte sich damit als KZ-Verschlag. Ich bin nicht immer aufnahmebereit für solchen Stoff. Besuche in KZ-Gedenkstätten führen einem stets vor Augen, wie grauenhaft Menschen sein können und wie viel Leid sie einander zugefügt haben. Ich muss mich erst innerlich darauf einstellen, bevor ich mich dem aussetze. Dazu kommt meine Sorge, dass das Thema für irgendeine Agenda missbraucht wird.

Der Anfang in der Werkstatt machte aber sofort klar, dass alle diesbezüglichen Sorgen bei dem Stück von Charles Lewinsky und der Regie von Anette Gleichmann unnötig gewesen wären. Das Schicksal des jüdischen Schauspielers und Regisseurs Kurt Gerron wird behutsam in Szene gesetzt. Mir genügen schon die Fakten seiner Biografie, um zu merken, welche Gipfel und welche Abgründe mir bisher im Leben erspart geblieben sind. Gerron wurde im Ersten Weltkrieg schwer verletzt, studierte Medizin um dann als Lazarettarzt zu dienen. Nach dem Krieg wechselte er zum Film, zuerst als Schauspieler, später als Regisseur. Er war erfolgreich und berühmt und arbeitete mit Größen wie Marlene Dietrich, Fritz Lang oder Heinz Rühmann. Doch anders als viele Größen der damaligen Zeit verpasste er den Zeitpunkt, sich in die USA orientieren. Er musste aus Deutschland fliehen, aber es gelang ihm in bemerkenswerter Hartnäckigkeit immer wieder beruflich Fuß zu fassen, in Paris, Wien und später in den Niederlanden. Die Schauspielkollegen in den USA hatten bereits eine Schiffsüberfahrt von den Niederlanden nach Amerika war arrangiert, doch Gerron schlug sie aus, fanatisch an seinen Projekten in Amsterdam arbeitend. Es ist erschütternd, dass er mit seiner Ignoranz der drohenden Gefahr nicht nur sich, sondern auch seine Frau und seine Eltern letztlich in den Tod führte.

Das Theaterstück erzählt Gerrons Leben vom Ende her. Es beginnt 1944 mit dem Auftrag von SS-Obersturmführer Rahm, Leiter des KZ Theresienstadt, einen Propagandafilm über das Lager zu drehen. Gerron weiß, dass der Film die Lügen über Theresienstadt aufrechterhalten soll, doch er hofft, dass er vielleicht dem einen oder anderen Mitgefangenen, die Überlebenschancen erhöhen kann. Vielleicht, so denkt er, endet der Krieg vor dem Ende der Dreharbeiten. Dazu kommt, dass er wieder als Regisseur arbeiten will, es ist sein Lebensinhalt. Doch alle Illusionen zerbrechen an der brutalen Realität. Dass die Filmassistentin, die er retten wollte, bereits nach Ausschwitz abtransportiert wurde, erfährt Gerron von Epstein, Mitglied des Judenrats. Der sagt ihm auch, dass man ihn dafür vor dem Todesurteil bewahrt hatte. Gerron versteht, wie umfassend er sich belogen hat, als ihn der Latrinenwärter stur darauf hinweist, dass sein Satz „Ich bin Regisseur“ die falsche Zeitform hat. Es müsse heißen „war“.

Immer wieder tauchen Szenen aus der Vergangenheit auf: Das Warten im Schützengraben, Gerron als Kind mit dem Großvater, das Kennenlernen seiner Frau, die mit ihm den Verschlag im KZ bewohnt. Wir erleben an einem einzelnen Schicksal, wie ein Talent sinnlos verschwendet und ein Leben sinnlos vernichtet wird, wie ein Mensch bis zuletzt um seine Würde kämpft, die doch schon lange verloren ist. Und wir wissen, dass das millionenfach geschehen ist.

Es gelingt den Schauspielern, das Furchtbare verdaulich zu machen. Dabei hilft die Musik, für die Andreas Kohl verantwortlich ist. Vor allem gelingt es dadurch, dass immer wieder zwischen Schauspielerei und Puppenspiel gewechselt wird. Die Hälfte der Szenen spielen nämlich Puppen, die von Ira Hausmann und Janna Skroblin geschaffen wurden und von Magdalene Schaefer und Sebastian Fortak geführt werden. Die Wechsel zwischen Puppen- und Schauspiel ist schnell, manchmal fast unbemerkt, doch gibt er dem Stück die nötige Leichtigkeit.

