Dosenfleisch

Oder gekochter Spinat?

Das gibt es ja durchaus. Das man irgendwas einfach nicht mag. Zum Beispiel Spinat. Oder Zwölftonmusik. Man muss ja nicht alles mögen. Eigentlich wollte ich nichts zu dem Stück schreiben.

Aber man kann sich trotzdem die Mühe machen und fragen, warum man etwas nicht mag. Ist es der eigenartig stumpfe Geschmack am Spinat, oder ist es, weil er so labberig im Mund liegt und oft kalt ist, wenn er etwas länger auf dem Teller liegt? Wenn man sich das dann so fragt, kann es passieren, dass man eine Idee bekommt, wie man ihn anders zubereiten könnte oder dass man ihn mit bestimmten Zutaten kombinieren könnte. Es kann sich also lohnen, über das „gefiel mir nicht“ hinauszudenken.

Mein erster Eindruck war, und auch mein zweiter, dass das Stück selbst fad ist, also der Text, den der Autor zur Verfügung gestellt hat. Ich hatte den Namen Ferdinand Schmalz noch nie gehört. Das will nicht viel heißen, ich habe viele Namen noch nie gehört. Er hat schon Preise gewonnen, heißt es. Das soll aber auch nicht viel heißen. Claas Relotius hatte auch Preise bekommen. Wir leben ja in einer Zeit, in der sich das Verhältnis von Gesinnung und Haltung gegenüber Leistung und Qualität verschiebt und ganze gesellschaftliche Gruppen dank Twitter oder Facebook sich, ohne es zu merken, in Blasen isolieren – da ist mein Vertrauen in Jurys und Preise schon etwas erodiert.

Es stehen also vier Schauspieler auf der Bühne und sprechen die Texte von Ferdinand Schmalz. Beate, die Betreiberin einer Autobahnraststätte, deren Elternhaus der Autobahn weichen musste, Jenny, die Schauspielerin, deren makelloser Körper einem Unfall zum Opfer fiel und die der Raststättenbetreiberin auf irgendeinem Rachefeldzug folgt; dann ist da der Versicherungsbeauftragte Rolf, der sich an der Sinnlosigkeit seiner Büroarbeit abarbeitet und schließlich der namenlose Fernfahrer.

Jeder der vier bekommt seine Monologe, doch sind sie irgendwie blutleer. Beispielsweise der Fernfahrer, der von dem Dilemma erzählt, dass ein Unfall oder Stau dazu führt, dass er es nicht mehr nach Hause schafft und wegen des Nachtfahrverbots auf der Autobahn, statt daheim bei der Familie, schlafen muss. So what? Andere haben’s auch nicht leicht. Ich kann mir diese Situation durchaus als Bühnendrama vorstellen, aber da muss dann mehr passieren als so ein bisschen Gerede. Ich meine, Schmerz drückt man auch nicht aus, indem man „Aua“ sagt.

Es fallen nachdenkenswerte Sprüche: „Wir sind doch alle teil eines viel größren unfalls“, „im ende sind wir alle unfälle, mehr nicht.“ oder „falsch abbiegen und doch richtig sein“. Schmalz hat da bestimmt kluge Gedanken eingebaut, aber die rauschen so vorbei, verbinden sich nicht mit einer Handlung, die ihnen Gewicht geben würde. Auch schön, wie sich das Dosenfleisch durchs Stück zieht: einmal im Wortsinn, als Ware, die vom verunglückten Lastwagen fällt, einmal als Metapher für verunglückte Menschen im Auto und dann noch als Chiffre für tiefgefrorene Körper, die bei Geheimdienstoperationen frische Leichen vorgaukeln sollen.

Also: Da sind kluge und auch kunstvolle Textpassagen aber die PS kommen nicht auf die Straße, um in der Autobahnmetaphorik zu bleiben. Vielleicht liegt es an der verqueren Sprache. Wenn der Versicherungsmann Rolf Sachen sagt wie: „…versucht zu lindern man den schmerz des einzelschicksals so.“ erinnert er an Yoda im Krieg der Sterne („Viel zu lernen du noch hast.“). Bei George Lucas ergibt das noch Sinn aber wozu in diesem Stück?

Aber viel mehr gestört hat mich, dass es keine richtige Interaktion auf der Bühne gab. In den Dialogen reden die jeweils beiden eigentlich immer aneinander vorbei. (Mehr als zwei reden, wenn ich mich richtig erinnere, sowieso nie miteinander.) Die Schauspieler geben ihr Bestes, schien mir, aber der Text gibt nicht viel her. Man kann ja mutmaßen, dass das die Isolation der Menschen in der heutigen Zeit zeigen soll. Aber das muss man sich dann alles im eigenen Kopf ausdenken, wozu dann die Schauspieler?

Mit Sicherheit hat aber auch unser bundeseinheitliches Hygieneregime seinen Anteil an dem uninspirierenden Geschehen. Die Schauspieler müssen ja immer noch einmeterfünfzig Abstand halten, können und dürfen sich nicht berühren.

Überhaupt! Da geht man an den Biergärten vorbei, wo die Fußballfans sich vor den Großbildschirmen drängen und versuchen, nach 16 Monaten Pandemie und bei einer Inzidenz von knapp über null, mal wieder so etwas wie Normalität zu erleben und landet im Theater mit Mundnasenmaske am Kopf, sitzt in einer großen Halle auf weit verteilten Stühlen und schaut Schauspielern zu, die sich und uns fernbleiben und symbolträchtig in die vor den Mund gehaltenen Mikrofone sprechen. Ich hatte den Eindruck, die anderen Zuschauer waren auch froh, zügig in den lauen Sommerabend zurückzukommen, und begrenzten ihren Applaus aufs Minimum.

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Viel Lärm um nichts

(Obwohl für den Lärm auf dem Münsterplatz lieferte die Nationalmannschaft vier sehenswerte Gründe)

Vielleicht hatte Shakespeare so überlegt: Nehmen wir mal das dümmste Liebespaar, das beim ersten Anblick zusammenklebt und dann nehmen wir das superschlaue Paar, das sich vor lauter Selbstverliebtheit immer weiter abstößt. Für die einen machen wir ein paar Intrigen, sodass die Hochzeit versemmelt wird, für die anderen ersinnen wir eine List, die sie gegen ihren Willen an den Altar führt. Dazu ein Haufen spitzzüngiger Dialoge, ein bisschen Romantik und ein Happy End – fertig ist der Schenkelklopfer.

Ob Shakespeare geglaubt hätte, dass man seine Komödie 500 Jahre später immer noch aufführen kann? Wohl eher nicht. Wobei, so ganz einfach kann man den Stoff heute nicht mehr auf die Bühne bringen. Das liegt aber nicht daran, dass die Zuschauer wegen der vielen unterschiedlichen Geschlechter, die es heute gibt, vor Shakespeares biologistischer Weltsicht sich rätselnd den Kopf kratzen würden, wie Forscher vor ägyptischen Hieroglyphen. Das liegt eher daran, dass der Plot letztlich reichlich plump ist.

Ich habe mir wieder den Spaß gemacht, auf YouTube andere Inszenierungen anzuschauen. Da kommt man nicht an der Verfilmung von Kenneth Branagh aus dem Jahr 1993 vorbei. Wenn man sich ein paar Ausschnitte anschaut, kann es einen nur Grausen, so trieft der Kitsch und schleimt das Klischee. Unglaublich, wie etwas nach dreißig Jahren so alt aussehen kann. Auch die anderen Aufführungen, die ich so gefunden habe, waren entweder schlapp oder überdreht.

