Cabaret

In der Provinz wird Dekadenz schnell zur Spießigkeit

Vermutlich hatte fast jeder Premierenbesucher den Film mit Liza Minelli aus dem Jahr 1972 bereits früher einmal gesehen. Dass die Besucher die Aufführung am Stadttheater Konstanz damit vergleichen würden, musste der Regie und allen Beteiligten klar sein. Und ebenso klar dürfte gewesen sein, dass man genau das verhindern musste, denn gegen die mit acht Oscars prämierte Musicalverfilmung kann man auf der Bühne schwerlich ankommen.

Nun ist das Musical von John Kander und Fred Ebb, das der Konstanzer Inszenierung zugrunde liegt, ohnehin anders als der Film von Bob Fosse. Und das Musical wiederum unterscheidet sich von dem gleichnamigen Theaterstück, welches seinerseits abweicht von Christopher Isherwoods Romanvorlage Leb wohl, Berlin aus dem Jahr 1939. Es ist interessant zu sehen, dass zwar immer die gleichen Elemente auftauchen, wie die Mietwohnung, der Club, der Engländer oder auch Amerikaner, die Sängerin, aber dann doch handelnde Personen sich unterscheiden und die Schwerpunkte teils deutlich anders gesetzt sind.

Im Film ist der aufsteigende Nationalsozialismus nur ein zeitgeschichtlicher Hintergrund, vor dem sich die Liebesbeziehungen entfalten. Das Musical zeigt hingegen, wie die Politik tief in die zwischenmenschlichen Beziehungen greift und diese zerstört. (Uns Heutigen ist dieser Vorgang seit 2015 nicht unbekannt.) Die Liebesgeschichte zwischen Fräulein Schneider und Herrn Schultz zeigt viel ernsthafter die Gewalt der ideologischen Vergiftung der Zeit, als das eher kitschige Turteln zwischen Fritz Wendel und Fräulein Landauer in der Verfilmung. Und man muss es ausdrücklich loben: Die Verlobung zwischen den alten Leuten mit dem Song Meeskite – vorgetragen von Ralf Beckord – und die Sprengung des Fests mit dem Chorgesang Tomorrow belongs to me entlassen die Zuschauer beeindruckt in die Pause.

Auch Bühne, Kostüme und Orchester sollte man hervorheben. Das Instrumentarium der Konstanzer Bühnentechnik wird voll ausgespielt. Überall geht es rauf und runter, die Vorhänge gehen auf und zu, der ständige Wechsel zwischen Kit-Kat-Club und Fräulein Schneiders Wohnung gelingt. Selten waren so viele Akteure gleichzeitig auf der Bühne. In Anbetracht der diskutierten Sicherheitsmängel und Bauschäden am Gebäude fast beängstigend.

Doch bleibt das Stück insgesamt fad. Der Kit-Kat-Club soll prickelnde Erotik ausstrahlen, doch dazu reicht es nicht, mit Strapsen über die Bühne zu laufen. Auch Männer in Frauenklamotten verströmen heute kein verruchtes Flair mehr, Transvestiten und Transsexuelle sind in der Mitte unserer (Medien-)Welt angekommen.

Auch bleibt das Spiel unglaubwürdig. Wenn Cliff zu Sally sagt, sie sei die verrückteste Frau, die es gäbe, dann hört man’s wohl, doch glaubt es nicht, denn Anne Simmering wirkt eher als Akrobatin denn als Femme Fatale. Besser gelingt es Arlien Konietz den amerikanischen Schriftsteller zu verkörpern, vielleicht ist das aber etwas weniger anspruchsvoll. Auch Ingo Biermann macht seine Sache gut, obwohl für die Interpretation des zwiespältigen, erotisch und weltanschaulich ambivalenten Conférenciers noch viel Luft nach oben wäre. Kurios, dass er nur in der Eröffnungsszene im German-English singt („Sänk ju for träwelling wis ze Deutsche Bahn“). Wenn man weiß, dass Joel Grey, der die Rolle im Film spielt, wochenlang geübt hat, um den englisch sprechenden deutschen Ansager zu mimen, wundert es, wenn Biermann im Rest des Stücks nur wohlpronunziertes Amerikanisch präsentiert.

Es gelingt letztlich nicht, die Stimmung der späten Zwanzigerjahre in Berlin auf die Bühne zu bringen. Die Kreativität, die intellektuelle, politische und sexuelle Freiheit, und die besondere Mischung von Internationalität und Berliner Derbheit auf der einen und die zunehmende Verengung der Verhältnisse, die Gewalt von Links und Rechts, der Einzug der nationalen (politischen) Korrektheit und neuen Spießigkeit wird mehr zitiert als gespielt. Die Chance, die Zuschauer für kurze Zeit in die Vergangenheit zu holen, hätte für sie die Frage provoziert, wo man die heutigen gesellschaftlichen Debatten in der Weimarer Republik verorten würde. AFD, Antifa, Greta, Gendersternchen, Christopher Street Day, Enteignungen, Dieseltote … wo wäre das Pendant in der Welt der Sallies, Fräulein Schneiders, Ernst Ludwigs und so weiter?

Bleibt noch die Musik. Das Orchester ist über jeden Zweifel erhaben, sowohl von der Musik als auch von der Kostümierung her. Doch beim Gesang waren die Meinungen, die ich gehört habe, gespalten. Einiges gefiel, einiges nicht. Besonders problematisch fand ich die Gassenhauer, wie Mein Herr oder Cabaret. Sie werden teilweise im Liza-Minelli-Stil gesungen, dann aber deutlich anders interpretiert. Da wird dem Zuschauer quasi ein unguter Vergleich aufgezwungen. Ganz so locker wie bei Forever young gelingen die Stücke nicht. Aber das ist vermutlich Geschmackssache, vielen wird die Musik gefallen. Man sollte sich das Stück anschauen.

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Gerron

Schicksal eines Regiefanatikers

Ungeplante Erlebnisse sind oft die bereicherndsten. Es war Zufall, dass wir gestern in „Gerron“ gelandet sind. Eigentlich stand „Momentum“ auf meinem persönlichen Spielplan, es fiel aber wegen der plötzlichen Erkrankung von Ingo Biermann aus. Wir hatten nur zwei Minuten um vom großen Haus in die Werkstatt zu wechseln und zum Glück hatte ich keine Ahnung, worum es in Gerron ging und musste schnell entscheiden, um die letzten Plätze zu sichern.

Zum Glück deshalb, weil erst, als das Stück begonnen hatte und ich André Rohde als Gerron mit Judenstern auf der Bühne sah, mir klar wurde, dass es an diesem Abend um die Grauen des Dritten Reichs gehen würde. Auch die Holzkonstruktion auf der Bühne entpuppte sich damit als KZ-Verschlag. Ich bin nicht immer aufnahmebereit für solchen Stoff. Besuche in KZ-Gedenkstätten führen einem stets vor Augen, wie grauenhaft Menschen sein können und wie viel Leid sie einander zugefügt haben. Ich muss mich erst innerlich darauf einstellen, bevor ich mich dem aussetze. Dazu kommt meine Sorge, dass das Thema für irgendeine Agenda missbraucht wird.