Es lohnt sich, das Schicksal Gerrons nachzuvollziehen. Denn es ist immer der Einzelne, der untergeht, wenn Menschen sich über ihre Gruppenzugehörigkeit identifizieren, sei es im Dritten Reich, sei es in Stalins Sowjetterror und seinen Gulags, sei es während Maos Kulturrevolution, sei es während Pol-Pots Schreckensherrschaft oder wo auch immer. Und es ist immer nur der Wert des Einzelnen, der der ideologischen Raserei entgegengesetzt werden kann.

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Der brave Soldat Schwejk

Die Öde der Geschlechtslosen

Ich will es gleich klarstellen: Ich fand die Aufführung langweilig. Andere Premierenbesucher haben es höflicher gesagt, etwa in dem Sinne, dass das erste Drittel ganz interessant gewesen sei, aber es sich dann doch gezogen habe. Das mit dem ersten Drittel ist richtig, es ist eigentlich immer richtig. Denn am Anfang sieht man viel Neues auf der Bühne. Diesmal beispielsweise das gelungene Bühnenbild von Ursula Gaisböck: Ein überdimensionaler Clownshut und große rote Puschel auf dem Boden verstreut. Auch Johanna Link im knallroten Strampler als Soldat Schweijk ist zunächst interessant anzusehen und Rudolf Hartmann ist ein bemerkenswerter Anblick, wenn er in Kampfuniform und Reifrockgestell Schifferklavier spielt und dazu singt. Doch wenn sich die ersten Eindrücke gesetzt haben, kommt es auf das Stück und seine Inszenierung an. Und die hat wohl auch dem Premierenpublikum nicht so ganz zugesagt; der sonst immer sehr überschwängliche Applaus war etwas verhalten. Wie gesagt, ich fand es vor allem langweilig.

Es ist aber auch nicht einfach mit dem Stoff. Was vor hundert Jahren witzig war, das kann man heute zwar als humorvoll gemeint erkennen, aber nicht wirklich drüber lachen. Es ist so wie mit Dick und Doof. Wenn man die Filme heute anschaut, wundert man sich, dass man darüber lauthals lachen konnte.

Auch die Ausgangslage ist uns heute fremd. Schweijk mischt den pervertieren und verkrusteten Militärbetrieb der K.u.K-Monarchie mit seinem anarchischen Gehorsam auf. Doch einen solchen Militärapparat kennen wir eigentlich nicht mehr. Unsere Bundeswehr ist es jedenfalls nicht. Nein, der Amtsschimmel wiehert bei uns wohl eher in Behörden, die dem Übel der Welt mit Politischer Korrektheit und gendergerechter Sprache beikommen wollen. Vielleicht war es ein kleiner Schweijk der unserem Außenminister gesteckt hat, dass er der in Afghanistan gefallenen Soldaten und Soldatinnen (!) gedenken soll. In der Welt dieser Behörden, die sich um all die Sichtbarkeit all der Geschlechter zwischen Mann und Frau sorgen, hätte man das Stück eher vorstellen können.

Aber es gibt noch eine weitere Schwierigkeit mit dem Stoff. Die Grundlage bilden einzelne, abgeschlossene Geschichten von Jaroslav Hašek. Jede für sich hat wohl einen Spannungsbogen, hintereinandergeschaltet ergeben sie aber kein Theaterstück. Vielleicht hätte Hašek noch einen dramatischen Gesamtrahmen geschaffen, wenn er nicht mit 39 am Alkohol und an den Kriegsfolgen gestorben wäre.

Es war also tatsächlich eine Herausforderung für die Regisseurin Sapir Heller und den Dramaturgen Eivind Haugland. Sie haben sich auch das ein und andere einfallen lassen. Wenn Sylvana Schneider als Amtsärztin mit einer Art Halloween-Maske spielt, ist das wirklich zum Lachen und auch ihre Tanzperformance bringt Leben auf die Bühne. Aber das sind nur Ansätze. Und überhaupt – wäre das Stück voll mit solchem Klamauk gewesen, hätte ich mich wohl gut unterhalten gefühlt, aber doch gefragt, was das noch mit Schweijk zu tun habe. Aber trotzdem – ich hätte mir mehr Mut bei der Inszenierung gewünscht.