Verglichen damit, ist das Team Becker einem guten Plan gefolgt. Dem gebotenen Spektakel aus hervorragenden Kostümen von Luis Graninger und gelungenen Gesangs- und Tanzeinlagen gelingt es, die ansonsten drohenden Durststrecken des Stoffs zu überbrücken. Genau die richtige Mischung für meinen Geschmack. Wobei, man natürlich einwenden mag, dass nach der, in meinen Augen unnötig langen, Coronapause, die Ansprüche etwas gesunken sein könnten. Aber, den Einwand wischen wir einfach beiseite, genauso wie die von Maëlle Giovanetti genial verkörperte Beatrice jeden Gedanken an einen gleichwertigen Partner beiseiteschnippt. Giovanetti versprüht eine Spiel- und Lebensfreude, die ihre Mitstreiter auf der Bühne zeitweise schon etwas farblos erscheinen lässt.

Also: ein sehr solides Unterhaltungsprogram am Münsterplatz und eine gute Fortsetzung des von Christoph Nix etablierten Formats. (Wo war er überhaupt?) Dem Publikum schien es gefallen zu haben, die mit Coronaabstand aufgestellten Stuhlreihen ließen den Applaus nicht branden, sondern tröpfeln.

Aber man darf ja was wünschen. Ein wenig mehr Liebe hätte ich schon gern gespielt gesehen. Pauline Werner und Miguel Jachmann hätten ihren Figuren Hero und Claudio mehr Glaubwürdigkeit einhauchen können. Bei Hero ist das vielleicht schwierig, sie sagt eigentlich zu allem nur immer Ja und Amen, aber Claudio muss die ganze Achterbahn männlicher Verliebtheit und Enttäuschung durchleben. Jachmanns hysterisches Gekreische ist zwar lustig, schüttet aber den Tiefgang des Charakters unnötig zu.

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Der ideale Mann

Ha, Ha. Dreimal kurz gelacht.

Tatsächlich habe ich gar nicht gelacht, sondern nur zweimal geschmunzelt. Das ist natürlich eine schwache Ausbeute für eine Komödie. Wobei ich mich nicht beklagen will, ich wurde insgesamt gut unterhalten. Das Stück von Oscar Wilde verhandelt das Geschlechterverhältnis in einer Weise, in der auch der heutige Zuschauer Bezüge zur Gegenwart finden und Gewinn daraus ziehen kann.

Es geht in der Hauptsache um das Ehepaar Sir Robert und Lady Gertrude Chiltern, deren Ehe von beiden Seiten auf Lügen aufgebaut ist und die nach ein paar Verwirrungen lernen, wer sie wirklich sind und sich trotzdem lieben, oder vielleicht überhaupt erst wirklich lieben. Happy End also. Und auch das Paar Lord Arthur Goring (Roberts Freund) und Miss Mabel Chiltern (Roberts Schwester) heiraten am Ende, also auch da alles Paletti. Nur Mrs. Laura Cheveley geht leer aus, aber zu Recht, denn sie ist abgrundtief böse.

Klar, das ist kitschig zum Triefen, aber die Entwicklung der Chilterns hat es in sich. Er hat in jungen Jahren ein Staatsgeheimnis an einen windigen Spekulanten verraten und so seinen Reichtum begründetet, dann sich aber zu einem ehrenwerten Mitglied der englischen Oberschicht hochgearbeitet, anerkannt vor allem ob seiner Integrität. Diese Eigenschaft ist es auch, die seine Gattin vergöttert, nie wäre sie an der Seite eines Mannes, dem nur den Hauch einer Schuld an den Fingern klebt. Sie ist eine von den Guten, sitzt dem Wohlfahrtsverein vor und fördert die Rechte der Frauen, was halt reiche Oberschichtehefrauen so machen. Laura Cheveley kennt Roberts Geheimnis und erpresst ihn. Er soll ein schmutziges Geschäft unterstützen, diesmal um sie vor dem drohenden Bankrott zu retten. Robert sagt gezwungenermaßen zu, um seinen Status und seine Ehe zu retten. Doch die böse Hexe steckt es Roberts Frau und die wiederum nötigt ihren Mann, das schmutzige Geschäft zu bekämpfen, will er die gemeinsame Ehe retten.

Tja, aus der Zwickmühle ist kein Rauskommen. Bei der Klimax bricht dann Robert zusammen und beklagt in einer Brandrede, wie schrecklich die Frauen sind, die ihre Männer auf einen Sockel stellen, von dem diese dann nicht mehr runterkommen. Das ist natürlich reichlich blind für den eigenen Anteil an dem Dilemma, aber genauso blind ist seine Frau, die ihren Anteil gar nicht sieht. Bis die beiden die fifiy-fifty-mäßige Wirklichkeit anerkennen, muss die „heilige“ Lady Gertrude ein wenig in ihre dunkle Seite blicken, was dann eben auch geschieht.

Wie gesagt, das Geschehen ist lehrreich und auch in Teilen eindrucksvoll vorgetragen, aber eben nicht lustig. Besonders unangenehm fand ich die Klamaukeinlagen, wenn die Schauspieler wild umeinanderrennen oder Spiegelfechtereien mit ihren Sektkelchen veranstalten. Das ist dann wie eine Ersatzhandlung, die den fehlenden Witz noch betont. Toll sind die Kostüme, man bekommt Lust sich mal in die Garderobe zu schleichen. Besonders bei Mrs. Cheveley ergänzen sich äußere Eleganz und innere Bosheit in grandioser Weise. Kristina Lotta Kahlert hat die Rolle herausragend gespielt, fand ich. Patrick O. Beck und Birgit von Röhm gaben die Chilterns glaubwürdig, Peter Posniak und Maëlle Giovanetti hingegen gelingt es nicht, die Liebe zwischen dem Dandy und der Schmachtenden zu verkörpern.

Also: Was ging da schief? Meine Begleiterin meinte, dass es ein Genuss wäre, das Stück im englischen Original zu lesen, wegen des brillanten Sprachwitzes und den Kaskaden von treffsicheren Bezügen zur britischen Gesellschaft. Die hat wohl Elfriede Jelinek bei der Übersetzung weggebügelt. Zumindest scheint es mir plausibel, wenn ich allein an den Titel denke. Von „The Ideal Husband“ zu „Der ideale Mann“ findet ein wichtiger Bedeutungswechsel statt. Wer das nicht so spürt, sollte vielleicht dem Begriffen „tolle Frau“ und „tolle Ehefrau“ nachfühlen. Wie viel schränkt doch der Blick auf die Ehe-Rolle das Menschenbild ein? Eine enorme Bedeutungsverschiebung, die Jelinek schon in der Überschrift vornimmt.

Wenn man bedenkt, dass Wilde als Schwuler in einer Ehe gelebt hat, verwundert es nicht, dass es im Stück nicht um Frauen geht und wie sie einen idealen Ehemann finden, sondern darum wie ein Mann mit den Erwartungen der Frauen an ihn umgeht. Arthur, der Dandy, frei und ungebunden in seinem Liebesleben und Robert, der sein Schicksal an die Wertvorstellungen seiner Frau bindet, sind die Pole, zwischen denen die Verlogenheit der Viktorianischen Gesellschaft zelebriert wird. Es ist ein Männerstück: Die Männerrollen sind differenzierter herausgearbeitet, die Frauenrollen sind eher plumpe Abziehbilder. Nur die Männer haben untereinander relevante Beziehungen, die Frauen agieren alle nur für sich. Für die Dramaturgin Romana Lautner ist Jelineks Übertragung des argentinischen Kanalprojekts in einen Alpenkanal und der sprachliche Bezug zum Hypo Alpe Adria Skandal irgendwie wichtig. Scheint mir eher ein austauschbares Detail in Wildes Fassung, wie auch, wenn kaum mehr als drei Sätze über die Projekte selbst fallen.

