Rassen

Theater Konstanz brandaktuell: Zum neuen Stück „Rassen“ von Ferdinand Bruckner

Das neue Stück am Theater Konstanz ist auf bemerkenswerte, nämlich doppelte Weise aktuell. Es zeigt drei befreundete Studenten in Deutschland des heraufziehenden Nationalsozialismus.

Zunächst zur Dramaturgie. Bei Inszenierung und Bühnenbild liegt der Standard in Konstanz schon immer hoch, aber diesmal hat das Team die Latte noch einmal höher gelegt. Die Bühne aus Stahl und Neonröhren verstärkt die bedrohlichen Tänze der weißgewandeten Faschisten. Besser kann man es nicht machen. Leider können die Schauspieler diesen Ausdruckslevel nicht erreichen; man kann nicht alles haben und eine Schauspielerliga auf der Höhe von Inszenierung und Bühnenbild würde wohl Größenordnungen über dem liegen, was unser Theater zahlen kann.

Das Stück zeigt, wie sich die Beziehungen zwischen den drei Freunden ändern. Tessow, Karlanner und Siegelmann. Letzterer ist Jude und Karlanner hat mit Helene eine jüdische Freundin. Wir sehen rassistisch grundierten Fanatismus, Ausgrenzung von Mitmenschen, Konformitätsdruck, Instrumentalisierung von Menschen und schlussendlich Gewalt und das Hervorbrechen tierischer Instinkte.

Bruckner schrieb das Stück 1933, also ohne den Ausgang der Geschichte zu kennen. Sein Schwerpunkt liegt aus heutiger Sicht am Anfang dessen, was ein schlimmes Ende nahm. Wir sollten also sehr genau hinschauen, denn auch heute deuten sich gesellschaftliche Umbrüche an. Die historische Dimension wird auf der Bühne durch Textprojektionen hergestellt, die die wichtigsten Stationen des nationalsozialistischen Gesellschaftsumbaus von der Demokratie zum Vernichtungskrieg einblenden. Zunächst langsam, wohl im Gleichtakt zum vorgeführten Geschehen, später dann im Zeitraffer und stoppend beim aktuellen Datum, bei der Premiere also am 20. Januar 2017. Diese Übertragung ins Heute ist zwar mit dem Holzhammer, aber es kann wohl nicht schaden. Und nimmt man den verzögert einsetzenden und auch zögerlichen Applaus als Indiz dafür, dass das Publikum ins Grübeln kam, hat die Holzhammermethode vielleicht die beabsichtigte Wirkung gezeigt.

Wie man das Stück heute lesen soll, macht die Dramaturgie schnell klar, indem sie den Bösewicht Rosloh mit Höcke gleichsetzt. Doch gibt es bei dieser Übertragung in das bundesrepublikanische Jetzt einen kleinen Stolperstein. Das Stück zeigt nämlich, wie enge Freundschaften unter dem Druck gesellschaftlicher Spannungen zerfallen. Auch im Deutschland der Jahre 2015 und 2016 sind Konflikte in Freundeskreisen und Familien aufgebrochen. Öffentlich wurden diejenigen, die sich kritisch zur Willkommenskultur geäußert hatten, teilweise scharf ausgegrenzt und verunglimpft. Oft genug als Nazis. Es droht die Gefahr, dass, was man verhindern will, erst hervorzurufen.

Man kann natürlich das große Einvernehmen zwischen Kanzlerin, Medien und Mehrheitsmeinung in unserer Gesellschaft begrüßen und auf den hohen moralischen Standard unseres Engagements für das Gute in der Welt stolz sein. Schwieriger wird es, Internetzensur und Wahrheitsministerien (a.k.a Desinformationsbehörde) zu fordern um dieses Einvernehmen zu erhalten. Noch problematischer ist es, gesellschaftliche Auseinandersetzung durch eine Politik der proklamierten Alternativlosigkeit zu verdrängen. Ohne diese Auseinandersetzung überlassen wir das Feld des Diskurses den Schreihälsen, so wie neulich in Magdeburg, als Studenten einen unerwünschten Vortrag durch Sitzblockade und Trillerpfeifen verhindern wollten und sich am Ende Personenschützer der AFD mit Antifakämpfern prügelten.