Aber vielleicht dachte man, es sei kreativ genug, die Männerrollen von Frauen spielen zu lassen. Das wird ja am Konstanzer Theater gerne und häufig gemacht. (Ich denke, der Grund ist nicht, dass man nicht genug männliche Schauspieler hat.) Diesmal jedenfalls ging es gar nicht auf. Johanna Link stellt keinen Mann dar, bestenfalls einen kleinen Jungen, wozu dann auch der Strampelanzug passt. Doch damit verkümmert die Figur. Wenn Schweijk sich zärtlich an den versoffenen Militärpfaffen (Odo Jergitsch) anlehnt und ihn streichelt, fehlt die homoerotische Komponente, die die Komik dieser Szene ausmacht. Es ist halt so, dass nicht nur das Leben öd und fad wird, wenn Mann und Frau nicht mehr ihre Unterschiede zelebrieren, sondern auch das Theater.

Da hätte man doch besser gleich aus der Männerarmee eine Frauenarmee machen sollen. Dann hätte man statt Machogehabe Zickenkriege auf die Schippe nehmen können und dem Stück einen neuen Anstrich gegeben. Vielleicht ein andermal in diesem Theater!

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Draußen vor der Tür

Kriegsheimkehrer*innen verstehen lernen

Als ich mit dem einen und anderen Besucher nach der Premiere sprach, schwankte ihr Eindruck zwischen nicht schlecht, ganz gut und weiß nicht; Einigkeit herrschte darin, dass es am Ende des Aufführung etwas zäh wurde. Langeweile hatte sich eingestellt, manchem fielen gar die Augen zu.

Wie kann das sein? Wie kann das sein, bei einem Stück wie diesem?

Foto: Ilja Mess

Draußen vor der Tür steht Beckmann, ein Kriegsheimkehrer, der feststellen muss, dass seine Frau einen anderen hat und dass sein Kind, das er nie gesehen hat, irgendwo unter den Trümmern begraben liegt. Und so beginnt die Erzählung mit Beckmanns Selbstmord, der misslingt. Beckmann, der alles verloren hat, sogar seinen Vornamen, wird von einem Mädchen gerettet. Doch als er beginnt, Zutrauen zu fassen, kehrt deren Ehemann aus Russland zurück, ein Krüppel mit Holzbein. Zu allem Überfluss war dieser in Beckmanns Kompanie und hat dort sein Bein verloren. Beckmann spürt unerträgliche Verantwortung, zudem auch für die elf Kameraden, die unter seiner Führung bei einem Vorstoß im Auftrag seines Obersten ums Leben kamen.

Diesen Oberst sucht Beckmann als nächstes auf, doch der hat sich in die neue Spießigkeit eingerichtet und ist nicht bereit, Beckmann von seiner Verantwortung zu befreien, er empfiehlt ihm erstmal Mensch zu werden. Weiter geht das Scheitern mit dem Versuch im Kabarett beruflich unterzukommen. Der Direktor weist ihn ab, Beckmanns düstere Geschichten will das Publikum nicht hören, mögen sie auch wahr sein. Vollends niederschmetternd dann sein Versuch, bei den Eltern Unterschlupf zu finden. Deren Wohnung, „seine Wohnung“, wird von der abgestumpften Frau Kramer bewohnt, die ihn darüber aufklärt, dass seine Eltern sich selbst entnazifiziert hätten und sie nun dort wohne. Einzig um das Gas sei es schade gewesen.

Und diese grauenvolle Geschichte wird in Konstanz aufgeführt und es gibt Zuschauer, die sich langweilen. Was ist da schiefgelaufen?