Ich hege da einen Verdacht, den ich fast scheue auszusprechen. Da ist das Stück eines Mannes über Männerprobleme. Das nimmt eine Schriftstellerin und übersetzt es ins Deutsche. Eine Intendantin entscheidet, das Stück aufzuführen. Eine Dramaturgin bearbeitet das Thema und eine Regisseurin bringt es auf die Bühne. Kann es sein, dass irgendwo auf diesem Weg der Witz des Stücks verloren ging? Kann es sein, das den beteiligten Frauen der Mut gefehlt hat, den kritisch-ironischen Blick Wildes auf die Doppelmoral der tonangebenden Eliten seiner Zeit und konkret deren weiblichen Ausprägung mit der sich makellos wähnenden Lady Gertrude Chiltern als Prototyp auf die heutige Elite zu wenden? Vielleicht werden ja Kämpfe mit Gendersternchen für genderfluide, nicht-binäre, mehrfachbenachteiligte Minderheiten irgendwann von den Werktätigen ebenso nonchalant auf den Müllhaufen der Geschichte befördert, wie es die Dienstboten in dem Stück (hervorragend gespielt von Sarah Siri Lee König und Dominik Puhl) in ihrem schrägen Abschlusssong mit den Affektiertheiten des englischen Adels tun.

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Jeder stirbt für sich allein

Und welche Postkarte schreibst Du?

Nun hat also die neue Spielzeit begonnen. Das heißt, für mich begonnen, denn angefangen hat sie schon vor ein paar Wochen. In der Coronazeit werden die Premiereabonnenten nur in Kleingruppen über Wochen in die Aufführung gelassen, meine Termine gehören zu den späteren. Einen Vorteil hat’s, man kann wie in der First Class im Flugzeug die Beine schön ausstrecken.

Fallada erzählt die wahre Geschichte eines Ehepaars, im Stück heißen sie Quangel, das Postkarten schreibt und verbreitet, in denen sie zum Widerstand gegen das Naziregime aufgerufen. Der Tod ihres Sohnes an der Front hat sie aus dem Mitlaufen herausgerissen. Beide werden vom Kriminalkommissars Escherich am Ende gefasst und hingerichtet. Sie haben nichts erreicht, oder fast nichts. Einzig Escherich erreicht ihre Botschaft, aber erst, nachdem er sie verhaftet hat. Aus Scham tötet er sich selbst. Alle sterben einsam, in einer gesellschaftlichen Maschinerie, die davon unbeeindruckt weiterläuft.

Das Stück ist eine szenische Lesung. Nicht jeder mag das, mir hat dieser Stil bisher immer gefallen. In der Aufführung treten die Schauspieler regelmäßig aus ihrer Rolle heraus und rezitieren größere Buchpassagen. Schnell hört man auf, die Übergänge zu identifizieren und beides, Spiel und Vortrag, verschmelzen zu einer flüssigen Aufführung. Den Schauspielern muss großes Lob gespendet werden, hervorheben würde ich Ingo Biermann, Sebastian Haase und insbesondere Katrin Huke; auch die neuen Ensemblemitglieder geben einen vielversprechenden Einstieg.

Die Spiel- und Vortragspassagen bilden einen eigenartigen Kontrast. Es sind die rezitierten Texte, die die Personen nahebringen, das Spiel dagegen betont die Rolle. Distanziert, fast steif wirkt oft die Schauspielerei. Es ist nicht der Text, der das Spiel sachlich kommentiert, es ist das Schauspiel, dass den Text illustriert, wie eine Zeichnung im Kinderbuch. Den Schrei von Anna Quangel bekommen wir erzählt, sie sitzt nur stumm da. Manchmal ist es zu plakativ. Während bei allen Spitzeln und Handlanger erkennbar ist, dass sie ganz normale Menschen sind, die ins Mitlaufen gerutscht sind, bleibt der SS-Obergruppenführer Prall eine lächerliche Karikatur. Alexia Rödiger gelingt es nicht, einen leibhaftigen Menschen zu erwecken der zur angesehenen Elite und zugleich zum Abschaum gehört. Die Besetzung der Rolle mit einer Frau war keine so gute Idee. Die Text-Spiel-Mischung aber bleibt reizvoll und erlaubt es, zugleich im Geschehen zu sein und von außen darauf zu schauen. Der Kunstgriff ist vielleicht auch der Pandemie geschuldet. Da, wo Otto seine Frau Anna umarmen müsste, verharren sie im Coronaabstand. Mehr körperliche Nähe geht halt nicht.

Das Bühnenbild ist so einfach wie gelungen: Der Zuschauerraum wurde einfach gespiegelt. Auf der Bühne stehen die gleichen lückenhaften Stuhlreihen wie im Parkett – Stühle gibt es ja genug, nachdem der Großteil der Sitze ausgebaut wurde. Mehrfach sitzen uns die Schauspieler direkt gegenüber und die Zuschauer könnten aufstehen und ihrerseits zu spielen beginnen. Auch die Postkarten der Quangls liegen im Parkett verstreut, so wie auf der Bühne.

Die Symbolik ist vielleicht plump aber sehr wirkungsvoll. Wann würden wir anfangen, Karten zu schreiben, und was würden wir schreiben? Die Karten auf dem Boden sind grau und leer, es sind nicht die Abstandhalten-gegen-Rechts-Karten, die das Theater anderweitig verteilt. Das ist gut, denn es ist nicht offensichtlich, dass es ein nationalistischer Faschismus sein wird, gegen den wir vielleicht einmal gefordert sein könnten. Vielleicht ist es ein sozialistischer, wie er erst vor dreißig Jahren endete. Immerhin gibt es dafür noch reichlich personelle und ideologische Kontinuität. Oder vielleicht ein religiöses Regime. Wenn ein Lehrer in Paris auf offener Straße geköpft wird, weil er seinen Schülern Meinungsfreiheit am konkreten Beispiel nahebringen will, fällt auf, dass deutsche Politiker, anders als andere europäische Landeschefs, dröhnend schweigen, oder am Wort Islamismus vorbeischwurbeln.

Vielleicht ist die Coronazeit eine Übungszeit für Demokraten. Werden wir uns voller Stolz um unsere erfolgreiche Regierung scharen, deren Regelungskakophonie und so gut durch die Krise gebracht haben? Werden wir uns gegeneinander in Aufmärschen niederbrüllen, wie vor ein paar Wochen in Konstanz? Werden wir fleißig von Coronadenunziationsportalen wie in Essen Gebrauch machen? Oder werden wir im kontroversen aber solidarischen Diskurs die zur Disposition stehenden Güter abwägen. Wenn das nicht gelingt, wird der nächsten totalitären Herrschaft ein fruchtbares Feld bestellt.

Dem „Team Becker“ ist der Einstieg gelungen. Man hat gezeigt, dass es nicht eines mächtigen Impresarios bedarf, um gutes Theater zu machen. So kann es weitergehen!

PS: Bis auf das Programmheft. Da würde es mich freuen, würde man zum A6-Format, also zur Jackeninnentaschenkompatibilität und zum alten Preis zurückkehren. Wer will schon das Druckwerk zwei Stunden in den Händen drehen.

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Hermann der Krumme

Coronatheater

Foto: Ilja Mess

Nach einer guten Stunde erlöschen die Scheinwerfer und coronaabstandsbedingt tröpfelnder Applaus schwillt an. War das alles? Das Stück hat doch noch gar nicht richtig begonnen? Ganz zu Ende ist es tatsächlich nicht, denn der Chor gibt noch eine, vermutlich geplante, Zugabe. Dafür gibt es Zusatzapplaus, völlig zu Recht, denn der Gesang der Männer und Frauen von der Münstermusik Konstanz in den schwarzen Gewändern und der Kinder mit den weißen Hemden und den schwarzen Hosen ist ein Highlight der Aufführung. Leider können einen die Choräle nicht ganz in die Stimmung des tiefen Mittelalters um 1050, die Zeit Hermanns ziehen. Polizeisirenen und Touristengeschnatter dringen deutlich in den licht bestuhlten Zuschauerraum.