Der Artikel 5 des Grundgesetzes ist kein Luxusartikel für friedliche Zeiten. Wenn man aus Sorge vor einem neuen Rechtsradikalismus Meinungsfreiheit und offene und kritische Auseinandersetzung einschränkt, befördert man diesen. Dass man nichts für ewig gegeben nehmen sollte, symbolisiert das Datum der Uraufführung, die mit der Amtseinsetzung Trumps zusammenfällt. Insofern ist das Stück vielleicht noch viel aktueller, als die Dramaturgen es zeigen wollten.

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Onkel Wanja

Mit „Onkel Wanja“ von Anton Tschechow ist dem Konstanzer Stadttheater eine gute und zugleich fragwürdige Aufführung gelungen. Beginnen wir mit dem Positiven.

Das Stück handelt von Menschen, die sich mit der Tragik ihres verpfuschten Lebens auseinandersetzen. Die kurze Zusammenfassung auf der Webseite des Theaters gibt den Inhalt des Stückes gut wieder:

Fern von Moskau verwaltet Wanja ein Landgut. Die hart erarbeiteten Einnahmen schickt er seit Jahren an seinen Schwager, den in Moskau lebenden Literaturprofessor Serebrjakow. Als dieser sich als Emeritus mit seiner jungen Frau Jelena auf das Landgut zurückzieht, eröffnet er Wanja, dass er das Gut verkaufen möchte, um in Finnland eine Datscha zu erwerben. Darüber hinaus muss Wanja feststellen, dass Serebrjakow ein gescheiterter Intellektueller ohne wissenschaftliche Leistungen ist. Seine Zuneigung ihm gegenüber verwandelt sich in Hass. Allerdings fühlt er sich heftig zu Serebrjakows junger Frau Jelena hingezogen.

Den Schauspieler gelingt es, die Dramatik des Stoffes wiederzugeben und man verfolgt das dreistündige Stück gebannt. Sie geben die Rollen sehr authentisch und das, obwohl die Darsteller zu jung und zu schön sind. Ralf Beckord sieht mit Bart und langen Haaren fast jünger aus als sonst, Sebastian Haase hat schon etwas Dandyhaftes und Laura Lippmann macht erst gar keinen Versuch, die im Stück angedachte Hässlichkeit zu verkörpern. Wie gesagt, trotz dieser Einschränkungen kann sich der Zuschauer in das Drama der gescheiterten Existenzen hineinversetzen. Lediglich die akustisch leisen Stimmen dürften einige Zuschauer zeitweise abgehängt haben.

Stoff gut, Schauspieler gut, alles gut? Nun denn, es gibt ja noch den Regisseur und der wurde ja im Vorfeld hochgelobt. Ein Amerikaner der ein Stück in Konstanz inszeniert. Der Name Neil LaBute stand in allen Lokalmedien und selbst das Programmheft versucht mit einem Interview die besondere Bedeutung des Regisseurs für diese Stück hervorzuheben. Leider löst das Team LaBute / Bauer die Vorschusslorbeeren überhaupt nicht ein.

Das beginnt damit, dass das Stück in die Tschechoslowakei des Jahres 1968 versetzt wird. Das gibt zwar einen Anlass, viel gute Beatlesmusik auf die Bühne zu bringen (teilweise auch gefällig von den Schauspielern intoniert), doch ergibt es keinen Sinn. Wie, bitteschön, sollen denn die Rollen Tschechows auf die Konfliktlinien des Prager Frühlings verteilt werden? Soll der abgehalfterte Kunstprofessor für die aufbrechenden Intellektuellen stehen oder doch eher für die abgehobene Nomenklatura? Sollen die sich aufopfernden Wanja, Sonja und Co für die ausgebeutete Arbeiterklasse stehen? Oder sollen wir der Dekadenz einer zum Untergang geweihten Oberschicht beiwohnen, die sich selbst bedauert. Vielleicht käme das dem Original nahe, doch hätte das nun nichts mit der Aufbruchsstimmung der 68er Jahre zu tun.

