Wein und Brot

…gibt’s nur daheim

So schnell kann es gehen. Am Donnerstagmorgen hatte ich entschieden, wegen des Coronavirus‘ nicht in die Premiere von Wein und Brot zu gehen und dachte, ich müsse das vielleicht begründen, denn man wird schnell als panisch verlacht. Zwei Tage später sieht alles ziemlich anders aus. Wer will, darf gerne lesen, was ich mir am Donnerstag zurechtgelegt hatte. Was mir vorgestern noch neu war, ist nun bald Allgemeingut.

Foto: Theater Konstanz

Warum sollte man also alle öffentlichen Veranstaltungen meiden? Ein Grund ist der Selbstschutz, man will sich nicht infizieren. Das ist offensichtlich und wichtig vor allem für Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen. Das ist eigentlich offensichtlich und zu meinem Leidwesen gehöre ich, wie die meisten Bekannten und Freunde, in diese Gruppe.

Der andere Grund aber ist, die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus zu reduzieren. Also nicht die Ausbreitung zu verhindern; diesen Kampf haben wir in Deutschland erst gar nicht ernsthaft aufgenommen. Jetzt ist der Virus halt da und etwa 70% von uns werden sich infizieren, das gilt als sicher. Es geht um die Geschwindigkeit, infizieren sich die meisten in den nächsten drei Monaten oder kann der Zeitraum auf 9 – 12 Monate gestreckt werden. Da geht es nicht um die Sorge um uns selbst, sondern um Sorge und Rücksichtnahme auf andere, vor allem Schwächere.

Warum ist das mit der Ausbreitungsgeschwindigkeit wo wichtig? Es geht darum, dass nicht zu viele die Krankheit gleichzeitig haben, denn dann ist unser Krankensystem überfordert. Mich ärgern diese Sprüche, von wegen „bestens vorbereitet“, „hervorragendes Gesundheitssystem“. Das ist Unfug. Selbst wenn es so wäre, dass die jahrzehntelangen Sparmaßnahmen zu einem tollen Gesundheitssystem geführt hätten und der Fachkräftemangel für Krankenhäuser nicht gilt – selbst dann ist die Kapazität begrenzt.

Nehmen wir beispielsweise Beatmungsgeräte der Plätze auf der Intensivstation. Es gibt nur eine bestimmte Menge sagen zwanzig im Krankenhaus Konstanz. Die sehr schweren 5% der Fälle brauchen eine künstliche Beatmung zum Überlegen. Wenn es nun zwanzig solcher Kranken gibt und der 21te kommt, wird er entweder weggeschickt oder die Verantwortlichen entscheiden, einen anderen Patienten abzustöpseln, vielleicht weil seine oder ihre Heilungschancen ohnehin gering sind. Man nennt diese Entscheidungsprozesse „Triage“ und sie sind auch für das Krankenhauspersonal kein Vergnügen. In Italien ist man soweit und die psychische Belastung der Angestellten ist wohl schlimmer als die extreme Arbeitsbelastung.

Man liest unterschiedliche Sterberaten für Covid-19, von 0,5% bis 4%. Der Grund für diese Unterschiede dürfte genau darin liegen: Funktioniert die ärztliche Versorgung noch oder nicht. Ab einer bestimmten Menge an Infizierten kann auch das beste Gesundheitssystem nicht mehr standhalten. Und, das sollte man sich klarmachen, 1% für Konstanz heißt 560 Menschen, 4% heißt 1700. Ein Verein, wie die Theaterfreunde Konstanz mit überwiegend älteren Mitgliedern, wird einige Opfer zu beklagen haben. Auch in meinem weiteren Bekanntenkreis werden Menschen sterben.

Rechnen wir mal versuchshalber weiter. Und bleiben wir bei der Annahme von zwanzig Beatmungsgeräten oder Intensivbetten. Wie gesagt, ich kenne die Zahl nicht und man muss bedenken, dass es weiterhin normale medizinische Notfälle gibt. Was ich wichtig finde, ist, wie man sich das vorstellen muss. Wenn man das richtige Rechenmodell im Kopf hat, schaut man genauer auf die veröffentlichten Zahlen.

Wenn also nicht mehr als zwanzig Patienten in Konstanz gleichzeitig diese extremen Krankheitsverlauf haben dürfen: Wie vielen dürfen dann die Krankheit haben? Nun, es heißt 5% der Erkrankten haben den schweren Verlauf. Das heißt, es dürfen maximal 4.000 Konstanzer am SARS-Cov-2 Virus zeitgleich erkranken, bevor die Sterberate unnötig ansteigt.

Nun werden, etwa 70% der Konstanzer am Virus erkranken. Macht also etwa 56.000 Frauen, Männer und Diverse. Wenn die Krankheit ungefähr zweieinhalb Wochen anhält, von Ausbruch bis Heilung oder Tod, müsste man die Ausbreitung über 35 Wochen strecken (56.000 / 4.000 * 2). Also etwa neun Monate. Das muss man erreichen.

Das Problem ist die exponentielle Ausbreitung, Verdoppelung der Fallzahlen jede Woche, oder so ähnlich. Und das Blöde ist, dass man nicht weiß, wie viele Menschen infiziert sind. Die 2.000 in Deutschland, die es Stand heute sind, oder die 2 in Konstanz, sind ja nur die, bei denen die Krankheit ausgebrochen ist und bei denen sie diagnostiziert wurde. Die 2000 oder die 2 haben das Virus natürlich schon lange weitergegeben und wenn es in ein paar Tagen heißt, wir haben 8 Fälle in der Stadt, dann waren die schon heute infiziert. Man hat diese Verzögerung in Wuhan sehr deutlich gesehen. Nachdem die drastischen Maßnahmen ergriffen wurden, stiegen die Fallzahlen noch 10 oder 12 Tagen an, bevor sie sanken.

Und was es bedeutet, dass das Virus als sehr ansteckend gilt, dürfte auch nicht schwer zu verstehen sein. Wenn sich heute ein Doppelkopfrunde trifft und eine Person ist infiziert, werden sich die anderen drei mit hoher Wahrscheinlichkeit auch infizieren. (Es sei denn, sie waschen sich vor jedem Austeilen der Karte die Hände, was man ja immer vom Kartengeber fordert, wenn man schlechte Karten bekommt. Soviel für die, die den alten Skatspruch noch kennen.)

Aus diesen Gründen meide ich jetzt öffentlich Veranstaltungen, wenn es sich einrichten lässt. Darum auch halte ich die Maßnahmen der Regierung für viel zu lasch. Und das mit dem „Es ist Ländersache“ ist eine dumme Ausrede. Merkel hat sogar eine Landtagswahl rückgängig machen lassen.

Ich finde, man sollte sich nicht der Illusion hingeben, vor dem Virus gefeit zu sein. Dass er nur alte weiße Männer befallen würde, wie kürzlich auf dem KIZ-Konzert unter Gröhlen des Publikums verkündet wurde, kann nur einem kranken Hirn entspringen. (Eine Denkfigur, die selbst auch eine Seuche ist.) Nein, auch Bio-Essen schützt nicht. Jung sein, ja. Je jünger desto ungefährdeter. Hoffentlich sind nur wenige so zynisch, sich über sterbende Alte zu freuen, sei es, weil es die Rentenkasse entlastet, sei es, dass Wohnungen frei werden, sei es, dass es die AFD-Wählerbasis schmälert. Alles leider schon auf Twitter gelesen.

Also Leute hört auf den OB, der meiner Meinung nach gut agiert. Und schaut ab und zu hier nach.

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Wonderful World

Verdeckter Spendenaufruf unseres Theaters?