Nun, ich denke, das zweifelhafte Verdienst gebührt Regie (Mareike Mikat) und Dramaturgie (Eivind Haugland). Sie lassen die Schauspieler komödienhaft über die Bühne hetzen und veranstalten effekthascherische Kostümwechsel, lassen das Stück hinter der Show verschwinden. (Zum Glück nicht ganz, dazu ist der Text zu stark; darum sollte man sich die Aufführung trotz allem anschauen.) Wenn sich der größte Kerl auf der Bühne ein Kissen unters Hemd schiebt um eine Schwangere zu imitieren, wenn eine kleine Schauspielerin sich ein Kissen ins Kleid steckt um den dicken Direktor zu mimen, oder wenn Tomasz Robak als Frau Kramer mit ulkigen Schrittchen über die Bühne trippelt, dann greift man zu Mitteln, die bei anderen Stücken funktionieren und zur Erheiterung führen mögen, doch Borchert hat das nicht verdient. Kein Wunder, dass die Luft dann in der Traumszene raus ist, wenn Nikolai Gemel als Beckmann allein das Drama spielt. Er macht das gut, aber wenn eine Stunde lang alles getan wurde, damit die Hauptfigur keine Authentizität erlangt, wird sein Traum zu Schlafpulver für die Zuschauer.

Warum Mikat und Haugland so bei diesem Stoff versagen, darüber lässt sich nur spekulieren. Vielleicht konnten sich die beiden nicht in die Lebenssituation des Protagonisten hineinversetzen, eine Situation, die damals viele Männer in den Suizid trieb. In der heutigen Zeit, in der kleinste Verletzungen der politischen Korrektheit umfassende virtuelle #Aufschreie auslösen können, kann das Gefühl für Proportionen verloren gehen. Wenn ich spotten wollte, würde ich spekulieren, dass das Empathievermögen der Regisseur*innen und Dramaturg*innen schon erschöpft war, durch ihre Sorge um die Sichtbarmachung der 60+ verschiedenen Geschlechter im Begleitheft und das Platzieren der entsprechenden Sternchen dafür.

Vielleicht ist es auch eine Frage des Alters. Manche Besucher werden die gezeigte Welt noch erlebt haben, viele werden aus erster Hand, von ihren Eltern und Verwandten, einiges gehört haben. Auch ich erinnere mich an viele Sportkameraden meines Vaters, die ohne Arme oder Beine versucht haben, im Versehrtensport ihre Lebensfreude zu bewahren. Und ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer älteren Frau über die Zeit in Berlin nach dem Krieg; sie wollte nichts über das Gebaren der russischen Soldateska erzählen, aber das Grauen in ihren Augen sagte alles. Mikat und Haugland sind eine Generation weiter als ich vom Geschehen entfernt und kennen die Zeit vielleicht vornehmlich aus dem Geschichtsunterricht.

Vielleicht hatten die beiden aber auch einfach Angst vor dem, was herauskäme, würde man den Beckmann glaubwürdig auftreten lassen. Man stelle sich vor, Steven Spielberg würde den Stoff verarbeiten, so wie Schindlers Liste. (Was er aber nie tun würde, denn es fehlt das Positive, es fehlt ja ganz und gar in dem Text. Aber nur mal wenn.) Was, wenn der Zuschauer mit dem Antihelden mitfühlt und mitfiebert? Wo ist da Gut und wo Böse? Beckmann ist Soldat und Soldaten sind Mörder, wie das Programmheft Tucholsky sprechen lässt. Dann müsste man einer Vielschichtigkeit ins Auge sehen, die im heutigen Twittergeschrei, in den Relotiaden, im Auftrumpfen der Populisten aller Parteien und im Sensations- und Empörungsjournalismus gnadenlos untergeht.

Daniel Grünauer verwies bei seiner Premierenansprache auf die Dokumentation der Borchert-Aufführung von 1956, die das Theater zusammengestellt hat. Abgesehen von dem Einleitungstext ist diese Broschüre absolut lesenswert und gibt einen Eindruck von der Sprengkraft, die der Stoff entfalten kann, und von dem die aktuelle Inszenierung leider nichts hat. Damals hatten 15 Zuschauer unter Protest die Vorführung verlassen und es hatte sich ein veritabler Skandal daraus entwickelt, u.a. weil der damalige OB Knapp sich entschloss, den Intendanten Kreibig „[…] um die Erwägung der Absetzung des Stückes zu bitten“. Ja, das hat eine gewisse Parallele zu dem Geschehen um „Mein Kampf“ im letzten Jahr. Doch: Im Vergleich zum kultivierten Umgang in den Fünfzigerjahren, wirkt das kürzliche Auftreten des Bürgermeisters Dr. Osner umso peinlicher.