Das Ende des Stücks könnte eigentlich der Beginn der Handlung sein. Alles bis dahin gleicht einer ausgedehnten Exposition. Wir sehen die Figuren kurz auftreten und sich ein-, zweimal vorstellen und so wissen wir, dass Hermann von seinem Vater, dem Grafen Wolfrad von Veringen ins Kloster gegeben wurde, weil er sich seines krüppeligen Sohnes schämte – natürlich gegen die üppige Mitgift mehrerer Ländereien. Wir lernen seine Mutter kennen, die noch mütterliche Gefühle hegt, den Abt Berno, der ihn väterlich fördert, dessen korrupten Nachfolger Udualrich, der ihn verachtet, und so weiter und wir erfahren, dass die Mönche auch anfällig waren für weltliche Gelüste, dass sie ihre Machtposition gegen Fürsten und Könige verteidigen mussten und dass die Reichenau ein europäisches Zentrum der Klosterwelt war.

Auch von Hermann sehen wir Facetten seiner Persönlichkeit: Er ist klug, fördert die Wissenschaft, hält die Erde für rund, dichtet, komponiert schöne Lieder, traut sich, dem Abt zu widersprechen, ist aber zutiefst barmherziger Mönch und ermahnt seine Brüder auch dem offensichtlich zerstörerischen Kurs des neuen Abtes gehorsam  zu dienen. Körper und Geist Hermanns sind auf zwei Schauspieler aufgeteilt, Tänzer Mike Planz und Schauspielerin Sarah Siri Lee König, was ich für eine gelungene und gelungen umgesetzte Idee halte.

Also, ein prima Anfang, aber wo ist das Drama? Denn was soll es sonst sein, sicherlich kein absurdes Theater à la Warten auf Godot. Wo es keine Entwicklung gibt, gibt es auch keinen Raum für die Schauspieler, ihr Können zu zeigen. Harald Schröpfer als Wolfrad beispielsweise, rennt mehrfach schreiend über die Bühne und markiert damit, dass seine Figur dumm, geistverachtend, herrschsüchtig und unbeherrscht ist. Aber das bleibt rein plakativ, so als würde ein angeschossener Soldat aua rufen und sagen, „mir tut es weh!“. So wirken alle sprechenden Schauspieler trotz ihres heftigen Agierens schal und farblos. Ohne Dramaturgie ist wohl mehr nicht möglich.

Der Abt Bruno macht etwas Entwicklung durch, das stimmt. Er fördert Hermann, er weist ihn zurück, als dieser Kritik äußert, er bittet dann wieder um Entschuldigung, als Hermann den Mönchen seine Barmherzigkeit gegenüber der von seinem Vater schwer geschädigten Bauersfrau zeigt und der Abt seine Hochmut, seine Herrschsucht erkennt. Doch auch dieses Geschehen bleibt viel zu abstrakt, als dass der Zuschauer in einen Konflikt hineingezogen würde, dessen Resonanzboden Peter Cieslinski aufgreifen könnte.

Trotzdem ist es schön, dass Christoph Nix dieses Theaterstück auf die Bühne gebracht hat. Mit der Figur des Hermann hat er eine interessante Person vorgestellt und die Verbindung zwischen ihm und Stephen Hawkin, zwei in ihrem kranken Körper eingeschlossene Geistesgrößen, regt zu weiterem Nachdenken an.

Es sind immer noch Coronazeiten und darum ist es auch Coronatheater. Man steht in lockeren Grüppchen plaudernd auf dem Münsterplatz mehr oder weniger eng beieinander, um dann von dem freundlichen Personal zum Mundnasenschutzanlegen aufgefordert und in einen Vorbereich der Bühne zum Abstandsitzen geführt zu werden. So sitzen denn alle auf Bänken in Coronadistanz mit Gesichtsmaske und später dann auch noch mit Plastiküberzug; letzterer aber nicht wegen der Seuche, sondern wegen des Regens. Dann im Gänsemarsch zur Zuschauertribüne auf die Plastikstühle, die in ordentlichem Sicherheitsabstand festgeschraubt sind, auf dass niemand kontaminierte Aerosole zu seinen Nachbarn atmet. Beim dem dritten Gong ertönt die Ansage, die es erlaubt, den Mundnasenschutz abzutun. Nach dem Ende des Stücks die umgekehrte Prozedur, bis man wieder maskenbefreit draußen zusammensteht und in eine nahegelegene Gaststätte zieht, um eng beieinandersitzend das Stück nachzubesprechen.

Es sind komische Zeiten. Als viele Menschen sich vorsichtshalber isolierten und Masken nähten, redeten die Ämter noch über das Verbot von Fußballspielen und die Sinnhaftigkeit einer 1000er-Grenze. Heute, wo es quasi keinen bekannten Infizierten im Landkreis gibt und Tausende eng an eng gegen den in unserem Lande grassierenden Rassismus demonstrieren, unterwerfen sich die Theaterbesucher einem strengen Hygieneregime.

Doch denken wir zurück an die Diskussion um die Erlaubnis, dieses Stück auf die Bühne zu bringen. Es schien zu der Zeit, und das ist nicht lange her, aberwitzig und schon fast verantwortungslos von unserem scheidenden Intendanten, für die Aufführung zu kämpfen. Wie gut, dass er es gemacht hat, nicht jeder hätte dazu die Traute gehabt. Wenn das Stück selbst vielleicht nicht Nix‘ krönender Abschluss seiner 14-jährigen Amtszeit ist, die Aufführung zu realisieren ist es.

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Wein und Brot

…gibt’s nur daheim

So schnell kann es gehen. Am Donnerstagmorgen hatte ich entschieden, wegen des Coronavirus‘ nicht in die Premiere von Wein und Brot zu gehen und dachte, ich müsse das vielleicht begründen, denn man wird schnell als panisch verlacht. Zwei Tage später sieht alles ziemlich anders aus. Wer will, darf gerne lesen, was ich mir am Donnerstag zurechtgelegt hatte. Was mir vorgestern noch neu war, ist nun bald Allgemeingut.

Foto: Ilja Mess

Warum sollte man also alle öffentlichen Veranstaltungen meiden? Ein Grund ist der Selbstschutz, man will sich nicht infizieren. Das ist offensichtlich und wichtig vor allem für Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen. Das ist eigentlich offensichtlich und zu meinem Leidwesen gehöre ich, wie die meisten Bekannten und Freunde, in diese Gruppe.

Der andere Grund aber ist, die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus zu reduzieren. Also nicht die Ausbreitung zu verhindern; diesen Kampf haben wir in Deutschland erst gar nicht ernsthaft aufgenommen. Jetzt ist der Virus halt da und etwa 70% von uns werden sich infizieren, das gilt als sicher. Es geht um die Geschwindigkeit, infizieren sich die meisten in den nächsten drei Monaten oder kann der Zeitraum auf 9 – 12 Monate gestreckt werden. Da geht es nicht um die Sorge um uns selbst, sondern um Sorge und Rücksichtnahme auf andere, vor allem Schwächere.

Warum ist das mit der Ausbreitungsgeschwindigkeit wo wichtig? Es geht darum, dass nicht zu viele die Krankheit gleichzeitig haben, denn dann ist unser Krankensystem überfordert. Mich ärgern diese Sprüche, von wegen „bestens vorbereitet“, „hervorragendes Gesundheitssystem“. Das ist Unfug. Selbst wenn es so wäre, dass die jahrzehntelangen Sparmaßnahmen zu einem tollen Gesundheitssystem geführt hätten und der Fachkräftemangel für Krankenhäuser nicht gilt – selbst dann ist die Kapazität begrenzt.

Nehmen wir beispielsweise Beatmungsgeräte der Plätze auf der Intensivstation. Es gibt nur eine bestimmte Menge sagen zwanzig im Krankenhaus Konstanz. Die sehr schweren 5% der Fälle brauchen eine künstliche Beatmung zum Überlegen. Wenn es nun zwanzig solcher Kranken gibt und der 21te kommt, wird er entweder weggeschickt oder die Verantwortlichen entscheiden, einen anderen Patienten abzustöpseln, vielleicht weil seine oder ihre Heilungschancen ohnehin gering sind. Man nennt diese Entscheidungsprozesse „Triage“ und sie sind auch für das Krankenhauspersonal kein Vergnügen. In Italien ist man soweit und die psychische Belastung der Angestellten ist wohl schlimmer als die extreme Arbeitsbelastung.