Foto: Ilja Mess

Ein Liederabend steht auf dem Programm und es ist auch ein schöner Abend mit Liedern. Wobei es sich für mich falsch anhört, bei Jazz von Liedern zu sprechen. Aber Namen sind ja Schall und Rauch (wieso eigentlich Rauch?) und die Musiker verschaffen den Zuhörern einen Genussabend, der sie in die Zeit zurückführt, in der sich die Musik schwarzer Amerikaner zu Welthits emanzipierte.

Unter der Leitung von Rudolf Hartmann spielt eine routinierte Band (Frank Denzinger, Thomas Förster, Arpi Ketterl, Benjamin Engel, Carlo Schöb) und schafft die Bühne für Terrence Ngassa der laut Programmheft als einer der besten Trompeter Afrikas gilt und für die international bekannte Jazzsängerin Siggy Davis. Ngassa spielt nicht nur die Trompete wie Louis Armstrong, sondern er singt auch mit dessen tiefer Reibeisenstimme. Ngassa musiziert nur, Armstrongs Theaterspiel wird von Ramses Alfa übernommen, eine naheliegende Wahl. Davies verkörpert Armstrongs verschiedene Musikpartnerinnen wie Ella Fitzgerald, sowie Armstrongs heimliche Tochter Sharon Preston-Folta.

Die Freude, den Musikprofis zuzuhören wird nur durch die schlechte Tontechnik getrübt. Als O’tooli Masanza am Anfang des Stücks eine Ansage im Piratensender des Armstrong-Museums machte, dachte ich noch, dass Rumpeln wäre in Authentizitätsabsicht, doch schnell wurde klar: Hier kommt das Equipment unseres Theaters an Grenzen. Es ist schon ein Jammer, wenn Davis’ Improvisationen in einem akustischen Sumpf zerfließen. Das haben unsere Bühnengäste nicht verdient! Auch die Sprechpartien leiden arg, manche Passagen waren kaum zu verstehen. Bei den Headsets verwundert es mich weniger, es ist ja ohnehin ein Wunder, dass die kleinen Dinger an der Backe überhaupt was vom Gesprochenen mitbekommen. Aber wenn Musiker in ein Mikrofon singen, kann es nicht am Stand der Technik liegen, wenn nur dumpfe Töne über die Lautsprecher zum Zuhörer kommen. Dabei schien es mir, als gäbe es Unterschiede, je nach verwendetem Mikrofon. Man konnte in den letzten Monaten häufig über die baulichen Mängel an unserem Theater in der Presse lesen. Vielleicht wäre die Tontechnik eine viel niedriger hängende Frucht. Spenden sind sicherlich willkommen.

Als Liederabend also mal wieder eine gelungene Aufführung der Konstanzer, wenn man über die akustischen Mängel hinweghört. Aber es ist gar kein Liederabend, gefühlte fünfzig Prozent des Abends wird auf der Bühne geschauspielert. Die Rahmenhandlung spielt um den Besuch von Armstrongs Tochter im zum Museum umgebauten alten Wohnsitz ihres Vaters herum. So recht wollen meines Erachtens Text und Musik nicht zusammengehen und ich habe mir dann die Frage gestellt, wie es denn überhaupt so funktioniert, wenn Handlung und Gesang in ein Gesamtkunstwerk verschmelzen. Welche Funktion übernimmt die Musik in Opera Buffa, Operette, Singspiel oder Musical? Vermutlich gibt es dazu Myriaden von Abhandlungen, von denen ich nur eines sicher sagen kann, dass ich sie alle nicht kenne. Doch kann ich sagen, dass alle Lieder, die mich in diesen verschiedenen Formen ergriffen haben und die mir in Erinnerung geblieben sind, einen Kulminationspunkt der Handlung mit den Mitteln der Musik ausdrücken. Wenn beispielsweise die Königin der Nacht in der Zauberflöte ihrer Tochter das Messer in die Hand drückt, um Sarastro zu ermorden, offenbart sie in Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen die ganze Wut und Hass über ihre verlorene Macht und die Männerwelt.

Diese Synthese von Text, Handlung und Musik konnte ich in Mark Zurmühles Inszenierung nicht im Ansatz finden. Vermutlich ist schon der Versuch zum Scheitern verurteilt. Armstrongs Lieder lassen sich nicht zu einer Handlung zusammenstricken. Zurmühle hatte es vielleicht auch gar nicht intendiert. Jedenfalls habe ich zwei unabhängige Aufführungen gesehen: Ein Theaterstück und einen Liederabend.

So gelungen das Musikprogramm war, so schwach war das Theaterspiel. Ja, es wurden die wichtigen Themen und Stationen in Armstrongs Leben benannt: Seine Herkunft aus dem Rotlichtmilieu New Orleans, seine Entwicklung vom Bandmitglied zum Gründungsvater des Jazz, seine musikalischen Innovationen, sein Abgleiten in Pop und Kommerz, der Wandel der Musik durch die Schallplatte, sein Kampf für die Rechte der Schwarzen (oder sein Nichteinsetzen dafür), seine Instrumentalisierung für das weiße Establishment (und sein Widerstand dagegen), seine Frauengeschichten, seine Lebensfreude. Alles wurde irgendwie angesprochen, aber nicht so ausgeführt, dass man sich zu irgendeinem Zeitpunkt mit der Hauptperson identifizieren konnte. Wenn man Schmerz ausdrücken will, reicht es halt nicht, wenn der Schauspieler „Aua, das tut weh“ sagt. Die vielen Themen ließen aber nicht mehr Platz, also steckte hier das Misslingen schon im Ansatz. Dazu kam die Entscheidung, Sally Davis Deutsch sprechen zu lassen. Sie kann es und amerikanische Aussprache für einzelne Phrasen kann effektvoll sein („Ich bin einer Börliner“), aber auf Dauer ist es nur umständlich und gibt der Rolle etwas Unbeholfenes, das man gar nicht sehen will. Warum es nicht bei Englisch belassen und ein paar Untertitel einblenden?

Fassen wir also so zusammen: Ein gelungener Liederabend, vor allem für Jazzliebhaber.

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Glückliche Tage

Nur eine Kleinigkeit, aber sie stört.

Foto: Bjørn Jansen

Seit Franziskus – Gaukler Gottes bin ich ein absoluter Fan von Renate Winkler. Sie ist eine großartige Schauspielerin. Im Franziskus konnte sie allein den ganzen Kirchenraum bespielen und ich war gespannt, wie ihr die Rolle der Winnie gelingen würde, denn eingegraben bis zur Hüfte in einen Erdhügel, wie die Anweisung des Autors das Setup vorgibt, verliert die Schauspielerin viel von ihren Ausdrucksmöglichkeiten.

Becketts Stück hat eine deprimierende Anlage: Winnie ist eingegraben und Willie, ihr Partner, kann sich zwar frei bewegen, doch davon macht er wenig Gebrauch. Während Winnie ununterbrochen auf ihn einplappert, versteckt sich Willie größtenteils und antwortet, wenn überhaupt einsilbig und mürrisch. Doch Winnie ist glücklich, entschuldet jede Ungebührlichkeit und ist mit den kleinsten Reaktionen zufrieden. „Oh, du wirst heute mit mir sprechen, das wird ein glücklicher Tag werden! Es wird wieder ein glücklicher Tag gewesen sein“. Ohne Pause redet Winnie, packt ihre Tasche aus, Haarbürste, Sonnenschirm auch ein Revolver geben ihr Anlass, über ihr Leben zu reflektieren, wobei natürlich nicht zur Sprache kommt, wie furchtbar und sinnlos ihr Leben ist.