Der Anfang in der Werkstatt machte aber sofort klar, dass alle diesbezüglichen Sorgen bei dem Stück von Charles Lewinsky und der Regie von Anette Gleichmann unnötig gewesen wären. Das Schicksal des jüdischen Schauspielers und Regisseurs Kurt Gerron wird behutsam in Szene gesetzt. Mir genügen schon die Fakten seiner Biografie, um zu merken, welche Gipfel und welche Abgründe mir bisher im Leben erspart geblieben sind. Gerron wurde im Ersten Weltkrieg schwer verletzt, studierte Medizin um dann als Lazarettarzt zu dienen. Nach dem Krieg wechselte er zum Film, zuerst als Schauspieler, später als Regisseur. Er war erfolgreich und berühmt und arbeitete mit Größen wie Marlene Dietrich, Fritz Lang oder Heinz Rühmann. Doch anders als viele Größen der damaligen Zeit verpasste er den Zeitpunkt, sich in die USA orientieren. Er musste aus Deutschland fliehen, aber es gelang ihm in bemerkenswerter Hartnäckigkeit immer wieder beruflich Fuß zu fassen, in Paris, Wien und später in den Niederlanden. Die Schauspielkollegen in den USA hatten bereits eine Schiffsüberfahrt von den Niederlanden nach Amerika war arrangiert, doch Gerron schlug sie aus, fanatisch an seinen Projekten in Amsterdam arbeitend. Es ist erschütternd, dass er mit seiner Ignoranz der drohenden Gefahr nicht nur sich, sondern auch seine Frau und seine Eltern letztlich in den Tod führte.

Das Theaterstück erzählt Gerrons Leben vom Ende her. Es beginnt 1944 mit dem Auftrag von SS-Obersturmführer Rahm, Leiter des KZ Theresienstadt, einen Propagandafilm über das Lager zu drehen. Gerron weiß, dass der Film die Lügen über Theresienstadt aufrechterhalten soll, doch er hofft, dass er vielleicht dem einen oder anderen Mitgefangenen, die Überlebenschancen erhöhen kann. Vielleicht, so denkt er, endet der Krieg vor dem Ende der Dreharbeiten. Dazu kommt, dass er wieder als Regisseur arbeiten will, es ist sein Lebensinhalt. Doch alle Illusionen zerbrechen an der brutalen Realität. Dass die Filmassistentin, die er retten wollte, bereits nach Ausschwitz abtransportiert wurde, erfährt Gerron von Epstein, Mitglied des Judenrats. Der sagt ihm auch, dass man ihn dafür vor dem Todesurteil bewahrt hatte. Gerron versteht, wie umfassend er sich belogen hat, als ihn der Latrinenwärter stur darauf hinweist, dass sein Satz „Ich bin Regisseur“ die falsche Zeitform hat. Es müsse heißen „war“.

Immer wieder tauchen Szenen aus der Vergangenheit auf: Das Warten im Schützengraben, Gerron als Kind mit dem Großvater, das Kennenlernen seiner Frau, die mit ihm den Verschlag im KZ bewohnt. Wir erleben an einem einzelnen Schicksal, wie ein Talent sinnlos verschwendet und ein Leben sinnlos vernichtet wird, wie ein Mensch bis zuletzt um seine Würde kämpft, die doch schon lange verloren ist. Und wir wissen, dass das millionenfach geschehen ist.

Es gelingt den Schauspielern, das Furchtbare verdaulich zu machen. Dabei hilft die Musik, für die Andreas Kohl verantwortlich ist. Vor allem gelingt es dadurch, dass immer wieder zwischen Schauspielerei und Puppenspiel gewechselt wird. Die Hälfte der Szenen spielen nämlich Puppen, die von Ira Hausmann und Janna Skroblin geschaffen wurden und von Magdalene Schaefer und Sebastian Fortak geführt werden. Die Wechsel zwischen Puppen- und Schauspiel ist schnell, manchmal fast unbemerkt, doch gibt er dem Stück die nötige Leichtigkeit.

Es lohnt sich, das Schicksal Gerrons nachzuvollziehen. Denn es ist immer der Einzelne, der untergeht, wenn Menschen sich über ihre Gruppenzugehörigkeit identifizieren, sei es im Dritten Reich, sei es in Stalins Sowjetterror und seinen Gulags, sei es während Maos Kulturrevolution, sei es während Pol-Pots Schreckensherrschaft oder wo auch immer. Und es ist immer nur der Wert des Einzelnen, der der ideologischen Raserei entgegengesetzt werden kann.

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Der brave Soldat Schwejk

Die Öde der Geschlechtslosen

Ich will es gleich klarstellen: Ich fand die Aufführung langweilig. Andere Premierenbesucher haben es höflicher gesagt, etwa in dem Sinne, dass das erste Drittel ganz interessant gewesen sei, aber es sich dann doch gezogen habe. Das mit dem ersten Drittel ist richtig, es ist eigentlich immer richtig. Denn am Anfang sieht man viel Neues auf der Bühne. Diesmal beispielsweise das gelungene Bühnenbild von Ursula Gaisböck: Ein überdimensionaler Clownshut und große rote Puschel auf dem Boden verstreut. Auch Johanna Link im knallroten Strampler als Soldat Schweijk ist zunächst interessant anzusehen und Rudolf Hartmann ist ein bemerkenswerter Anblick, wenn er in Kampfuniform und Reifrockgestell Schifferklavier spielt und dazu singt. Doch wenn sich die ersten Eindrücke gesetzt haben, kommt es auf das Stück und seine Inszenierung an. Und die hat wohl auch dem Premierenpublikum nicht so ganz zugesagt; der sonst immer sehr überschwängliche Applaus war etwas verhalten. Wie gesagt, ich fand es vor allem langweilig.

Es ist aber auch nicht einfach mit dem Stoff. Was vor hundert Jahren witzig war, das kann man heute zwar als humorvoll gemeint erkennen, aber nicht wirklich drüber lachen. Es ist so wie mit Dick und Doof. Wenn man die Filme heute anschaut, wundert man sich, dass man darüber lauthals lachen konnte.

Auch die Ausgangslage ist uns heute fremd. Schweijk mischt den pervertieren und verkrusteten Militärbetrieb der K.u.K-Monarchie mit seinem anarchischen Gehorsam auf. Doch einen solchen Militärapparat kennen wir eigentlich nicht mehr. Unsere Bundeswehr ist es jedenfalls nicht. Nein, der Amtsschimmel wiehert bei uns wohl eher in Behörden, die dem Übel der Welt mit Politischer Korrektheit und gendergerechter Sprache beikommen wollen. Vielleicht war es ein kleiner Schweijk der unserem Außenminister gesteckt hat, dass er der in Afghanistan gefallenen Soldaten und Soldatinnen (!) gedenken soll. In der Welt dieser Behörden, die sich um all die Sichtbarkeit all der Geschlechter zwischen Mann und Frau sorgen, hätte man das Stück eher vorstellen können.

Aber es gibt noch eine weitere Schwierigkeit mit dem Stoff. Die Grundlage bilden einzelne, abgeschlossene Geschichten von Jaroslav Hašek. Jede für sich hat wohl einen Spannungsbogen, hintereinandergeschaltet ergeben sie aber kein Theaterstück. Vielleicht hätte Hašek noch einen dramatischen Gesamtrahmen geschaffen, wenn er nicht mit 39 am Alkohol und an den Kriegsfolgen gestorben wäre.

Es war also tatsächlich eine Herausforderung für die Regisseurin Sapir Heller und den Dramaturgen Eivind Haugland. Sie haben sich auch das ein und andere einfallen lassen. Wenn Sylvana Schneider als Amtsärztin mit einer Art Halloween-Maske spielt, ist das wirklich zum Lachen und auch ihre Tanzperformance bringt Leben auf die Bühne. Aber das sind nur Ansätze. Und überhaupt – wäre das Stück voll mit solchem Klamauk gewesen, hätte ich mich wohl gut unterhalten gefühlt, aber doch gefragt, was das noch mit Schweijk zu tun habe. Aber trotzdem – ich hätte mir mehr Mut bei der Inszenierung gewünscht.