Der junge Chefdramaturg setzt der Geschichtsvergessenheit dann noch ein letztes Krönchen auf, wenn er am Ende seiner Ansprache nach der Premiere mit großer Geste die Menschen in jene teilt, die nach vorne schauen und jene, die zurückblicken, also den kleinen Honecker gibt („Vorwärts immer, rückwärts nimmer“). Ja, dann könnte es einem ob des Propagandatons gruseln, wenn dies nicht so furchtbar provinziell wäre.  Doch gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass Herr Grünauer irgendwann zurückblickt und erkennt, dass das Weltgeschehen viel weniger schwarzweiß ist, als er es sich denkt.

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Wer hat Angst vorm weißen Mann

Offensichtlich hat die Dramaturgie keinen Einfluss auf die Aufführung. Und das ist auch gut so.

Dominique Lorenz hat mit „Wer hat Angst vorm weißen Mann“ ein wunderbares Volkstheaterstück geschaffen. Ein Schenkelklopfer reiht sich an den nächsten, ganz so wie bei Ohnesorgs, und am Ende denkt man gerne darüber nach, was einem das Stück über das Leben und das Schicksal sagt. Und unserem Theater gelingt es, das Lustspiel gekonnt in Szene zu setzen.

Es geht um den Metzgermeister Franz, der nach seinem Schlaganfall in den Betrieb zurückkehrt und feststellt, dass seine Welt in Unordnung geraten ist. Tochter Zita hat den Betrieb mehr recht als schlecht mit dem Asylbewerber Alpha aus Togo am Laufen gehalten, doch die Kunden bleiben weg, weil die Weißwürste nicht mehr so schmecken wie früher. Zita träumt von einer Imbissecke, einer sanften Erneuerung des alteingesessenen Betriebs. Sohn Anton, ein Luftikus unter der Fuchtel seiner Frau will die Metzgerei ganz aufgeben und eine Lounge einrichten.

Foto: Bjørn Jansen

Doch Franz‘ erstes Problem ist der „Neger“, der plötzlich da ist. Das geht gar nicht. Doch noch bevor Franz überhaupt mit Alpha ernsthaft redet, kommt es zu einem tragischen Unfall. Beim Wechsel einer Glühbirne bekommen Franz und Alpha einen Stromschlag. Alpha überlebt aber Franz stirbt. Doch statt ins Jenseits zu entschwinden, verharrt er in der Metzgerei als Geist und muss hilflos mit ansehen wie sein Sohn Anton das Testament, das ihn nicht berücksichtigt, verschwinden lässt und Zita hintergeht. Franz kann schimpfen wie er will, aber es nutzt nichts, er ist ja nur ein Geist und niemand nimmt ihn wahr. Niemand? Ausgerechnet Alpha kann ihn sehen und hören und so beginnt eine wunderbare Odyssee der beiden. Aus Franz‘ rassistischer Ablehnung und Alphas persönlicher Abneigung wird notgedrungene Akzeptanz, dann gemeinsames Kämpfen und am Ende sogar tatsächlich so etwas wie Freundschaft zwischen den ungleichen Partnern.

Wie schon gesagt, die Inszenierung ist überaus gelungen. Christian Schlechter bringt gigantische Weißwürste auf die Bühne, die als Sitzmöbel, Verkaufstheke, Krankentrage und Sarg dienen. Die Schauspieler überzeugen ohne Einschränkung. Doch verglichen mit Odo Jergitsch als Franz sind Zita (Antonia Jungwirth), Anton (Georg Melich) und alle anderen nur Nebenrollen. Sie bebildern die Klischees der fleißigen Tochter, des bösen Bruders, der intriganten Schwiegertochter, der sturen Beamten, des treu(-dummen) Freundes, des naiven Liebhabers, und so weiter. Sie sind alle nur statische Figuren, lediglich Franz wird als Charakter durchgezeichnet, nur er durchlebt eine Entwicklung, um ihn geht es in dem Stück. Und vielleicht auch um Alpha (Ramses Alpha), doch leider bleibt dieser blass. In seiner Rolle muss er im gebrochenen Simpeldeutsch sprechen, das lässt nicht viel Raum für differenzierte Personenzeichnung. Alphas spielerische Leistung kann das nicht kompensieren, er bleibt das Klischee eines Afrikaners, mit dem Glauben an Hokuspokus und Lust an rhythmischen Tanz. Ich weiß nicht ob die Autorin dieser Rolle mehr zugeschrieben hat, wenn ja, dann hat hier die Inszenierung ihren Schwachpunkt.