Der zweite Akt ist, ähnlich wie bei „Warten auf Godot“, eine Wiederholung des ersten, nur eine Umdrehung schrecklicher, sinnloser. Nun steckt Winnie bis zum Hals im Erdhügel. Ich glaube, sie sagt nichts, was sie nicht im ersten Akt schon gesagt hatte, es ist eine ewige Wiederholung des Gleichen. Zusammen sind es eigentlich nur zwei Bilder. Das Stück kommt mir eigentlich gar nicht wie ein Theaterstück vor, es gibt keinen Anfang und kein Ende, nur ein unendliches Jetzt. Winnies Agieren ist wie das Ausmalen eines vorgegebenen Bildes. Ich stelle es mir wie ein Gemälde im Museum vor.

Es ist ein bemerkenswerter Blick auf das Leben, das Beckett entwirft. Ohne Sinn steckt der Einzelne in seinem Leben fest. Kommunikation mit anderen ist lediglich Illusion, alles Glück nur mühselig gespielt. Das Stück entstand 1960 und ist wohl vom Existenzialismus beeinflusst. Die Menschen scheinen nach dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs in eine Welt ohne Hoffnung geblickt zu haben. Es ist die Frage, warum wir uns eigentlich den Mühen des Lebens aussetzen sollen, warum sich nicht jeder bei der ersten größeren Krise die Kugel geben sollte. Eine Welt ohne Gott oder Transzendenz, der Mensch als Zellhaufen und mit einem Gehirn, dass die Illusion von Zeit, Sinn und Zweck produziert – da bleibt eigentlich keine andere Wahl als der Selbstmord bei erster Gelegenheit. Jedem philosophisch Denkenden dürfte dies schon mal durch den Kopf gegangen sein. Doch aus irgendeinem Grund sind wir nicht in dieser Phase stecken geblieben, individuell wie auch gesellschaftlich. Warum auch immer.

Renate Winkler und Thomas Ecke spielen überzeugend; die Rolle des Willie ist natürlich nicht so anspruchsvoll. Etwas irritiert aber dennoch: Winnie ist nicht eingegraben. Die Bühne ist kein Erdhaufen, sondern auf ihr liegen große Platten wild geschichtet. Es sieht aus wie nach einem Erdbeben oder in einem Kriegsgebiet, erinnert an Bilder wie beispielsweise aus Syrien. Das – finde ich – passt durchaus zum Stück. Doch auch wenn Winnie in die Platten nicht eingegraben werden kann, hätte sie wenigstens eingeklemmt sein können. Der Regisseur, Wolfram Mehring, wollte das wohl nicht. Winkler bewegt sich sichtbar hinter ihrer Platte und offensichtlich würde sie nichts daran hindern, einfach ihren Platz zu verlassen. Nun mag man denken, im Gefängnis steck nicht der Körper, sondern ihr Kopf, der es ihr nicht erlaubt, die Freiheit zu ergreifen, das „alte Leben“ wieder aufzunehmen. Vielleicht wollte Mehring darauf hinaus, doch das wäre eine ganz andere Ausgangssituation für das Stück, das zu ganz anderen Monologen führen würde. Es ist nur eine Kleinigkeit, aber ich fand sie durchweg störend.

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Zwei Tage, eine Nacht

So lang hat das Stück nicht gedauert – zum Glück

Ich war gewarnt worden. Man hatte mir gesagt, dass das Stück zäh sei und sich ziehen würde. Langweilig, Tendenz: bei der Hälfte den Saal verlassen, bevor die Augen zufallen. Die Warnung ist bei mir verpufft. Öfter schon hatte ich eine andere Wahrnehmung eines Stückes als andere Zuschauer. Mal fand ich es schlechter, mal auch positiver. Und überhaupt: Ich bilde mir natürlich meine eigene Meinung.

Foto: Ilja Mess

Dazu kommt, dass der Kurztext zum Stück einen spannenden Abend versprach. Es geht um Sandra, die längere Zeit wegen Depressionen nicht arbeiten konnte und nun zur Arbeitsstelle zurückkommt und dort erfährt, dass sie entlassen ist. Nicht einfach so, sondern ihr Chef hatte die Belegschaft vor die Alternative gestellt, entweder jedem Mitarbeiter eine Jahresprämie von 1000 € zu zahlen oder Sandra zu behalten. Die schwierige wirtschaftliche Situation lasse nicht beides zu.

Sandras befreundete Arbeitskollegin fädelt ein, dass Sandra den Chef überredet, die Abstimmung am Montagmorgen zu wiederholen und so bleiben Sandra zwei Tage und eine Nacht, um mit jedem ihrer 16 Kollegen zu sprechen und ihn oder sie (trotz Gender* im Programmheft kennt das Stück nur zwei Geschlechter) auf ihre Seite zu ziehen. Eine großartige Exposition für ein Drama in einer aktuellen und durchaus vorstellbaren Situation und das Potenzial für ein aufschlussreiches und dramatisches Bühnengeschehen. Wenn die Dramaturgin Deborah Raulin im Programmheft über die „Erosion der Solidarität im Neoliberalismus“ spricht, berührt sie tatsächlich ein wichtiges Thema. Wobei Sandra im Stück weniger Solidarität, sondern mehr Empathie einfordert, also weniger an die Vernunft und die Macht einer Solidargemeinschaft appelliert und stattdessen einen Kampf zwischen schlechtem Gewissen und Egoismus inszeniert.

Es gibt auch ein paar Fragezeichen für mich in der Konstruktion. Sandra ist auf den Job angewiesen, weil die Familie nur so das Eigenheim abbezahlen kann. Das deutet nicht auf Mindestlohn hin. Dagegen sind 1000 € Prämie vergleichsweise wenig. Wenn die Arbeitskollegen argumentieren, dass die Prämie unverzichtbar sei, dann klingt das unglaubwürdig. Der Preis für das schlechte Gewissen dürfte höher liegen. Doch kann man über solche Ungereimtheiten hinwegsehen, es berührt die Anlage des Stücks im Grunde nicht.

Es hätte also ein großartiger Theaterabend werden können, doch die 105 Minuten tropften tatsächlich zäh die Bühne hinab. Konflikte, die das Potenzial gehabt hätten, die Abgründe der menschlichen Seele zu offenbaren, wurden schablonenhaft abgespult, nur unterbrochen von gefühlt minutenlangen Pausen in denen schlicht nichts passierte. Am Anfang war es noch spannend, als die Schauspieler erstmal mehrere Minuten nur so herumstanden. Fast so, als wollten sie die Zuschauer zu Fangt-doch-endlich-an-Rufen provozieren. Ich mag solches interaktive Spiel. Und auch als es dann mit einem Telefonat begann, bei dem zwei Protagonisten ihr Handy ans Ohr halten, aber nur der eine spricht („Ja“, „mach ich“, „also“, „wenn Du meinst“, … ), dachte ich noch, dass es interessant werden würde. Aber es waren nur Gimmicks, Regiespielereien ohne Bezug zum Stück. Lediglich der einsame Spannungsbogen, wie wohl die Wahl ausgehen würde, hielt das Stück wie ein klebriges Kaugummi zusammen. (Ich verrate das Ende nicht, sonst wird das Stück für die, die es noch anschauen wollen, völlig uninteressant.)

Woran liegt so etwas? Sicherlich nicht an der phantasievollen Bühnengestaltung von Bernd Schneider und seinen Kostümen. Schneider hat zwei drehbare Häuser auf die Bühne gebracht und so ist es möglich, Sandras viele Arbeitskollegen in ihren jeweiligen Privatquartieren zu zeigen. Überhaupt gelingt es den wenigen Schauspielern, gut durch die vielen Rollen zu gleiten, ohne dass man verwirrt wird.

Woran also liegt es, dass die Schauspieler blass und farblos wirken, dass es einen nicht mitfiebern lässt, obwohl jeder schon länger Berufstätige das Damoklesschwert der Arbeitslosigkeit als Sorge um den Arbeitsplatz kennengelernt haben dürfte? Auch und gerade in Konstanz ist das Wegfallen von Industriearbeitsplätzen eine Konstante und Einzelhandel und Gastronomie kein vollwertiger Ersatz. Auch Sandras Depression wird dargestellt und jedem, der schon mal damit konfrontiert war, dürften die Dialoge bekannt vorkommen. Doch reicht Nichtgeschehen auf der Bühne nicht um Antriebslosigkeit darzustellen. Sandras seelische Kämpfe werden nicht erkennbar.