Aber vielleicht dachte man, es sei kreativ genug, die Männerrollen von Frauen spielen zu lassen. Das wird ja am Konstanzer Theater gerne und häufig gemacht. (Ich denke, der Grund ist nicht, dass man nicht genug männliche Schauspieler hat.) Diesmal jedenfalls ging es gar nicht auf. Johanna Link stellt keinen Mann dar, bestenfalls einen kleinen Jungen, wozu dann auch der Strampelanzug passt. Doch damit verkümmert die Figur. Wenn Schweijk sich zärtlich an den versoffenen Militärpfaffen (Odo Jergitsch) anlehnt und ihn streichelt, fehlt die homoerotische Komponente, die die Komik dieser Szene ausmacht. Es ist halt so, dass nicht nur das Leben öd und fad wird, wenn Mann und Frau nicht mehr ihre Unterschiede zelebrieren, sondern auch das Theater.

Da hätte man doch besser gleich aus der Männerarmee eine Frauenarmee machen sollen. Dann hätte man statt Machogehabe Zickenkriege auf die Schippe nehmen können und dem Stück einen neuen Anstrich gegeben. Vielleicht ein andermal in diesem Theater!

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Draußen vor der Tür

Kriegsheimkehrer*innen verstehen lernen

Als ich mit dem einen und anderen Besucher nach der Premiere sprach, schwankte ihr Eindruck zwischen nicht schlecht, ganz gut und weiß nicht; Einigkeit herrschte darin, dass es am Ende des Aufführung etwas zäh wurde. Langeweile hatte sich eingestellt, manchem fielen gar die Augen zu.

Wie kann das sein? Wie kann das sein, bei einem Stück wie diesem?

Draußen vor der Tür steht Beckmann, ein Kriegsheimkehrer, der feststellen muss, dass seine Frau einen anderen hat und dass sein Kind, das er nie gesehen hat, irgendwo unter den Trümmern begraben liegt. Und so beginnt die Erzählung mit Beckmanns Selbstmord, der misslingt. Beckmann, der alles verloren hat, sogar seinen Vornamen, wird von einem Mädchen gerettet. Doch als er beginnt, Zutrauen zu fassen, kehrt deren Ehemann aus Russland zurück, ein Krüppel mit Holzbein. Zu allem Überfluss war dieser in Beckmanns Kompanie und hat dort sein Bein verloren. Beckmann spürt unerträgliche Verantwortung, zudem auch für die elf Kameraden, die unter seiner Führung bei einem Vorstoß im Auftrag seines Obersten ums Leben kamen.

Diesen Oberst sucht Beckmann als nächstes auf, doch der hat sich in die neue Spießigkeit eingerichtet und ist nicht bereit, Beckmann von seiner Verantwortung zu befreien, er empfiehlt ihm erstmal Mensch zu werden. Weiter geht das Scheitern mit dem Versuch im Kabarett beruflich unterzukommen. Der Direktor weist ihn ab, Beckmanns düstere Geschichten will das Publikum nicht hören, mögen sie auch wahr sein. Vollends niederschmetternd dann sein Versuch, bei den Eltern Unterschlupf zu finden. Deren Wohnung, „seine Wohnung“, wird von der abgestumpften Frau Kramer bewohnt, die ihn darüber aufklärt, dass seine Eltern sich selbst entnazifiziert hätten und sie nun dort wohne. Einzig um das Gas sei es schade gewesen.

Und diese grauenvolle Geschichte wird in Konstanz aufgeführt und es gibt Zuschauer, die sich langweilen. Was ist da schiefgelaufen?

Nun, ich denke, das zweifelhafte Verdienst gebührt Regie (Mareike Mikat) und Dramaturgie (Eivind Haugland). Sie lassen die Schauspieler komödienhaft über die Bühne hetzen und veranstalten effekthascherische Kostümwechsel, lassen das Stück hinter der Show verschwinden. (Zum Glück nicht ganz, dazu ist der Text zu stark; darum sollte man sich die Aufführung trotz allem anschauen.) Wenn sich der größte Kerl auf der Bühne ein Kissen unters Hemd schiebt um eine Schwangere zu imitieren, wenn eine kleine Schauspielerin sich ein Kissen ins Kleid steckt um den dicken Direktor zu mimen, oder wenn Tomasz Robak als Frau Kramer mit ulkigen Schrittchen über die Bühne trippelt, dann greift man zu Mitteln, die bei anderen Stücken funktionieren und zur Erheiterung führen mögen, doch Borchert hat das nicht verdient. Kein Wunder, dass die Luft dann in der Traumszene raus ist, wenn Nikolai Gemel als Beckmann allein das Drama spielt. Er macht das gut, aber wenn eine Stunde lang alles getan wurde, damit die Hauptfigur keine Authentizität erlangt, wird sein Traum zu Schlafpulver für die Zuschauer.

Warum Mikat und Haugland so bei diesem Stoff versagen, darüber lässt sich nur spekulieren. Vielleicht konnten sich die beiden nicht in die Lebenssituation des Protagonisten hineinversetzen, eine Situation, die damals viele Männer in den Suizid trieb. In der heutigen Zeit, in der kleinste Verletzungen der politischen Korrektheit umfassende virtuelle #Aufschreie auslösen können, kann das Gefühl für Proportionen verloren gehen. Wenn ich spotten wollte, würde ich spekulieren, dass das Empathievermögen der Regisseur*innen und Dramaturg*innen schon erschöpft war, durch ihre Sorge um die Sichtbarmachung der 60+ verschiedenen Geschlechter im Begleitheft und das Platzieren der entsprechenden Sternchen dafür.

Vielleicht ist es auch eine Frage des Alters. Manche Besucher werden die gezeigte Welt noch erlebt haben, viele werden aus erster Hand, von ihren Eltern und Verwandten, einiges gehört haben. Auch ich erinnere mich an viele Sportkameraden meines Vaters, die ohne Arme oder Beine versucht haben, im Versehrtensport ihre Lebensfreude zu bewahren. Und ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer älteren Frau über die Zeit in Berlin nach dem Krieg; sie wollte nichts über das Gebaren der russischen Soldateska erzählen, aber das Grauen in ihren Augen sagte alles. Mikat und Haugland sind eine Generation weiter als ich vom Geschehen entfernt und kennen die Zeit vielleicht vornehmlich aus dem Geschichtsunterricht.

Vielleicht hatten die beiden aber auch einfach Angst vor dem, was herauskäme, würde man den Beckmann glaubwürdig auftreten lassen. Man stelle sich vor, Steven Spielberg würde den Stoff verarbeiten, so wie Schindlers Liste. (Was er aber nie tun würde, denn es fehlt das Positive, es fehlt ja ganz und gar in dem Text. Aber nur mal wenn.) Was, wenn der Zuschauer mit dem Antihelden mitfühlt und mitfiebert? Wo ist da Gut und wo Böse? Beckmann ist Soldat und Soldaten sind Mörder, wie das Programmheft Tucholsky sprechen lässt. Dann müsste man einer Vielschichtigkeit ins Auge sehen, die im heutigen Twittergeschrei, in den Relotiaden, im Auftrumpfen der Populisten aller Parteien und im Sensations- und Empörungsjournalismus gnadenlos untergeht.

Daniel Grünauer verwies bei seiner Premierenansprache auf die Dokumentation der Borchert-Aufführung von 1956, die das Theater zusammengestellt hat. Abgesehen von dem Einleitungstext ist diese Broschüre absolut lesenswert und gibt einen Eindruck von der Sprengkraft, die der Stoff entfalten kann, und von dem die aktuelle Inszenierung leider nichts hat. Damals hatten 15 Zuschauer unter Protest die Vorführung verlassen und es hatte sich ein veritabler Skandal daraus entwickelt, u.a. weil der damalige OB Knapp sich entschloss, den Intendanten Kreibig „[…] um die Erwägung der Absetzung des Stückes zu bitten“. Ja, das hat eine gewisse Parallele zu dem Geschehen um „Mein Kampf“ im letzten Jahr. Doch: Im Vergleich zum kultivierten Umgang in den Fünfzigerjahren, wirkt das kürzliche Auftreten des Bürgermeisters Dr. Osner umso peinlicher.