Wie man es dreht und wendet, das Stück einfach nur platt in eine andere Zeit zu versetzen, schafft oberflächlichen Glitzer aber auch nur das. Als hätte die Regie dies gemerkt, versucht sie den Schluss mit einem Knaller zu versehen der aber zu Rohrkrepierer wird. Onkel Wanja vergewaltigt am Ende sein Nichte Sonja. Was will er uns damit sagen? Das Nicht-Intellektuelle, wenn sie vom Leben enttäuscht sind, zu Tieren werden? So wie gescheiterte Ostdeutsche zu pöbelnden Flüchtlingsheimanzündern werden? Dass das dumpfe Landvolk den Besuch der edlen Stadtbewohner (Eliten?) nicht bewältigen kann? Auf jeden Fall wirkt es wie Effekthascherei geboren aus der Unfähigkeit den Stoff Tschechows zu durchdringen.

Ebenso sinnbefreit ist es, die Schauspieler um ihren wohlverdienten Applaus zu bringen, indem man den Vorhang fallen lässt und die Zuschauer mit Helter Skelter aus dem Theatersaal treibt. Vielleicht will der Regisseur damit das Aufbrechen von Konventionen der 68er Jahre zitieren, vielleicht aber wollte er sich auch vor möglichen Pfiffen retten. Aber da kennt er das Konstanzer Publikum noch nicht, denn das hätte ja trotz allem kräftig applaudiert.

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Ein Volksfeind

Dem heimischen Stadttheater ist mit seiner Inszenierung von Ibsens Volksfeind zum ersten Mal gelungen, dass ich nach dem Stück mindestens genauso heftig über die Mechanismen unserer Gesellschaft wie über die Logik des Stücks debattiert habe. Die Leistung der Schauspieler war nur am Rande ein Thema und das ist vielleicht das Besondere: Sie haben etwas transportiert und sich nicht selbst produziert. Vielleicht soll Theater so sein.

Johannes Bruggaier vom Südkurier knüpft in seiner Besprechung  an die Radikalisierung der Pegida-Bewegung an. Daran hätte ich zwar nicht im Entferntesten gedacht. Aber so ist das mit guten Stoffen – jeder entnimmt ihnen etwas (anderes). Auch ich musste an die zunehmende Verschärfung des gesellschaftlichen Diskurses denken, die wir momentan erleben. Und darum geht es in dem Stück. Aktualität ohne verkrampfte Aktualisierung – noch ein Kompliment, das ich loswerden muss.

Worum geht es in dem Stück? Dr. Thomas Stockmann ist Badearzt und entdeckt, dass das Wasser im neuen Kurbad verseucht ist und will dies öffentlich machen, denn die Gesundheit der Kurgäste ist gefährdet. Sein Bruder Peter ist Bürgermeister des Ortes und will die Veröffentlichung verhindern, denn der Ort ist wirtschaftlich vom Kurbetrieb abhängig.

Wo man sich eine sachliche Interessensabwägung wünscht, erlebt man eine kontinuierliche Radikalisierung, in der persönliche Befindlichkeiten eine zentrale Rolle spielen. Thomas ist von Peter abhängig. Ohne ihn wäre er mittellos, seinen Beruf und Wohlstand verdankt er Peter und ist ihm aber keineswegs dankbar, sondern verachtet ihn.

Wenn ich meine Gespräche zum Stück zugrunde lege, nehme ich an, dass die anfänglichen Sympathien nicht bei jedem Zuschauer gleich verteilt sein dürften. Thomas ist der unerschrockene Skandalaufklärer, von der Sache her Sympathieträger, der auch gleich von Presse und Kleinbürgern unterstützt wird, wäre da nicht sein überzogenes Triumphgehabe. Peter ist der Angegriffene und Ausgegrenzte und darum haben wir Mitleid, wäre da nicht die Tatsache, dass er den Skandal vertuschen möchte. Geht ja gar nicht.