In der Konstanzer Aufführung geht es also nur um Franz, ein Prachtstück eines bayerischen Grantlers. Erzkonservativ, starrhalsig, rassistisch (und vermutlich auch homophob und was es noch an politisch unkorrekten Haltungen gibt). Aber auch mutig, arbeitsam, erfindungsreich, mit guter Menschenkenntnis und Liebe zu seiner verstorbenen Frau und seiner fleißigen Tochter. Die Figur ist nicht mehr ganz aktuell, sie entspringt eher den 60er oder 70ger Jahren, als die Nachkriegsgeneration langsam abtreten musste. Dass die Folgegeneration etwas ändern will, nicht nur einfach das Aufgebaute weiterführen will, überhaupt, dass sich die Welt ändern würde, war für viele dieser Generation schwer zu akzeptieren. Viele Familien sind daran zerbrochen. Und auch Franz gelingt es selbst als Geist kaum, die veränderten Machtverhältnisse zu akzeptieren. Wenn er dann Alpha droht: „nur über meine Leiche“, dann braucht es eine Weile bis er merkt, wie unsinnig sein Machtgeprotze ist. Immer wieder zerstreitet er sich mit Alpha, nur um im letzten Moment die Kurve zu kriegen, denn nur durch ihn kann er seiner Tochter Hilfe gewähren.

So kann man wunderbar über die Pointen lachen und überlegen, wo man diesem Menschentypus begegnet ist und wie viel davon in einem selber stecken mag. Doch wenn man dann das Programmheft liest – wovon ich abrate – merkt man, dass man das Stück leider nicht verstanden hat. Da erklärt nämlich die Dramaturgin Anna-Lena Kühner, dass es ausschließlich um Rassismus gehe, vor allem auch den versteckten, wenn man z.B. den fremdländischen Mitbürger zweimal fragt, wo er denn herkäme, weil einem die Antwort Würzburg oder Duisburg nicht gereicht hat. Ja, selbst in einer so toleranten und weltoffenen Gesellschaft wie Deutschland wird man Rassismus finden. Doch wenn man in solch einem Familienstück nichts anderes findet als Rassismus, muss sich der geistige Horizont schon gehörig verengt haben. (Wenig würde sich am Stück ändern, würde man die Figur des Alpha durch einen Schwulen oder einen Veganer ersetzen.) Zum Glück scheint die Dramaturgin keinen Einfluss auf die Inszenierung genommen zu haben.

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Von Mäusen und Menschen

Am Ende doch Angst vor der Courage

Foto: Ilja Mess

Ich bin mit einem unguten Gefühl in die Vorstellung gegangen. Ich hatte als Jugendlicher in den 1960er Jahren eine Verfilmung gesehen und kann noch heute dem deprimierenden Gefühl nachspüren, das der Film hinterließ. Irgendwas an Geschichte hatte damals offensichtlich einen Nerv bei mir getroffen.

Es ist die Geschichte zweier Wanderarbeiter im Kalifornien der 1930er Jahre. Es war keine gute Zeit, die wirtschaftliche Depression zwang viele Männer dazu umherzuziehen, in Baracken zu schlafen und sich von Vorarbeitern drangsalieren zu lassen. Dass Lennie und George gemeinsam von Ort zu Ort ziehen war ungewöhnlich, denn unter den Arbeitsvagabunden war sich jeder selbst der nächste. Noch erstaunlicher ist das Verhältnis der beiden. Lennie ist nämlich geistig zurückgeblieben und mental ein Kind, gleichzeitig ein Bär von einem Mann. Er liebt alles Weiche und Zarte, nur leider ist jede Maus und jedes Kleintier, das er liebevoll streichelt, nach kurzer Zeit tot. Lennie weiß mit seinen Kräften nicht umzugehen. Nur dank George kann Lennie das Leben bewältigen. George haut ihn aus brenzlichen Situation heraus und versucht diese mit Umsicht zu vermeiden. George weiß, dass ihm Lennie ein Klotz am Bein ist und oft genug hält er ihm dies vor. Auch Lennie weiß es und ihn plagt ein schlechtes Gewissen. Er sagt dann, er könne auch in die Berge gehen und in einer Höhle leben. Am Ende dieser sich wiederholenden Dialoge erzählt George von der schönen Zukunft, wenn sie das Geld zusammen haben, um sich ein kleines Haus zu kaufen. Ein Traum, der Lennie Halt gibt und von dem man nicht weiß, ob George ernsthaft daran glaubt.