Ich kann nur spekulieren. Dem Stück liegt ein gleichnamiger Spielfilm zugrunde und es wirkt manchmal so, als wäre man bei der Übertragung von der Leinwand auf die Bühne zu schablonenhaft vorgegangen. Wo man im Film möglicherweise mit einer Großeinstellung des Gesichts die Schwere der Depression in den leblosen Augen sichtbar machen kann, darf man nicht glauben, dass, wenn die Person minutenlang auf dem Theaterboden liegt, ein ähnlicher Effekt erreicht würde. Das permanente Monologisieren in die Mobiltelefone mag eine Seuche der heutigen Zeit sein, aber es lenkte lediglich vom Inhalt des Stückes ab. Vielleicht hätte Martin Nimz mehr Vertrauen in die Kraft der Dialoge setzen sollen und diese ins Zentrum stellen. Insofern lenkte auch die opulente Bühnentechnik letztlich vom Inhalt ab.

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Am Wasser

Wie das Konstanzer Publikum mit einem Skandalthema geschockt wird

Drei Wochen vor der Uraufführung hatte ich den ersten Artikel im Südkurier über das Stück gelesen. Der Überlinger Hänselevater hatte es abgelehnt, dem Theater ein Häs zu leihen, und zwar, „weil er das Hänsele davor bewahren wollte, das mit ihm die Rüstungsindustrie schlecht geredet werde“. Diese Begründung war der Lokalredaktion einen Artikel wert. Es gab noch weitere Beiträge, auch im Seemoz, einen Vortrag des Friedensaktivisten Jürgen Grässlin im Theater und eine Demonstration vor dem Werksgelände der Firma Diehl Defence in Überlingen. Also reichlich Presse und Aktivität im Vorfeld – das macht natürlich neugierig.

Foto: Ilja Mess

Für mich als Informatiker ist die Rüstungsindustrie ein Thema, zu dem man sich Gedanken macht. Ich erinnere mich noch an die Studienzeit in den 70er Jahren, da gab es beispielsweise ein Seminar „Informatik und Gesellschaft“, das ich besucht hatte; Berlin war damals in politischer Aufbruchsstimmung. Es war, glaube ich, ziemlich langweilig. Irgendwie war klar, dass man in der Rüstungsindustrie nicht arbeiten kann, da gab es nicht viel zu reden. Und dass man als Informatiker bei anderen Arbeitgebern die Aufgabe haben würde, Arbeitsplätze wegzurationalisieren, war auch keine berückende Perspektive. Viel zu erzählen hatten die Dozenten nicht, jedenfalls nichts, was ich mir gemerkt hätte. Heute finde ich, dass jeder so Dinge wie den Unterschied zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik kennen und man sich als junger Mensch intensiv damit auseinandersetzen sollte.

Vielleicht würden diese Themen in dem Theaterstück von Annalena Küspert, die in Überlingen aufgewachsen ist, als Drama auf die Bühne kommen, so meine Hoffnung. Der Inhalt ist schnell erzählt. Das Wasser des Bodensees ist eines Tages schwarz, und zwar überall, in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Aus irgendeinem Grund fällt der Verdacht auf die Rüstungsfirma in „Unterlingen“, also die Firma Diehl. Es entwickelt sich eine Protestbewegung gegen die Firma, wobei der Protest aber nichts mit dem schwarzen Wasser zu tun hat, sondern damit, dass die Produktion und der Verkauf von Waffen verwerflich sind. Der Geschäftsführer der Firma entfacht dann einen Brand, um den Protest zu diskreditieren und damit endet das Stück. Reichlich unvermittelt eigentlich, ich dachte, dass es da erst richtig losginge.

Aber es geht Küspert in dem Stück, dass sie eigens für unser Theater geschrieben hat, vermutlich gar nicht um die Handlung, sondern darum, zu zeigen, wie sich die handelnden Personen zu der moralischen Frage verhalten. Da ist zunächst die Hauptperson, die Schülerin Saliha, die trotz ihres arabischen Namens wohl deutschstämmig sein soll und sich von einer etwas naiven Youtube-Influenzerin zu einer Friedensaktivistin entwickelt. Auslöser ist ihre Großmutter, die, wie bei den antiautoritären 68ern nicht unüblich, mit Vornamen, also Gerti, angeredet wird. Sie hat ein Kriegstrauma und sie ist es auch, die eine Verbindung vom schwarzen Wasser zu dem Rüstungsunternehmen zieht. Dann gibt es Jan, Salihas Freund, der eigentlich nur an Saliha interessiert ist und sich vor allem auf die gemeinsame Australienreise freut. Daraus wird aber nichts, denn Saliha trennt sich von ihm. Politisiert, wie sie nun ist, versteht sie ihn nicht mehr. Und dann gibt es natürlich den Oberschurken, das ist Jans Vater, der den leitenden Posten in der Firma hat. Erst gibt er sich ganz nett, schenkt Saliha seinen alten, coolen Rucksack, aber nach und nach merkt man, dass er ein ganz Schlimmer ist und seine Ausführungen zu den tollen Arbeitsplätzen und dass die Waffen nur der Verteidigung dienen, nur Gerede ist. Er reitet zu Fasnacht auf einer Raketenattrappe und bestellt zur Eröffnung der neuen Fabrikhalle eine Torte in Form einer Kanonenkugel. So einer ist das. Dann gibt es die Oberbürgermeisterin, eine dümmliche Karrierefrau, die affektiert in ihrem hübschen Kleid umherstolziert und ihrem Adlatus Ulrich jeden Handlungsschritt in den Bleistift diktiert. Dann noch zwei alberne Wissenschaftler, die nichts auf die Reihe bekommen und sich am Ende bestechen lassen und eine Reporterin, die zuerst eher klatsch- und tratschmäßig unterwegs ist, sich später mit der von Saliha gegründeten Bewegung solidarisiert und mehr auf Haltungsjournalismus macht.

Die Figuren sind alle klar gezeichnet, sehr klar, also ganz glasklar. Da gibt es keinen Zweifel, wer gut ist und wer böse. Auch auf kleinste Nuancen wird verzichtet, der leichteste Hauch von Vielschichtigkeit wird kunstvoll vermieden. Wie man liest, soll sich das Stück vor allem an Jugendliche richten, und ich vermute, Küspert hatte Sorge, das Zielpublikum könnte verwirrt werden, wenn eine ihrer Figuren leichte Anzeichen von Widersprüchlichkeit zeigen würde. Wie soll man sich auch in der Welt zurechtfinden, wenn man nicht jeden sofort und eindeutig in eine von zwei Schubladen stecken kann? Am Ende geriete man womöglich noch in Zweifel und gar noch über sich selbst. Das kann schließlich nicht Aufgabe von Theater sein! Theater muss den Menschen ein korrektes Weltbild vermitteln, je deutlicher, desto besser – so etwa stelle ich mir Küsperts Gedankengänge vor.

Ein Stück also mit simpelster Schwarzweißmoral und Klischees als Personen – ich denke, dafür hat man das schöne deutsche und unübersetzbare Wort Kitsch. Sozial- und Gesellschaftskitsch vom Feinsten, so subtil wie der röhrende Hirsch über der Sitzecke oder der Zwerg im Vorgarten. Ein Figurenentwurf auf dem Komplexitätslevel von Rotkäppchen. Sogar das mit Oma und Enkelin passt, nur dass der Jäger, als Teil der arbeitenden Bevölkerung bei den Grimms zu den Guten gehört. Bei Küsperts sind die arbeitenden Personen alle böse oder trottelig. Und der Oberschlimme: natürlich ein alter, weißer Mann. Man sollte dessen Verdienst nehmen und damit Flüchtlinge im Mittelmeer retten, meint Saliha, womit auch dieses Thema eingebettet war. Nur Klima fehlte noch, da müsste Küsperts noch etwas nacharbeiten.