Je mehr der Bürgermeister die Konsequenzen verdeutlicht, die es hätte, die Verunreinigung an die große Glocke zu hängen, desto mehr werden Presse und die Kleinbürger verunsichert. Auch Thomas hält für einen Moment inne, man merkt, dass er die Konsequenzen seines Tuns nicht zu Ende gedacht hat. Aber dann entscheidet er sich und zieht sein Ding durch. Doch der Gegenwind wird stärker bis die Öffentlichkeit sich komplett gegen ihn stellt und ihn zum Volksverräter stempelt. Thomas verspottet nun die Masse als dumm und singt das Hohelied der Eliten, die vorangehen müssen. Spätestens hier meldet sich unsere politische Korrektheit und unterbindet weiteres Sympathisieren.

Doch mit der Zuspitzung aufs Elitedenken ist es im Stück keineswegs verkehrt. Nur Thomas und Peter, die beiden Brüder sind engagiert und bleiben bei ihrer Linie, Presse und Kleinbürger schwanken opportunistisch hin und her. Insofern bilden die Nebenrollen, auch die verschiedenen Familienmitglieder, den Rahmen, im dem sich der politische und persönliche Konflikt entfaltet.

Am Ende fragt man sich, ob Thomas nicht doch nur ein egozentrischer Wichtigtuer mit Minderwertigkeitskomplexen ist oder ob es solcher Einzelrufer bedarf, um eine erstarrte Gesellschaft aufzurütteln. Und man fragt sich konkret, was geschehen muss, um Deutschland heute wieder zu einer sachlichen Debattenkultur zurückzubringen.

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Der zerbrochene Krug

Immer mal wieder kann man im Konstanzer Stadttheater was erleben. So auch am 19.02.2016 bei der Aufführung von Heinrich von Kleists Zerbrochenen Krug. Wenn Zuschauer den Saal verlassen und gerufen wird, der Regisseur möge die Schauspieler endlich erlösen, weiß man, dass Theater noch provozieren kann. Das ist gut.

In der Tat wurde auch mir etwas unwohl als die Schauspieler begannen, nackt über die Bühne zu springen und die Kulissen niederrissen. Aber ich war hellwach, wie wohl jeder im Saal. Das ganze Stück schien eher eine Dekonstruktion des Kleist’schen Lustspiels zu sein. Der hochgelobte Text wurde gelangweilt oder übertrieben pathetisch rezitiert ohne irgendeine Zuordnung zu den Schauspielern. Jeder spielte jede Rolle, völlig wahllos, dafür aber aufs Feinste kostümiert. Es erinnerte ans Absurde Theater und Dada 2.0 schoss mit durch den Kopf.

Erst im Nachhinein erschloss sich so etwas wie ein Bezug zum Stück. Wenn es Kleist darum ging, wie hinter der Fassade biedermeierlicher Innerlichkeit das Grauen dieser Welt lauert und durch den Gerichtsprozess ans Tageslicht befördert wird, dann wurde dieser Aspekt seeeeehr plakativ auf die Bühne gebracht. Und zeigt dabei im Übrigen auch Aktualität.

Ob hier nun das Stück vergewaltigt wurde sei dahingestellt. Ich bin mal auf die Kritiken gespannt. Auf jeden Fall hat es mir gefallen, Schauspieler dabei zu erleben, wie sie exzessiv schauspielern. Manchmal können die Darsteller in Konstanz über sich hinauswachsen und am letzten Freitag war es mal wieder so.

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Besuch der alten Dame

Die Premiere am Freitag war insofern interessant, als ich mal wieder deutlich gemerkt habe, wie entscheidend ein Theaterstück von der Leistung der Schauspieler lebt. Nur diesmal leider von der falschen Seite, wenn man so will. Die Rolle der alten Dame wurde von einer jungen Frau gespielt. Man mag das für eine mutige Entscheidung halten, doch hebt das die Messlatte für die schauspielerische Anforderung noch einmal an und wenn sie nicht ohnehin zu hoch lag, dann spätestens nach dieser Entscheidung. Im diesem Stück hängt m.E. mindestens 50% allein daran, wie glaubwürdig die  Claire Zachanassian verkörpert wird. Wenn die Rolle nicht passt, geht gar nichts. Schade, dass das Stück so ruiniert wurde. Die typischen Konstanzer Klaumaukeinlagen waren auch mal wieder eher peinlich als hilfreich.

