Die Hauptstadt

Gibt es eigentlich eine EU-Richtlinie für die korrekte Benennung von Kunst?

Foto: Bjørn Jansen

Den großen Fehler haben die Theatermacher lange vor der Premiere gemacht. Sie haben die Aufführung als Schauspiel angekündigt, doch was dann gezeigt wurde, war eine szenische Lesung. Statt sich die Handlung im Spiel der Figuren entwickeln zu lassen, wurden im Wesentlichen größere Textpassagen aus Menasses umstrittenen Werk vorgetragen, gelegentlich unterbrochen von gespielten Situationen. Einige Zuschauer verließen das Theater in der Pause. Sie kannten das Buch und wollten sich keine Hörbuchfassung antun. Andere verließen die Vorstellung, weil das Dargebotene zur wirr schien.

Es war vermutlich gut, dass ich das Buch nicht gelesen, mir aber eine Inhaltsangabe zu Gemüte geführt hatte. So waren die vorgetragenen Texte frisch und ich konnte den vielen parallelen Handlungssträngen folgen. Und ich mag szenische Lesungen, ich finde, es ist eine schöne Kunstform.

Nur eben kein Schauspiel. Vielleicht wollte Marc Zurmühle wirklich ein Drama aus dem Buch ableiten, hatte sich dann aber an der Aufgabe verhoben und schließlich mehr und mehr Lesestrecken aufgenommen. Vielleicht hatten die Verantwortlichen auch nur Sorge, dass die Zuschauer fernbleiben würden, wenn das Wort „Lesung“ auf dem Programm stünde. Ich finde nämlich auch, dass eine Lesung eher in die Werkstatt gehört, als auf die große Bühne.

Nun denn. Die Aufführung ist nicht schlecht. Wenn sich der Vorhang hebt, die ganze Bühne im Nebel liegt und die Akteure langsam ins Licht schreiten, ist man als Zuschauer schnell eingefangen. Irgendwann wird das Stück etwas zäh, es sind dann zu viele Handlungsstränge, die Zurmühle aus dem Buch übernommen hat. Weniger wäre vermutlich mehr gewesen. Den polnisch-christlichen Attentäter hätte man komplett auslassen können, es bleibt nämlich unklar, wie er mit dem Rest des Stücks in Verbindung steht.

Das Stück zeigt den EU-Apparat eher kritisch. Karrieristen, Bürokraten und Apparatschiks bestimmen das Geschehen. Da, wo neue Ideen geboren werden sollen, im Think-Tank, agieren die Mitglieder wie eine Selbsthilfegruppe. Das scheint völlig überzogen, aber wenn man Jan Timmers kürzlich im Fernsehduell sagen hört, der Islam gehöre seit 2000(!) Jahren zu Europa, dann muss man annehmen, dass mehr Realität als Satire im Stück dargeboten wird. Fast durchweg ist das Reden über Europaideale nur leere Phrasendrescherei. Es scheint den EU-Beamten zwar völlig selbstverständlich, dass man die EU zu einem Superstaat ausbauen muss. (Eine bei den europäischen Bürgern durchaus kontroverse Frage). Doch scheint der Wunsch nach mehr EU-Staat eher von der Erwartung nach mehr Macht und Ansehen getrieben. Nur wenige Figuren treibt die Sorge um Frieden um.

Die Schauspieler – bis auf eine Ausnahme – machen ihre Sache gut. Man muss es bewundern, wie seitenlange Texte fehlerfrei auswendig vorgetragen werden. Im Spiel ist reichlich viel Klamauk, etliche Slapstick-Einlagen heitern die Zuschauer auf. Das birgt die Gefahr, das Stück ins Alberne zu ziehen, doch das ginge in Ordnung, wenn nicht Johanna Link das Fass zum Überlaufen brächte. Es scheint, als könne sie nur die Clownsrolle spielen. Im Schweijk hatte mich das schon gestört, aber ich hatte es eher der israelischen Regisseurin Sapir Heller zugeschrieben. Aber in der „Hauptstadt“ hätte Link mehr zeigen können und müssen. Ihre drei Rollen, als Pflegerin im Altenheim, als Leiterin des Think-Tanks und als Fenia Xenopoulou, Abteilungsleiterin Generaldirektion Kultur, drängen sich nahezu auf, mit unterschiedlichen Frauentypen dargestellt zu werden. Links Ausfall reißt die Aufführung fast in den Abgrund.

Alles in allem ein durchwachsener Gesamteindruck. Wenn man, wie ich, szenische Lesungen mag, kann man dennoch einen unterhaltsamen Abend erleben.