Die Geschichte geht nicht gut aus. Auf der Farm, auf der die beiden anheuern, lungert der psychisch labile Sohn des Chefs herum; eifersüchtig bewacht er seine naive, blonde Ehefrau Erika, die sich im Haushalt langweilt und die Gesellschaft der Arbeiter sucht. Letztendlich kann sich Lennie doch nicht von der aufdringlichen Erika fernhalten, obwohl George ihm das eingeschärft hat. Der Aufforderung, das zarte Haar zu streicheln, kann Lennie nicht widerstehen und das Unglück geschieht.

Es war nicht nur der traurige Stoff, der mich zögern ließ beim Weg in die Premiere. Das andere war, dass ich mir nicht vorstellen konnte, wie die Konstanzer diese Aufgabe bewältigen würden. Schon oft habe ich erlebt, dass die Schauspieler bei dramatischen Stoffen überfordert sind und Stücke nur dank inszenatorischen Blendwerks gelingen. Umso erstaunter habe ich erlebt, dass es hier anders war. Das Bühnenbild ist spärlich und die Last liegt auf Sebastian Haase und Ingo Biermann als Lennie und George. Ihnen gelingt es großartig, die Protagonisten zum Leben zu erwecken. Haase verkörpert Lennie mit ungelenken Bewegungen und leichtem Stottern. Das hält er über die volle Länge der Aufführung durch und macht die Figur sehr lebhaft. Er bekommt von den Zuschauern den meisten Applaus. Vielleicht ist aber Biermanns Leistung noch bedeutender. Er kann sich nicht auf Gimmicks stützen, um Georges komplexe Seelenlage zu entfalten.

Didi Danquart hat Steinbecks Roman vom Kalifornien der 1930er Jahre nach Singen in die Nachkriegszeit verlegt. Es ist schöner Lokalkolorit, wenn Erika sich für was Besseres als die Arbeiter erklärt, weil sie aus Überlingen stamme. Doch geht es Danquart und der Dramaturgin Anna-Lena Kühner um mehr. Sie ziehen eine Parallele vom American Dream zu der Aufbruchsstimmung im Wirtschaftsleben zu Zeiten Ludwig Erhards. Diesen Bezug finde ich gelungen und vielleicht ist es das, warum der Stoff mich so berührt. Als Kind der Nachkriegszeit kenne ich den Stolz, durch eigene, gerne als ehrlich bezeichnete Arbeit ein Leben in relativer Autonomie führen zu können. Dieses bescheidene Glück, das die soziale Marktwirtschaft ermöglichte, kontrastierte wohltuend mit dem Wahn deutscher Größe zur Nazizeit. (Eine Bescheidenheit übrigens, die heute nicht mehr zu spüren ist.)

Doch geht es in Steinbecks Roman nicht so sehr um die gesellschaftlichen Verhältnisse der Zeit. Es geht um die Freundschaft von Lennie und George, die wie eine zarte Blume im Sturm der schwierigen Zeit zerrupft wird. Neulich las ich irgendwo: Wenn man die Frage beantworten kann, warum man mit jemanden befreundet ist, dann sei es keine Freundschaft. Das ist vielleicht eine extreme Sicht. Aber sie ist ein wichtiger Gedankenpol in einer Zeit, in der Ratgeber dazu geschrieben werden, wie man Freunde gewinnt und diese einem im Leben nützen können.

Steinbecks Figuren sind nicht durch Nützlichkeitserwägungen, sondern durch Schicksalsfäden verbunden. Der dramatische Höhepunkt der Handlung ist, wenn George Lennie von hinten erschießt, um zu verhindern, dass der Mob Lennie lyncht. Diesen Höhepunkt verpatzen die Konstanzer leider. Vielleicht war es Angst vor der Courage, dass man genau an dieser Stelle mit Marschtanzeinlagen und Nebelschwaden die Aufmerksamkeit von den Hauptfiguren abgezogen hat. Ich meine, Haase und Biermann hätten die Szene viel eindrücklicher rübergebracht ohne den Firlefanz. Es wäre ihnen gelungen. Vielleicht lag es aber auch daran, dass Regie und Dramaturgie zu stark auf den sozialkritischen Aspekt des Stücks fokussiert waren und ihnen der Beziehungsaspekt entgangen ist. Es wäre eine grandiose Inszenierung gewesen, so war es immerhin eine sehr gute.