Auf die Schwächen des Plots lohnt es nicht weiter einzugehen. Allein die Vorstellung, dass der Bodensee schwarz wie Tinte ist („überall, im ganzen See“) und das zu nichts anderem führt, als dass die Menschen merken, dass es am Bodensee Rüstungsindustrie gibt, ist abstrus. Zusammen mit vor Schmonzes triefenden Rollen stellt sich für die Schauspieler eine ziemliche Herausforderung. Unser „Stammpersonal“, Peter Posniak, Ralf Beckord, Thomas Ecke und Jana Alexia Rödiger macht das souverän. Sarah Siri Lee König als Saliha hat zwar das passende Alter, aber ich fand sie nicht überzeugend. Das wäre aber tragbar gewesen, wäre da nicht Friederike Drews. Ihr Spiel war so gekünstelt, dass ich mich fragte, was sie wohl beruflich macht. Immer wieder zog sie das Niveau auf Schultheater-AG herunter, es war zum Fremdschämen. Dass das zum Inhalt passte, macht es leider nicht besser.

Es war auch etwas gut, nämlich das Bühnenbild für das Steffi Rehberg verantwortlich zeichnet. In rascher Folge werden weiße Möbel auf Rollen von links auf die Bühne gerollt und gehen nach rechts ab. Das bringt Schwung in die Sache und füllt mit minimalen Mitteln den ganzen Raum.

Alles in allem aber eine kindische Veranstaltung. Wenn es für Kinder sein soll, sollten die Verantwortlichen die Altersangabe von „ab 14“ ändern in „bis 14“, dann ginge das in Ordnung.

Eigentlich müsste ich nach diesen doch etwas kritischen Anmerkungen vom Besuch des Stücks abraten. Aber vielleicht auch nicht, aus zwei Gründen. Zum einen: Möglicherweise gefällt es ja dem Leser. Immerhin war das Konstanzer Premierenpublikum sichtlich begeistert. Zum anderen spiegelt das Stück durchaus unsere Gesellschaft. Politik ist heute immer weniger das Austarieren von gegensätzlichen Interessen im demokratischen Diskurs, sondern der Kampf des Guten gegen das Böse, des hellen gegen das dunkle Deutschland. Bis in die Familien hinein wird der Streit getragen, und das ist ganz im Sinne von Annalena Küspert, die im Südkurier vom letzten Donnerstag den Wunsch äußert, Schulklassen sollten das Stück besuchen und Söhne (!) sollten ihre Väter (!) befragen und „ein Familienstreit wäre ein erster Schritt“. Auf welchen Weg dieser erste Schritt führen soll, weiß ich nicht, folgen will ich ihm jedenfalls nicht.

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Die Tage der Commune

„In Erwägung der begrenzten Mittel unseres Theaters, haben wir beschlossen, ein tolles Stück auf die Beine zu stellen“

Foto: Bjørn Jansen

Warum sie Brechts Stück in der heutigen Zeit aufführe, wird die Johanna Schall gefragt. Weil heute wieder so ein Wunsch nach Veränderung in der Gesellschaft zu spüren sei, antwortet sie und zählt die Gelbwesten, Fridays for Future aber auch Trump, Brexit, AfD und andere als Phänomene auf. Aber ist der Wunsch nach Veränderung, nach einer besseren Welt, nicht zwangsläufig ein linker? Für die in der DDR aufgewachsene Schauspielerin und Regisseurin sind die Verhältnisse offensichtlich nicht so simpel. Sympathien mit den rechten Bewegungen aber hegt sie nicht, dass stellt sie klar.

In den Tagen der Commune sind die Fronten klar. Während der 78 Tagen nach dem Ende des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870 bis 1871 wurde die Stadt Paris zur Räterepublik und die europäische Öffentlichkeit verfolgte aufmerksam, wie die erste proletarische Revolution sich entwickeln würde. Im Rückblick ist ihr Scheitern logisch, aber schon Karl Marx merkte an, dass kritisieren einfach sei: „Die Weltgeschichte wäre allerdings sehr bequem zu machen, wenn der Kampf nur unter der Bedingung unfehlbar günstiger Chancen aufgenommen werden würde.“ Zwei Fehler waren entscheidend. Das Zentralkomitee der Nationalgarde, also die von der Bourgeoise in größter Bedrängnis bewaffneten Arbeiter und Bauern, gaben die Macht zu schnell an die Kommunarden ab. Und diese konnten sich nicht zum Sturm auf Versailles entscheiden, wohin sich der Adel zurückgezogenen hatte. Letzterer überredete Bismarck, die französischen Kriegsgefangenen freizugeben für den Sturm auf Paris, was dann das Ende war.

Auch Lenin studierte das Geschehen später, zog seine Lehren und leitete die Serie erfolgreicher Revolutionen ein: Russland, China, Kambodscha, Kuba – die Liste ist lang und bekannt und bekannt ist auch, dass die Revolutionen nicht den Traum eines besseren Lebens für das Volk erfüllten, sondern ein Albtraum mit wirtschaftlichem Elend und zig-Millionen Toten waren. Das ist die zweite Gefahr einer Revolution, die Aufspaltung in Lager und der Kampf zwischen ihnen. Johanna Schall weist im Programmheft darauf hin.

Man kann die Aufführung in Konstanz als geschichtliche Lehrstunde sehen. Und man wird sicherlich einiges dabei lernen, ich jedenfalls kannte diesen Teil der europäischen Geschichte kaum. Man kann sich aber auch auf das moralische Dilemma konzentrieren, in das die Akteure geklemmt sind. Soll man die gleichen, gewaltsamen Methoden anwenden, wegen derer man ursprünglich aufbegehrt hat? Wie Thomas Ecke als Pierre Langevin feststellt: Entweder man macht sich die Hände blutig oder hat keine Hände mehr.

Die Argumente, die in den hitzigen Debatten hin und her fliegen, haben universelle Gültigkeit. Auch heute fragt sich, ob man der Intoleranz gegenüber tolerant sein kann oder ob man die Meinungsfreiheit einschränken muss, um die Freiheit in der Gesellschaft zu erhalten. Doch etwas war anders damals, so will es mir scheinen. Es fehlte der Zynismus, der heute allem unterliegt. Damals meinten die Akteure noch was sie sagten. Wenigstens lässt Brecht sie so sprechen.

Man kann das Stück sogar noch universeller sehen, denn es erzählt die Geschichte von Menschen in einer Umbruchsituation, wenn alte Gewissheiten wegbrechen, wenn gewohnte Hierarchien wegfallen, wenn Menschen auf Augenhöhe sich zusammenfinden müssen und wenn Euphorie langsam an den Verhältnissen zerrieben wird. Brecht lässt die Geschichte um eine Pariser Familie herum spielen und ich hätte immer wieder gerne das Stück angehalten um genauer die vielen Geschichten zwischen den Figuren zu studieren. Wie sie sich verrennen, verlieben, streiten, wie sie sich die Zähne an den Bürgern ausbeißen, die sie nicht erreichen können, die sie auslachen, so wie bei uns in den 70er Jahren die Arbeiter meist nur Kopfschütteln für die studentischen K-Gruppen übrig hatten, die vor den Fabriktoren agitierten. Vielleicht liegen bei Nextflix schon Pläne bereit, den Stoff ab 2026 zu einer Multi-Staffel zu verarbeiten. Da könnte dann jede Figur dramatisch ausgearbeitet werden, der Stoff gäbe es wohl her.