Der junge Chefdramaturg setzt der Geschichtsvergessenheit dann noch ein letztes Krönchen auf, wenn er am Ende seiner Ansprache nach der Premiere mit großer Geste die Menschen in jene teilt, die nach vorne schauen und jene, die zurückblicken, also den kleinen Honecker gibt („Vorwärts immer, rückwärts nimmer“). Ja, dann könnte es einem ob des Propagandatons gruseln, wenn dies nicht so furchtbar provinziell wäre.  Doch gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass Herr Grünauer irgendwann zurückblickt und erkennt, dass das Weltgeschehen viel weniger schwarzweiß ist, als er es sich denkt.

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Wer hat Angst vorm weißen Mann

Offensichtlich hat die Dramaturgie keinen Einfluss auf die Aufführung. Und das ist auch gut so.

Dominique Lorenz hat mit „Wer hat Angst vorm weißen Mann“ ein wunderbares Volkstheaterstück geschaffen. Ein Schenkelklopfer reiht sich an den nächsten, ganz so wie bei Ohnesorgs, und am Ende denkt man gerne darüber nach, was einem das Stück über das Leben und das Schicksal sagt. Und unserem Theater gelingt es, das Lustspiel gkonnt in Szene zu setzen.

Es geht um den Metzgermeister Franz, der nach seinem Schlaganfall in den Betrieb zurückkehrt und feststellt, dass seine Welt in Unordnung geraten ist. Tochter Zita hat den Betrieb mehr recht als schlecht mit dem Asylbewerber Alpha aus Togo am Laufen gehalten, doch die Kunden bleiben weg, weil die Weißwürste nicht mehr so schmecken wie früher. Zita träumt von einer Imbissecke, einer sanften Erneuerung des alteingesessenen Betriebs. Sohn Anton, ein Luftikus unter der Fuchtel seiner Frau will die Metzgerei ganz aufgeben und eine Lounge einrichten.

Doch Franz‘ erstes Problem ist der „Neger“, der plötzlich da ist. Das geht gar nicht. Doch noch bevor Franz überhaupt mit Alpha ernsthaft redet, kommt es zu einem tragischen Unfall. Beim Wechsel einer Glühbirne bekommen Franz und Alpha einen Stromschlag. Alpha überlebt aber Franz stirbt. Doch statt ins Jenseits zu entschwinden, verharrt er in der Metzgerei als Geist und muss hilflos mit ansehen wie sein Sohn Anton das Testament, das ihn nicht berücksichtigt, verschwinden lässt und Zita hintergeht. Franz kann schimpfen wie er will, aber es nutzt nichts, er ist ja nur ein Geist und niemand nimmt ihn wahr. Niemand? Ausgerechnet Alpha kann ihn sehen und hören und so beginnt eine wunderbare Odyssee der beiden. Aus Franz‘ rassistischer Ablehnung und Alphas persönlicher Abneigung wird notgedrungene Akzeptanz, dann gemeinsames Kämpfen und am Ende sogar tatsächlich so etwas wie Freundschaft zwischen den ungleichen Partnern.

Wie schon gesagt, die Inszenierung ist überaus gelungen. Christian Schlechter bringt gigantische Weißwürste auf die Bühne, die als Sitzmöbel, Verkaufstheke, Krankentrage und Sarg dienen. Die Schauspieler überzeugen ohne Einschränkung. Doch verglichen mit Odo Jergitsch als Franz sind Zita (Antonia Jungwirth), Anton (Georg Melich) und alle anderen nur Nebenrollen. Sie bebildern die Klischees der fleißigen Tochter, des bösen Bruders, der intriganten Schwiegertochter, der sturen Beamten, des treu(-dummen) Freundes, des naiven Liebhabers, und so weiter. Sie sind alle nur statische Figuren, lediglich Franz wird als Charakter durchgezeichnet, nur er durchlebt eine Entwicklung, um ihn geht es in dem Stück. Und vielleicht auch um Alpha (Ramses Alpha), doch leider bleibt dieser blass. In seiner Rolle muss er im gebrochenen Simpeldeutsch sprechen, das lässt nicht viel Raum für differenzierte Personenzeichnung. Alphas spielerische Leistung kann das nicht kompensieren, er bleibt das Klischee eines Afrikaners, mit dem Glauben an Hokuspokus und Lust an rhythmischen Tanz. Ich weiß nicht ob die Autorin dieser Rolle mehr zugeschrieben hat, wenn ja, dann hat hier die Inszenierung ihren Schwachpunkt.

In der Konstanzer Aufführung geht es also nur um Franz, ein Prachtstück eines bayerischen Grantlers. Erzkonservativ, starrhalsig, rassistisch (und vermutlich auch homophob und was es noch an politisch unkorrekten Haltungen gibt). Aber auch mutig, arbeitsam, erfindungsreich, mit guter Menschenkenntnis und Liebe zu seiner verstorbenen Frau und seiner fleißigen Tochter. Die Figur ist nicht mehr ganz aktuell, sie entspringt eher den 60er oder 70ger Jahren, als die Nachkriegsgeneration langsam abtreten musste. Dass die Folgegeneration etwas ändern will, nicht nur einfach das Aufgebaute weiterführen will, überhaupt, dass sich die Welt ändern würde, war für viele dieser Generation schwer zu akzeptieren. Viele Familien sind daran zerbrochen. Und auch Franz gelingt es selbst als Geist kaum, die veränderten Machtverhältnisse zu akzeptieren. Wenn er dann Alpha droht: „nur über meine Leiche“, dann braucht es eine Weile bis er merkt, wie unsinnig sein Machtgeprotze ist. Immer wieder zerstreitet er sich mit Alpha, nur um im letzten Moment die Kurve zu kriegen, denn nur durch ihn kann er seiner Tochter Hilfe gewähren.

So kann man wunderbar über die Pointen lachen und überlegen, wo man diesem Menschentypus begegnet ist und wie viel davon in einem selber stecken mag. Doch wenn man dann das Programmheft liest – wovon ich abrate – merkt man, dass man das Stück leider nicht verstanden hat. Da erklärt nämlich die Dramaturgin Anna-Lena Kühner, dass es ausschließlich um Rassismus gehe, vor allem auch den versteckten, wenn man z.B. den fremdländischen Mitbürger zweimal fragt, wo er denn herkäme, weil einem die Antwort Würzburg oder Duisburg nicht gereicht hat. Ja, selbst in einer so toleranten und weltoffenen Gesellschaft wie Deutschland wird man Rassismus finden. Doch wenn man in solch einem Familienstück nichts anderes findet als Rassismus, muss sich der geistige Horizont schon gehörig verengt haben. (Wenig würde sich am Stück ändern, würde man die Figur des Alpha durch einen Schwulen oder einen Veganer ersetzen.) Zum Glück scheint die Dramaturgin keinen Einfluss auf die Inszenierung genommen zu haben.

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Von Mäusen und Menschen

Am Ende doch Angst vor der Courage


Ich bin mit einem unguten Gefühl in die Vorstellung gegangen. Ich hatte als Jugendlicher in den 1960er Jahren eine Verfilmung gesehen und kann noch heute dem deprimierenden Gefühl nachspüren, das der Film hinterließ. Irgendwas an Geschichte hatte damals offensichtlich einen Nerv bei mir getroffen.