Man liest unterschiedliche Sterberaten für Covid-19, von 0,5% bis 4%. Der Grund für diese Unterschiede dürfte genau darin liegen: Funktioniert die ärztliche Versorgung noch oder nicht. Ab einer bestimmten Menge an Infizierten kann auch das beste Gesundheitssystem nicht mehr standhalten. Und, das sollte man sich klarmachen, 1% für Konstanz heißt 560 Menschen, 4% heißt 1700. Ein Verein, wie die Theaterfreunde Konstanz mit überwiegend älteren Mitgliedern, wird einige Opfer zu beklagen haben. Auch in meinem weiteren Bekanntenkreis werden Menschen sterben.

Rechnen wir mal versuchshalber weiter. Und bleiben wir bei der Annahme von zwanzig Beatmungsgeräten oder Intensivbetten. Wie gesagt, ich kenne die Zahl nicht und man muss bedenken, dass es weiterhin normale medizinische Notfälle gibt. Was ich wichtig finde, ist, wie man sich das vorstellen muss. Wenn man das richtige Rechenmodell im Kopf hat, schaut man genauer auf die veröffentlichten Zahlen.

Wenn also nicht mehr als zwanzig Patienten in Konstanz gleichzeitig diese extremen Krankheitsverlauf haben dürfen: Wie vielen dürfen dann die Krankheit haben? Nun, es heißt 5% der Erkrankten haben den schweren Verlauf. Das heißt, es dürfen maximal 4.000 Konstanzer am SARS-Cov-2 Virus zeitgleich erkranken, bevor die Sterberate unnötig ansteigt.

Nun werden, etwa 70% der Konstanzer am Virus erkranken. Macht also etwa 56.000 Frauen, Männer und Diverse. Wenn die Krankheit ungefähr zweieinhalb Wochen anhält, von Ausbruch bis Heilung oder Tod, müsste man die Ausbreitung über 35 Wochen strecken (56.000 / 4.000 * 2). Also etwa neun Monate. Das muss man erreichen.

Das Problem ist die exponentielle Ausbreitung, Verdoppelung der Fallzahlen jede Woche, oder so ähnlich. Und das Blöde ist, dass man nicht weiß, wie viele Menschen infiziert sind. Die 2.000 in Deutschland, die es Stand heute sind, oder die 2 in Konstanz, sind ja nur die, bei denen die Krankheit ausgebrochen ist und bei denen sie diagnostiziert wurde. Die 2000 oder die 2 haben das Virus natürlich schon lange weitergegeben und wenn es in ein paar Tagen heißt, wir haben 8 Fälle in der Stadt, dann waren die schon heute infiziert. Man hat diese Verzögerung in Wuhan sehr deutlich gesehen. Nachdem die drastischen Maßnahmen ergriffen wurden, stiegen die Fallzahlen noch 10 oder 12 Tagen an, bevor sie sanken.

Und was es bedeutet, dass das Virus als sehr ansteckend gilt, dürfte auch nicht schwer zu verstehen sein. Wenn sich heute ein Doppelkopfrunde trifft und eine Person ist infiziert, werden sich die anderen drei mit hoher Wahrscheinlichkeit auch infizieren. (Es sei denn, sie waschen sich vor jedem Austeilen der Karte die Hände, was man ja immer vom Kartengeber fordert, wenn man schlechte Karten bekommt. Soviel für die, die den alten Skatspruch noch kennen.)

Aus diesen Gründen meide ich jetzt öffentlich Veranstaltungen, wenn es sich einrichten lässt. Darum auch halte ich die Maßnahmen der Regierung für viel zu lasch. Und das mit dem „Es ist Ländersache“ ist eine dumme Ausrede. Merkel hat sogar eine Landtagswahl rückgängig machen lassen.

Ich finde, man sollte sich nicht der Illusion hingeben, vor dem Virus gefeit zu sein. Dass er nur alte weiße Männer befallen würde, wie kürzlich auf dem KIZ-Konzert unter Gröhlen des Publikums verkündet wurde, kann nur einem kranken Hirn entspringen. (Eine Denkfigur, die selbst auch eine Seuche ist.) Nein, auch Bio-Essen schützt nicht. Jung sein, ja. Je jünger desto ungefährdeter. Hoffentlich sind nur wenige so zynisch, sich über sterbende Alte zu freuen, sei es, weil es die Rentenkasse entlastet, sei es, dass Wohnungen frei werden, sei es, dass es die AFD-Wählerbasis schmälert. Alles leider schon auf Twitter gelesen.

Also Leute hört auf den OB, der meiner Meinung nach gut agiert. Und schaut ab und zu hier nach.

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Wonderful World

Verdeckter Spendenaufruf unseres Theaters?

Foto: Ilja Mess

Ein Liederabend steht auf dem Programm und es ist auch ein schöner Abend mit Liedern. Wobei es sich für mich falsch anhört, bei Jazz von Liedern zu sprechen. Aber Namen sind ja Schall und Rauch (wieso eigentlich Rauch?) und die Musiker verschaffen den Zuhörern einen Genussabend, der sie in die Zeit zurückführt, in der sich die Musik schwarzer Amerikaner zu Welthits emanzipierte.

Unter der Leitung von Rudolf Hartmann spielt eine routinierte Band (Frank Denzinger, Thomas Förster, Arpi Ketterl, Benjamin Engel, Carlo Schöb) und schafft die Bühne für Terrence Ngassa, der laut Programmheft als einer der besten Trompeter Afrikas gilt und für die international bekannte Jazzsängerin Siggy Davis. Ngassa spielt nicht nur die Trompete wie Louis Armstrong, sondern er singt auch mit dessen tiefer Reibeisenstimme. Ngassa musiziert nur, Armstrongs Theaterspiel wird von Ramses Alfa übernommen, eine naheliegende Wahl. Davies verkörpert Armstrongs verschiedene Musikpartnerinnen wie Ella Fitzgerald, sowie Armstrongs heimliche Tochter Sharon Preston-Folta.

Die Freude, den Musikprofis zuzuhören wird nur durch die schlechte Tontechnik getrübt. Als O’tooli Masanza am Anfang des Stücks eine Ansage im Piratensender des Armstrong-Museums machte, dachte ich noch, dass Rumpeln wäre in Authentizitätsabsicht, doch schnell wurde klar: Hier kommt das Equipment unseres Theaters an Grenzen. Es ist schon ein Jammer, wenn Davis’ Improvisationen in einem akustischen Sumpf zerfließen. Das haben unsere Bühnengäste nicht verdient! Auch die Sprechpartien leiden arg, manche Passagen waren kaum zu verstehen. Bei den Headsets verwundert es mich weniger, es ist ja ohnehin ein Wunder, dass die kleinen Dinger an der Backe überhaupt was vom Gesprochenen mitbekommen. Aber wenn Musiker in ein Mikrofon singen, kann es nicht am Stand der Technik liegen, wenn nur dumpfe Töne über die Lautsprecher zum Zuhörer kommen. Dabei schien es mir, als gäbe es Unterschiede, je nach verwendetem Mikrofon. Man konnte in den letzten Monaten häufig über die baulichen Mängel an unserem Theater in der Presse lesen. Vielleicht wäre die Tontechnik eine viel niedriger hängende Frucht. Spenden sind sicherlich willkommen.