Egal, wie man es sehen will: Die Konstanzer Inszenierung bietet für alle Sichten überzeugendes Anschauungsmaterial. Trotz der mit zwei Stunden recht langen Aufführung kommt keine Langeweile auf, im Gegenteil. Es beginnt mit der Erschießung der Protagonisten, also quasi mit dem Ende, und führt mit einer Mischung von Sprechszenen, Gesang, Klamauk und ein paar Brecht‘schen Verfremdungen durch die Handlung, ohne dass man sich jemals über den Formenmix wundert. Es gibt sogar ein paar leichte Gänsehautmomente aber nie die Gefahr, kitschig zu werden. Da bin ich empfindlich.

Der Erfolg hat viele Väter und Mütter bei dieser Aufführung. Die Schauspieler agieren als geschlossenes Ensemble. Unmöglich wäre es, einzelne Mitspieler herauszuheben. Das liegt vielleicht auch daran, dass die Zwölf auf der Bühne über vierzig Rollen abdecken müssen. Da bleibt nicht viel Raum für Identifikation mit den einzelnen Rollen. Die Rollen sind darüber hinaus etwas karikaturhaft, abstrakt angelegt, auch das lenkt von den einzelnen Schauspielern ab und betont die Teamleistung. Auch das Premierenpublikum konnte seinen Applaus nicht wie sonst, auf Neben- und Hauptrollen anteilig dosieren. Es gab sogar einige Male Zwischenapplaus, es schien, die Begeisterung musste sich Bahn brechen. Wobei, an einer Stelle war ich doch verwundert. Thomas Ecke hatte gerade seinen komplizierten Satz „In Erwägung, dass der Mensch … physische und geistige Entfaltung … Eigentum … anteilig erarbeitet …“ und so weiter, zu Ende gebracht, da brandete der Applaus. Man sah die Verblüffung der Schauspieler. Ich wüsste zu gerne, welchen Nerv diese eher dröge Parole, die ich mir auch als Resolution einer Staatsratssitzung der DDR vorstellen könnte, getroffen hat.

Die Bühne ist schlicht, lediglich ein schräges Gitter auf dem Boden und eine Kanone in der Mitte. Mehr wäre in Anbetracht der vielen Schauspieler auf der Bühne wohl auch kaum gegangen. Die Kostüme sind alle in grau und schwarz gehalten, mit roten Abzeichen und Blutflecken. Lediglich Bourgeoisie und Adel schweben in weißen Anzügen und im Hintergrund über dem Geschehen und zeigen ihre Verachtung für den Pöbel. Ein überzeugendes Gesamtbild. Torsten Knoll unterstützt die Aufführung mit Musik und akustischer Untermalung.

Wer für die gelungene Inszenierung aber wohl maßgeblich zeichnet, sind Regie und Dramaturgie. Ich tue mich ja oft schwer, die jeweilige Verantwortlichkeit zuzuordnen und habe sicherlich das eine oder andere Mal Lob oder Kritik falsch zugeordnet. Hier aber scheint es mir deutlich. Franziska Bolli musste die vier Stunden Brecht auf zwei Stunden zusammenkürzen. Ich kenne das Original nicht, aber ich hatte nie den Eindruck, dass etwas in Stück fehlen würde. Ich glaube andererseits auch nicht, dass Brecht einen Inhalt von zwei Stunden einfach auf das Doppelte aufgeblasen hat. Die Auswahl dürfte nicht einfach gewesen sein, auf jedem Fall überzeugt sie. Johanna Schall als Regisseurin hat das Kunststück fertiggebracht, dem dramatischen Stoff mit Leichtigkeit und Humor rüberzubringen, ohne dass die Ernsthaftigkeit jemals in Frage gestellt würde. Glückwunsch.

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Kasimir und Karoline

Regietricks für die Männerseele

Foto: Bjørn Jansen

Wer Anfang der 1930er-Jahre arbeitslos wird, dem droht materielle und seelische Not und so ist Kasimir, der tags zuvor „abgebaut“ wurde, nicht nach Feiern zumute. Seine Verlobte Karoline aber will sich vergnügen. Und so sieht der Zuschauer, wie die Beziehung der beiden auf dem Oktoberfest immer mehr zerbricht. Sie lässt sich erst von dem Zuschneider Egon Schürzinger umgarnen, später flirtet sie dann mit dem Kommerzienrat Rauch. Kasimir gibt sich derweil mit dem Merkl Franz und seiner Erna trübsinnigen Gedanken hin, die sich darum drehen, ob man sich besser politisch engagieren, oder sein Glück auf eigene (kriminelle) Faust suchen soll.

Die Menschen in Ödön von Horváths Volksstück sind reichlich desillusioniert. Niemand glaubt an die große Liebe. Der arbeitslose Kasimir denkt, dass Karoline ihn automatisch verlassen würde; sie hingegen meint und sagt zwar, eine wertvolle Frau hänge höchstens noch mehr an dem Manne, zu dem sie gehört, wenn es diesem Manne schlecht geht. Aber dann kommt sie doch auf den Gedanken, dass sie und Kasimir nicht zusammenpassen würden. Der Merkl Franz schlägt seine Erna, die willen- und kraftlos an ihm hängt und alles erträgt. Der Kommerzienrat Rauch und sein Freund, der Landgerichtsdirektor Speer, suchen in den Frauen nur die unverbindliche Lust und Schürzinger hat ohnehin zu wenig Selbstwertgefühl, um ernsthaft zu lieben.

Horváth hat das Stück genau in Zeit und Ort verhaftet: München, Oktoberfest, „in unserer Zeit“, also den 30er-Jahren. Zugleich soll das Gezeigte zeitlos sein. Es sind klassische Männer- und Frauenrollen, die Horváth auf die Bühne bringt, fast schon Archetypen. Es ist gut, dass die Regie, Zenta Haerter und Christoph Nix, es dabei belassen hat. Der Versuch, den Stoff an die heute verbreitete Gendertheorie anzupassen, der zufolge es keine zwei Geschlechter gibt, sondern nur ein Kontinuum von angelernten Verhaltensweisen, hätte sicherlich nicht viel von dem übrig gelassen, was Horváth zeigen wollte.

Im Gegenteil. Die Inszenierung betont den universellen Anspruch Horváths, durch ein abstraktes Bühnenbild, ein ästhetisierendes Hintergrundgeschehen von Akrobaten und Gauklern und durch die Wahl einer sphärischen Musik. Vor dieser Kulisse könnten sich die Figuren kontrastreich entfalten, doch das gelingt nur teilweise. Peter Cieslinski als Landgerichtsdirektor Speer bleibt eigentlich nur durch eine erstaunlich gymnastische Übung in Erinnerung. Harald Schröpfer gelingt es nicht, das Lüsterne, Derbe und Skrupellose des Kommerzienrats Rauch darzustellen, auch spricht er sehr undeutlich. Sylvana Schneider als Erna tut sich eher im Ringkampf hervor als in der Rolle der sich selbst verachtenden Frau. Und auch Florian Rummel ist nie der desillusionierte Zyniker, den man erwarten sollte.

Dass die Aufführung dennoch sehenswert ist, liegt an den übrigen Schauspielern. André Rohde spielt den ehrlosen und dennoch charmanten Schürzinger so glaubwürdig, dass auch die Widersprüchlichkeit des Charakters deutlich wird. Es ist aber vor allem Antonia Jungwirth, die Freude beim Zuschauen macht. Die Mischung aus Naivität („ich wollte doch nur ein Eis essen“) und Berechnung („Das Leben ist hart und eine Frau, die wo etwas erreichen will, muss einen einflussreichen Mann immer bei seinem Gefühlsleben packen“) ist stets glaubwürdig und bis zuletzt denkt man, dass es nur der rechten Ansprache durch Kasimir bedürfe, um zum Happy-End zu kommen.