Es ist die Geschichte zweier Wanderarbeiter im Kalifornien der 1930er Jahre. Es war keine gute Zeit, die wirtschaftliche Depression zwang viele Männer dazu umherzuziehen, in Baracken zu schlafen und sich von Vorarbeitern drangsalieren zu lassen. Dass Lennie und George gemeinsam von Ort zu Ort ziehen war ungewöhnlich, denn unter den Arbeitsvagabunden war sich jeder selbst der nächste. Noch erstaunlicher ist das Verhältnis der beiden. Lennie ist nämlich geistig zurückgeblieben und mental ein Kind, gleichzeitig ein Bär von einem Mann. Er liebt alles Weiche und Zarte, nur leider ist jede Maus und jedes Kleintier, das er liebevoll streichelt, nach kurzer Zeit tot. Lennie weiß mit seinen Kräften nicht umzugehen. Nur dank George kann Lennie das Leben bewältigen. George haut ihn aus brenzlichen Situation heraus und versucht diese mit Umsicht zu vermeiden. George weiß, dass ihm Lennie ein Klotz am Bein ist und oft genug hält er ihm dies vor. Auch Lennie weiß es und ihn plagt ein schlechtes Gewissen. Er sagt dann, er könne auch in die Berge gehen und in einer Höhle leben. Am Ende dieser sich wiederholenden Dialoge erzählt George von der schönen Zukunft, wenn sie das Geld zusammen haben, um sich ein kleines Haus zu kaufen. Ein Traum, der Lennie Halt gibt und von dem man nicht weiß, ob George ernsthaft daran glaubt.

Die Geschichte geht nicht gut aus. Auf der Farm, auf der die beiden anheuern, lungert der psychisch labile Sohn des Chefs herum; eifersüchtig bewacht er seine naive, blonde Ehefrau Erika, die sich im Haushalt langweilt und die Gesellschaft der Arbeiter sucht. Letztendlich kann sich Lennie doch nicht von der aufdringlichen Erika fernhalten, obwohl George ihm das eingeschärft hat. Der Aufforderung, das zarte Haar zu streicheln, kann Lennie nicht widerstehen und das Unglück geschieht.

Es war nicht nur der traurige Stoff, der mich zögern ließ beim Weg in die Premiere. Das andere war, dass ich mir nicht vorstellen konnte, wie die Konstanzer diese Aufgabe bewältigen würden. Schon oft habe ich erlebt, dass die Schauspieler bei dramatischen Stoffen überfordert sind und Stücke nur dank inszenatorischen Blendwerks gelingen. Umso erstaunter habe ich erlebt, dass es hier anders war. Das Bühnenbild ist spärlich und die Last liegt auf Sebastian Haase und Ingo Biermann als Lennie und George. Ihnen gelingt es großartig, die Protagonisten zum Leben zu erwecken. Haase verkörpert Lennie mit ungelenken Bewegungen und leichtem Stottern. Das hält er über die volle Länge der Aufführung durch und macht die Figur sehr lebhaft. Er bekommt von den Zuschauern den meisten Applaus. Vielleicht ist aber Biermanns Leistung noch bedeutender. Er kann sich nicht auf Gimmicks stützen, um Georges komplexe Seelenlage zu entfalten.

Didi Danquart hat Steinbecks Roman vom Kalifornien der 1930er Jahre nach Singen in die Nachkriegszeit verlegt. Es ist schöner Lokalkolorit, wenn Erika sich für was Besseres als die Arbeiter erklärt, weil sie aus Überlingen stamme. Doch geht es Danquart und der Dramaturgin Anna-Lena Kühner um mehr. Sie ziehen eine Parallele vom American Dream zu der Aufbruchsstimmung im Wirtschaftsleben zu Zeiten Ludwig Erhards. Diesen Bezug finde ich gelungen und vielleicht ist es das, warum der Stoff mich so berührt. Als Kind der Nachkriegszeit kenne ich den Stolz, durch eigene, gerne als ehrlich bezeichnete Arbeit ein Leben in relativer Autonomie führen zu können. Dieses bescheidene Glück, das die soziale Marktwirtschaft ermöglichte, kontrastierte wohltuend mit dem Wahn deutscher Größe zur Nazizeit. (Eine Bescheidenheit übrigens, die heute nicht mehr zu spüren ist.)

Doch geht es in Steinbecks Roman nicht so sehr um die gesellschaftlichen Verhältnisse der Zeit. Es geht um die Freundschaft von Lennie und George, die wie eine zarte Blume im Sturm der schwierigen Zeit zerrupft wird. Neulich las ich irgendwo: Wenn man die Frage beantworten kann, warum man mit jemanden befreundet ist, dann sei es keine Freundschaft. Das ist vielleicht eine extreme Sicht. Aber sie ist ein wichtiger Gedankenpol in einer Zeit, in der Ratgeber dazu geschrieben werden, wie man Freunde gewinnt und diese einem im Leben nützen können.

Steinbecks Figuren sind nicht durch Nützlichkeitserwägungen, sondern durch Schicksalsfäden verbunden. Der dramatische Höhepunkt der Handlung ist, wenn George Lennie von hinten erschießt, um zu verhindern, dass der Mob Lennie lyncht. Diesen Höhepunkt verpatzen die Konstanzer leider. Vielleicht war es Angst vor der Courage, dass man genau an dieser Stelle mit Marschtanzeinlagen und Nebelschwaden die Aufmerksamkeit von den Hauptfiguren abgezogen hat. Ich meine, Haase und Biermann hätten die Szene viel eindrücklicher rübergebracht ohne den Firlefanz. Es wäre ihnen gelungen. Vielleicht lag es aber auch daran, dass Regie und Dramaturgie zu stark auf den sozialkritischen Aspekt des Stücks fokussiert waren und ihnen der Beziehungsaspekt entgangen ist. Es wäre eine grandiose Inszenierung gewesen, so war es immerhin eine sehr gute.

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Warten auf Godot

Wartest Du noch oder lebst Du schon? (leicht abgewandelte IKEA-Weisheit)


Der Saal wird dunkel, der Vorgang gleitet auseinander, schwach schimmert etwas Weißes, Längliches in der Bühnenmitte. Dann, Peng! Scheinwerfer schneiden zwei runde Kreise in die Dunkelheit. Links sehen wir Estragon (Peter Posniak), rechts Vladimir (Andreas Haase), die beiden Landstreicher und Hauptfiguren in Becketts wohl berühmtesten Stück. So beginnt die Theatersaison 2018 /19 in Konstanz.

Regie führt der Chef persönlich. Christoph Nix war es eine besondere Freude die Rolle zu wechseln, denn er hat ein spezielles Verhältnis zu dem Stück, wie er beim Vorstellen des Jahresprogramms ausgeführt hatte. Es war eine gute Idee, die Regie zu übernehmen, die Premiere ist gelungen und auch dem Publikum hat es gefallen. Das Bühnenbild ist kaum minimalistischer vorstellbar. Der Baum an der Landstraße ist eine weiße Säule, die von der Decke hängt, der Rest ist eine schräg ansteigende Fläche. Das reduzierte Bühnenbild konzentriert den Fokus auf die Schauspieler, die sich keine Schwäche erlauben dürfen. Das tun sie auch nicht.

Ich beobachte ja immer mal wieder, dass die Konstanzer Schauspieler überfordert sind, besonders wenn es um ernste Rollen geht. Im Godot verkörpern die vier Schauspieler ihre Rollen glaubwürdig. Wobei – es ist absurdes Theater, da ist es mit der Glaubwürdigkeit so eine Sache. Ich denke, Nix kann die Möglichkeiten seiner Truppe gut einschätzen und sorgt mit kreativen Inszenierungsideen an den richtigen Stellen für Abwechslung in dem eigentlich sehr monotonen Stück. Besonders gefallen hat mir die Idee, die Souffleusen auf die Bühne und zum Sprechen zu bringen und die Schauspieler pantomimen zu lassen.