Als Liederabend also mal wieder eine gelungene Aufführung der Konstanzer, wenn man über die akustischen Mängel hinweghört. Aber es ist gar kein Liederabend, gefühlte fünfzig Prozent des Abends wird auf der Bühne geschauspielert. Die Rahmenhandlung spielt um den Besuch von Armstrongs Tochter im zum Museum umgebauten alten Wohnsitz ihres Vaters herum. So recht wollen meines Erachtens Text und Musik nicht zusammengehen und ich habe mir dann die Frage gestellt, wie es denn überhaupt so funktioniert, wenn Handlung und Gesang in ein Gesamtkunstwerk verschmelzen. Welche Funktion übernimmt die Musik in Opera Buffa, Operette, Singspiel oder Musical? Vermutlich gibt es dazu Myriaden von Abhandlungen, von denen ich nur eines sicher sagen kann, dass ich sie alle nicht kenne. Doch kann ich sagen, dass alle Lieder, die mich in diesen verschiedenen Formen ergriffen haben und die mir in Erinnerung geblieben sind, einen Kulminationspunkt der Handlung mit den Mitteln der Musik ausdrücken. Wenn beispielsweise die Königin der Nacht in der Zauberflöte ihrer Tochter das Messer in die Hand drückt, um Sarastro zu ermorden, offenbart sie in Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen die ganze Wut und Hass über ihre verlorene Macht und die Männerwelt.

Diese Synthese von Text, Handlung und Musik konnte ich in Mark Zurmühles Inszenierung nicht im Ansatz finden. Vermutlich ist schon der Versuch zum Scheitern verurteilt. Armstrongs Lieder lassen sich nicht zu einer Handlung zusammenstricken. Zurmühle hatte es vielleicht auch gar nicht intendiert. Jedenfalls habe ich zwei unabhängige Aufführungen gesehen: Ein Theaterstück und einen Liederabend.

So gelungen das Musikprogramm war, so schwach war das Theaterspiel. Ja, es wurden die wichtigen Themen und Stationen in Armstrongs Leben benannt: Seine Herkunft aus dem Rotlichtmilieu New Orleans, seine Entwicklung vom Bandmitglied zum Gründungsvater des Jazz, seine musikalischen Innovationen, sein Abgleiten in Pop und Kommerz, der Wandel der Musik durch die Schallplatte, sein Kampf für die Rechte der Schwarzen (oder sein Nichteinsetzen dafür), seine Instrumentalisierung für das weiße Establishment (und sein Widerstand dagegen), seine Frauengeschichten, seine Lebensfreude. Alles wurde irgendwie angesprochen, aber nicht so ausgeführt, dass man sich zu irgendeinem Zeitpunkt mit der Hauptperson identifizieren konnte. Wenn man Schmerz ausdrücken will, reicht es halt nicht, wenn der Schauspieler „Aua, das tut weh“ sagt. Die vielen Themen ließen aber nicht mehr Platz, also steckte hier das Misslingen schon im Ansatz. Dazu kam die Entscheidung, Sally Davis Deutsch sprechen zu lassen. Sie kann es und amerikanische Aussprache für einzelne Phrasen kann effektvoll sein („Ich bin einer Börliner“), aber auf Dauer ist es nur umständlich und gibt der Rolle etwas Unbeholfenes, das man gar nicht sehen will. Warum es nicht bei Englisch belassen und ein paar Untertitel einblenden?

Fassen wir also so zusammen: Ein gelungener Liederabend, vor allem für Jazzliebhaber.

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Glückliche Tage

Nur eine Kleinigkeit, aber sie stört.

Foto: Bjørn Jansen

Seit Franziskus – Gaukler Gottes bin ich ein absoluter Fan von Renate Winkler. Sie ist eine großartige Schauspielerin. Im Franziskus konnte sie allein den ganzen Kirchenraum bespielen und ich war gespannt, wie ihr die Rolle der Winnie gelingen würde, denn eingegraben bis zur Hüfte in einen Erdhügel, wie die Anweisung des Autors das Setup vorgibt, verliert die Schauspielerin viel von ihren Ausdrucksmöglichkeiten.

Becketts Stück hat eine deprimierende Anlage: Winnie ist eingegraben und Willie, ihr Partner, kann sich zwar frei bewegen, doch davon macht er wenig Gebrauch. Während Winnie ununterbrochen auf ihn einplappert, versteckt sich Willie größtenteils und antwortet, wenn überhaupt einsilbig und mürrisch. Doch Winnie ist glücklich, entschuldet jede Ungebührlichkeit und ist mit den kleinsten Reaktionen zufrieden. „Oh, du wirst heute mit mir sprechen, das wird ein glücklicher Tag werden! Es wird wieder ein glücklicher Tag gewesen sein“. Ohne Pause redet Winnie, packt ihre Tasche aus, Haarbürste, Sonnenschirm auch ein Revolver geben ihr Anlass, über ihr Leben zu reflektieren, wobei natürlich nicht zur Sprache kommt, wie furchtbar und sinnlos ihr Leben ist.

Der zweite Akt ist, ähnlich wie bei „Warten auf Godot“, eine Wiederholung des ersten, nur eine Umdrehung schrecklicher, sinnloser. Nun steckt Winnie bis zum Hals im Erdhügel. Ich glaube, sie sagt nichts, was sie nicht im ersten Akt schon gesagt hatte, es ist eine ewige Wiederholung des Gleichen. Zusammen sind es eigentlich nur zwei Bilder. Das Stück kommt mir eigentlich gar nicht wie ein Theaterstück vor, es gibt keinen Anfang und kein Ende, nur ein unendliches Jetzt. Winnies Agieren ist wie das Ausmalen eines vorgegebenen Bildes. Ich stelle es mir wie ein Gemälde im Museum vor.

Es ist ein bemerkenswerter Blick auf das Leben, das Beckett entwirft. Ohne Sinn steckt der Einzelne in seinem Leben fest. Kommunikation mit anderen ist lediglich Illusion, alles Glück nur mühselig gespielt. Das Stück entstand 1960 und ist wohl vom Existenzialismus beeinflusst. Die Menschen scheinen nach dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs in eine Welt ohne Hoffnung geblickt zu haben. Es ist die Frage, warum wir uns eigentlich den Mühen des Lebens aussetzen sollen, warum sich nicht jeder bei der ersten größeren Krise die Kugel geben sollte. Eine Welt ohne Gott oder Transzendenz, der Mensch als Zellhaufen und mit einem Gehirn, dass die Illusion von Zeit, Sinn und Zweck produziert – da bleibt eigentlich keine andere Wahl als der Selbstmord bei erster Gelegenheit. Jedem philosophisch Denkenden dürfte dies schon mal durch den Kopf gegangen sein. Doch aus irgendeinem Grund sind wir nicht in dieser Phase stecken geblieben, individuell wie auch gesellschaftlich. Warum auch immer.

Renate Winkler und Thomas Ecke spielen überzeugend; die Rolle des Willie ist natürlich nicht so anspruchsvoll. Etwas irritiert aber dennoch: Winnie ist nicht eingegraben. Die Bühne ist kein Erdhaufen, sondern auf ihr liegen große Platten wild geschichtet. Es sieht aus wie nach einem Erdbeben oder in einem Kriegsgebiet, erinnert an Bilder wie beispielsweise aus Syrien. Das – finde ich – passt durchaus zum Stück. Doch auch wenn Winnie in die Platten nicht eingegraben werden kann, hätte sie wenigstens eingeklemmt sein können. Der Regisseur, Wolfram Mehring, wollte das wohl nicht. Winkler bewegt sich sichtbar hinter ihrer Platte und offensichtlich würde sie nichts daran hindern, einfach ihren Platz zu verlassen. Nun mag man denken, im Gefängnis steck nicht der Körper, sondern ihr Kopf, der es ihr nicht erlaubt, die Freiheit zu ergreifen, das „alte Leben“ wieder aufzunehmen. Vielleicht wollte Mehring darauf hinaus, doch das wäre eine ganz andere Ausgangssituation für das Stück, das zu ganz anderen Monologen führen würde. Es ist nur eine Kleinigkeit, aber ich fand sie durchweg störend.