Womit wir zu der letzten Figur kommen, dem Kasimir. Er wird von zwei Schauspielern gespielt: Odo Jergitsch und Julian Härtner. Beide machen ihre Sache gut. Gemeinsam gelingt es ihnen, Kasimirs Charakter voll zu entfalten und eindrücklich darzustellen. Härtner ist der ausagierende Teil, der, der die Sprüche klopft, streitet und säuft. Jergitsch ist für das Innenleben zuständig, die verletzte Seele, die sich beim Sirtaki Trost zutanzt. Es ist ein gelungener Trick der Regie und es ist schön, den Facettenreichtum einer Männerseele auf der Bühne ausgebreitet zu sehen.

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Franziskus – Gaukler Gottes

Nicht gewollt, sondern gekonnt

Foto: Bjørn Jansen

Die neue Spielzeit hat mit einer brillanten Aufführung begonnen. Wer der Kunstfertigkeit einer großartigen Schauspielerin beiwohnen will und eineinhalb Stunden vor ungewohnter Kulisse bestens unterhalten werden möchte, der sollte sich Renate Winkler in der Christuskirche anschauen. Ich kann es uneingeschränkt empfehlen.

Das Stück von Dario Fo erzählt das Leben und Wirken des heiligen Franz von Assisi. Ich weiß nicht, ob alle Geschichten, die Dario Fo erzählt, eine faktische Grundlage haben. Etliches ist verbürgt oder etablierte Legende, entnehme ich der Internetsuchmaschine meiner Wahl. Die Zuspitzung des Franziskus als Rebell, der gegen die weltliche und kirchliche Obrigkeit, aber auch gegen die Dummheit und den Aberglauben des einfachen Volks mit Mut und Witz ankämpft, trägt ganz die Handschrift des Autors.

Winkler erweckt die Figur überzeugend zum Leben. Aber nicht nur diese, sondern auch alle anderen, wie den Wolf, den Papst, den Kardinal, Maria, Jesus und einige mehr. Fast ohne Requisiten wechselt sie die Rollen in rasantem Tempo, ohne dass man als Zuschauer jemals unsicher wäre, wen sie gerade verkörpert. Doch nicht nur die Rollen wechselt Winkler virtuos, sie bewegt sich kontinuierlich auf einer von drei Ebenen. Als Erzählerin berichtet sie von den Taten des Heiligen, als Schauspielerin schlüpft sie in die Rollen ihrer Figuren und als Gauklerin verzaubert sie die Zuschauer, die in den Bänken der Kirche sitzen und zieht sie in das Stück hinein. Wenn sie sich zu den Zuschauern setzt und diese als Hochzeitgäste anspricht, die Frau in der Bank vor ihr als wunderhübsche Braut lobt oder einem Zuschauer dankbar die Glatze küsst, versetzt sie die Zuschauer in das Italien des Mittelalters.

Es ist ein gelungener Coup, das Stück in die Altkatholische Kirche mit ihrer Rokokopracht zu verlegen. Unter der Regie von Alex Krauße ist es den Verantwortlichen gelungen, den großen Raum von allen Seiten zu bespielen. Wenige Requisiten sind von Ali Demir strategisch im Raum verteilt. Trotz der heiklen Akustik ist die Schauspielerin immer gut zu verstehen. Gegen die Kälte haben die Theaterleute ein paar Decken ausgelegt, wer zum Frieren neigt, dem empfehle ich warme Kleidung.

Was ich immer gerne mache, ist, auf Youtube in Aufführungen von anderen Spielstätten zu spickeln. Bei der Suche nach Fos Geschichte findet man auch einige sehr eindrucksvolle Aufführungen. Das Stück ist vermutlich ideales Material für einen ausdruckstarken Schauspieler. So wie Winkler eben. Sie spricht mit vielen Stimmen, spielt Flöte und Querflöte, singt, schreit und zeigt akrobatischen Einsatz, der umso erstaunlicher ist, wenn man bedenkt, dass die Künstlerin schon in einem reiferen Alter ist. In der Reihe der Interpretationen, die man im Netz findet, kann die Konstanzer Inszenierung locker mithalten, so mein Eindruck.

Und noch etwas zum Abschluss. Schon oft fand ich es fragwürdig, wenn unser Theater Männerrollen von Frauen spielen lässt und umgekehrt. Ich erinnere mich noch an Johanna Link im Schweijk, die sich unentwegt am nicht vorhandenen Skrotum kratzte, ohne dass es ihr gelang, den behäbigen Soldaten darzustellen. Das ist so gewollt und verquer wie die Idee mit Gendersternchen die Welt verbessern zu wollen. Bei Winkler kann man sehen, wie es geht. Nicht für den Bruchteil einer Sekunde schleicht sich Zweifel ein, dass sie Franziskus ist, nichts wirkt gewollt, sondern alles ist gekonnt.

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Die Vögel

Sprechtheater hat mit sprechen zu. Das sollte man also auch können.

Ich hatte mich auf die Aufführung gefreut. Das Ankündigungsplakat mit dem gebratenen Hühnchen gefiel mir und die Fotos von dem „Bällebad“ auf der Homepage des Theaters versprachen ein ordentliches Bühnengaudi.

Foto: Ilja Mess

In der Tat: Die Bühnengestaltung, die Kostüme, die Requisiten – all das war vom Feinsten. Marie Labsch zeichnet dafür verantwortlich und man kann sie kaum genug loben. Welchen Beitrag die Choreografie in dieser Aufführung spielt, kann ich nicht genau einschätzen. Aber ich vermute, auch Zenta Haerter hat viel dazu beigetragen, dass das Stück nicht völlig abgestürzt ist. Denn was soll man davon halten, was Eivind Haugland (Dramaturgie) und Ingo Putz (Regie) da abgeliefert haben?

Gemäß Programmheft geht es darum, ein Hohelied auf unsere Kinder und Jugendlichen zu zelebrieren. Seit Greta Thunberg unsere Schüler zu Freitagsprotesten animiert hat, geht gewissermaßen ein Aufatmen durch die von der 68-Protestbewegung beeinflusste deutsche Gesellschaft. Endlich ist es vorbei, mit der desinteressierten Jugend, die nur Fun und Luxus sucht! Endlich wird der revolutionäre Faden wieder aufgenommen! Da kann es des Lobes nicht genug geben und so loben Politiker aller „demokratischen“ Parteien die Protestbewegung, allen voran, die Bundeskanzlerin und der Bundespräsident. Dazu entsprechende Begleitmusik von den Medien.

Da will also Haugland nicht nachstehen und lässt im Programmheft Jan Stremmel Überlegungen anstellen, dass die Forderung, das Wahlalter auf 16 herabzusetzen, nicht weit genug ginge. Warum nicht wesentlich tiefer absenken? Vielleicht schon eher Einschränkungen für 50-jährige Verschwörungstheoretiker oder Demente. Vielleicht halten manche Stremmels Äußerungen für mutige Überlegungen, ich selbst sähe es mit Sorge, wenn leichtfertig Hand an unsere Verfassung gelegt würde.

Nun denn. Vor diesem Hintergrund inszenieren die beiden die über 2000 Jahre alte Komödie. Zwei frustrierte Griechen, Peisthetairos und Euelpides denen die Athener Eliten zu verlogen und korrupt sind, wandern aus und suchen nach einem Land, um eine neue Stadt zu gründen. Sie landen bei dem Volk der Vögel, die die beiden Menschen sogleich töten wollen. In ihrer Not präsentieren die beiden einen Plan, wie die Vögel zu den Herren der Welt werden und sich über die Menschen und über die Götter stellen können. Der Plan überzeugt die Vögel, wird umgesetzt, geht auf und Peisthetairos heiratet am Ende Basileia (die hier als Frau des Zeus gilt) und hält den Donnerkeil in den Händen, mit dem sich die Welt beherrschen lässt.