Eine gelungene Inszenierung heißt für mich, dass die Inszenierung und eigentlich auch die Schauspielerei verschwindet und der Inhalt des Stücks in den Vordergrund tritt. In Becketts Werk also das ätzende, sinnlose Warten auf diesen Godot, von dem nicht nur der Zuschauer nicht weiß, wer es ist, sondern auch die beiden Wartenden nicht.

Man rätselt natürlich immer daran herum, für was dieses Warten stehen soll, für was Beckett hier eine Metapher geschaffen hat. Mark Zurmühle hat nach der Premiere auf die vielen politischen Bezüge des Stücks verwiesen. Das halte ich für ziemlichen Unsinn und war froh, dass er oberflächliche Übertragungen auf Trump, AfD oder Seehofer vermieden hat. Nein, Beckett ging es bestimmt nicht um solchen Kleinkram wie dem, an sich die heutige Politik verbeißt. Das Stück entstand kurz nach dem zweiten Weltkrieg, in einer Zeit, in der die Leute einen tiefen Blick in die Abgründe hatten nehmen müssen, zu denen der Mensch fähig ist. Die meisten haben wohl anschließend die Augen verschlossen und sich auf den Wiederaufbau konzentriert.

Beckett zeigt uns metaphysisch entwurzelte Individuen, zurückgeworfen auf ihre reine Existenz. Ohne religiöse Bindung stecken sie im Hier und Jetzt fest und finden keine Kraft, irgendeinen Weg zu beschreiten. Die Dialoge ziehen sich quälend dahin, besonders im zweiten Akt, der eigentlich eine absurdere Wiederholung des ersten ist. Zeit ohne Ziel ist wertlos, absurd. Das Leben wird zu einer endlosen Wiederholung des Gleichen. Insofern präsentiert Beckett die Frage, was wir eigentlich mit unserem Leben machen sollen, und die ist es wert, gestellt zu werden.

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Betrunkene

Von Bssoffne und Narrn kannsch die Wahrheit erfoahrn. Tiroler Sprichwort

Eine von mehreren Möglichkeiten Theater zu machen, ist es, ein Stück zu nehmen und es so auf die Bühne zu bringen, dass die Idee des Autors sich ausdrückt. Auch ein Autor hat mehrere Möglichkeiten, unter anderem die, eine Sicht auf die Welt in ein dramaturgischen Geschehen zu packen, so dass das Drama diesen Aspekt sichtbar macht. Wenn dann dazukommt, dass die Akteure ihr Handwerk beherrschen, kann Theater berauschend sein, so wie gestern Abend in Konstanz bei der Premiere von „Betrunkene“ des Russen Iwan Wyrypajew unter der Regie der in Odessa geborenen Elina Finkel.

Es ist ein ganz anderes Konzept als wir es zuletzt bei Mein Kampf gesehen haben. Während Somuncu gnadenlos seine politische Agenda wie Kleister über das Stück von Tabori geschüttet und eine kakophonische öffentliche Debatte ausgelöst hat, agiert Finkel eher wie ein Diamantschleifer, indem sie das Rohmaterial Wyrypajews zum Funkeln bringt. Und statt sich über überflüssige Grenzverletzungen zu ereifern, dürften sich die Zuschauer nach der Aufführung der Betrunkenen eher die eine oder andere Frage an ihr eigenes Leben stellen.

Worum es geht, ist schnell erzählt: 14 Betrunkene, von sieben Schauspielern dargestellt, torkeln durch die Nacht, reden sich in Rausch und bringen ihre Beziehungen durcheinander. Es wird durchaus gezeigt, wie Menschen unter Alkoholeinfluss ihr Verhalten ändern. Und obwohl der Alkohol für viele Menschen eine Geißel ist, auch und besonders in Russland, ist dies nur die Folie vor der das Geschehen sich entfaltet.

Es geht nicht um Alkohol, sondern um Liebe und unsere Beziehung zu Gott. Dabei wird auch quer gegen den Zeitgeist gebürstet. Wenn Lore wiederholt beklagt, dass ihr Bruder von einem Araber getötet wurde, zuckt man schon zusammen. Nicht von einem Mann oder einem südländisch aussehenden Mann, sondern von einem Araber. Das ist fast wie das N-Wort auf Bühne. Und was das Geschlechterverhältnis betrifft, sind die Rollen klar verteilt: Die Frauen lieben und kichern, die Männer philosophieren und streiten. Aber, zum Trost für die Feminist*innen unter den Zuschauern, ergreifen die Frauen in der Liebe die Initiative: Martha überfällt den ihr fremden Gustav mit „Ich liebe Dich“ und Linda schnappt sich Max mit der für ihn unwiderstehlichen Forderung: „Heirate mich!“

Die Szenen sind teils komisch und die Monologe skurril („ein Leben ohne Liebe ist wie Bauschaum“). Doch wenn Martha sagt, die Liebe sei wie eine Perle im Haufen Scheiße des Lebens und Gustav erkennt, dass nichts mehr so sein wird wie es war, dann leuchtet die transformierende Kraft wirklicher Liebe auf, als Gegensatz zu Geschlechterkampf, Genderkrampf oder ungezügeltem Sex. Das Thema Liebe wird abgeschlossen, wenn Laurenz Magda vom defätistischen Karl fortzieht. Er kann ihr nicht versprechen, dass er sie nie betrügen wird, aber hier und jetzt wird er sich auf sie kompromisslos einlassen.

Finkel verpackt Wyrypajews Botschaften mit Humor und lässt dem Zuschauer die Freiheit, wie nah er die Aussagen an sich herankommen lassen will. Dies ist besonders wichtig beim zweiten Hauptthema, der Religion, das in allen Szenen durch Tafeln mit Ikonen bebildert wird, die mal mehr mal weniger die ansonsten karge Bühne befüllen. Es kommt viel Hochtrabendes und Halbgares aus den Mündern der Betrunkenen: Ich bin Gott, Du bist Gott, jeder ist Gott, meine tote Mutter lebt und so weiter. Der moderne Mensch hat die Religion verloren und wirkt in diesem Thema tollpatschig. Doch in der letzten Szene vor der Pause wird es ernst. Die Jungesellenabschiedspartytruppe, die im vegetarischen Restaurant der Eltern des angehenden Bräutigams nach Fleisch sucht und rumalbert, kommt nach und nach zu einem Rap-Sprech-Tanz zusammen, der in dem Satz mündet: Ich höre das Flüstern Gottes in meinem Herzen. Es ist ein Augen- und Ohrenschmaus ist, der immer intensiver wird und in abrupter Stille endet. Wenn die Zuschauer zur Pause ins Foyer strömen, scheint es, als müssten sie den Druck der Frage, ob auch sie das Flüstern Gottes in ihrem Herzen gehört haben, abschütteln, indem sie sich diese Frage gegenseitig stellen, bevor sie sich dem üblichen Smalltalk zuwenden.

Den Höhepunkt erreicht das Stück, wie kann es anders sein, am Ende. Der Leiter des Filmfestivals, Mark, erklärt der reichlich naiven Prostituierten Rosa, dass Gott wie ein Mafioso sei. Er gibt zwar, will aber alles am Ende zurückhaben, und zwar mit Zinsen. Mark will nun alles zurückgeben und zieht sich auch ein Stück weit seine Kleider aus. Doch es geht um mehr als Äußerlichkeiten, auch die zugelegten Selbstbilder müssen abgegeben werden, bis nur das nackte Sein bleibt. Eine tiefe Wahrheit, gesprochen von einem durch Lungenkrebs dem Tode Geweihten. Für Rosa sind es tolle Sprüche, die sie faszinieren, ihr Festhalten am Oberflächlichen ist schon fast schmerzhaft. Und dann fragt sie, wer denn schon alles zurückgegeben habe. Vielleicht Jesus Christus antwortet Mark und die Worte sind wie ein Donnerschlag. Was ist all das Philosophieren und Sinnsuchen, wenn es doch seit Jahrhunderten einen Glauben gibt, den wir alle kennen? Rosa kann das nicht annehmen und Mark verlässt nachdenkend die Bühne. Wir wissen, es ist an uns, unseren eigenen Weg zu finden.