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Die Wahrheit über die Evolution

Embryo

Embryo

Evolution ist doch die Sache mit DNA, Genen und handelt davon, wie unser Leben entstanden ist und sich weiterentwickelt, oder? Nun, der Begriff Evolution kann weiter gefasst werden. Evolution ist das Wechselspiel von Mutation und Selektion oder genauer: von zufälliger Abwandlung eines Individuums, der Tatsache ob sich diese Abwandlung in der Umwelt bewährt und der damit verbundenen Weiterentwicklung der Art, des Genotyps.

Spätestens mit Simulation von Evolution im Computer muss das Konzept allgemeiner gedacht werden. Es geht aber auch ganz handfest. Zum Beispiel wurden die Formen von Flugzeugflügeln mit Evolutionsstrategien optimiert. Ausgehend von einem bestimmten Entwurf, wird dieser geringfügig modifiziert. Erweist sich der neue Entwurf im Windkanal als strömungsgünstiger, wird er beibehalten und wieter modifiziert. Anderfalls wird der Versuch verworfen (Selektion) und eine andere Modifikation (Mutation) versucht. Der Einsatz simulierter Evolution führt in bestimmten Bereichen zu Ergebnissen, die besser sind als sie am „Reißbrett“ enworfern werden konnten.

Doch auch in der Wirklichkeit ist die Evolution der Biomasse nicht die einzig denkbare. Irgendwo habe ich mal über die Hypothese einer Evolution der Kristalle gelesen. Die These war das dies eine Vorstufe der heutigen Bio-Evolution gewesen sei. Kristalle wachsen ausgehend von einem Kristallisationspunkt und dehnen ein strukturelles Muster immer weiter aus. Welcher Kristallisationstyp sich ausbreitet hängt von Umwelteinflüssen ab, mithin haben wir eine Selektion. Soweit eine Möglichkeit nur.

Spannend war die Überlegung, dass diese Evolution weitergeführt wurde durch die Evolution der Biomasse. Diese war ursprünglich nur eine Art Gleitmittel, welches bestimmte Kristalltypen beim Wachstum unterstützte, begann dann eine eigenständige Evolution, die dann langfristig die Kristall-Evolution verschwinden ließ. Das Ergebnis kennen wir jetzt.

Als „Evolutionary Takeover“ lässt sich dieser Vorgang bezeichnen. Ich behaupte nun, wir stehen vor dem nächsten Wechsel des evolutionären Subjekts. Der Mensch als „Krone der Schöpfung“ schafft eine neues Evolutions-Subjekt. Dies wird die virtuelle Welt sein, insbesondere das Internet.

Was sich nach bester Science Fiction anhört deutet sich schon vielfältig an. Die Entwicklung des Webs, wie auch der Weltökonomie, folgt eigenen Gesetzen. Die virtuelle Welt schafft sich eigene Gesetze, die das Fortentwickeln bestimmen.

Alles nur eingebildet?

Elemente

Elemente

Was ist die Welt? Die naive Antwort lautet: Alles was man so sieht, die Dinge die uns umgeben, die Erde, das Universum, wir selbst. Was so offensichtlich scheint, ist aber falsch.

Betrachten wir ein paar Begriffe wie Ehre, Freundschaft, Beziehungskrise. Gibt es diese Dinge? Offensichtlich ja, aber man kann sie nicht anfassen. Die Welt zerfällt offenbar in zwei Teile: einen physikalischen und eine – nun ja – metaphysischen Bereich. Ersterer scheint der tatsächliche und reale zu sein, letzterer eher ein eingebildeter, nur im Kopf der Menschen existierender. Das eine, die Gegenstände um uns herum, existieren wirklich und richtig, das andere, die metaphysischen Dinge(?), scheinen weniger real, fast eingebildet.