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Zwei Tage, eine Nacht

So lang hat das Stück nicht gedauert – zum Glück

Ich war gewarnt worden. Man hatte mir gesagt, dass das Stück zäh sei und sich ziehen würde. Langweilig, Tendenz: bei der Hälfte den Saal verlassen, bevor die Augen zufallen. Die Warnung ist bei mir verpufft. Öfter schon hatte ich eine andere Wahrnehmung eines Stückes als andere Zuschauer. Mal fand ich es schlechter, mal auch positiver. Und überhaupt: Ich bilde mir natürlich meine eigene Meinung.

Foto: Ilja Mess

Dazu kommt, dass der Kurztext zum Stück einen spannenden Abend versprach. Es geht um Sandra, die längere Zeit wegen Depressionen nicht arbeiten konnte und nun zur Arbeitsstelle zurückkommt und dort erfährt, dass sie entlassen ist. Nicht einfach so, sondern ihr Chef hatte die Belegschaft vor die Alternative gestellt, entweder jedem Mitarbeiter eine Jahresprämie von 1000 € zu zahlen oder Sandra zu behalten. Die schwierige wirtschaftliche Situation lasse nicht beides zu.

Sandras befreundete Arbeitskollegin fädelt ein, dass Sandra den Chef überredet, die Abstimmung am Montagmorgen zu wiederholen und so bleiben Sandra zwei Tage und eine Nacht, um mit jedem ihrer 16 Kollegen zu sprechen und ihn oder sie (trotz Gender* im Programmheft kennt das Stück nur zwei Geschlechter) auf ihre Seite zu ziehen. Eine großartige Exposition für ein Drama in einer aktuellen und durchaus vorstellbaren Situation und das Potenzial für ein aufschlussreiches und dramatisches Bühnengeschehen. Wenn die Dramaturgin Deborah Raulin im Programmheft über die „Erosion der Solidarität im Neoliberalismus“ spricht, berührt sie tatsächlich ein wichtiges Thema. Wobei Sandra im Stück weniger Solidarität, sondern mehr Empathie einfordert, also weniger an die Vernunft und die Macht einer Solidargemeinschaft appelliert und stattdessen einen Kampf zwischen schlechtem Gewissen und Egoismus inszeniert.

Es gibt auch ein paar Fragezeichen für mich in der Konstruktion. Sandra ist auf den Job angewiesen, weil die Familie nur so das Eigenheim abbezahlen kann. Das deutet nicht auf Mindestlohn hin. Dagegen sind 1000 € Prämie vergleichsweise wenig. Wenn die Arbeitskollegen argumentieren, dass die Prämie unverzichtbar sei, dann klingt das unglaubwürdig. Der Preis für das schlechte Gewissen dürfte höher liegen. Doch kann man über solche Ungereimtheiten hinwegsehen, es berührt die Anlage des Stücks im Grunde nicht.

Es hätte also ein großartiger Theaterabend werden können, doch die 105 Minuten tropften tatsächlich zäh die Bühne hinab. Konflikte, die das Potenzial gehabt hätten, die Abgründe der menschlichen Seele zu offenbaren, wurden schablonenhaft abgespult, nur unterbrochen von gefühlt minutenlangen Pausen in denen schlicht nichts passierte. Am Anfang war es noch spannend, als die Schauspieler erstmal mehrere Minuten nur so herumstanden. Fast so, als wollten sie die Zuschauer zu Fangt-doch-endlich-an-Rufen provozieren. Ich mag solches interaktive Spiel. Und auch als es dann mit einem Telefonat begann, bei dem zwei Protagonisten ihr Handy ans Ohr halten, aber nur der eine spricht („Ja“, „mach ich“, „also“, „wenn Du meinst“, … ), dachte ich noch, dass es interessant werden würde. Aber es waren nur Gimmicks, Regiespielereien ohne Bezug zum Stück. Lediglich der einsame Spannungsbogen, wie wohl die Wahl ausgehen würde, hielt das Stück wie ein klebriges Kaugummi zusammen. (Ich verrate das Ende nicht, sonst wird das Stück für die, die es noch anschauen wollen, völlig uninteressant.)

Woran liegt so etwas? Sicherlich nicht an der phantasievollen Bühnengestaltung von Bernd Schneider und seinen Kostümen. Schneider hat zwei drehbare Häuser auf die Bühne gebracht und so ist es möglich, Sandras viele Arbeitskollegen in ihren jeweiligen Privatquartieren zu zeigen. Überhaupt gelingt es den wenigen Schauspielern, gut durch die vielen Rollen zu gleiten, ohne dass man verwirrt wird.

Woran also liegt es, dass die Schauspieler blass und farblos wirken, dass es einen nicht mitfiebern lässt, obwohl jeder schon länger Berufstätige das Damoklesschwert der Arbeitslosigkeit als Sorge um den Arbeitsplatz kennengelernt haben dürfte? Auch und gerade in Konstanz ist das Wegfallen von Industriearbeitsplätzen eine Konstante und Einzelhandel und Gastronomie kein vollwertiger Ersatz. Auch Sandras Depression wird dargestellt und jedem, der schon mal damit konfrontiert war, dürften die Dialoge bekannt vorkommen. Doch reicht Nichtgeschehen auf der Bühne nicht um Antriebslosigkeit darzustellen. Sandras seelische Kämpfe werden nicht erkennbar.

Ich kann nur spekulieren. Dem Stück liegt ein gleichnamiger Spielfilm zugrunde und es wirkt manchmal so, als wäre man bei der Übertragung von der Leinwand auf die Bühne zu schablonenhaft vorgegangen. Wo man im Film möglicherweise mit einer Großeinstellung des Gesichts die Schwere der Depression in den leblosen Augen sichtbar machen kann, darf man nicht glauben, dass, wenn die Person minutenlang auf dem Theaterboden liegt, ein ähnlicher Effekt erreicht würde. Das permanente Monologisieren in die Mobiltelefone mag eine Seuche der heutigen Zeit sein, aber es lenkte lediglich vom Inhalt des Stückes ab. Vielleicht hätte Martin Nimz mehr Vertrauen in die Kraft der Dialoge setzen sollen und diese ins Zentrum stellen. Insofern lenkte auch die opulente Bühnentechnik letztlich vom Inhalt ab.

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Am Wasser

Wie das Konstanzer Publikum mit einem Skandalthema geschockt wird

Drei Wochen vor der Uraufführung hatte ich den ersten Artikel im Südkurier über das Stück gelesen. Der Überlinger Hänselevater hatte es abgelehnt, dem Theater ein Häs zu leihen, und zwar, „weil er das Hänsele davor bewahren wollte, das mit ihm die Rüstungsindustrie schlecht geredet werde“. Diese Begründung war der Lokalredaktion einen Artikel wert. Es gab noch weitere Beiträge, auch im Seemoz, einen Vortrag des Friedensaktivisten Jürgen Grässlin im Theater und eine Demonstration vor dem Werksgelände der Firma Diehl Defence in Überlingen. Also reichlich Presse und Aktivität im Vorfeld – das macht natürlich neugierig.

Foto: Ilja Mess

Für mich als Informatiker ist die Rüstungsindustrie ein Thema, zu dem man sich Gedanken macht. Ich erinnere mich noch an die Studienzeit in den 70er Jahren, da gab es beispielsweise ein Seminar „Informatik und Gesellschaft“, das ich besucht hatte; Berlin war damals in politischer Aufbruchsstimmung. Es war, glaube ich, ziemlich langweilig. Irgendwie war klar, dass man in der Rüstungsindustrie nicht arbeiten kann, da gab es nicht viel zu reden. Und dass man als Informatiker bei anderen Arbeitgebern die Aufgabe haben würde, Arbeitsplätze wegzurationalisieren, war auch keine berückende Perspektive. Viel zu erzählen hatten die Dozenten nicht, jedenfalls nichts, was ich mir gemerkt hätte. Heute finde ich, dass jeder so Dinge wie den Unterschied zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik kennen und man sich als junger Mensch intensiv damit auseinandersetzen sollte.