Ich sollte noch was zu den Schauspielern sagen. Und zur Musik, die unter die Haut ging. Ich könnte Antonia Jungwirth und Axel Julius Fündeling hervorheben, doch würde eine solche Einzelbetrachtung das Wichtigste verdecken: Die Schauspieler waren nie im Vordergrund, man sah nur die verkörperten Rollen. Autor, Regie, Choreografie und Schauspieler haben gemeinsam eine wichtige Frage auf die Bühne gebracht. So soll Theater sein!

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Mein Kampf

Wirres Theater kann einer verwirrten Gesellschaft nicht helfen

Ich gebe es unumwunden zu: Ein wenig stolz bin ich darauf, dass es unser kleines Stadttheater geschafft hat, nicht nur in allen deutschen Medien besprochen zu werden, sondern auch bis in die USA be(ob)achtet wird. Dass, obwohl ich den Anlass, nämlich die Hakenkreuz-Davidstern-Geschichte, sehr bedenklich finde, wie ich weiter unten ausführen werde. Ungefähr der gleiche Stolz, den ich empfinde, wenn unsere Fußballer Brasilien mit 7:1 in den Senkel stellen.

Fangen wir mal mit dem Positiven an. Das Stück ist sehenswert. Es passiert viel, es ist ordentlich Action auf der Bühne, die Bühnengestaltung, die Musik – alles vom Feinsten. Man kann lachen und man kommt ins Grübeln. Theater von seiner besten Seite.

Worum geht es? Schlomo Herzl haust mit dem Koch Lobkowitz in einem Männerheim in Wien. Dort taucht der junge Hitler auf und Schlomo nimmt den wirren jungen Mann unter seine Fittiche. Es gibt dann noch Gretchen, die mit Schlomo eine Beziehung hat und später zu Hitler wechselt und Frau Tod, die Hitler als Hilfsgesellen sucht. „Mein Kampf“ ist ein Buch, das Schlomo schreiben will, aber am Ende von Hitler, … man weiß das.

Das Stück ist von George Tabori als Groteske gekennzeichnet, was es dank der schrägen Ausgangssituation und jüdischem Witz wohl auch ist. Natürlich ist es auch ein wichtiger Stoff, denn Hitlers Aufstieg vom verkrachten Künstler zum Gröfaz hat etwas schwer Erklärliches. (Wobei ich ja glaube, dass man Erklärung weniger in der Person Hitler als in den Deutschen finden wird.)

Die Konstanzer Schauspieler agieren absolut überzeugend, allen voran Thomas Fritz Jung als Schlomo. Jung war schon immer gut, aber vermutlich wird er immer besser, so sehr hat er mir noch nie gefallen. Er gibt den Juden überzeugend und verkörpert Lebensweisheit, Humor und religiöse Bindung. Aber auch Peter Posniak und Laura Lippmann spielen ihre Rollen grandios, obwohl diese klamaukiger angelegt und darum nicht so schwierig sind. Aber das soll das Lob nicht schmälern, die Showeinlagen sind sehenswert.

Womit ich, wie so oft, hadere, ist die Regie, die in diesem Stück Serdar Somuncu verantwortet. Er pfropft die Inszenierung voll mit Zeitbezügen. Lobkowitz sieht aus wie Donald Trump, Gretchen wie Frauke Petry, Frau Tod wie Theresa May, es wimmelt von Bezügen auf Gauland und Weidel, der Ku-Klux-Klan taucht auf, Flüchtlingskinder werden auf der Bühne geboren und später gebraten, Schlomo wird gekreuzigt, und, und, und. Was soll das? Wenn Somuncu sein Weltbild auf die Bühne bringen will, reicht doch eigentlich die Eingangsszene, in der er zeigt, dass die Pegida-Demonstranten der zukünftige Nazi-Mob sind, die unter Wir-sind-das-Volk-Rufen Ausländer zusammenschlagen. Auch das Programmheft macht klar worum es Somuncu geht, wenn es Hitler, Göbbels, Trump, Erdogan, Blocher, Wilders und Petry auf eine Stufe stellt: Das wichtigste heute ist der Kampf gegen den neu aufkommenden Nationalsozialismus, so die Botschaft.

Vielleicht spürte Somuncu, dass das doch alles nicht so einfach ist. Es passieren Dinge in der Welt und auch in Deutschland, die nicht so ganz kompatibel sind. Es gab und gibt auch Böse bei den Linken und der Islam ist auch nicht unproblematisch. Und wie soll man sich zu den heutigen Juden in Israel stellen? Ich vermute, Somuncu hat versucht, einfach mal ganz viele Zeitbezüge irgendwie unterzubringen, soll doch der Zuschauer sich dann seine Gedanken machen. Irgendwie wird das schon alles passen. Der grobe Kompass ist vorgegeben, inhaltliche Stringenz eher Nebensache.

Passen tut da zwar nichts wirklich, aber die Theaterkartenaktion passt in das Holzhammerschema. Besucher sollten die Möglichkeit haben, kostenlos ins Theater zu kommen, wenn sie sich dafür ein Hakenkreuz anhefteten. Die zahlenden Zuschauer sollten sich dagegen einen Davidstern anheften. Vermutlich dachte Somuncu, dass das eine gute Idee sei. Jeder muss Farbe bekennen und die Hakenkreuzträger werden dann im Stück mit Diskolicht angestrahlt und öffentlich gemacht. So griffe dann Theater in die Gesellschaft ein.

Das ist auf so vielen Ebenen blödsinnig, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Dass das Ganze völlig unüberlegt war, erkennt man daran, dass zuerst behauptet wurde, es sei „ein notwendiger Teil des Kunstwerks“ um es dann später als Marketing-Gag auszugeben. Dann wieder hieß es, der Zweck sei erfüllt, man habe erfolgreich eine Debatte angestoßen. Was für eine Debatte? Dieses wirre Gerede in der Öffentlichkeit, bei dem die bekanntermaßen linken Theatermacher am Ende noch im Verdacht stehen, Antisemiten zu sein? Solche Debatten braucht keiner. Und auch keine mit dem Kulturbürgermeister, der sich die Aufführung zwar nicht anguckt, aber jedem, der ein Mikrophon hinhält erklärt, dass es der größte Skandal sei, den Konstanz je gesehen habe.

Das es Kritik von der jüdischen Gemeinde geben würde, dürfte wohl erwartet worden sein. Ein Vorwurf war, die Schoah für Geschäftszwecke zu instrumentalisieren. Gewichtiger war wohl, das einige Juden zurecht darauf hinwiesen, dass sie nicht mit dem Symbol im Theater herumlaufen wollen, mit dem ihre Vorfahren stigmatisiert wurden. Wo gehobelt wird, da fallen halt Späne, dachte man wohl. Dem Kampf gegen die heutigen Nazis, dem die Inszenierung dienen soll, müssten sich solche Gefühligkeiten unterordnen, so wohl die Denke.

Die Idee ist aber auch völlig schräg. Die Zuschauer sollten sich damit in die Situation der Naziherrschaft versetzen. Doch mit welcher Rollenverteilung? 95% Davidsternträger und 5% Hakenkreuzträger, die dann im Theater geächtet worden wären, weil sie sich für 20€ kaufen ließen? Am besten noch so richtig mit Randale im Foyer, Beschimpfen, Spucken und Prügeln? Auch dieser Schuss wäre wohl nach hinten losgegangen.