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Meer

Zwölftonmusik in Textform

Foto: Ilja Mess

Die Handlung von Jon Fosses „Meer“ ist schnell erzählt, es gibt nämlich keine, oder fast keine. Es gibt lediglich ein Setup: Sechs Menschen, zwei Männer und zwei Paare befinden sich irgendwo, sie wissen nicht wo sie sind und auch der Zuschauer weiß es nicht. Die Personen sprechen Sätze mit Pausen dazwischen, die meisten Sätze sprechen sie so vor sich hin, manche richten sie auch an andere Personen auf der Bühne und auf einige dieser Sätze reagieren die Angesprochenen sogar. Ob es sich dann um eine Antwort handelt ist meist unklar.

Überraschenderweise entwickelt Fosses Stück einen großen Reiz, wenn man sich darauf einlässt. Ebenso wie die Personen auf der Bühne sollte der Zuschauer nicht versuchen zu ergründen, wo man nun eigentlich ist. Wenn es hilft, kann man sich denken, die Personen seien tot und irgendwo im Jenseits. Aber je weniger man sich bemüht, das Gezeigte zu verorten, desto reiner kommt der Stoff rüber. Ohne Bezug zu einem Außen, bleibt den Personen nämlich nichts, als sich ihrer selbst zu versichern.

So betonen die beiden Männer, mit denen das Stück beginnt, ihre Profession. „Ich bin der Kapitän, ich habe alle Meere befahren, wir sind auf dem Meer“. Das redet er sich genauso ein, wie der Gitarrenspieler: „Ich bin Gitarrenspieler“. Der spielt sogar, Luftgitarre eben. Das ältere Paar ist immerhin ein Paar, sie reden von wir. „Wo sind wir hier, lass uns fortgehen“, was sie natürlich nicht tun. Der Mann bekommt im Stück Zweifel an der Beziehung: „Ich kenne Dich eigentlich gar nicht“ merkt er irritiert. Das junge Paar kommt gerade erst zusammen, ober besser halb zusammen. Denn während der Mann weiß, dass er nun die Frau seines Lebens gefunden hat, weiß die eigentlich nichts. Überhaupt lautet der Hauptsatz der beiden Frauen: „Ich bin hier“, eine sehr fundamentale Art der Selbstversicherung.

Während man den Schauspielern lauscht, wie sie ihre Sätze deklamieren, spürt man, dass sich die Aussagen verschränken und wie Musikinstrumente Teil einer Sinfonie werden. Fosse hat sicherlich viel mehr kunstvolle Bezüge angelegt, als die, die man beim Zuhören entdeckt. Das Stück macht Lust, den Text auf eine große Tapete zu schreiben und mit Kreisen und Linien die Partitur des Gehörten zu rekonstruieren. Es ist im Übrigen auch einzig die Musik, die die sechs Personen auf der Bühne zusammenbringt und zwar die lautlose Klänge der Luftgitarre. Die Zuschauer werden durch echte Musik zu Beginn und am Ende der Aufführung einbezogen.

Bei allem Reiz bleibt das Ganze doch etwas blutleer. Ähnlich wie ein abstraktes Gemälde gegenüber einer üppig bebilderten biblischen Szene kalt und bedeutungslos wirken kann, so kann man bei Fosses „Meer“ auch den Ausdruck von Gefühlen und menschlicher Interaktion vermissen. Man kann durchaus die Frage stellen, ob eigentlich die Theaterbühne die beste Form ist, den Stoff zu präsentieren. Die Eleganz einer mathematischen Formel erschließt sich schließlich auch nicht, wenn man sie auf der Theaterbühne aufsagt oder singt. Doch hat Jon Fosse es so gewollt und Regisseur Wulf Twiehaus und die Schauspieler machen ihre Sache hervorragend und auch die blätterlosen Baumruine, die mitten auf der Bühne liegt symbolisiert die Lebensstarre der Personen nachdrücklich.

Wenn Sebastian Küster im Südkurier sich über die Abstraktion beklagt und schreibt, Twiehaus überspanne den Bogen der Ungenauigkeit und verfehle das Ziel, den Zuschauer auf seine Reise mitzunehmen, dann dürfte das vor allen dann stimmen, wenn er mit „den Zuschauer“ sich selbst meint. Er steht vor dem Stück wie vor einem abstrakten Gemälde mit der Frage, ob da nun eine Tasse oder eine Badewanne zu sehen sei. Aber wenn man Abstraktion mit Ungenauigkeit gleichsetzt hat man ohnehin verloren.

Im Gegensatz zu Küster kann ich also den Besuch in der Spiegelhalle sehr empfehlen.

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