Was Aristophanes wohl vor allem zeigen will, ist, wie sich die dummen Vögel (stellvertretend für das einfache Volk) manipulieren lassen. In der Ankündigung für die Konstanzer Aufführung steht: „Eine brandaktuelle Politsatire über populistische Beeinflussung unbedarfter Massen zum Schaden ihrer selbst.“ Von wem die populistische Beeinflussung aktuell ausgeht, muss sich der Zuschauer denken. Zur unbedarften Masse darf er sich gewiss zählen. Haugland und Putz wären dann die Volksaufklärer oder so ähnlich. Was immer man davon halten mag: Sie kommen nun auf die, ich muss wohl sagen, Schnapsidee, die Vögel von Schülern spielen zu lassen. Wollen sie uns damit zeigen, wie leicht sich Kinder und Jugendliche verführen lassen, bis hin dazu, sich gegenseitig umzubringen? Ganz so falsch ist das nicht. Alle faschistischen Systeme haben es verstanden, die Jugend einzuspannen. Das bislang schrecklichste Beispiel war wohl Maos China während der Kulturrevolution, als Kinder soweit gebracht wurden, ihre eigenen Eltern ans Messer zu liefern.

Also, einerseits wollen Regie und Dramaturgie ein Plädoyer für die Jugend, aber dann zeigen sie sie als einen Haufen aufgeregter Hühner. Das passt nicht. Und die eingestreuten Aperçus zu Konstanz (Klimanotstand, Bodenseeforum, Theaterfahrstuhl) bringen zwar Lokalkolorit aber keinen Sinn.

Vielleicht meinte man, es reicht, dass Schüler auf der Bühne stehen. Doch auch der Schuss geht nach hinten los. Die schauspielerische Leistung der Jugendlichen reicht für Statistenrollen so eben hin, aber Sprechrollen stellen andere Anforderungen. Man sollte das gelernt haben, man sollte sauber artikulieren können. Nichts gegen die Schüler. Sie sind mit Ernst bei der Sache und die Sängerin sticht sogar mit großem Talent heraus. Doch würde man die großartige Ausstattung und das gelungene Spiel der beiden gelernten Schauspieler Sylvana Schneider und Sepp Klein, die ihre Rollen souverän abliefern, abziehen, würde das Niveau einer besseren Theater-AG kaum überschritten. Und wie bei einer solchen Schulaufführung denkt man wohlwollend: „Dafür, dass es Schüler sind, ist es ganz gut“, oder so ähnlich. Damit haben Haugland und Putz ihr Anliegen auch auf dieser Ebene konterkariert.

Es ist durchaus zu begrüßen, Schülern die Möglichkeit zu geben, ihr Können zu präsentieren. Und vielleicht führt es dazu, dass das Theaterpublikum jünger wird. (In unserer Aufführung war das jedenfalls so.) Doch wenn man ein Stück ins Abendprogramm der städtischen Bühne bringt, gelten professionelle Ansprüche. Wenn die Jugendlichen daran scheitern, hat die Regie einen Fehler gemacht. Den Stoff dann noch im Programmheft mit dem neuen Jugendhype aufzuladen, verdoppelt ihn.

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Die Hauptstadt

Gibt es eigentlich eine EU-Richtlinie für die korrekte Benennung von Kunst?

Foto: Bjørn Jansen

Den großen Fehler haben die Theatermacher lange vor der Premiere gemacht. Sie haben die Aufführung als Schauspiel angekündigt, doch was dann gezeigt wurde, war eine szenische Lesung. Statt sich die Handlung im Spiel der Figuren entwickeln zu lassen, wurden im Wesentlichen größere Textpassagen aus Menasses umstrittenen Werk vorgetragen, gelegentlich unterbrochen von gespielten Situationen. Einige Zuschauer verließen das Theater in der Pause. Sie kannten das Buch und wollten sich keine Hörbuchfassung antun. Andere verließen die Vorstellung, weil das Dargebotene zur wirr schien.

Es war vermutlich gut, dass ich das Buch nicht gelesen, mir aber eine Inhaltsangabe zu Gemüte geführt hatte. So waren die vorgetragenen Texte frisch und ich konnte den vielen parallelen Handlungssträngen folgen. Und ich mag szenische Lesungen, ich finde, es ist eine schöne Kunstform.

Nur eben kein Schauspiel. Vielleicht wollte Marc Zurmühle wirklich ein Drama aus dem Buch ableiten, hatte sich dann aber an der Aufgabe verhoben und schließlich mehr und mehr Lesestrecken aufgenommen. Vielleicht hatten die Verantwortlichen auch nur Sorge, dass die Zuschauer fernbleiben würden, wenn das Wort „Lesung“ auf dem Programm stünde. Ich finde nämlich auch, dass eine Lesung eher in die Werkstatt gehört, als auf die große Bühne.

Nun denn. Die Aufführung ist nicht schlecht. Wenn sich der Vorhang hebt, die ganze Bühne im Nebel liegt und die Akteure langsam ins Licht schreiten, ist man als Zuschauer schnell eingefangen. Irgendwann wird das Stück etwas zäh, es sind dann zu viele Handlungsstränge, die Zurmühle aus dem Buch übernommen hat. Weniger wäre vermutlich mehr gewesen. Den polnisch-christlichen Attentäter hätte man komplett auslassen können, es bleibt nämlich unklar, wie er mit dem Rest des Stücks in Verbindung steht.

Das Stück zeigt den EU-Apparat eher kritisch. Karrieristen, Bürokraten und Apparatschiks bestimmen das Geschehen. Da, wo neue Ideen geboren werden sollen, im Think-Tank, agieren die Mitglieder wie eine Selbsthilfegruppe. Das scheint völlig überzogen, aber wenn man Jan Timmers kürzlich im Fernsehduell sagen hört, der Islam gehöre seit 2000(!) Jahren zu Europa, dann muss man annehmen, dass mehr Realität als Satire im Stück dargeboten wird. Fast durchweg ist das Reden über Europaideale nur leere Phrasendrescherei. Es scheint den EU-Beamten zwar völlig selbstverständlich, dass man die EU zu einem Superstaat ausbauen muss. (Eine bei den europäischen Bürgern durchaus kontroverse Frage). Doch scheint der Wunsch nach mehr EU-Staat eher von der Erwartung nach mehr Macht und Ansehen getrieben. Nur wenige Figuren treibt die Sorge um Frieden um.

Die Schauspieler – bis auf eine Ausnahme – machen ihre Sache gut. Man muss es bewundern, wie seitenlange Texte fehlerfrei auswendig vorgetragen werden. Im Spiel ist reichlich viel Klamauk, etliche Slapstick-Einlagen heitern die Zuschauer auf. Das birgt die Gefahr, das Stück ins Alberne zu ziehen, doch das ginge in Ordnung, wenn nicht Johanna Link das Fass zum Überlaufen brächte. Es scheint, als könne sie nur die Clownsrolle spielen. Im Schweijk hatte mich das schon gestört, aber ich hatte es eher der israelischen Regisseurin Sapir Heller zugeschrieben. Aber in der „Hauptstadt“ hätte Link mehr zeigen können und müssen. Ihre drei Rollen, als Pflegerin im Altenheim, als Leiterin des Think-Tanks und als Fenia Xenopoulou, Abteilungsleiterin Generaldirektion Kultur, drängen sich nahezu auf, mit unterschiedlichen Frauentypen dargestellt zu werden. Links Ausfall reißt die Aufführung fast in den Abgrund.

Alles in allem ein durchwachsener Gesamteindruck. Wenn man, wie ich, szenische Lesungen mag, kann man dennoch einen unterhaltsamen Abend erleben.

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