In welcher Welt leben wir nun, in der der realen handfesten Gegenstände oder in der luftigen Welt platonischer Ideen? Wählen wir ein paar Worte aus und befragen sie:

Der Wechselkurs: Gibt es ihn? Offensichtlich ja und für den Reisenden ein wichtiges Stück Wirklichkeit. Doch wo und wie existiert er? Als universell verteiltes Gedankenkonstrukt in den Gehirnen der zivilisierten Menschen? Als elektromagnetischer Ladezustand in den Computern der Nationalbanken?

McDonald’s: Immerhin kann man in die Restaurants eintreten und die Burger verspeisen. Doch was ist eine Firma? Das Inventar, die Bilanzwerte, die Mitarbeiter? Das meiste kann man austauschen und die Firma als solche bleibt. Und dann die Marke: Völlig immateriell und als solche auch in der Bilanz, aber dort als enormer Wert. Oft höher als die Maschinen und das Mobiliar eines Unternehmens. Oder Ebay: Hier gibt’s schon fast gar nichts mehr anzufassen. Die paar tatsächlichen Büroräume sind offensichtlich nicht das, was man mit dem Namen verbindet.

Die Musik: Wer wollte sagen, es gäbe sie nicht. Aber sie ist nicht stofflich. Beethovens Neunte existiert auch ohne dass die zugehörigen Schallwellen in der Luft stehen. Genauso die ganze Welt der Mathematik. Oder die schönen Farben, die ja bekanntermaßen erst in unserem Kopf entstehen.

Es scheint also, dass es eine nicht-physische Welt gibt und das diese sehr real ist. Überhaupt bewegt sich unser Leben in dieser nicht-physischen Welt. Fragen wir doch mal anders herum: Gibt es diese so offensichtliche physikalische Welt überhaupt?

Konkret: Gibt es diese Tasse neben meiner Computertastatur? Eigentlich ist es nur ein Stück Porzellan. Die Eigenschaft „Tasse“ kommt ihr nur durch meine Benutzung zu. „Tasse“ ist Metaphysik; ist „Porzellan“ Physik? Auch hier können wir begrifflich einsteigen und versuchen, allen metaphysischen Schnickschnack abzustreifen. Aber auch wenn wir den Stoff für bare Münze nehmen und auf seinen Kern hin untersuchen bleibt nicht viel übrig. Generationen von Physikern haben die Dinge der Welt auf Quantenübergänge reduziert und rätseln immer mehr darüber, ob die von ihnen beobachteten Phänomene auch unabhängig von ihnen existieren.

Wenn überhaupt ist da „draußen“ nicht weiteres als eine amorphe Masse von Schwingungen und Teilchen. Fast ohne Eigenschaft und in jedem Fall völlig bedeutungslos. Und die Welt? Nun sie ist nicht physikalisch und existiert nur in unserem Geist, eine Geisteswelt also. (Aber keine Geisterwelt.)

 

Die Sache mit dem Esel

Esel

Die Dinge sind nicht, was sie scheinen

Der Esel ist natürlich nur ein Beispiel für die Dinge, die wir so selbstverständlich als gegeben annehmen. Dabei kann die Sache sehr vertrackt werden, wenn man sie sich genau anschaut. In diesem Fall wollen wir den Esel von seiner Umwelt abgrenzen. Also: Da ist die Wiese, und auf der steht der Esel. Soweit so gut. Aber wo genau ist die Grenze?

Logischerweise schauen wir auf die Hufe. Diese gehören zum Esel und wenn er ein Bein hochhebt, ist dass, was in der Luft ist ein Teil des Esels, der Boden bleibt zurück. Doch so einfach ist die Sache nicht. An der Hufe klebt natürlich noch ein Rest vom Wiesenboden, vielleicht ein paar Grasshalme. Diese gehören nicht zum Esel, sie sind nur Schmutz, der am Esel klebt. Aber wir können noch recht zuversichtlich annehmen, dass wir – mit entsprechenden Reinigungsutensilien bewaffnet – den Esel von seinem Schmutz befreien können. Obwohl: Ob das auf der molekularen Ebene wirklich geht? Nun, wir vertiefen das nicht, sondern betrachten eine andere „Esel-Grenze“.