Was mich  wirklich gestört hätte, wäre die Aktion nicht kurzfristig abgeblasen worden, ist  aber nocht etwas Anderes. Jeder Zuschauer sollte sich entscheiden zwischen Gut und Böse und das klar zu erkennen geben. Bekenne Dich! Zeige, dass Du auf der richtigen Seite stehst! Diese Forderung ist ein Instrument der Machtausübung und ist mir vor allem aus faschistischen Gesellschaften bekannt, sei es Stalin-Russland, Hitler-Deutschland oder die DDR. Doch heute ist die Polarisierung das Problem, heute kommt es darauf an, Dialog zu ermöglichen und ins Gespräch zu kommen. Wenn es, wie im Programmheft geschrieben ist, darum geht, den Nazi in uns zu suchen, dann sollten Nix und Somuncu keine Dichotomie inszenieren, in der jeder nur entweder gut (0% Nazi) oder schlecht (100% Nazi) sein kann. Die Wirklichkeit ist nicht Schwarzweiß, sie hat mindestens Grauschattierungen. Eigentlich ist das Leben sogar in Farbe.

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Salome

Das großartige Drama von Oscar Wilde hätte ein Glanzstück des Konstanzer Theaters werden können. Ein veritabler Schwachpunkt hat es leider verhindert.

Die biblische Geschichte ist so einfach wie bekannt. König Herodes feiert seinen Geburtstag. Er hält Johannes den Täufer gefangen, der seine Frau Herodias beschimpft. Die war nämlich Herodes‘ Schwägerin, bevor dieser seinen Bruder umgebracht hat. Auf dem Fest bittet Herodes seine Stiefttochter Salome für ihn zu tanzen, was diese auch tut, nachdem er ihr versprochen hat, jeden Wunsch zu erfüllen. Sie wünscht sich dann, von ihrer Mutter beeinflusst, den Kopf des Johannes, den sie auch bekommt. Herodias hat nun Ruhe vor den Vorwürfen des Predigers.

Bei der Dramatisierung des Stoffes hätte Wilde etliche Wege gehen können. Zum Beispiel hätte er ein Stück über Macht und Korruption schreiben können. Herodes war Vasall der Römer, durchaus ein brutaler Herrscher aber auch ein geschickter Politiker. Mit Johannes tritt das frühe Christentum auf den Plan, dem, wie wir wissen, ein großer Siegeszug bevorsteht. Und für die beiden Frauen hätten sich sicherlich noch interessante Positionen im königlichen Macht- und Kraftgefüge finden lassen.

Doch Wilde macht etwas Anderes und lässt Salome eine Liebende werden, die den Kopf des Johannes fordert, weil dieser ihre heftigen Avancen zurückweist. Das ist genial. So wird aus dem Historienstoff ein Stück über die zeitlose Dichotomie von Mann und Frau. Und hier dann sogar zwischen älteren Männern und älteren Frauen und jüngeren Männern und jüngeren Frauen wie auch unter Männern und unter Frauen.

Vera Nemirova ist die Umsetzung des Stoffes gelungen, Regie und Bühnenbild sind meisterlich. Die Nebenrollen changieren in Kleidung und Auftreten zwischen Mann und Frau und die Hofschranzen sind so alt und grau und dumm und hässlich, dass einem die Schauspieler schon fast leidtun, so auf der Bühne stehen zu müssen. Auch Musik und Bühnenbild ordnen sich trefflich dem einen Zweck unter, nämlich vier paar große Schuhe bereitzustellen in die die Hauptdarsteller schlüpfen dürfen.

Für Jörg Dathe und Bettina Riebesel als Herodes und Herodias scheinen diese Schuhe das richtige Format zu haben. Dathe zeigt uns einen Herodes, der an der Neige seines Lebens, an sich selber zweifelt, der weiß, dass er eigentlich nur das politische Erbe seines Vaters verwaltet hat, dass seine Macht von den Römern geliehen ist und all seine Befehlsgewalt nicht mit innerer Größe korreliert. Er ist verzweifelt und immer noch auf der Suche nach Sinn und Erfüllung. Deshalb seine Hoffnung auf Erlösung durch den Tanz der sieben Schleier.

Herodias hält sich mit Selbstzweifeln nicht auf. Ihr Selbstbild lässt das nicht zu, alles was es mal als Liebe gegeben haben mag ist in Gehässigkeit transformiert. Sie kann die Zweifel ihres Mannes nicht verstehen und hat keine Ahnung davon, warum dieser den für sie verrückten Propheten nicht eigenhändig tötet, wie so viele davor. Riebesel ist grandios in dieser Rolle. Sie erinnert an Elizabeth Taylor im Ehedrama „Wer hat Angst vor Verginia Woolf“.

Es ist diesen beiden Schauspielern zu verdanken, dass man in die Handlung hineingezogen wird und dass man sich mit den Rollen identifiziert und in diese hineininterpretiert. So wie auch ich das hier soeben getan habe und auch weiter tun werde. Andere Zuschauer mögen in andere Richtungen denken, denn mindestens so verschieden wie Mann und Frau sind wir alle untereinander. Und unser Liebesleben hat uns je anderes über die Geschlechterrollen gelehrt. Das ist ja schließlich das Schöne an einem gut gespielten, universellen Stoff, dass man so viel herausnehmen kann.

Leider kann man aus dem, was Sylvana Schneider als Salome und André Rohde als  Johannes vorführen, nicht viel herausnehmen. Die metaphorischen Schuhe sind vor allem für Schneider viel zu groß. Sie soll sich an dem schönen, weißen Körper des Johannes berauschen. Schneider spricht die Worte, doch nichts davon ist glaubwürdig. Sie bleibt steif und hölzern wie die arrogante Prinzessin auf der Erbse. Da ist nichts von einer Femme Fatale, die in Leidenschaft entflammt. Und so bleibt auch völlig unverständlich, dass sie den Kopf fordert. Denn es soll ja angeblich nicht (nur) Rache sein, die sie dazu bringt, sondern tatsächliches Verlangen diesen küssen zu können. Zugegeben: Diese nekrophile Veranstaltung ist eine schauspielerische Herausforderung. Aber das so gar nichts von alledem rüberkommt, ist schon traurig.

Durch den Ausfall des Gegenparts wird das Flehen des Herodes, ihn aus seinem Wort zu entlassen, zu einer ermüdenden Veranstaltung. Man weiß ja, dass er am Ende einwilligen muss, aber immer nur quasi „Bätschi, ich will den Kopf“ dagegen zu halten entwertet Dathes Schauspielkunst. Dabei hätte Schneider im Schwanken der Salome zwischen Mitgefühl für ihren Vater und Verlangen nach dem Körper des Predigers beiden Gefühlen Ausdruck geben können und sollen.

So bleibt das riesige Potential des Stoffes weitgehend unausgeschöpft. Wie schön hätte man die Bindung der Frau an das irdische, die chthonische Wurzel des Weiblichen in Gegensatz stellen können zur Bindung des Mannes an das Geistige. Auch die unterschiedlichen Beziehungen zwischen Männern und Frauen hätte man hervorheben können. Johannes, der ohnehin dem Weltlichen entrückt ist und Herodes, der in homophiler Neigung diesen als Erlöser für sein Seelenleiden sucht. Dagegen die Frauen verbunden durch die Gewissheit des Geburtskanals ganz auf sich bezogen. Jemand anderes hätte vielleicht auch einen modernen Feminismus in den Frauenrollen entdecken mögen, eine Salome, die ihre Wünsche formuliert und einfordert und notfalls über Leichen geht. Wie auch immer. Nur hätte ich mir gewünscht es zu erleben und nicht, es mir denken zu müssen.

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