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Warten auf Godot

Wartest Du noch oder lebst Du schon? (leicht abgewandelte IKEA-Weisheit)

Foto: Ilja Mess

Der Saal wird dunkel, der Vorgang gleitet auseinander, schwach schimmert etwas Weißes, Längliches in der Bühnenmitte. Dann, Peng! Scheinwerfer schneiden zwei runde Kreise in die Dunkelheit. Links sehen wir Estragon (Peter Posniak), rechts Vladimir (Andreas Haase), die beiden Landstreicher und Hauptfiguren in Becketts wohl berühmtesten Stück. So beginnt die Theatersaison 2018 /19 in Konstanz.

Regie führt der Chef persönlich. Christoph Nix war es eine besondere Freude die Rolle zu wechseln, denn er hat ein spezielles Verhältnis zu dem Stück, wie er beim Vorstellen des Jahresprogramms ausgeführt hatte. Es war eine gute Idee, die Regie zu übernehmen, die Premiere ist gelungen und auch dem Publikum hat es gefallen. Das Bühnenbild ist kaum minimalistischer vorstellbar. Der Baum an der Landstraße ist eine weiße Säule, die von der Decke hängt, der Rest ist eine schräg ansteigende Fläche. Das reduzierte Bühnenbild konzentriert den Fokus auf die Schauspieler, die sich keine Schwäche erlauben dürfen. Das tun sie auch nicht.

Ich beobachte ja immer mal wieder, dass die Konstanzer Schauspieler überfordert sind, besonders wenn es um ernste Rollen geht. Im Godot verkörpern die vier Schauspieler ihre Rollen glaubwürdig. Wobei – es ist absurdes Theater, da ist es mit der Glaubwürdigkeit so eine Sache. Ich denke, Nix kann die Möglichkeiten seiner Truppe gut einschätzen und sorgt mit kreativen Inszenierungsideen an den richtigen Stellen für Abwechslung in dem eigentlich sehr monotonen Stück. Besonders gefallen hat mir die Idee, die Souffleusen auf die Bühne und zum Sprechen zu bringen und die Schauspieler pantomimen zu lassen.

Eine gelungene Inszenierung heißt für mich, dass die Inszenierung und eigentlich auch die Schauspielerei verschwindet und der Inhalt des Stücks in den Vordergrund tritt. In Becketts Werk also das ätzende, sinnlose Warten auf diesen Godot, von dem nicht nur der Zuschauer nicht weiß, wer es ist, sondern auch die beiden Wartenden nicht.

Man rätselt natürlich immer daran herum, für was dieses Warten stehen soll, für was Beckett hier eine Metapher geschaffen hat. Mark Zurmühle hat nach der Premiere auf die vielen politischen Bezüge des Stücks verwiesen. Das halte ich für ziemlichen Unsinn und war froh, dass er oberflächliche Übertragungen auf Trump, AfD oder Seehofer vermieden hat. Nein, Beckett ging es bestimmt nicht um solchen Kleinkram wie dem, an sich die heutige Politik verbeißt. Das Stück entstand kurz nach dem zweiten Weltkrieg, in einer Zeit, in der die Leute einen tiefen Blick in die Abgründe hatten nehmen müssen, zu denen der Mensch fähig ist. Die meisten haben wohl anschließend die Augen verschlossen und sich auf den Wiederaufbau konzentriert.

Beckett zeigt uns metaphysisch entwurzelte Individuen, zurückgeworfen auf ihre reine Existenz. Ohne religiöse Bindung stecken sie im Hier und Jetzt fest und finden keine Kraft, irgendeinen Weg zu beschreiten. Die Dialoge ziehen sich quälend dahin, besonders im zweiten Akt, der eigentlich eine absurdere Wiederholung des ersten ist. Zeit ohne Ziel ist wertlos, absurd. Das Leben wird zu einer endlosen Wiederholung des Gleichen. Insofern präsentiert Beckett die Frage, was wir eigentlich mit unserem Leben machen sollen, und die ist es wert, gestellt zu werden.

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