Schauen wir aufs Maul (und auf den After). Der Esel frisst Grass. Das Grass ist nicht Teil des Esels. Er kaut es, schluckt es, verdaut es. Irgendwann ist es im Esel drin. Ist es Teil des Esels? Wenn ja: Wann wurde es Teil des Esels? Als er es im Maul hatte (halb oder vollständig) oder als es es verschluckte? Oder irgendwann während des Verdauungsvorgangs? Und wenn der Esel das Grass ausscheidet. Der Kot ist nicht Teil des Esels, oder? Die genaue Grenzziehung wird offensichtlich immer schwieriger.

Versuchen wir es mal auf der molekularen Ebene. Vielleicht können wir ja die Moleküle im Esel danach klassifizieren, ob sie sich nur temporär im Esel aufhalten oder fest an Muskeln oder Knochen gebunden sind. Doch vermutlich ist es so, dass sich die Moleküle und Atome im Esel ständig austauschen ohne dass sich der Esel ändert. Ganz davon abgesehen, dass der Esel (wie alle Säuger) eine fröhliche Lebensgemeinschaft mit Parasiten, Bakterien und anderen Kleinstlebewesen bildet. Was also ist der Esel?

Wir sind versucht so etwas wie eine raum-zeitliche Energiestruktur zu postulieren. Eine von der fassbaren Materie unabhängiges Irgendwas, auf jeden Fall nicht einfaches, anfassbares Stück materieller Welt. Wenn schon so ein banales Tier eine benahe esoterische Existenz führt, was wird uns wohl begegnen, wenn wir uns die weniger stofflichen Dinge der Welt anschauen?

„Ruiniert“ am Konstanzer Stadttheater

Letzten Freitag habe ich mal wieder mein Premieren-Abo am Stadttheater Konstanz genutzt. Das Stück: „Ruiniert“ der amerikanischen Dramatikerin Lynn Nottage, inszeniert von Oliver Vorwerk. Dieser hat das Stück leider ruiniert. Aber der Reihe nach.

Das Stück spielt im Kongo und zeigt wie Mama Nadi in ihrem Bordell ein Stück geordnete Welt inmitten des afrikanischen Kriegswahnsinns betreibt. Nach und nach spitzen sich die Zustände zu und machen auch vor den Türen des Bordells keinen Halt. Im Mittelpunkt steht das Schicksal der ruinierten Mädchen.

Wie soll es nun gehen, ein Stück das schwarzen Schauspielern auf den Leib geschrieben ist mit deutschen Darstellern zu geben. Wie soll eine Mama Nadi von einer schlanken Weißhäutigen überzeugend gespielt werden? Oliver Vorwerk kam wohl zu dem Schluss, mit inszenatorischen Mitteln diesen Widerspruch überdecken zu wollen. Er lässt die Figuren über die Bühne torkeln und fallen dass es einen quält. Wo das Wort wirken sollte sehen wir Schauspieler, die sich über Tische wälzen oder mit den Händen im Mund fummeln. Alles ohne rechten Sinn.

Die Herausforderung, so ein Stück an eine deutsche Bühne zu bringen muss wohl als gescheitert angesehen werden.

Wer eine gute Inszenierung sehen will sollte das Stück „Benefiz: Jeder rettet einen Afrikaner“ besuchen. Hier sieht man, dass die teilweise gleichen Schauspieler überzeugen können.

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Leistenbruchoperation

Gestern hatte ich meine OP: Leistenbruch beidseitig. Lapraskopischer Eingriff, drei Löcher im Bauch. Über die offenen Stellen wurde ein Netz gespannt und festgetackert. Die Leistenbruch-OP ist eine oder die häufigste OP in Deutschland, also Routine, es ging wohl auch alles gut.