Vielleicht würden diese Themen in dem Theaterstück von Annalena Küspert, die in Überlingen aufgewachsen ist, als Drama auf die Bühne kommen, so meine Hoffnung. Der Inhalt ist schnell erzählt. Das Wasser des Bodensees ist eines Tages schwarz, und zwar überall, in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Aus irgendeinem Grund fällt der Verdacht auf die Rüstungsfirma in „Unterlingen“, also die Firma Diehl. Es entwickelt sich eine Protestbewegung gegen die Firma, wobei der Protest aber nichts mit dem schwarzen Wasser zu tun hat, sondern damit, dass die Produktion und der Verkauf von Waffen verwerflich sind. Der Geschäftsführer der Firma entfacht dann einen Brand, um den Protest zu diskreditieren und damit endet das Stück. Reichlich unvermittelt eigentlich, ich dachte, dass es da erst richtig losginge.

Aber es geht Küspert in dem Stück, dass sie eigens für unser Theater geschrieben hat, vermutlich gar nicht um die Handlung, sondern darum, zu zeigen, wie sich die handelnden Personen zu der moralischen Frage verhalten. Da ist zunächst die Hauptperson, die Schülerin Saliha, die trotz ihres arabischen Namens wohl deutschstämmig sein soll und sich von einer etwas naiven Youtube-Influenzerin zu einer Friedensaktivistin entwickelt. Auslöser ist ihre Großmutter, die, wie bei den antiautoritären 68ern nicht unüblich, mit Vornamen, also Gerti, angeredet wird. Sie hat ein Kriegstrauma und sie ist es auch, die eine Verbindung vom schwarzen Wasser zu dem Rüstungsunternehmen zieht. Dann gibt es Jan, Salihas Freund, der eigentlich nur an Saliha interessiert ist und sich vor allem auf die gemeinsame Australienreise freut. Daraus wird aber nichts, denn Saliha trennt sich von ihm. Politisiert, wie sie nun ist, versteht sie ihn nicht mehr. Und dann gibt es natürlich den Oberschurken, das ist Jans Vater, der den leitenden Posten in der Firma hat. Erst gibt er sich ganz nett, schenkt Saliha seinen alten, coolen Rucksack, aber nach und nach merkt man, dass er ein ganz Schlimmer ist und seine Ausführungen zu den tollen Arbeitsplätzen und dass die Waffen nur der Verteidigung dienen, nur Gerede ist. Er reitet zu Fasnacht auf einer Raketenattrappe und bestellt zur Eröffnung der neuen Fabrikhalle eine Torte in Form einer Kanonenkugel. So einer ist das. Dann gibt es die Oberbürgermeisterin, eine dümmliche Karrierefrau, die affektiert in ihrem hübschen Kleid umherstolziert und ihrem Adlatus Ulrich jeden Handlungsschritt in den Bleistift diktiert. Dann noch zwei alberne Wissenschaftler, die nichts auf die Reihe bekommen und sich am Ende bestechen lassen und eine Reporterin, die zuerst eher klatsch- und tratschmäßig unterwegs ist, sich später mit der von Saliha gegründeten Bewegung solidarisiert und mehr auf Haltungsjournalismus macht.

Die Figuren sind alle klar gezeichnet, sehr klar, also ganz glasklar. Da gibt es keinen Zweifel, wer gut ist und wer böse. Auch auf kleinste Nuancen wird verzichtet, der leichteste Hauch von Vielschichtigkeit wird kunstvoll vermieden. Wie man liest, soll sich das Stück vor allem an Jugendliche richten, und ich vermute, Küspert hatte Sorge, das Zielpublikum könnte verwirrt werden, wenn eine ihrer Figuren leichte Anzeichen von Widersprüchlichkeit zeigen würde. Wie soll man sich auch in der Welt zurechtfinden, wenn man nicht jeden sofort und eindeutig in eine von zwei Schubladen stecken kann? Am Ende geriete man womöglich noch in Zweifel und gar noch über sich selbst. Das kann schließlich nicht Aufgabe von Theater sein! Theater muss den Menschen ein korrektes Weltbild vermitteln, je deutlicher, desto besser – so etwa stelle ich mir Küsperts Gedankengänge vor.

Ein Stück also mit simpelster Schwarzweißmoral und Klischees als Personen – ich denke, dafür hat man das schöne deutsche und unübersetzbare Wort Kitsch. Sozial- und Gesellschaftskitsch vom Feinsten, so subtil wie der röhrende Hirsch über der Sitzecke oder der Zwerg im Vorgarten. Ein Figurenentwurf auf dem Komplexitätslevel von Rotkäppchen. Sogar das mit Oma und Enkelin passt, nur dass der Jäger, als Teil der arbeitenden Bevölkerung bei den Grimms zu den Guten gehört. Bei Küsperts sind die arbeitenden Personen alle böse oder trottelig. Und der Oberschlimme: natürlich ein alter, weißer Mann. Man sollte dessen Verdienst nehmen und damit Flüchtlinge im Mittelmeer retten, meint Saliha, womit auch dieses Thema eingebettet war. Nur Klima fehlte noch, da müsste Küsperts noch etwas nacharbeiten.

Auf die Schwächen des Plots lohnt es nicht weiter einzugehen. Allein die Vorstellung, dass der Bodensee schwarz wie Tinte ist („überall, im ganzen See“) und das zu nichts anderem führt, als dass die Menschen merken, dass es am Bodensee Rüstungsindustrie gibt, ist abstrus. Zusammen mit vor Schmonzes triefenden Rollen stellt sich für die Schauspieler eine ziemliche Herausforderung. Unser „Stammpersonal“, Peter Posniak, Ralf Beckord, Thomas Ecke und Jana Alexia Rödiger macht das souverän. Sarah Siri Lee König als Saliha hat zwar das passende Alter, aber ich fand sie nicht überzeugend. Das wäre aber tragbar gewesen, wäre da nicht Friederike Drews. Ihr Spiel war so gekünstelt, dass ich mich fragte, was sie wohl beruflich macht. Immer wieder zog sie das Niveau auf Schultheater-AG herunter, es war zum Fremdschämen. Dass das zum Inhalt passte, macht es leider nicht besser.

Es war auch etwas gut, nämlich das Bühnenbild für das Steffi Rehberg verantwortlich zeichnet. In rascher Folge werden weiße Möbel auf Rollen von links auf die Bühne gerollt und gehen nach rechts ab. Das bringt Schwung in die Sache und füllt mit minimalen Mitteln den ganzen Raum.

Alles in allem aber eine kindische Veranstaltung. Wenn es für Kinder sein soll, sollten die Verantwortlichen die Altersangabe von „ab 14“ ändern in „bis 14“, dann ginge das in Ordnung.

Eigentlich müsste ich nach diesen doch etwas kritischen Anmerkungen vom Besuch des Stücks abraten. Aber vielleicht auch nicht, aus zwei Gründen. Zum einen: Möglicherweise gefällt es ja dem Leser. Immerhin war das Konstanzer Premierenpublikum sichtlich begeistert. Zum anderen spiegelt das Stück durchaus unsere Gesellschaft. Politik ist heute immer weniger das Austarieren von gegensätzlichen Interessen im demokratischen Diskurs, sondern der Kampf des Guten gegen das Böse, des hellen gegen das dunkle Deutschland. Bis in die Familien hinein wird der Streit getragen, und das ist ganz im Sinne von Annalena Küspert, die im Südkurier vom letzten Donnerstag den Wunsch äußert, Schulklassen sollten das Stück besuchen und Söhne (!) sollten ihre Väter (!) befragen und „ein Familienstreit wäre ein erster Schritt“. Auf welchen Weg dieser erste Schritt führen soll, weiß ich nicht, folgen will ich ihm jedenfalls nicht.

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