Was mich natürlich interessiert ist die Krankenhausroutine, wie man sich fühlt und wie sehr man ausgeliefert ist. An Krankenhäuser habe ich gemischte Erfahrungen und über das Konstanzer Klinikum hat man schon so Geschichten gehört. In der Nacht vor dem Eingriff habe ich davon geträumt. Das Krankenzimmer war ein großer Festsaal mit Bühne. Unten im Raum übte das Orchester, die Betten standen rings herum. Total surreal. Auf mein verwundertes Fragen bekam ich eine Auskunft, die ich in dem Sinne verstand, dass es Sparzwänge gäbe und die Musik nicht schlecht sei. Ich fand die Antwort akzeptabel. Was mich aber beunruhigte war der OP-Saal. Er war nämlich außerhalb des eigentlichen Gebäudes in einer Art Rohbau. Als ich dann die Operateure sah, war ich erschreckt. Die hockten unter einer Stahlstrebe und wollten mich da operieren. Von oben tropfte überall Wasser runter. Skandalös. Ich habe dann protestiert und mich geweigert. Irgendwie gab es eine Debatte, dann bin ich aufgewacht.

Tatsächlich ist alles ganz anders, nahezu traumhaft. Alles blitzblank, großzugig dimensioniert, die Menschen freundlich und reden völlig vernünftig und nehmen alles sehr ernst und wichtig. Man bekommt die richtigen Informationen und weiß immer was passiert, auch dass man sich hinterher nicht an alles erinnern kann. Ich habe tatsächlich einen Filmriss von ein paar Stunden. „Sehen Sie, Sie können sich doch nicht mehr erinnern!“ heißt es dann, wen man sich die gleiche Sache zum dritten Mal erklären lässt. Ich weiß ja von diversen Alkoholexzessen, dass ich noch im sehr benebelten Zustand glaubwürdig aufnahmebereit wirken kann.

Es gab ein Problem mit der Intubierung, die Stimmbänder waren nicht zu sehen und man wollte das Rohr vernünftigerweise nicht so blind reinschieben. Hat wohl 20 Minuten gedauert, bis sie das gelöst hatten. Irgendwie erinnere ich mich auch eine so eine Gesichtsmaske, die sie mir aufgedrückt hatten. Es ist ja überhaupt wohl so, dass es nicht so sehr darauf ankommt, dass der Patient keine Schmerzen hat, sondern dass er sich nicht daran erinnert. Abgesehen mal davon, dass das Funktionsprinzip der Vollnarkose sowieso im Dunkeln liegt.

Wesentliches Element der OP ist das Aufblasen des Bauches. Mit Kohlenstoffgas wird die Hautdecke abgelöst und weggehalten, so dass die Chirurgen ihre Schlüsselochkunst entfalten können. Immerhin schaffen sie es ein mindestens handtellergroßes Netz zusammengefaltet in den Bauch zu schieben und dann dort zu entfalten und anzutackern. Suschi-Essen gehört vermutlich schon zur Grundausbildung.

Die nachträglichen Beschwerden halten sich in Grenzen scheinen mir vor allem muskulär zu sein. Die Vollnarkose führt zur vollständigen Muskelentspannung, was wohl nötig ist, um den Bauchraum aufzublasen. Schmerzen nehmen dann einen interessanten Verlauf zwischen Nachlassen der Schmerzen und nachlassender Wirkung der Schmerzmittel. 24 Stunden später sind die Gefühle dann auf Base-Level. Was dann noch schmerzt, bleibt auch noch eine Weile.

Meine größte Sorge war ja, dass man was Falsches operiert, also z.B. ein Bein abschneidet oder so. Ich hatte schon überlegt, ob ich mir was auf den Bauch schreiben soll, aber habe dann doch befürchtet, dass das ein schlechtes Karma verbreiten könnte. Ich habe dann geschafft, noch kurz vor der OP mit dem zuständigen Arzt zu sprechen und sichergestellt, dass er im Bilde ist. Ihn habe ich auch gefragt, ob er mir ein paar Bilder machen kann, was er auch tatsächlich gemacht hat. Leider kann ich nichts wirklich erkennen. Vielleicht kommt er nochmal zu einem Abschlussgespräch, dann Frage ich ihn.